Das folgende Bild, stammt von einem Tierarzt, welcher zum einen für Vorwärts-Abwärts-Reiten und zum anderen (nennen wir es mal so) für eine etwas robuste Argumentation gegen jeden, der seiner Meinung nicht folgt, bekannt ist. Es soll den Bereich des sogenannten VIBORGSCHE DREIECK zeigen.
Seiner Meinung nach sollte selbst in höchster Aufrichtung des Pferdes eine EINZIEHUNG der OHRSPEICHELDRÜSE zu sehen sein. Was heißt, die Ohrspeicheldrüse müsste nach innen, hinter den Ganaschenknochen verbracht werden. Dabei sollte sich das Viborgsche Dreieck, wie auf dem Bild dargestellt, zeigen.
Unabhängig davon, dass das Viborgsche-Dreieck, welches begrenzt wird vom Angulus mandibulae (7), der Vena linguofacialis (c) und einer Sehne des Musculus sternomandibularis (8), deutlich kleiner ist als von ihm auf Bild 1 dargestellt (die Angaben in den Klammern beziehen sich auf das Beitragsbild), würde ein EINZIEHEN der Ohrspeicheldrüse den Raum zwischen den Ganaschen deutlich verkleinern – sprich die Ganaschenfreiheit reduzieren!
Des Weiteren würde es die Atmung beeinträchtigen, denn je nach Dicke der Ohrspeicheldrüse, kann mehr oder weniger starker Druck auf die Luftröhre ausgeübt werden.
Wenn man von GANASCHENFREIHEIT spricht, dann ist der Bereich zwischen den beiden Ganaschenknochen gemeint. Hier sollten, versucht man eine Faust von untern nach oben, mit den Fingerknochen nach oben, reinzulegen, mindestens 4 Finger reinpassen. Denn zwischen diesen beiden Knochen soll der Vorhals Platz finden (nur in der höchsten Aufrichtung!), so dass das Pferd seine Nase leicht an die Senkrechte FALLEN LASSEN KANN.
Zur Ganaschenfreiheit kurz als Zwischenbemerkung eingeschoben, einer jener falschen und völlig unqualifizierten Aussagen dazu, die in der Reiterwelt die Runde machen:
„Die Ganaschen befinden sich an der Kehle des Pferds. Sitzen dort viel Fett und Muskeln, hat es kaum Ganaschenfreiheit. Soll es am Zügel gehen, wird seine Ohrspeicheldrüse durch das umliegende Gewebe gequetscht. Der Fachbegriff heißt „eng in der Ganasche“. Solche Pferde lassen sich nur schwer durchs Genick reiten. Winkelt das Pferd den Kopf an, treten an der Seite dicke Wülste hervor. Bei einem Pferd mit guter Ganaschenfreiheit sollten in die Vertiefung an der Kehle mindestens zwei Finger passen„. (CAVALLO – 01.08.2010)
Dazu aber muss die Ohrspeicheldrüse mit Hilfe spezieller Übungen durch die Ganaschenknochen nach Außen gehebelt und damit auch weich gemacht werden.
Durch eine eingezogene Ohrspeicheldrüse wären ein solcher Raum und die sich damit verbunden Möglichkeiten (max. Aufrichtung / Nase an Senkrechte fallen) NICHT gegeben. Nun gut, bei einem aktiv Vorwärts-Abwärts trainiertem Pferd kommt man sowieso nie in die Verlegenheit ein korrekt aufgerichtetes Pferd zu reiten …
Quelle: Beitragsbild (ohne das eingezeichnete rote Dreieck = tatsächliches Viborgsche Dreieck) „Atlas der angewandten Anatomie der Haustiere“ – Artikel in SAT Schweizer Archiv für Tierheilkunde · Juni 2004. Als PDF in meiner Literatursammlung.
Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Ursprünglicher Artikel aus dem Jahre 2020
„Aber ich kenne einige Pferde, die sind schon über 20 Jahre alt und können immer noch geritten werden – und das, obwohl sie meist langgelassen und im Vorwärts-Abwärts geritten wurden …“
Bevor man solches kundtut, sollte man sich mal genau anschauen, welchen Belastungen unsere Pferde heute tatsächlich ausgesetzt werden. Wie oft werden sie überhaupt geritten?
Jeder darf sich nun mal fragen, wie viele Stunden reite ich mein Pferd pro Woche?
Da kommt nicht wirklich viel zusammen. Mit Sicherheit in den aller-allermeisten Fällen keine 5-6 Stunden – PRO WOCHE.
Zum Vergleich: ein preußisches Kavalleriepferd zu Zeiten Friedrich des Großen war 8-10 (mitunter mehr) Stunden TÄGLICH unterm Sattel und dies überstanden diese Pferde aufgrund ihrer exzellenten Ausbildung ohne nennenswerte körperliche Beeinträchtigungen! Vorwärts-Abwärts oder Dehnungshaltung mussten diese Pferde nicht ertragen.
Heute geht man meist nur ins Gelände, wo allenfalls bergauf- und bergab eine geringgradig stärkere Belastung aufkommen lässt (In Norddeutschland eher auch da nicht).
Viele Spielereien, die man heute betreibt, belasten die Pferde allerhöchstens in Form von Stress, aber nicht aufgrund körperlicher Herausforderungen.
Bei derart geringen Leistungsanforderungen werden die körperlichen Beeinträchtigungen und Schädigungen an den Pferden mitunter gar nicht auffällig.
Dennoch werden regelmäßig Tierärzte und Therapeuten konsultiert, da Pferde Probleme an Rücken, Knien, Sehnen, etc. haben, trotz – oder viel wahrscheinlicher wegen – dieser minimalistischen Belastungen denen sie ausgesetzt sind. Das sollte zu denken geben!
Darüber hinaus sind die meisten Pferdebesitzer gar nicht in der Lage den Gesundheits- und Gemütszustand ihres Pferdes korrekt zu beurteilen. Eine groß angelegte Studie zur Rückengesundheit der Schweizer Reitpferdepopulation, die u.a. von der Stiftung ProPferd und vom SVPS unterstützt wurde kam für meinen Geschmack zu erschreckenden Ergebnissen.
Den Kern der Studie bilden die 248 Pferd-Reiter-Paare, die sich für die Untersuchungen freiwillig zur Verfügung gestellt haben. Grundvoraussetzung war, dass die Reiterinnen und Reiter sowohl sich selbst als auch ihr Reitpferd als beschwerdefrei und gesund beurteilten.
Die Reiterinnen und Reiter die in dieser Studie mitmachten waren im Durchschnitt 37 Jahre alt, 93% von ihnen waren Frauen, 54% verstanden sich als ambitionierte Sportreiterinnen bzw. -reiter. Die durchschnittliche Reiterfahrung belief sich auf 25 Jahre.
Es sollte an dieser Stelle niemanden geben, der hier von pferde- und reitunerfahrenen Menschen sprechen dürfte.
Was zeigte die Studie …
Die Röntgenuntersuchung ergab bei 45% der allesamt als leistungsbereit und reitgesund eingestuften Studienpferden leicht- bis hochgradige Veränderungen an den Dornfortsätzen, die auch die Rückenbeweglichkeit einschränkten. Leicht- bis hochgradige arthrotische Veränderungen an den Wirbelgelenken wurden bei 52% im unteren Hals und bei 38% der Pferde in der Sattellage und Lende gesehen. Die Ultraschallbilder zeigten mindestens leichtgradige Veränderungen im Bereich der Iliosakralgelenke bei 32%.
Hinzugesagt sei, dass die wirklich hochgradigen Veränderungen (welche ein Reiten sicherlich verbieten müssten) eher selten waren.
Eine bessere Bestätigung für die vorherrschenden Defizite in der Beurteilung der eigenen Pferde kann es nicht geben.
Sie werden nur noch durch solche Bilder, wie jedes Titelbild der CAVALLO 01/2020, auf der eine verkrampft lächelnde Reiterin auf einem niedergeschlagen und traurig, resigniert dreinblickenden Pferd in DEHNUNGSHALTUNG sitzt, getoppt.
Würde man die Kommentierungen zu diesem Bild statistisch auswerten, so müsste man mit großem Erschrecken zu Kenntnis nehmen, dass ein sehr, sehr großer Anteil der „beurteilenden“ Personen ein ENTSPANNTES Pferd sehen würde, was auf extrem defizitäre empathische Fähigkeiten und geringes Wissen schließen lässt.
Also: Die Pferde können schon alt werden – doch wie es in ihnen wirklich aussieht scheint kaum zu interessieren!
Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie
Bilder, die eine sichtbar erschöpfte und gebrochene Stute nach einer Dressur-Kür auf einem CHIO in Aachen zeigten, wurden damals in den sozialen Medien heiß diskutiert.
Bilder, die eine sichtbar erschöpfte und gebrochene Stute nach einer Dressur-Kür auf einem CHIO in Aachen zeigten, wurden damals in den sozialen Medien heiß diskutiert.
Warum sah dieses Pferd so kaputt aus, während sich die Reiterin vom Publikum für ihren Sieges-Ritt feiern ließ. Einem Ritt, der vieles offenbarte, der aber weit entfernt von Harmonie und Leichtigkeit war und der auf eklatante Trainingsmängel hinwies.
Und hier sind wir bei dem eigentlichen Punkt dieses Blogbeitrags: Muss ein Pferd nach einem solchen Ritt SO aussehen?
Mancher Kommentar in den sozialen Medien wies darauf hin, dass beide, Reiter und Pferd eine große Leistung vollbracht hätten und dies vor großem Publikum und hohen Außentemperaturen. Dies alles kann man – mit Einschränkungen – durchaus als Begründungen für den Zustand des Pferdes anführen.
Doch die gerittene Kür dauert gerade mal ca. 8 Minuten. Nehmen wir das Abreiten dazu, dann mag das Pferd vielleicht ein bis eineinhalb Stunden unter dem Sattel gewesen sein. Kann man da schon von einer Leistung sprechen oder offenbart es nicht vielleicht eines: eklatante Trainingsmängel?
Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung fiel die schwache Hinterhandmuskulatur der zugegebenermaßen zierlichen Stute auf. Ein derartiger Muskelstatus aber hat nichts mit der Zierlichkeit des Pferdes zu tun, sondern mit einem falschen, primär auf VORWÄRTS ausgerichtetem Training. VORWÄRTS, vor allem noch mit aktivem Vorwärts-Abwärts gewürzt, baut dort, wo die Kraft des Pferdes sitzt, keine nennenswerte Muskulatur auf.
VORWÄRTS verbessert die Ausdauerleistung aber nicht die Kraft und Kraft ist es, welche notwendig ist, um Leistungen zu erbringen, welche bei einer solchen Kür im Viereck gefordert sind.
Ausdauer ist zu 90% durch Willensleistung zu erzielen, nur die restlichen 10% entfallen dabei auf den körperlichen Aspekt (Lunge, Herz …). Bricht man den Willen des Pferdes, beispielsweise durch eine zu harte Reitweise, dann lässt sich die Leistung nur durch Verstärkung des Drucks durch den Reiter aufrechterhalten. Das Pferd wird gezwungen über sein Grenzen zu gehen und zerbricht daran. Es erduldet und zieht sich zurück.
Ich erlebe viele Pferde, die abgeschlossen haben. Mancher Pferdebesitzer denkt dann er hätte ja ein so ruhiges, cooles Pferd. Die nackte Wahrheit aber ist: Das Pferd hat aufgegeben! Beim Menschen würde man von einer Depression sprechen, ausgelöst durch Distress (anhaltender Stress und kaum Möglichkeiten für das Lebewesen sich durch Maßnahmen davon zu befreien).
Schon hier kann man erste Zusammenhänge erkennen, die für den Zustand dieser Stute verantwortlich zeigen:
Keine Kraft in der Hinterhand = falsches Training
Harte Reitweise
Wenn man sieht, was man heute unter „dressurmässiger“ Arbeit versteht, dann erklärt sich so manches.
In der Regel begrenzt sich diese Arbeit auf die drei Grundgangarten in unterschiedlichem Tempo (Vorwärts – Vorwärts – Vorwärts), Volten- oder Zirkelarbeit (oft in Dehnungshaltung) und dann das „Auswendiglernen“ von Lektionen. Das war es!
In der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung“ heißt es, dass Pferd sei an oder knapp vor der Senkrechten zu reiten. Dies ist gewissermaßen allgemeingültig formuliert. Nun gut, hier befindet man sich durchaus in einer Linie mit so manchem „Reitmeister“ der Vergangenheit, nur das man deren Erkenntnisse dazu aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert hat.
In seiner Allgemeingültigkeit ist dies aber Unsinn, ignoriert es doch eklatant die auf der Physik basierenden biomechanischen Prozesse im Pferd.
In seiner NATÜRLICHEN HALTUNG sind Nacken-Rückenband und die langen Rückenmuskeln in einer, nennen wir sie mal, NEUTRALEN SPANNUNG, die ausreichend ist, damit das Pferd energiesparend agieren kann. Dabei ist die Nase des Pferdes deutlicher vor der Senkrechten und damit der Genickwinkel offen.
Würde man nun bereits in dieser Haltung das Pferd mit der Nase an oder vor die Senkrechte bringen, dann würde durch Zug auf das Nacken-Rückenband die Kruppe leicht angehoben und die Hinterhand nach hinten ausgestellt werden. Das Pferd kommt weiterhin vermehrt auf die Vorhand. Auch ein „Nachtreiben“ trägt nicht wesentlich zu einer Veränderung dieses Zustandes bei. Allenfalls auf Volten oder Zirkel kann man – zumindest optisch – kaschieren.
Dennoch wird dieses Verfahren gedankenlos, aber eben getreu der Richtlinie, munter praktiziert. So auch von dieser Reiterin.
Dieses Vorgehen ist ein Grund dafür, dass man ein Pferd „strecken“ (man nennt es „dehnen“) lassen muss, um ihm ab und zu mal Freiheit von dieser Zwangshaltung (Nase an die Senkrechte) zu geben.
Ein Grund für den Sperrriemen ist u.a. – das sei hier auch erwähnt – in dem Wunsch begründet, dass Pferd leichter an oder knapp vor die Senkrechte zu bekommen, indem man ihm die Möglichkeit nimmt, sich durch Maulaufreißen dem Nachgeben im Genick zu entziehen. Auch hier kann man attestieren: SCHLECHTE AUSBIDUNG!.
Es ist keine große Leistung, welche unsere Pferde in einem Dressurviereck erbringen – auch diese Stute nicht!
Jedes preußische Kavalleriepferd zur Zeit Friedrichs des Großen würde darüber nur amüsiert lächeln können. Diese Pferde damals waren, im Gegensatz zu den heutigen Pferden, top ausgebildet und erbrachten Leistungen, zu welchen unsere schlecht ausgebildeten Pferde nicht ansatzweise fähig wären – zumindest nicht, ohne massiven Schaden am Körper zu nehmen.
Der desolate Zustand dieses Dressurpferdes lässt sich im Wesentlichen auf eine völlig unzureichende Ausbildung, basierend auf falschen Konzepten, welche gerne, selbstüberhöhen, als „klassisch“ bezeichnet werden, sowie dem steten Kampf mit der Reiterin während der Kür zurückführen.
Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister