Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Autor: Richard Vizethum | letzter Stallmeister | Schule der Hippologie

Wer heute die „Richtlinie für Reiten und Fahren“  Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung aufschlägt, begegnet dem Schenkelweichen als Standard einer vermeintlich lösenden Basislektion mit historischen Wurzeln. Doch was, wenn diese Tradition auf einer Richtlinien-Anpassung an mindere reiterliche Qualitäten und der Fehleinschätzung eines Springreiters beruht?

Begleiten Sie mich auf eine detektivische Spurensuche durch die Archive der „Reitkunst“.

Wir beginnen mit de la Guérinières Werk aus dem Jahre 1733: „École de Cavalerie“. Bei diesem gibt es genau zwei Seitengänge: „Épaule en dedans“ (Kapitel 11 – Schulterherein) und „Croupe au mur“ (Kapitel 12 – Renvers). Ein Schenkelweichen wird man darin vergeblich suchen.

Allerdings in der ersten deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1791 durch Johann Daniel Knöll findet man tatsächlich einmal (!) und zwar im 12. Kapitel, also das Kapitel in dem Guérinières das Renvers beschreibt, das Wort „Schenkelweichen“. Wie aber kommt es dazu?

Betrachten wir hierzu den französische Ursprungstext von de la Guérinière aus dem Jahre 1733 welche zu der deutschen Übersetzung „Schenkelweichen“ führte:

M. de la Broue est de ce sentiment, quand il conseille de ne se servir de la muraille, pour faire fuir les talons aux Chevaux, que pour ceux qui pèsent ou qui tirent à la main …[1]

Die Begrifflichkeit, die Knöll mit „Schenkelweichen“ übersetzte war „faire fuir les talons“ („Den Fersen – oder den Schenkeln/Sporen“) fliehen[2]/weichen“). Das Pferd soll also auf Druck oder ein Signal hin mit den Hinterbeinen seitwärts treten. Verkürzend kreierte Knöll daraus den Begriff „Schenkelweichen“, der damals als rein funktionale Handlung für jeden halbwegs verständigen Reiter aus dem Kontext ableitbar war.

Das „Haugk-Phänomen“:
Wenn Übersetzung zur Verfälschung wird

Bevor wir uns nun die zeitliche Abfolge der Entwicklung des „Schenkelweichens“ ansehen, machen wir zunächst einen Sprung vorwärts, ins Jahr 1932. Dort hat der moderner Übersetzer de la Guérinières, der stark angloman vorbelastete Oberst Siegfried von Haugk[3] (1886 – 1955) den Begriff „Schenkelweichen“ in seiner Übersetzung nicht nur fast „inflationär“ gebraucht, sondern verfälschte damit historische Begrifflichkeiten bis zur Unkenntlichkeit bzw. tilgte diese fast gänzlich.

So übersetzt er beispielsweise die Guérinière’sche Original-Passage:

« Quoique la leçon de l‘épaule en dedans & celle de la croupe au mur, qui doivent être inséparables »[4]

mit:

Schulterherein und Schenkelweichen gehören unbedingt zusammen …[5]

Damit bezeichnete er das  (croupe au mur = Renvers) fälschlicherweise als „Schenkelweichen“. Besonders problematisch ist dies im Kontext des Jahres 1932: Da das moderne, als feste Lektion substantivierte Schenkelweichen zu diesem Zeitpunkt bereits seit 20 Jahre existierte und sowohl in der DVE 12 von 1912 (erstmalig) als auch in deren 2. Auflage, der H.Dv. 12 von 1926, präzise und in identischer Weise ein-eindeutig beschrieben wurde, was dazu führte, dass weniger belesene und gebildete Reiter den Ursprung des modernen „Schenkelweichens“ bereits bei de la Guérinière verorten konnten.

Haugk hat damit nicht Guérinière ins Deutsche übersetzt, sondern die anglomane „Reitkunst“ seiner Zeit in Guérinière hineininterpretiert.

Zum Vergleich die korrekte Übersetzung von Johann Daniel Knöll (1791):  „So vortrefflich aber auch die Schulen der Schulter einwärts und die der Crupe an die Mauer, die unzertrennlich sein müssen …[6]

Die Ära der Verben:
Reaktionen statt Lektionen (1825–1882)

Historisch gesehen gab es vor 1825 nie, weder bei de la Guérinière noch in den Zeiten davor, eine spezielle Übung, welche das Pferd explizit auf ein einseitiges Reiterbein konditionieren sollte (im Sinne einer isolierten Reaktion), um es damit auf echte Seitengänge[7] vorzubereiten.

Vielmehr war der Gehorsam auf das Bein eine Folge der korrekten Einrahmung des Pferdes auf Zirkeln und Volten, um es zu stellen („biegen“) und auf eine vermehrte Hinterhandbelastung vorzubereiten, welche dann, unter anderem, durch die echten Seitengänge verstärkt wurde. Als eine weitere Voraussetzung für die echten Seitengänge wurde historisch sehr häufig der verkürzte Trab genannt, zu dem das Pferd bereits befähigt sein sollte – dies sei hier nur ergänzend erwähnt.

Eine vorbereitende Übung, um auf das einseitige Reiterbein zu konditionieren, wurde zum ersten Mal in der Sohr’schen Reitinstruktion von 1825 (Band 2) genannt, ohne dass darin die Begrifflichkeit „Schenkelweichen“ Erwähnung fand:

Während der Uebungen auf dem Zirkel kann man zuweilen die inwendigen Zügel und Schenkel etwas stärker, als die auswendigen wirken lassen, um das Pferd allmählig mit der Kruppe auswärts zu setzen und zum Uebertreten der inwendigen Füße über die auswendigen zu bewegen, als Vor-Uebung zu den Seiten-Gängen. In diesen nemlich geht das Pferd mit den Vorder-Füßen auf einem andern Hufschlage, als mit den Hinter-Füßen, und tritt mit den Füßen einer Seite über die andern weg.[8]

In dieser Reitinstruktion, die in gewisser Weise auch einer, zur damaligen Zeit schlechteren und durchaus gefährlicheren Pferdequalität Rechnung trug, wurde bei dieser Übung auf dem Zirkel geritten und an der offenen Seite desselben das innere Bein verstärkt angelegt und der innere Zügel etwas mehr angenommen. Das Pferd sollte nun dem Druck des inneren Beins weichen und die Kruppe (dies ist dabei sehr wichtig) nach außen, auf einen von der Vorhand abweichenden Hufschlag verschieben („Kruppe auswärts“). Dabei kommt es zu einem Überkreuzen  – primär der Hinterbeine. Bei Erreichen des Paradepunktes (Zirkelpunktes) wurde das Pferd wieder gerade bzw. auf die Zirkellinie des nächsten Zirkels gestellt. Mit der Zeit und vor allem häufigen Wiederholens (Drill) lernten die Pferde vermehrt auf das einseitige (innere) Bein zu reagieren.

1837 gestaltete Ernst Friedrich Seidler (1798 – 1865), ein Schüler des namhaften Oberbereiters der Wiener Hofreitschule Max Ritter von Weyrother, die 1825 bei Sohr beschriebene Übung in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes[9], effektiver und nachhaltiger, indem er das Weichen der Kruppe nach außen „nachdrücklicher“ forderte. Er überschrieb das Kapitel, in dem er dieses, sein Verfahren sehr ausführlich beschrieb, mit „Schenkelweichen“.

In seinem zweiten Werk „Die Dressur diffiziler Pferde“ aus dem Jahre 1846 bezeichnete er diese Vorgehen dann aber zutreffender als „Kopf herein, Kruppe hinaus[10]. Damit lag er begrifflich – wenn auch inhaltlich deutlich erweitert – beim „Kruppe auswärts“ aus dem Jahre 1825.

1882 in der „Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – Teil II[11] erschien der Begriff „Schenkelweichen“ erneut und zwar in der Form der Vorgänger-Instruktion von 1825. D.h. man ließ die Hinterhand  – auf einem Zirkel gehend – vom inneren Bein aufgefordert nach außen weichen, während die Vorhand weiter auf der Zirkellinie spurte. Einen kleinen Unterschied gab es dennoch: vor dem Wirken des inneren Beins wurde der äußeren Zügel leicht anstehen lassen, wodurch die Vorhand etwas verhalten wurde und das Weichen der Hinterhand bei korrekter Anwendung begünstigte.

In dieser Reitinstruktion wurde darüber hinaus vor den echten Seitengängen eine zusätzliche vorbereitende Übung eingeschoben, welche mit „Vorhand in den Zirkel gestellt[12] bezeichnet wurde. Während bei dem vorgenannten „Schenkelweichen“ das Reiterbein dafür Sorge zu trage hatte, dass die Kruppe nach außen auswich, waren es nun vermehrt die Zügel, die das Pferd mit der Vorhand nach innen stellten:

…die innere Faust wendet ab, der äußere Zügel wirkt am Halse anliegend nach der inneren Brust des Reiters, die Schenkel drücken die Hinterfüße heran. Gleich darauf drückt der innere Schenkel die Hinterhand – wie beim Schenkelweichen – seitwärts.[13].

Da diese Übung auch auf einer Gerade geritten wurde hieß die Anweisung an die Reiter in diesem Fall: „Vorhand in die Bahn gestellt“.

Ein kleiner Einschub – Steinbrechts Verdikt:
Physik schlägt Terminologie (1886)

Bei Gustav Steinbrecht (1808–1885) findet sich in seinem Standardwerk ‚Das Gymnasium des Pferdes‘ aus dem Jahre 1886 kein, wie in den Reitinstruktionen beschriebenes ‚Schenkelweichen‘ als vorbereitende Übung auf die Seitengänge – und damit nicht einmal die Idee zu einer isolierten Lektion, wie sie 1912 dann schließlich entstand. Steinbrecht setzte ein unmissverständliches Verdikt gegen jede Form der rein mechanischen Seitwärtsbewegung: Für ihn waren Seitenbewegungen ohne Biegung und Versammlung immer falsche Lektionen.[14] Genau diese beiden Voraussetzungen fehlen beim modernen „Schenkelweichen“ völlig!

1912:
Die Geburtsstunde des Substantivs

Mit der DVE 12 von 1912 vollzog die deutsche Lehre eine folgenschwere Metamorphose: Was seit der Sohr’schen Instruktion 1825 lediglich eine dynamische Reaktion auf eine einseitige Hilfe war – das Weichen vom Schenkel – wurde nun, zum statischen Eigenamen erhoben. Das Schenkelweichen in seiner heutigen Form war geboren. Damit wurde ein rein kommunikativer Vorgang („das Pferd soll vom Schenkel weichen“) der in verschiedenen Varianten existiert hatte, zur verfestigten Lektion deklariert.

Die Gründe dafür lagen in der immer schlechteren reiterlichen Qualität und in dessen Folge, das damals schon seit Jahrzehnten häufig vorkommenden, falsch verstandenen Reitens von Seitengängen, bei dem die Pferde mit dem inneren Zügel stark überbogen wurden. Man sah sich genötigt mit einem erzieherischen Hilfskonstrukt dem einen (der schlechten reiterliche Qualität) Rechnung zu tragen und das andere (das Überbiegen der Pferde) zu unterbinden und schuf so eine, auf die Seitengänge vorbereitende Lektion, welche zwar zwei Übel bekämpfte, um andere zu schaffen. So hat man beispielsweise den Fehler (falsche Biegung) nicht durch korrekte Ausbildung geheilt, sondern durch die Abschaffung der „Biegung“ in dieser Übung umgangen.

Der Nutzen dieser Lektion – die bis heute exakt so geritten wird – ist rein biomechanisch betrachtet nicht nennenswert (eher im Gegenteil). Dies wurde bereits in der DVE 12 von 1912 eindeutig benannt:

Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und bereitet ihn so für das Reiten der Seitengänge vor. Es bahnt auch in dem jungen Pferde das Verständnis und damit den Gehorsam auf die bei den Seitengängen zur Anwendung kommenden Hilfen an.[15]

D.h. diese Übung wurde primär für den Reiter und nur sekundär für das Pferd geschaffen, was auch durchaus aus der folgenden Passage erkennbar ist. Es ging nicht um Gymnastizierung des Pferdes, nur um dessen Gehorsam auf das Reiterbein:

Als eine die Tätigkeit der Hinterhand fördernde Übung im Sinne der Reitkunst ist das Schenkelweichen nicht zu betrachten. Es ist aber ein zwingendes Mittel zur Erzielung des Gehorsams auf die inneren Hilfen.[16]

Mehr erwartete man von dieser rein pädagogischen Maßnahme damals nicht. Erst später, durch Müseler (1933), wertete man diese Übung – entgegen jeglicher biomechanischer Logik – auf, indem man ihr einen lösenden Charakter zuschrieb.

Das Dogma verfestigt sich:
Von der H.Dv. zur FN

Der letzte Akt dieser terminologischen Irrfahrt vollzog sich beim Übergang in die moderne Zivilreiterei der Nachkriegszeit. Während sogar noch die H.Dv. 12 von 1937 das Schenkelweichen nüchtern als Gehorsamsmittel zur Vorbereitung der Seitengänge[17] sah („Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und das Pferd den Gehorsam auf diese.[18]), dichteten die späteren FN-Richtlinien der Lektion eine ‚lösende Wirkung‘ – welche biomechanisch betrachtet völlig abwegig ist – an und hob sie in den heiligen Stand der „lösenden Übungen“. Da das Pferd in sich völlig gerade im Torso und Hals sein soll, ist keine kreuzende Bewegung der Beine, die lösend wirken könnte, möglich – eher im Gegenteil, das Pferd macht vermehrt fest.

Der entscheidende Impuls für diese heutige Sichtweise kam 1933 durch eben Wilhelm Müseler. In seiner einflussreichen „Reitlehre“ erhob er das Schenkelweichen in den Rang einer Lockerungsübung:

Schenkelweichen ist eine lösende Übung, die Beine treten über- und voreinander, deutlich auf zwei Hufschlägen, bei viel Abstellung geringe Biegung des Pferdes.[19]

Damit lieferte Müseler das theoretische Fundament für die spätere Übernahme dieses biomechanischen Unsinns „lösende Übung“ in die FN-Richtlinien.  

Zumindest erkannte er aber dass das „Schenkelweichen […] nicht dazu [dient], die Tätigkeit der Hinterhand zu fördern …[20] (Wie dies auch 1912 bereits festgestellt wurde), was eben in einer Seitwärtsbewegung nur durch ein „gebogenes“ Pferd und einer kreuzenden Bewegung möglich wäre und widerspricht sich im Grunde somit selbst.

Die grafische Kontinuität in den Heeresdruckvorschriften verdeutlicht den ursprünglichen Charakter der Übung: Die Darstellungen von 1912, 1926 und 1937 sind nahezu deckungsgleich – das Pferd bleibt ein ungebogener ‚Block‘, der lediglich seitwärts verschoben wird.

Erst Müseler (1933) bricht etwas mit dieser Darstellung. Die von mir eingefügten Linien in den Grafiken von 1937 und bei Müseler verdeutlichen das Dilemma: Während die offizielle Lehre über Jahrzehnte keine biomechanische Einwirkung suggerierte, impliziert Müseler eine Linienführung, die eine physische Einwirkung vorgaukelt, die bei einem völlig geraden Pferd anatomisch nicht stattfinden kann. Dass die heutigen Richtlinien (Bd. 1) visuell der 1912er-Darstellung folgt, erzeugt einen bizarren Widerspruch: Man zeichnet die starre Lektion von 1912, schreibt ihr aber im Begleittext weiterhin die lösende Wirkung zu, die erst durch die Fehlinterpretation Müselers ab 1933 populär wurde.

Das Fazit:
Vom kurzzeitigem Gehorsamsmittel zum ‚lösenden‘ Dauerbrenner

Das heutige Festhalten am Schenkelweichen als ‚lösende Lektion‘ ist weit mehr als ein biomechanischer Irrtum – es ist das Symptom einer reiterlichen Degeneration. Anstatt die anspruchsvolle Kunst der korrekten „Biegung“ und Versammlung (für ein gesundes Reitpferd) in echten Seitengängen zu lehren, welches Zeit und ein tieferes biomechanisches Verständnis erfordert, hat man die Anforderungen, wie an vielen anderen Stellen auch, schlichtweg dem Unvermögen der Masse angepasst. So gehört auch das dreispurige Schulterherein zu diesen massetauglichen Vereinfachungen,um es Reitern und Richtern leichter zu machen.

Das moderne Schenkelweichen ist schlicht die Kapitulation vor der Komplexität: Da das korrekt ausgeführte, und für ein gesundes Reitpferd unabdingbare Arbeiten, in den echten Seitengängen (4-spurigen Schulterherein und Renvers) für den Durchschnittsreiter offenbar zu mühsam geworden ist, hat man einfach das mechanische, starre Seitwärtsschieben in sträflicher Weise zur wertvollen „lösenden Übung“ deklariert und damit ermöglicht, dass diese biomechanisch nutzlose Lektion (Nicht jede Bewegung fördert die Beweglichkeit!) Einzug halten konnte im täglichen Arbeits-Repertoire für Pferde jeden Alters und jeden Ausbildungsstandes!

Dafür war das Schenkelweichen von 1912 nicht gedacht!

Für all diejenigen, die meinen Worten vielleicht nicht viel beimessen und immer noch am Schenkelweichen festhalten wollen, statt sich – im Sinne der Pferde – mit den echten Seitengängen zu beschäftigen, hier noch die Worte von Alois Podhajsky (1898 – 1973) und Kurt Albrecht (1920 – 2005), beide ehemalige Oberbereiter an der Wiener Hofreitschule, welche deutlich machen, wofür das Schenkelweichen ursprünglich gedacht war bzw. wann es als Ausbildungsschritt enden sollte.

Zunächst Alois Podhajsky:

Dem Schenkelweichen soll aber niemals mehr Bedeutung beigemessen werden, als ihm zukommt – es soll nur dem Begreiflichmachen der Hilfen dienen. Leider ist in der neueren Epoche der Reitkunst vielfach das Gegenteil der Fall. Es wurde diesem Hilfsmittel auch in der deutschen Reitvorschrift eine viel zu große Rolle eingeräumt.[21]

Mit der „großen Rolle“ meint Podhajsky die Deklaration in der FN-Richtlinie als „lösende Übung“.

Sobald das junge Pferd dem seitwärtstreibenden Schenkel des Reiters gehorcht, wird der Zeitpunkt zum Lehren der Seitengänge selbst gekommen sein.[22]

Ergänzend Kurt Albrecht:

Das Schenkelweichen wird nur im Schritt ausgeführt. Wenn es seine Aufgabe erfüllt hat kann es aus dem Ausbildungsprogramm wieder weitgehend gestrichen werden. [23]

Ich hoffe sehr, dass mein Text zum Nachdenken anregen und einen Beitrag dazu leisten konnte, das reiterliche Begriffe wie das „Schenkelweichen“ zukünftig richtig eingeordnet werden und nicht mehr nach dem Prinzip verfahren wird: „Es machen ja alle und damit wird es schon richtig sein!“. Oder noch schlimmer, wie es die Verfechter der modernen „Reitlehre“ tun, diese „Lehre“ und die Methoden darin als „klassisch“ und „unumstößlich“ zu bezeichnen und gedankenlos zu verteidigen, ohne den wahren Sinn dahinter verstanden zu haben.


[1] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 110

[2] Im 18. Jahrhundert war die Reaktion oft „explosiver“ gedacht als das heutige, eher gemächliche Weichen; das Pferd sollte dem Sporn tatsächlich unmittelbar „entfliehen“

[3] Feodor Siegfried von Haugk (* 28. März 1886 in Großenhain; † 4. Mai 1955) war ein deutscher Reiter. Er stieg in seiner militärischen Laufbahn bis zum Oberst auf und war Kommandeur der Reit- und Fahrschule Oschatz.

[4] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 113

[5] François Robichon de la Guérinière | „Schule der Reitkunst“ | deutsche Übersetzung durch Siegfried von Haugk | Deutscher Archiv-Verlag – Berlin | 1932 | Seite 131

[6] François Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 203

[7][7] Gemäß meiner LEHRE VOM GRALSWEG gibt es nur zwei echte Seitengänge. Diese sind das Schulterherein auf vier Spuren und das Renvers (Travers und Traversale sind mit dem Renvers identisch.

[8] Friedrich Georg Ludwig von Sohr | „Instruktion zum Reitunterricht für die königlich preußische Kavallerie“ Teil 2 | Berlin | 1825 | Seite 46f

[9] Ernst Friedrich Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Nachdruck der Ausgabe Berlin 1837 | Olms-Verlag 1977 | Seite 184ff

[10] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler – Berlin, Posen und Bromberg | 1846 | Seite 209

[11]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 108

[12]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[13]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[14] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1886 publiziert) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 161

[15] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121

[16] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121f

[17] Im Gegensatz zu der DVE 12 von 1912 und der H.Dv. 12 von 1926 wo es generell als Vorbereitung auf alle Seitengänge (Schulterherein, Revers, Travers und Traversale) gesehen wurde, reduzierte man diese Vorbereitung ausschließlich auf das Schulterherein, da die anderen Seitengänge dort nicht mehr thematisiert wurden.

[18] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 61

[19] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[20] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[21] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 124

[22] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 125

[23] Kurt Albrecht | „Dressurlehre für Reiter und Turnierrichter“ | 1. Auflage 2009|Verlag Olms Presse | Seite 58


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Der Irrglaube an bessere neuzeitliche Erkenntnisse

In der heutigen Zeit wird sehr oft vorgebracht, dass man bessere wissenschaftlich-medizinische Kenntnisse über das Pferd und die Pferdeausbildung hätte, welche dazu beigetragen haben, im Laufe der Zeit anders – angeblich sogar besser (pferdefreundlicher) – auszubilden.

Bei diesen Erkenntnissen, von denen gesprochen wird, handelt es sich dabei nicht um die, aus militärischen Erwägungen heraus sich ergebende, taktischen und strategischen Veränderungen der Kavallerie – welche nebenbei bemerkt im Grunde nur geringe Anpassungen in der Pferdeausbildung notwendig gemacht hätten – nein, man spricht von wissenschaftlichen Erkenntnissen (Studien[1]) und besserem reiterlichen Wissens.

Immer wieder muss man sich dies erklären lassen.

DOCH DIES IST EIN MYTHOS, DER NUR DEN ZWECK HAT NEUZEITLICHE (FALSCHE) AUSBILDUNGSMETHODEN ZU BEGRÜNDEN UND DER EIGENEN MENSCHLICHEN BEQUEMLICHKEIT ZU HULDIGEN!

DAS PREUSSISCHE KAVALLERIEPFERD

Im Folgenden möchte ich mal ein klein wenig über die preußischen Kavalleriepferde aus der Zeit Friedrichs des Großen (eines der größten deutschen Staatsmänner und Feldherrn), seines genialen Kavalleriegenerals Friedrich Wilhelm von Seydlitz-Kurzbach und den hochwissenschaftlich arbeitenden STALLMEISTERN der Preußen (mitunter im Professoren-Rang an Hochschulen Hippologie lehrend), schreiben.

Nie wurden Pferde besser und gesunderhaltender ausgebildet als zur Zeit Friedrichs des GroßenNIE VORHER UND NIE DANACH!

Mit diesen STALLMEISTERN und deren AUSBILDUNGSMETHODEN sich und das sogar noch in Unkenntnis derselben, aus neuzeitlicher Sicht messen zu wollen und dies mit NEUEREN ERKENNTNISSEN zu begründen, ist eine unglaubliche und lächerliche Anmaßung einer immer bequemer gewordenen Reiterschaft.

Die exzellent ausgebildeten KAVALLERIEPFERDE  der alten Preußen wurden in ihrem Körper auf eine Art UMGEFORMT, der es ihnen ermöglichte …

  • körperlich und mental unglaubliche Höchstleistungen zu erbringen.
  • eine Last von bis zu 1/4 des Körpergewichtes tragen konnten, was einem zusätzlichem Gewicht von etwa 110 – 120 Kg (Reiter, Waffen, Biwak-Ausrüstung, …) ausmachte;
  • in der Lage waren, mit diesem Gewicht lange Märsche durchzuhalten und nach solchen Märschen immer noch genügend Kraft für eine Schlacht hatten. Als Beispiel sei hier die Schlacht von Zorndorf am 25. August 1758[2] angeführt: Als diese Reiterei an diesem Vormittag in die Schlacht geworfen wurde, war sie bereits „länger als 12 Stunden … zu Pferde und … sehr ermüdet.[3] Dies galt natürlich im Besonderen für die Pferde, dennoch „wurde zwar nichtsdestoweniger das: Marsch! Marsch! kommandiert, alleine es war befohlen, nicht stärker als in mäßigem Galopp zu reiten.“(!)[4]. In zwei schweren Kavallerie-Attacken gelang es Seydlitz mit diesen müden Pferden (und deren Reiter), die fast schon verlorene Schlacht für die Preußen zu entscheiden;
  • im Einzelkampf zwischen Carrière, Stopps und blitzschnellen Drehungen auf der Hinterhand etc. etc. wechseln konnten – geritten am Ringfinger;
  • bei jeder Witterung ihren Dienst verrichten konnte;
  • bei all diesen unendlichen Belastungen (die eigentliche Schlacht hat natürlich eigene Regeln) keine schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden aufweisen durften, was man mangelhafte Ausbildung schuldete. TIERSCHUTZ GING VOR MENSCHENSCHUTZ bei den alten Preußen!
  • 11 Jahre voll diensttauglich waren und danach noch gesund an Körper und Geist an Privatleute und Artillerieoffiziere (für Paraden) verkauft werden konnten. 

Dies alles hätten keine Pferde, welche in irgendwelchen Hofreitschulen, Stierkampfarenen oder nach den Dienstvorschriften von 1912, 1926 oder 1937 und schon gar nicht nach der Skala der Ausbildung ausgebildet wurden, auch nur annähernd leisten können.

Und dennoch denken diese Herrschaften heute, es gäbe neuere Erkenntnisse – ABSOLUT LÄCHERLICH!


[1] Der allergrößte Teil heutige Studien über das Pferd, dessen Körperlichkeit und Bewegung sind schon im Versuchsaufbau falsch und kommen daher auch zu fehlerhaften Schlußfolgerungen!

[2] In der Schlacht von Zorndorf am 25. August 1758 bei der eine preußische Armee unter König Friedrich II. und die russische Hauptarmee unter Wilhelm von Fermor aufeinander trafen, war es den 7.000 Pferden und deren Reitern der preußischen Kavallerie unter Führung des genialen Kavallerie-Generals von Seydlitz-Kurzbach zu verdanken, dass Preußen den Sieg davontrug.

[3] General-Lieutenant Grafen von Bismark | „Die Königlich Preussische Reuterei unter Friedrich dem Großen oder der General der Kavallerie Freiherr von Seydlitz“ | Creuzbauersche Buchhandlung – Carlsruhe | 1837 | Seite 135

[4] General-Lieutenant Grafen von Bismark | „Die Königlich Preussische Reuterei unter Friedrich dem Großen oder der General der Kavallerie Freiherr von Seydlitz“ | Creuzbauersche Buchhandlung – Carlsruhe | 1837 | Seite 137


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter


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Der Weg zur Reitkunst – Reitkunst ist der Weg

Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Der letzte Stallmeister | Denkender Reiter

Kann man die „Reitmeister“ der Vergangenheit eigentlich unter dem „gleichen“ Begriff der REITKUNST subsummieren?

Um diese Frage zu beantworten bedarf es einer klaren Definition dessen, was man unter REITKUNST verstehen kann. Würde man heute diese Frage in einer Runde stellen, dann würde die einhellige Meinung vorherrschen, dass REITKUNST sich in jenen überzeichnenden Pferdebewegungen, Piaffen, Passagen, … oder sogar SCHULEN über der Erde ausdrückt. Doch dieses sind lediglich die Produkte einer KUNST.

Der Mensch bequem („Alles was lebt ist faul!“) versucht nun, solcherlei  Produkte zu erschaffen, ohne dabei die KUNST, die zu ihnen hinführt wirklich zu verstehen. Diese KUNST wahrhaftig zu beherrschen und vor allem weiterzuentwickeln war und ist nur sehr wenigen Menschen – den wahrhaft DENKENDEN REITERN – vorbehalten.

REITKUNST ist die körperliche und geistige Formung (UMFORMUNG) eines Lebewesens. REITKUNST bevorzugt oder benachteiligt dabei keine Rassen und Charaktere. REITKUNST schreckt auch nicht vor körperlichen Unzulänglichkeiten der zu formenden „Masse“ zurück. REITKUNST ist bestrebt, jedes „Ausgangsmaterial“ zur Vollkommenheit zu bringen. Einer Vollkommenheit, die nicht eitlem Selbstzweck dient, sondern darauf abzielt, dass es dem Pferd jene Form gibt, in der es sich optimal und energiesparend bei allen noch so hohen Leitungsanforderungen bewegen und dabei ein möglichst langes Pferdeleben lang gesund bleiben kann. 

Diese Begriffsdefinition von REITKUNST stellt den Kulminationspunkt seiner begrifflichen Entwicklung dar. Die LEHRE VOM GRALSWEG wiederum den Kulminationspunkt der Wegbeschreibung dieser KUNST.

Die Völker, welche Pferde zum ersten Mal zu Reitzwecken nutzten, machten sich noch keine Gedanken über die REITKUNST, deren Kunst war es, oben zu bleiben. Das hat sich allerdings bis in die heutige Zeit hinein gehalten. Mit zunehmender Nutzung der Pferde als Reittiere und einem höheren Domestizierungsgrad begannen sich einzelnen Menschen etwas mehr Gedanken über die Pferde und deren Ausbildung zu machen. Xenophon (430 v.Chr. – 354 v.Chr.) sei hier exemplarisch erwähnt, obwohl es sicherlich vor ihm auch schon Reiter gab, die sehr langsam begannen an dem zu entwickeln, was man nun durchaus mit der Überschrift REITKUNST versehen kann. Zu Xenophon sei angemerkt, dass er in der „Pferdeliebe“, die man ihm heute nachsagt, völlig überschätzt. Aber gegenüber den, nur draufspringenden und lospreschenden „Reitern“, denen ein Pferd im Falle seiner Vernichtung immer noch als Nahrungsmittel dienen konnte, war dies schon ein erster guter Entwicklungsschritt.

Der Italiener Grisone (1507 – 1570), dem man nachsagt Xenophon in der ersten lateinische Übersetzung von Camerarius aus dem Jahr 1537 gelesen zu haben, versuchte hier weiterzuentwickeln. Die Methoden, welche man als experimentell bezeichnen muss, waren sicherlich zum Teil extrem brutal (man kennt vielleicht das Bild von Grisone, wo er ein Pferd in extremer Rollkur reitet – als Beispiel), aber man wußte es einfach noch nicht besser und tastete sich vor.

Die christliche Glaubenslehre, die den Menschen über alle anderen Lebewesen stellt,  trug sicherlich auch dazu bei, dass man nicht zwingend bestrebt war, immer gleich zu versuchen das feinste Mittel zu finden. Auch waren die Pferde – auch wegen der rüden Behandlungen, der Aufstallungen etc. – sicherlich nicht immer ganz ungefährlich. 

Salomon de Broue (1530 – 1610) ein Schüler von Giovanni Pignatelli (1540 – 1600), der wiederum ein Schüler von Grisone war, versuchte nun an vielen Stellen bereits die eine oder andere „feinere“ Methodik, hing aber immer noch der neapolitanischen Gewaltschule an und brachte diese nach Frankreich.

Die REITKUNST entwickelte sich und die Brutalitäten in Methoden und Handeln wurden weniger. Namen wie Antoine de Pluvinel (1552 – 1620), William Cavendish, der 1. Herzog von Newcastle (1592 – 1676) und schließlich François Robichon de la Guérinière (1688 – 1751) trugen hier, die REITKUNST entwickelnd, viel dazu bei. Man hatte inzwischen einfach schon deutlich mehr Wissen (Wo Wissen fehlt – regiert die Gewalt).

Eine weitere, zunächst letzte, aber umso mächtigere Entwicklung, erfuhr die REITKUNST, hin zu einer immer feineren, effizienteren Form, durch die preußischen Stallmeister zur Zeit Friedrichs des Großen und darüber hinaus noch bis etwas zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Stallmeister, zum Teil im Range von Professoren, welche Hippologie an Universitäten lehrten, gingen die Pferdeausbildung höchst wissenschaftlich an. Nie vorher in der Geschichte wußte man mehr über Pferde, deren Verhalten und einer feinen und hochqualifizierten Pferdeausbildung wie bei den alten Preußen des 18. und auslaufend bis Mitte 19. Jahrhundert.

Dennoch hatten auch diese Stallmeister den GRALSWEG noch nicht vollständig beschritten. Es gab noch etwas, wenn auch nur sehr wenig, Entwicklungspotenzial zu noch mehr Feinheit.

Jedoch gab es ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine schwerwiegende Zäsur. Jene schon zu Zeiten des Herzogs von Newcastle und wahrscheinlich schon davor sehr beliebte und von England ausgehende, Jagdreiterei, fand immer mehr Anklang auf dem Kontinent. Ein Grund für die nahezu schlagartige Verbreitung, welche Jagd- und damit auch die Sport- und Geländereiterei, ab Mitte des 19. Jahrhunderts fanden, darf auch auf Veränderungen im Verwendungszweck der Kavallerie zurückgeführt werden.

Für diese, auf Grund ihres Ursprungs, als ANGLOMANE REITEREI (Englisch Reiten) bezeichnete Form des Reitens, zählte ein Pferdeleben nicht besonders viel. Mit ihr kehrte man wieder in eine Zeit der Naturreiterei zurück, für welche REITKUNST keine Rolle spielte und die Kunst der Ausübenden eben lediglich darin bestand im Sattel zu bleiben. Genau diese Reiterei haben wir auch heute noch. Die Dressurreiter (beispielsweise) heutiger Zeit haben von REITKUNST nicht die geringste Ahnung, sie lernen oben zu bleiben und ihre Pferden müssen die Lektionen „auswendig“ lernen – mehr ist da nicht, von Springreitern will ich gar nicht erst reden!

Die ANGLOMANE REITEREI, für die Pferdeleben und -gesundheit nichts zählt, hat auch jeden Feinheitsgrad wieder verdrängt und Rohheit und Brutalität den Pferden gegenüber Tür und Tor geöffnet.  

Alle sogenannten Reitmeister der Neuzeit sind nur Nachahmer, die nichts zur Entwicklung der REITKUNST beizutragen haben. Deren Verdienst aber liegt darin, dass sie zumindest versuchen etwas von dem Wissen der Vergangenheit gegen einen Tsunami der Inkompetenz und Gedankenlosigkeit zu stellen, was man hoch anrechnen muss.

Die REITKUNST und ihre wenigen (wissenschaftlichen) Entwickler, kann man durchaus unter einem Begriff subsummieren, denn REITKUNST musste sich entwickeln. Dabei immer aufbauend auf dem Wissen der Vergangenheit (und sei dieses vielleicht auch noch so brutal gewesen).

Meine LEHRE VOM GRALSWEG stellt zwar den Kulminationspunkt dieser Entwicklung dar, aber steht auf den Schultern all jener, wenigen (NACH)DENKENDEN REITER der Vergangenheit, welche zur Entwicklung einer der großartigsten Künste beigetragen haben: DER REITKUNST.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter


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Der (Nach)denkende Reiter

Den Begriff des DENKENDEN REITERS prägte einst einer der vortrefflichsten Oberbereiter der Hofreitschule zu Wien, Max Ritter von Weyrother (1783-1833). Auch wenn viele Pferdemenschen diese Betitelung für sich in Anspruch nehmen und sich gerne als einen solch „denkenden Reiter“ sehen wollen, so sind es in der Geschichte der Reiterei in Wahrheit nur sehr, sehr wenige, denen dieser Titel zustehen würde. Es ist jener kleine Kreis von STALLMEISTERN, die die Reiterei wahrhaftig voran gebracht haben.

Da des Denkens durchaus viele Menschen fähig sind, diese Fähigkeit aber nicht annähernd die geistige Leistung eines DENKENDEN REITERS, nach meinem Verständnis erreicht, und die Seltenheit derselben zum Ausdruck bringt, werde ich im Folgenden anstelle der Begrifflichkeit DENKENDER REITER den zutreffenderen Begriff des (NACH)DENKENDEN REITERS gebrauchen.

DENKEN ist das HANDWERK – NACHDENKEN die KUNST!

Der (NACH)DENKENDE REITER, von wahrer Leidenschaft beseelt, macht sich SEINE Gedanken und lebt nicht nur von den Gedanken und Wissensbruchstücken Anderer, gleichwohl er diese auch weiter- und überdenkend nutzen wird.

Das Wissen des (NACH)DENKENDEN REITERS basiert auf den Gedanken und den Kenntnissen anderer (NACH)DENKENDER REITER vor ihm. Darüber hinaus  nutzt er seine, durch große Erfahrung entwickelten Fähigkeiten zur genauen Beobachtung und sein ausgeprägtes Gespür für Zusammenhänge, um zum Kern von Problemen zu dringen und passende Lösungen zu erarbeiten. Er beschäftigt sich dabei forschend mit der ganze Band-breite der  Wissenschaften.

Er bleibt, in dem Wissen, dass Lernen niemals endet, nie stehen und geht seinen Weg, auch wenn dieser oft voller Hindernisse und Widerstände ist. Das alles nur, um die REITKUNST – vor allem zum Wohle der Pferde – stetig weiterzuentwickeln und diese in immer feinere, effizientere Sphären zu heben.

Wie bedauernswürdig sind nicht Lehrbegierige, die in einer Gegend wohnen, wo die Wissenschaften fremd, die Kenntnisse dunkel, die Genies matt sind, wo der Eifer zur Gelehrtheit schläft und unemfindlich ist, und wo mit einem Wort, alle glückliche Neigungen zu schönen Künsten und Wissenschaften, unter der Decke der Unwissenheit ersticken müssen! [1]

(Freiherr von Sind – 1786)

(NACH)DENKENDE REITER haben es in Zeiten einer allgemeinen Verdummung, grassierender Ignoranz und selbstüberschätzender Anmaßung schwer, ihr Wissen zu transportieren, sind ihre Botschaften doch oft keine leichte Kost und stören so manches eingeschränkte und liebgewonnene reiterliche aber auch gesellschaftliche Weltbild. 

Doch ein wahrhaft Lernbegieriger wird sich dankbar und demütig zeigen, sollte er das außergewöhnliche Glück haben, von einem (NACH)DENKENDEN REITER lernen zu dürfen. Er wird dessen Wissen aufsaugen, um sich selbst mit wachem Geiste auf jenen schweren, steinigen und dornenreichen Weg zum GRAL zu machen. Einem Weg, der sein Leben fast zur Gänze ausfüllen wird. Einen Weg, der seine ganze Leidenschaft und Hingabe erfordert. Einen Weg, der ihn, so er nicht aufgibt und stets vorwärts geht, vielleicht mit der Würde, aber auch Bürde belohnt, selbst in den kleinen Kreis der (NACH)DENKENDEN REITER aufgenommen zu werden.

Doch am Ende seiner Tage wird auch er mit der Selbst-erkenntnis von der Bühne des Lebens abtreten, dass das Ende des Weges auch durch seine Arbeit und sein Lehren vielleicht doch noch nicht vollständig erreicht werden konnte.

Der ZWEIFEL ist die Triebfeder aller wahrhaftigen WISSENSCHAFT!

Er kann dann nur hoffen, dass er das Privileg hatte, einem lernbegierigen Schüler, seine Leidenschaft und sein Wissen weitergeben zu haben, auf das dieser dem WEG des GRALS, ebenso wie er, sein Leben widmet.

[1] Freiherr von Sind |“Vollständiger Unterricht in den Wissenschaften eines Stallmeisters“ | 1786 | gedruckt bey Johann Thomas Edlen von Trattnern | Seite 4


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter | Schule der Hippologie


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Der Maria-Hilf-Riemen – eine vielleicht wahre Geschichte

Ich habe mir die Frage gestellt, wie aus dem ursprünglichen Sattel-Trageriemen eines Militärsattels der sogenannte „Maria-Hilf-Riemen“ werden konnte.

Die Antwort darf man nicht so ganz ernst nehmen, gleichwohl so manches dafür sprechen könnte.

Vermutlich war wiedermal ein sehr unsicherer Reiteleve während einer Ausbildungsstunde in der Arena der Kavallerieschule auf einem Pferd im flotten Trabe unterwegs und wurde dabei so mächtig durchgeschüttelt, dass er große Sorge hatte, aus dem Sattel zu fallen.

Als gläubiger Christ wandte er sich lautstark um Hilfe flehend an die Jungfrau Maria: „MARIA HILF, MARIA HILF, MARIA HILF …!“.

Als Antwort kam nur die Stimme seines Unteroffiziers der ihn im scharfen Ton anherrschte: „Na dann fass halt an den Trage-Riemen Du Vollidiot (militärischer Umgangston – früher wurde an dieser Stelle wahrscheinlich ein anderes, noch schärferes, Wort gebraucht) und jammere hier nicht rum!

Und schon hatte der Trageriemen für den Sattel seine Bezeichnung weg:

Maria-Hilf-Riemen

den es heute – völlig sinnfrei – auch schon in gepimpter Variante gibt.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Literaturempfehlungen

Von ernsthafter Reitliteratur kann nur jener wirklich profitieren, der in der Reiterei mehr als bloß körperliche Tätigkeit sucht.[1]

Kurt Albrecht | 1920 – 2005 | Ehem. Leiter der Hofreitschule in Wien


Den Worten von Kurt Albrecht möchte ich gerne noch hinzufügen:

Wer ersthaft REITKUNST betreibt, kommt neben der „körperlichen Tätigkeit“ nicht am Studium „ernsthafter Reitliteratur“ und den Wissenschaften vorbei!


Ich werde von meinen Eleven immer wieder nach LITERATUR gefragt, in der sie sich, neben den Ausbildungseinheiten, zusätzlich theoretisch mit der Art und Weise, wie ich Pferde und Reiter UMFORME, beschäftigen könnten.

Immer gab ich diesen wissbegierigen Schülern die gleiche Antwort:

Da müsst ihr schon auf die Fertigstellung meiner REITLEHRE, der LEHRE VOM GRALSWEG warten, denn diese Art Pferde auszubilden wird schon seit über 180 Jahren nicht mehr gelehrt und die vorhandene Literatur aus dem 18. Und 19. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht sehr schwer zu verstehen“.

Die wissenschaftlich arbeitenden preußischen STALLMEISTER in der Zeit von Friedrich dem Großen (18. Jahrhundert) und seines genialen Kavalleriegenerals von Seydlitz-Kurzbach schufen die beste, jemals auf diesem Planeten existierende Reiterei. Nie vorher und auch nie mehr danach, in keinem Land der Welt, wurden Pferde besser ausgebildet als in dieser Zeit. Diese STALLMEISTER schufen Höchstleistungspferde.

Mit dem Ausscheiden der letzten preußischen STALLMEISTER aus dem Kavalleriedienst (gegen 1848), ging auch dieses Wissen (in seiner korrekten Interpretation) verloren.

Die vorhandene LITERATUR, beispielsweise von E.F. Seidler oder Louis Seeger, welche schon in der Endzeit der preußischen Stallmeister gearbeitet und gelehrt haben, sind mit heutiger Brille, die geprägt ist von der pferdeverschleißenden, aber für den bequemen Menschen wenig anstrengenden ANGLOMANEN Reiterei, die nach 1848 ihren Triumphzug rund um die Welt begann, und für welche die echte FORMUNG und Gymnastizierung der Pferde zuviel Arbeit darstellt (Credo: „das Gelände wird es schon richten!“), nicht zu verstehen! Dieses Verständnis, wird auch dadurch erschwert, dass Begriffe über die Zeit neue, mitunter stark veränderte Inhalte bekommen haben.

Um nun aber den wirklich WISSBEGIERIGEN doch Literatur an die Hand zu geben, die ihnen zwar nicht meine LEHRE VOM GRALSWEG (vor deren Erscheinen) und dessen Basis, das Wissen der preußischen STALLMEISTER des 18. Jahrhunderts, verständlich näherbringen kann, aber dennoch dabei hilft, die Gedanken in diese Richtung zu formen, werde ich an dieser Stelle nach und nach zielführende LITERATUREMPFEHLUNGEN geben.


Dogmen der Reitkunst

Kurt Albrecht (1920 – 2005)
Ehemaliger Leiter der Spanischen Reitschule in Wien

Von allen neuzeitlicheren Oberbereitern der Hofreitschule zu Wien halte ich Kurt Albrecht noch für denjenigen, der sich des kulturellen Auftrages der Hofreitschule stets bewusst war.

Verlag ORAC, Wien | 1. Auflage | 1981 |
ISBN 3 85368 877 2


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Kurt Albrecht | „Dogmen der Reitkunst“ | 1. Auflage 1981|Verlag ORAC Wien | Seite 9


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Eine Wendung offenbart es

In der Herresdruckvorschrift 12 (HDv.12.) von 1937 finden sich auf Seite 30 zwei sehr aufschlussreiche Bilder, welche weniger Aussage über den reiterlichen SITZ, dafür aber umso mehr über die Anforderungen und die Qualität der Kavallerie zu Zeiten der Wehrmacht[1] aussagen.

Bei beiden Bildern geht es um den Sitz beim Durchreiten einer WENDUNG. Das linke Bild zeigt einen Reiter mit eingeknickter Hüfte, dessen Sitz man damit zu Recht als fehlerhaft bezeichnen muss.

Beim rechten Bild nun sitzt der Reiter in einer Linie mit dem Pferd. Laut HDv. 12 von 1937 wird von einen „richtigen Sitz“ gesprochen. Beschränkt man seine Beurteilung auf die Unterschiedlichkeiten zwischen diesen beiden Bildern und bezogen auf den Sitz, so muss man geneigt sein, der Bewertung gemäß Dienstvorschrift zu folgen.

Löst man sich vom aber SITZ des Reiters und bewertet die AKTION, sprich das Durchreiten einer WENDUNG, dann muss man beiden Bildern attestieren, das beide FALSCH sind! Und damit sind wir bei den Anforderungen und der Ausbildungs-Qualität der Kavallerie zur damaligen Zeit.

Die Wehrmachtsreiter waren keine KAVALLERISTEN und ihre Pferde keine ausgebildeten KAVALLERIE-PFERDE mehr!

Im Feldzug von 1870/71 gegen Frankreich, fand am 16. August 1870 die Schlacht von Vionville – Mars la Tour[2] statt. Deren Bedeutung liegt unter anderem darin, dass es die letzte große Schlacht war, in der die Kavallerie neben der Artillerie und der Infanterie gleichberechtigten Anteil am Ausgang der Schlacht hatte. Danach begann der Abstieg hin zur militärischen Bedeutungslosigkeit, trotz mancher Bemühungen diesen zu verhindern.

Spätestens nach dem 1. Weltkrieg, in dem ca. 8 Millionen Pferde (!), Reit- und Zugpferde, ums Leben gekommen waren und der, flapsig ausgedrückt, „mit Pferden begann und mit Panzern endete“, sollte auch dem letzten Kavallerieromantiker klar geworden sein, dass eine moderne Armee keinen Bedarf für eine Kavallerie mehr hat.

Das Einzige, was für diese einst stolze Kavallerie an Einsatz-Szenarien noch Sinnhaftes[3] blieb, waren Aufklärungs- und Sabotageritte, welche bereits 1870/71 schon verstärkter durchgeführt wurden.

Gleichzeitig mit dem Abstieg der Kavallerie in die militärische Bedeutungslosigkeit kam es zu einer Renaissance einer Reiterei, welche bereits bei den Reitervölkern und zwar ausschließlich praktiziert wurde: Der NATÜRLICHEN METHODE! 

Diese Wortschöpfung als Bezeichnung für eine Ausbildungsart, die von Italien[4] ihren Ausgang nahm, ist sehr treffend. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, daß es unter Leuten vom Fach über die Auslegung Meinungsverschiedenheiten geben kann. Caprilli und seine Schüler haben seine Gedanken und Grundsätze im Springsport und im Gelände angewandt und ein Ausbildungssystem geschaffen, welche die italienischen Reiter jener Zeit in schnellem Aufstieg an die Spitze des Sports führte. Alle Welt horchte auf und ahmte nach.[5]

Das Credo dieser, nahezu auf Gymnastizierung und Durchbildung der Pferde verzichtende Ausbildungsform, lautete: „Das Gelände wird es schon richten!“.

Auch die deutsche Wehrmachtsreiterei schloß sich dieser pferdeverschleißenden Mode an, gleichwohl sie gegenüber den anderen nachahmenden Nationen, zumindest noch ein bisschen Gymnastizierung und dressurmäßige Arbeit einbaute, wobei der Freiherr von Waldenfels[6] sich wohl ausgezeichnet hat (lt. Udo Bürger).

Den geneigten Leser mag spätestens jetzt ein Licht aufgegangen sein, wohin die Reise der „Kavallerie“ ging: zur SPORTREITEREI!

Und diese Aussage bringt mich nun wieder zurück zu diesen beiden Bildern

Pferde, welche so durch eine Wendung gehen, liegen mit einem hohen Gewichtsanteil auf ihrer inneren Schulter, was nicht nur zu einer erheblichen, gesundheitsunverträglichen Ungleichbelastung der Struktur, sondern auch zu einer starken Reduzierung der Beweglichkeit führt.

Wäre ein solches Pferd, wie dies zu früheren Zeiten bei der Kavallerie gang und gäbe war, im Einzelkampf aktiv und würde so in die Wendung fallen, bedürfte es für einen Richtungswechsel mehrerer Zwischenschritte und einen erheblichen Energieverbrauch, unabhängig von der Gefährdung der sich Ross und Reiter durch den Gegner aussetzen würden!

Die beiden Bilder nun zeigen ein rein (ungesund) sportlich gerittenes Pferd, bei dem der GALOPP und die Geschwindigkeit im Vordergrund stehen, und dies ohne Rücksicht auf Verluste! Der Verschleiß, den eine solche Reiterei den Pferden bescherte kann man an den hohen Ausfallzahlen der damaligen Zeit ablesen.

Auch bei einem sportlich gerittenen Pferd sollten stets beide Schultern erhoben sein und das Pferd wie eine alte Straßenbahn und nicht wie ein Zug mit Neigetechnik oder ein Motorrad durch die Wendung gehen. Die erhobenen Schultern halten nicht nur das Pferd langfristig gesund, sondern es kann in seinen Aktionen auch bedeutend beweglicher und schneller agieren!

Die angesprochene Wehrmachtsreiterei steht bedauerlicherweise als VORBILD für die moderne Reiterei und leistete auch maßgebliche Beiträge zur SKALA DER AUSBILDUNG. Einer „Lehre“ deren angesprochene Grundlage von Seiten ihren Verfechter – in maßloser Überschätzung – als KLASSISCH bezeichnet und deren UNUMSTÖSSLICHKEIT (d.h. Zeitlosigkeit) attestiert wird.

Als VORBILD aber sollte man sich immer das BESTE und nicht das Mittelmäßige oder gar Schlechte erwählen.

Die Wehrmachts-Reiterei war keine KAVALLERIE mehr. Sie kann so wenig als Vorbild für die beste Militärreiterei, wie für eine GESUNDE SPORTREITEREI (die wir auch deshalb heute nicht haben) genutzt werden!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Mit dem Gesetz zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht vom 16. März 1935 wurde die Reichswehr in Wehrmacht unbenannt.

[2] Die Schlacht bei Mars-la-Tour (in den Quellen auch Schlacht bei Vionville oder Schlacht bei Rezonville) wurde am 16. August 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges in der Nähe der Ortschaften Mars-la-Tour und Vionville im Nordosten Frankreichs, etwa 20 Kilometer westlich von Metz geschlagen. (Wikipedia)

[3] Versuche, wie es die Polen zu Beginn des 2. Weltkriegs taten, wo sie mit Pferden, in Formationen irregulärer Kavallerie, gegen deutsche Panzer ritten, darf man als Ausdruck sturer Kavallerieromantiker bezeichnen, die aus dem 1. Weltkrieg keine Lehren gezogen haben und deren UNSINNIGEN Befehle Pferden und Reitern das Leben kostete.

[4] Über die italienische Reiterei, welche nach der Neapolitanischen Schule vermehrt der Bedeutungslosigkeit anheimfiel möchte ich sonst weiter keine Worte verlieren, denn diese wären alles andere als freundlich.

[5] Dr. Udo Bürger | „Vollendete Reitkunst“ | Verlag Paul Parey | 5.Auflage 1982 (Erstauflage1959) | Seite 80

[6] Rudolf Otto Hans Freiherr von Waldenfels (* 23. September 1895 in Ingolstadt; † 14. August 1969 in Rottach-Egern) war ein deutscher Springreiter sowie Offizier, zuletzt Generalleutnant im Zweiten Weltkrieg. (https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_von_Waldenfels_(General)


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Die Umformung des Pferdes – ein Überblick

REITKUNST ist die Fähigkeit der UMFORMUNG eines NATÜRLICHEN PFERDES zu einem REITPFERD„.
(Richard Vizethum)

Dieses Wissen und die Kunst, Pferde körperlich so umzuformen, dass diese unglaubliche Höchstleistungen erbringen konnten und dabei ein langes Pferdeleben lang, an Leib und Seele gesund blieben, wie dies die STALLMEISTER der alten Preußen zur Zeit Friedrichs des Großen beherrschten, ging um etwa Mitte des 19. Jahrhunderts (1848) gänzlich verloren.

In meiner Beschäftigung mit den Pferden entwickelte ich diesen Weg, wissenschaftlich forschend, wie dies auch die preußischen STALLMEISTER taten, lange völlig unabhängig und nichts von deren Tun wissend, in nahezu identischer Weise und so war es wir möglich, später deren Vorgehen  in Gänze zu verstehen und nachvollziehen zu können.

Die UMFORMUNG des Pferdes, nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG, von einem NATÜRLICHEN PFERD zu einem REITPFERD, geht nicht über die heute übliche Konditionierungen – sprich das Auswendiglernen – von Lektionen und Manövern und das Arbeiten des Pferdes als Ganzes, sondern durch ein, in seiner Reihenfolge logisch aufgebautes und den physikalischen Grundsätzen und Möglichkeiten der Natur folgendes Lösen von SPEZIALAUFGABEN.

Man beginnt zunächst einmal damit, die widerstrebenden Kräfte (Gelenke, Knochen, Bänder …) des Pferdekörpers, welche die limitierenden Faktoren der UMFORMUNG sind, zu analysieren und auf ihre Formbarkeit hin zu bewerten. Danach setzt man diese zu einer möglichen[1] idealen Sollstellung in Vergleich, um daraus den Umformungsbedarf bzw. die Umformungsmöglichkeiten zu bestimmen.

Die UMFORMUNG selbst, bei welcher man die Muskulatur (bewegenden Kräfte) nützt, beginnt mit der Vorhand, die stets zusammen mit der RÜCKENLINIE[2], welche von Natur aus Vorwärts-Abwärts geneigt ist, deutlich angehoben wird, was die Rückenlinie in eine nahezu waagerechte Lage und den Hals weiter in Richtung der Schultern zurück bringt. Dies führt dazu, dass die von Natur aus stark vorne überhängende Last, bedingt durch Hals und Kopf, bereits deutlich verringert und durch die Vorderbeine vermehrt abgestützt wird.

Danach geht man gezielter[3] zur Hinterhand über, welche man (im Stehen betrachtet) soweit vorzieht, dass die Hufspitzen der Hinterhand an der Kreuzbein-Lotrechten[4] liegen und sorgt für eine dauerhafte mehr oder weniger leichte Beugung, um die Rückenlinie nun vollständig in die Waagerechte zu bringen. Buggelenk und Hüftgelenk befinden sich damit, wie auch die Rückenlinie auf einer waagerechten Linie.

Die Winkelungen der Vorhand (hinab bis Ellbogen-Gelenk) und der Hinterhand (hinab bis Kniegelenk) werden dadurch nahezu identisch und können sich in der Bewegung bei geringerem Reibungsverlust die Kräfte optimal zuwerfen, mit der Folge, dass ein Leistungsabfall bei Belastung deutlich später eintritt und weniger stark ausfällt. Die Pferde werden somit in die Lage versetzt, über einen längeren Zeitraum größere Leistung erbringen zu können und dies dazu bedeutend stressfreier.

Das Pferd wird in seiner gesamten Ausrichtung und auf allen drei Ebenen symmetrischer und die ungleichen Belastungen der Struktur, welche beim natürlichen Pferd in vielfältiger Weise gegeben sind, werden nahezu komplett in gleichmäßige Belastungsmomente umgewandelt.

Die Muskulatur wird so „umgeformt“, dass diese, zusammen mit den Faszien, die neue Körperform, selbst in den Alltagsbewegungen des Pferdes, konserviert. Die durch die UMFORMUNG hergestellte neue Haltung des Pferdes wird damit zu dessen neuer NATÜRLICHE HALTUNG.

Ein solchermaßen UMGEFORMTES Pferd kann nicht mehr in die Hand des Reiters gehen, da jeglicher Bewegungsdruck aus der Hinterhand vermehrt Vorwärts-AUFWÄRTS fließt, das Pferd nimmt sich somit automatisch „aus der Hand“ des Reiters.

Nun erst ist es tatsächlich in der Lage sich – wie es so häufig beschworen wird – sich weiter RELATIV aufzurichten[5].

Das Pferd hat während dieses Prozesses gelernt die Trense drucktechnisch nach eigenem Ermessen[6] zu neutralisieren, diese dabei aber stets als Informationsquelle zu nutzen (TRENSENGEHORSAM). Darüber hinaus lässt die erreichte AUFRICHTUNG (Hals – Vorhand – Rückenlinie) gar nicht mehr zu, dass sich das Pferd stark am Gebiss ANLEHNEN[7] kann bzw. überhaupt anlehnen muss, denn die Bewegungen erfolgen in optimaler Balance. Der Massemittelpunkt (Schwerpunkt), der im Prozess der UMFORMUNG immer weiter zurück zum fiktiven GLEICHGEWICHTSPUNKT[8] verschoben wurde, oszilliert in der Bewegung des Pferdes stets nahe am Gleichgewichtspunkt.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie
Auszug aus der LEHRE VOM GRALSWEG


[1] Nicht bei jedem Pferd kann die ideale Sollstellung vollständig erreicht werden, ohne dass dazu die Grenzen (widerstrebende Kräfte), die die Natur setzt, zum Schaden des Pferdes überschritten werden müssten. Dennoch kann JEDES Pferd nahe an diese ideale Sollstellung herangeführt werden.

[2] Nur Wirbelkörper ohne Dornfortsätze

[3] Wirkungen auf die Hinterhand entstehen natürlich auch bereits bei der Hebung der Vorhand (incl. Rückenlinie).

[4] Lot vom Kreuzbein zum Boden

[5] Was bei einem vermehrt vorwärts-abwärts gerittenen bzw. nur Lektionen konditioniertem Pferd schlicht und ergreifend eine physikalische Unmöglichkeit ist. Die bei solchem Reiten oft empfundene „Bergauf-Tendenz“ entsteht nicht durch ein Anheben (Aufrichten der Vorhand), sondern durch ein – bedingt durch weites Vorgreifen der Hinterhand erzieltes – Tieferlegen des Pferdes in der Hinterhand!

[6] Ob das Pferd den Druck auf NULL Gramm reduziert und damit das Mundstück nur aufliege hat, oder ob es sich noch mit 500 Gramm „draufstützt“ weil dies ihm angenehmer ist, liegt im Ermessen des Pferdes.

[7]ANLEHNUNG ist das Angebot an das Pferd, sich bei leichten Balanceverluste nach vorne kurzzeitig in der Hand des Reiters abstützen zu können“ (R.V.) Die Notwendigkeit der ANLEHNUNG verschwindet dann, wenn das Pferd seine maximal mögliche Aufrichtung (Hals – Vorhand – Rückenlinie) bei gleichzeitigem Fallenlassen der Nase gen Senkrechte erreicht hat. Diese optimale Haltung in Aufrichtung macht ANLEHNUNG schließlich unmöglich aber auch unnötig!

[8] Ein definiertes Ideal, welches an den Kreuzungslinien der auf dem Boden befindlichen Stützen (Beine) befindet. Definiert wird dieser Gleichgewichtspunkt erstmals in meiner LEHRE VOM GRALSWEG.

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Die Kandare – nur ein paar Worte dazu

Ist die Kandare wirklich DAS Instrument, welches die Hilfengebung verfeinert, wie man allendhalben zu hören oder lesen bekommt?

Otto Digeon von Monteton, mein Seelenverwandter, hat über die Kandare ganz pragmatisch gesagt, sie sei
DIE EINZIG MÖGLICHE KRIEGSZÄUMUNG[1].

Und genau das ist sie auch: eine Kriegszäumung!

Ansonsten war Otto, wie ich auch, der Meinung, dass „die gewöhnliche Wasser- oder Doppel-Trense das einzig brauchbare Ausbildungswerkzeug ist[2] und die Kandarenreife dann erreicht ist, wenn alle Lektionen der Hohen Schule einhändig auf Trense geritten werden können.

Die Befürworter der Kandare scheinen dagegen der Meinung zu sein, dass man mit der Trense diesen hohen Grad von Feinheit, den sie erwarten, nicht erreichen könne, da die Trense beispielsweise beim Aspekt der BEIZÄUMUNG weniger wirksam sei. Eine solche Aussage ist FALSCH und drückt in gewissem Sinne sogar Unkenntnis bezüglich der wahren Möglichkeiten der Trense aus!

Ein auf Trense beigezäumtes Pferd muss sich darauf eingelassen haben die Nase entsprechend der Aufrichtung immer näher an die Senkrechte heranzunehmen. Dies bedarf Geduld und es ist stallmeisterliche Kunst einen Pferdehals und dessen Halswirbelsäule mit Hilfe der Trense zu FORMEN.

Bei der Kandare ist diese Willensäußerung des Pferdes nicht notwendig, die Beizäumung geht schneller, aber die Qualität der Halsausformung erreicht nicht das mit Trense erreichbare Niveau. Im Gegenteil, durch die Genickwirkung der Kandare  produziert man einen zweiten „falschen Knick“. Dieser kann das Pferd in manchen Situationen auf die Vorhand bringen, einen Effekt, den man bei vielen „klassisch“ gerittenen Pferden erkennen kann.  

Mit TRENSE bedarf es KÖNNEN – mit KANDARE kann man MANIPULIEREN!
Während auf Trense Ausbildungsfehler sofort sichtbar werden, kann man diese mit der Kandare leichter überspielen.

Oft hört man, insbesondere dann, wenn die Kandare als feines Mittel präsentiert werden soll, folgenden Satz:

 „Die Trense bäumt, die Kandare zäumt!

Dabei wird einem gar nicht so bewusst, dass dieser Spruch – und hier wage ich eine gar nicht so abwegige Hypothese – wohl in einer Zeit seine Entwicklung nahm, in der Teile der Reiterschaft alles andere als fein und pferdefreundlich ritten.

Getreu nach dem Motto „Alles was lebt ist faul!“ (Rittmeister von W.) versuchte man die Aufrichtung und Beizäumung der Hohen Schule zu imitieren, dabei aber maßgebliche Entwicklungsschritte auslassend, eine gewaltige und für die Pferde sehr unfreundliche Abkürzung zu nehmen.

Nicht, wie bei der wahren HOHEN SCHULE, wo man erst zum Ende der Ausbildung die maximale AUFRICHTUNG und Beizäumung  zu erzielen trachtete, begannen diese „Reitersleut“ schon zu Beginn der Ausbildung die Pferde – auf Trense – hoch aufzurichten (DIE TRENSE BÄUMT) und dabei das Pferd stark auf die unvorbereiteten Hanken zu setzen.

Dabei war es ihnen auch egal, dass der Kopf des Pferdes in eine nahezu waagerechte Stellung gebracht, die Hinterhand ausgestellt und die Kruppe hochkam, was den Eindruck eines weggedrückten Rückens entstehen ließ.

Diese, zunächst im Stehen erarbeitete Aufrichtung sollte auch in der Bewegung erhalten bleiben.

Erst nach einer Weile begann man, nun mit Kandare (DIE KANDARE ZÄUMT), den Pferdekopf heranzuarbeiten. Die Pferde ließen sich das natürlich nicht gefallen und versuchten, wenn sie die Möglichkeit hatten, vom Zügel loszukommen.

So geschah es auch bei jenem Quedlinburger 7. Kürassier-Regiment[3], welches den Auftrag bekam in der Zeit von 1842 – 1843 die Methode Bauchers auszuprobieren. Dieser Versuch ging voll in die Hose. Beim großen Kavalleriemanöver vor Berlin im Herbst 1843 unter Generalleutnant von Wrangel, hoben sich die so ausgebildeten Pferde, „keinem Zügel mehr gehorchend“ (frei nach Schiller), reihenweise aus der Zäumung. Natürlich sehr ungünstig für ein Kavalleriepferd. Anzumerken sei allerdings, dass Baucher zu dieser Zeit noch ausschließlich die Pferde auf Kandare ausbildete und ausbilden ließ.

Die „unbedingte BeizäumungBauchers, wurde daraufhin ein für alle Mal bei den Preußen verboten. Die Ablehnung der Methode Bauchers hatte also, nicht wie einige Autoren dies darstellten, nationalistische, sondern rein pragmatische und sicherheitstechnische  Gründe.

Das Ganze war natürlich alles andere als gesund für die Pferde, vielleicht ein Grund über den Satz: „Die Trense bäumt, die Kandare zäumt!“ nochmal nachzudenken.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Zitat von Otto Digeon von Monteton:

Ein gerittenes Pferd geht auf jeden alten Bindfaden statt des Mundstücks …[4] (geritten bedeutet hier rittig/voll ausgebildet)


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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[1] Otto Digeon von Monteton – Über die Reitkunst Seite 12

[2] Otto Digeon von Monteton – Über die Reitkunst Seite 177

[3] Allerdings dürfte nicht das komplette Regiment, wie ich zunächst aus den Veröffentlichungen annahm an diesem Versuch teilgenommen haben, sondern lediglich die 3. in Quedlinburg garnisonierte Eskadron dieses Regiments.

[4] Otto Digeon von Monteton – „Über die Reitkunst“ Seite 177