Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Autor: Richard Vizethum | letzter Stallmeister | Schule der Hippologie

Wer heute die „Richtlinie für Reiten und Fahren“  Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung aufschlägt, begegnet dem Schenkelweichen als Standard einer vermeintlich lösenden Basislektion mit historischen Wurzeln. Doch was, wenn diese Tradition auf einer Richtlinien-Anpassung an mindere reiterliche Qualitäten und der Fehleinschätzung eines Springreiters beruht?

Begleiten Sie mich auf eine detektivische Spurensuche durch die Archive der „Reitkunst“.

Wir beginnen mit de la Guérinières Werk aus dem Jahre 1733: „École de Cavalerie“. Bei diesem gibt es genau zwei Seitengänge: „Épaule en dedans“ (Kapitel 11 – Schulterherein) und „Croupe au mur“ (Kapitel 12 – Renvers). Ein Schenkelweichen wird man darin vergeblich suchen.

Allerdings in der ersten deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1791 durch Johann Daniel Knöll findet man tatsächlich einmal (!) und zwar im 12. Kapitel, also das Kapitel in dem Guérinières das Renvers beschreibt, das Wort „Schenkelweichen“. Wie aber kommt es dazu?

Betrachten wir hierzu den französische Ursprungstext von de la Guérinière aus dem Jahre 1733 welche zu der deutschen Übersetzung „Schenkelweichen“ führte:

M. de la Broue est de ce sentiment, quand il conseille de ne se servir de la muraille, pour faire fuir les talons aux Chevaux, que pour ceux qui pèsent ou qui tirent à la main …[1]

Die Begrifflichkeit, die Knöll mit „Schenkelweichen“ übersetzte war „faire fuir les talons“ („Den Fersen – oder den Schenkeln/Sporen“) fliehen[2]/weichen“). Das Pferd soll also auf Druck oder ein Signal hin mit den Hinterbeinen seitwärts treten. Verkürzend kreierte Knöll daraus den Begriff „Schenkelweichen“, der damals als rein funktionale Handlung für jeden halbwegs verständigen Reiter aus dem Kontext ableitbar war.

Das „Haugk-Phänomen“:
Wenn Übersetzung zur Verfälschung wird

Bevor wir uns nun die zeitliche Abfolge der Entwicklung des „Schenkelweichens“ ansehen, machen wir zunächst einen Sprung vorwärts, ins Jahr 1932. Dort hat der moderner Übersetzer de la Guérinières, der stark angloman vorbelastete Oberst Siegfried von Haugk[3] (1886 – 1955) den Begriff „Schenkelweichen“ in seiner Übersetzung nicht nur fast „inflationär“ gebraucht, sondern verfälschte damit historische Begrifflichkeiten bis zur Unkenntlichkeit bzw. tilgte diese fast gänzlich.

So übersetzt er beispielsweise die Guérinière’sche Original-Passage:

« Quoique la leçon de l‘épaule en dedans & celle de la croupe au mur, qui doivent être inséparables »[4]

mit:

Schulterherein und Schenkelweichen gehören unbedingt zusammen …[5]

Damit bezeichnete er das  (croupe au mur = Renvers) fälschlicherweise als „Schenkelweichen“. Besonders problematisch ist dies im Kontext des Jahres 1932: Da das moderne, als feste Lektion substantivierte Schenkelweichen zu diesem Zeitpunkt bereits seit 20 Jahre existierte und sowohl in der DVE 12 von 1912 (erstmalig) als auch in deren 2. Auflage, der H.Dv. 12 von 1926, präzise und in identischer Weise ein-eindeutig beschrieben wurde, was dazu führte, dass weniger belesene und gebildete Reiter den Ursprung des modernen „Schenkelweichens“ bereits bei de la Guérinière verorten konnten.

Haugk hat damit nicht Guérinière ins Deutsche übersetzt, sondern die anglomane „Reitkunst“ seiner Zeit in Guérinière hineininterpretiert.

Zum Vergleich die korrekte Übersetzung von Johann Daniel Knöll (1791):  „So vortrefflich aber auch die Schulen der Schulter einwärts und die der Crupe an die Mauer, die unzertrennlich sein müssen …[6]

Die Ära der Verben:
Reaktionen statt Lektionen (1825–1882)

Historisch gesehen gab es vor 1825 nie, weder bei de la Guérinière noch in den Zeiten davor, eine spezielle Übung, welche das Pferd explizit auf ein einseitiges Reiterbein konditionieren sollte (im Sinne einer isolierten Reaktion), um es damit auf echte Seitengänge[7] vorzubereiten.

Vielmehr war der Gehorsam auf das Bein eine Folge der korrekten Einrahmung des Pferdes auf Zirkeln und Volten, um es zu stellen („biegen“) und auf eine vermehrte Hinterhandbelastung vorzubereiten, welche dann, unter anderem, durch die echten Seitengänge verstärkt wurde. Als eine weitere Voraussetzung für die echten Seitengänge wurde historisch sehr häufig der verkürzte Trab genannt, zu dem das Pferd bereits befähigt sein sollte – dies sei hier nur ergänzend erwähnt.

Eine vorbereitende Übung, um auf das einseitige Reiterbein zu konditionieren, wurde zum ersten Mal in der Sohr’schen Reitinstruktion von 1825 (Band 2) genannt, ohne dass darin die Begrifflichkeit „Schenkelweichen“ Erwähnung fand:

Während der Uebungen auf dem Zirkel kann man zuweilen die inwendigen Zügel und Schenkel etwas stärker, als die auswendigen wirken lassen, um das Pferd allmählig mit der Kruppe auswärts zu setzen und zum Uebertreten der inwendigen Füße über die auswendigen zu bewegen, als Vor-Uebung zu den Seiten-Gängen. In diesen nemlich geht das Pferd mit den Vorder-Füßen auf einem andern Hufschlage, als mit den Hinter-Füßen, und tritt mit den Füßen einer Seite über die andern weg.[8]

In dieser Reitinstruktion, die in gewisser Weise auch einer, zur damaligen Zeit schlechteren und durchaus gefährlicheren Pferdequalität Rechnung trug, wurde bei dieser Übung auf dem Zirkel geritten und an der offenen Seite desselben das innere Bein verstärkt angelegt und der innere Zügel etwas mehr angenommen. Das Pferd sollte nun dem Druck des inneren Beins weichen und die Kruppe (dies ist dabei sehr wichtig) nach außen, auf einen von der Vorhand abweichenden Hufschlag verschieben („Kruppe auswärts“). Dabei kommt es zu einem Überkreuzen  – primär der Hinterbeine. Bei Erreichen des Paradepunktes (Zirkelpunktes) wurde das Pferd wieder gerade bzw. auf die Zirkellinie des nächsten Zirkels gestellt. Mit der Zeit und vor allem häufigen Wiederholens (Drill) lernten die Pferde vermehrt auf das einseitige (innere) Bein zu reagieren.

1837 gestaltete Ernst Friedrich Seidler (1798 – 1865), ein Schüler des namhaften Oberbereiters der Wiener Hofreitschule Max Ritter von Weyrother, die 1825 bei Sohr beschriebene Übung in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes[9], effektiver und nachhaltiger, indem er das Weichen der Kruppe nach außen „nachdrücklicher“ forderte. Er überschrieb das Kapitel, in dem er dieses, sein Verfahren sehr ausführlich beschrieb, mit „Schenkelweichen“.

In seinem zweiten Werk „Die Dressur diffiziler Pferde“ aus dem Jahre 1846 bezeichnete er diese Vorgehen dann aber zutreffender als „Kopf herein, Kruppe hinaus[10]. Damit lag er begrifflich – wenn auch inhaltlich deutlich erweitert – beim „Kruppe auswärts“ aus dem Jahre 1825.

1882 in der „Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – Teil II[11] erschien der Begriff „Schenkelweichen“ erneut und zwar in der Form der Vorgänger-Instruktion von 1825. D.h. man ließ die Hinterhand  – auf einem Zirkel gehend – vom inneren Bein aufgefordert nach außen weichen, während die Vorhand weiter auf der Zirkellinie spurte. Einen kleinen Unterschied gab es dennoch: vor dem Wirken des inneren Beins wurde der äußeren Zügel leicht anstehen lassen, wodurch die Vorhand etwas verhalten wurde und das Weichen der Hinterhand bei korrekter Anwendung begünstigte.

In dieser Reitinstruktion wurde darüber hinaus vor den echten Seitengängen eine zusätzliche vorbereitende Übung eingeschoben, welche mit „Vorhand in den Zirkel gestellt[12] bezeichnet wurde. Während bei dem vorgenannten „Schenkelweichen“ das Reiterbein dafür Sorge zu trage hatte, dass die Kruppe nach außen auswich, waren es nun vermehrt die Zügel, die das Pferd mit der Vorhand nach innen stellten:

…die innere Faust wendet ab, der äußere Zügel wirkt am Halse anliegend nach der inneren Brust des Reiters, die Schenkel drücken die Hinterfüße heran. Gleich darauf drückt der innere Schenkel die Hinterhand – wie beim Schenkelweichen – seitwärts.[13].

Da diese Übung auch auf einer Gerade geritten wurde hieß die Anweisung an die Reiter in diesem Fall: „Vorhand in die Bahn gestellt“.

Ein kleiner Einschub – Steinbrechts Verdikt:
Physik schlägt Terminologie (1886)

Bei Gustav Steinbrecht (1808–1885) findet sich in seinem Standardwerk ‚Das Gymnasium des Pferdes‘ aus dem Jahre 1886 kein, wie in den Reitinstruktionen beschriebenes ‚Schenkelweichen‘ als vorbereitende Übung auf die Seitengänge – und damit nicht einmal die Idee zu einer isolierten Lektion, wie sie 1912 dann schließlich entstand. Steinbrecht setzte ein unmissverständliches Verdikt gegen jede Form der rein mechanischen Seitwärtsbewegung: Für ihn waren Seitenbewegungen ohne Biegung und Versammlung immer falsche Lektionen.[14] Genau diese beiden Voraussetzungen fehlen beim modernen „Schenkelweichen“ völlig!

1912:
Die Geburtsstunde des Substantivs

Mit der DVE 12 von 1912 vollzog die deutsche Lehre eine folgenschwere Metamorphose: Was seit der Sohr’schen Instruktion 1825 lediglich eine dynamische Reaktion auf eine einseitige Hilfe war – das Weichen vom Schenkel – wurde nun, zum statischen Eigenamen erhoben. Das Schenkelweichen in seiner heutigen Form war geboren. Damit wurde ein rein kommunikativer Vorgang („das Pferd soll vom Schenkel weichen“) der in verschiedenen Varianten existiert hatte, zur verfestigten Lektion deklariert.

Die Gründe dafür lagen in der immer schlechteren reiterlichen Qualität und in dessen Folge, das damals schon seit Jahrzehnten häufig vorkommenden, falsch verstandenen Reitens von Seitengängen, bei dem die Pferde mit dem inneren Zügel stark überbogen wurden. Man sah sich genötigt mit einem erzieherischen Hilfskonstrukt dem einen (der schlechten reiterliche Qualität) Rechnung zu tragen und das andere (das Überbiegen der Pferde) zu unterbinden und schuf so eine, auf die Seitengänge vorbereitende Lektion, welche zwar zwei Übel bekämpfte, um andere zu schaffen. So hat man beispielsweise den Fehler (falsche Biegung) nicht durch korrekte Ausbildung geheilt, sondern durch die Abschaffung der „Biegung“ in dieser Übung umgangen.

Der Nutzen dieser Lektion – die bis heute exakt so geritten wird – ist rein biomechanisch betrachtet nicht nennenswert (eher im Gegenteil). Dies wurde bereits in der DVE 12 von 1912 eindeutig benannt:

Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und bereitet ihn so für das Reiten der Seitengänge vor. Es bahnt auch in dem jungen Pferde das Verständnis und damit den Gehorsam auf die bei den Seitengängen zur Anwendung kommenden Hilfen an.[15]

D.h. diese Übung wurde primär für den Reiter und nur sekundär für das Pferd geschaffen, was auch durchaus aus der folgenden Passage erkennbar ist. Es ging nicht um Gymnastizierung des Pferdes, nur um dessen Gehorsam auf das Reiterbein:

Als eine die Tätigkeit der Hinterhand fördernde Übung im Sinne der Reitkunst ist das Schenkelweichen nicht zu betrachten. Es ist aber ein zwingendes Mittel zur Erzielung des Gehorsams auf die inneren Hilfen.[16]

Mehr erwartete man von dieser rein pädagogischen Maßnahme damals nicht. Erst später, durch Müseler (1933), wertete man diese Übung – entgegen jeglicher biomechanischer Logik – auf, indem man ihr einen lösenden Charakter zuschrieb.

Das Dogma verfestigt sich:
Von der H.Dv. zur FN

Der letzte Akt dieser terminologischen Irrfahrt vollzog sich beim Übergang in die moderne Zivilreiterei der Nachkriegszeit. Während sogar noch die H.Dv. 12 von 1937 das Schenkelweichen nüchtern als Gehorsamsmittel zur Vorbereitung der Seitengänge[17] sah („Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und das Pferd den Gehorsam auf diese.[18]), dichteten die späteren FN-Richtlinien der Lektion eine ‚lösende Wirkung‘ – welche biomechanisch betrachtet völlig abwegig ist – an und hob sie in den heiligen Stand der „lösenden Übungen“. Da das Pferd in sich völlig gerade im Torso und Hals sein soll, ist keine kreuzende Bewegung der Beine, die lösend wirken könnte, möglich – eher im Gegenteil, das Pferd macht vermehrt fest.

Der entscheidende Impuls für diese heutige Sichtweise kam 1933 durch eben Wilhelm Müseler. In seiner einflussreichen „Reitlehre“ erhob er das Schenkelweichen in den Rang einer Lockerungsübung:

Schenkelweichen ist eine lösende Übung, die Beine treten über- und voreinander, deutlich auf zwei Hufschlägen, bei viel Abstellung geringe Biegung des Pferdes.[19]

Damit lieferte Müseler das theoretische Fundament für die spätere Übernahme dieses biomechanischen Unsinns „lösende Übung“ in die FN-Richtlinien.  

Zumindest erkannte er aber dass das „Schenkelweichen […] nicht dazu [dient], die Tätigkeit der Hinterhand zu fördern …[20] (Wie dies auch 1912 bereits festgestellt wurde), was eben in einer Seitwärtsbewegung nur durch ein „gebogenes“ Pferd und einer kreuzenden Bewegung möglich wäre und widerspricht sich im Grunde somit selbst.

Die grafische Kontinuität in den Heeresdruckvorschriften verdeutlicht den ursprünglichen Charakter der Übung: Die Darstellungen von 1912, 1926 und 1937 sind nahezu deckungsgleich – das Pferd bleibt ein ungebogener ‚Block‘, der lediglich seitwärts verschoben wird.

Erst Müseler (1933) bricht etwas mit dieser Darstellung. Die von mir eingefügten Linien in den Grafiken von 1937 und bei Müseler verdeutlichen das Dilemma: Während die offizielle Lehre über Jahrzehnte keine biomechanische Einwirkung suggerierte, impliziert Müseler eine Linienführung, die eine physische Einwirkung vorgaukelt, die bei einem völlig geraden Pferd anatomisch nicht stattfinden kann. Dass die heutigen Richtlinien (Bd. 1) visuell der 1912er-Darstellung folgt, erzeugt einen bizarren Widerspruch: Man zeichnet die starre Lektion von 1912, schreibt ihr aber im Begleittext weiterhin die lösende Wirkung zu, die erst durch die Fehlinterpretation Müselers ab 1933 populär wurde.

Das Fazit:
Vom kurzzeitigem Gehorsamsmittel zum ‚lösenden‘ Dauerbrenner

Das heutige Festhalten am Schenkelweichen als ‚lösende Lektion‘ ist weit mehr als ein biomechanischer Irrtum – es ist das Symptom einer reiterlichen Degeneration. Anstatt die anspruchsvolle Kunst der korrekten „Biegung“ und Versammlung (für ein gesundes Reitpferd) in echten Seitengängen zu lehren, welches Zeit und ein tieferes biomechanisches Verständnis erfordert, hat man die Anforderungen, wie an vielen anderen Stellen auch, schlichtweg dem Unvermögen der Masse angepasst. So gehört auch das dreispurige Schulterherein zu diesen massetauglichen Vereinfachungen,um es Reitern und Richtern leichter zu machen.

Das moderne Schenkelweichen ist schlicht die Kapitulation vor der Komplexität: Da das korrekt ausgeführte, und für ein gesundes Reitpferd unabdingbare Arbeiten, in den echten Seitengängen (4-spurigen Schulterherein und Renvers) für den Durchschnittsreiter offenbar zu mühsam geworden ist, hat man einfach das mechanische, starre Seitwärtsschieben in sträflicher Weise zur wertvollen „lösenden Übung“ deklariert und damit ermöglicht, dass diese biomechanisch nutzlose Lektion (Nicht jede Bewegung fördert die Beweglichkeit!) Einzug halten konnte im täglichen Arbeits-Repertoire für Pferde jeden Alters und jeden Ausbildungsstandes!

Dafür war das Schenkelweichen von 1912 nicht gedacht!

Für all diejenigen, die meinen Worten vielleicht nicht viel beimessen und immer noch am Schenkelweichen festhalten wollen, statt sich – im Sinne der Pferde – mit den echten Seitengängen zu beschäftigen, hier noch die Worte von Alois Podhajsky (1898 – 1973) und Kurt Albrecht (1920 – 2005), beide ehemalige Oberbereiter an der Wiener Hofreitschule, welche deutlich machen, wofür das Schenkelweichen ursprünglich gedacht war bzw. wann es als Ausbildungsschritt enden sollte.

Zunächst Alois Podhajsky:

Dem Schenkelweichen soll aber niemals mehr Bedeutung beigemessen werden, als ihm zukommt – es soll nur dem Begreiflichmachen der Hilfen dienen. Leider ist in der neueren Epoche der Reitkunst vielfach das Gegenteil der Fall. Es wurde diesem Hilfsmittel auch in der deutschen Reitvorschrift eine viel zu große Rolle eingeräumt.[21]

Mit der „großen Rolle“ meint Podhajsky die Deklaration in der FN-Richtlinie als „lösende Übung“.

Sobald das junge Pferd dem seitwärtstreibenden Schenkel des Reiters gehorcht, wird der Zeitpunkt zum Lehren der Seitengänge selbst gekommen sein.[22]

Ergänzend Kurt Albrecht:

Das Schenkelweichen wird nur im Schritt ausgeführt. Wenn es seine Aufgabe erfüllt hat kann es aus dem Ausbildungsprogramm wieder weitgehend gestrichen werden. [23]

Ich hoffe sehr, dass mein Text zum Nachdenken anregen und einen Beitrag dazu leisten konnte, das reiterliche Begriffe wie das „Schenkelweichen“ zukünftig richtig eingeordnet werden und nicht mehr nach dem Prinzip verfahren wird: „Es machen ja alle und damit wird es schon richtig sein!“. Oder noch schlimmer, wie es die Verfechter der modernen „Reitlehre“ tun, diese „Lehre“ und die Methoden darin als „klassisch“ und „unumstößlich“ zu bezeichnen und gedankenlos zu verteidigen, ohne den wahren Sinn dahinter verstanden zu haben.


[1] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 110

[2] Im 18. Jahrhundert war die Reaktion oft „explosiver“ gedacht als das heutige, eher gemächliche Weichen; das Pferd sollte dem Sporn tatsächlich unmittelbar „entfliehen“

[3] Feodor Siegfried von Haugk (* 28. März 1886 in Großenhain; † 4. Mai 1955) war ein deutscher Reiter. Er stieg in seiner militärischen Laufbahn bis zum Oberst auf und war Kommandeur der Reit- und Fahrschule Oschatz.

[4] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 113

[5] François Robichon de la Guérinière | „Schule der Reitkunst“ | deutsche Übersetzung durch Siegfried von Haugk | Deutscher Archiv-Verlag – Berlin | 1932 | Seite 131

[6] François Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 203

[7][7] Gemäß meiner LEHRE VOM GRALSWEG gibt es nur zwei echte Seitengänge. Diese sind das Schulterherein auf vier Spuren und das Renvers (Travers und Traversale sind mit dem Renvers identisch.

[8] Friedrich Georg Ludwig von Sohr | „Instruktion zum Reitunterricht für die königlich preußische Kavallerie“ Teil 2 | Berlin | 1825 | Seite 46f

[9] Ernst Friedrich Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Nachdruck der Ausgabe Berlin 1837 | Olms-Verlag 1977 | Seite 184ff

[10] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler – Berlin, Posen und Bromberg | 1846 | Seite 209

[11]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 108

[12]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[13]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[14] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1886 publiziert) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 161

[15] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121

[16] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121f

[17] Im Gegensatz zu der DVE 12 von 1912 und der H.Dv. 12 von 1926 wo es generell als Vorbereitung auf alle Seitengänge (Schulterherein, Revers, Travers und Traversale) gesehen wurde, reduzierte man diese Vorbereitung ausschließlich auf das Schulterherein, da die anderen Seitengänge dort nicht mehr thematisiert wurden.

[18] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 61

[19] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[20] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[21] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 124

[22] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 125

[23] Kurt Albrecht | „Dressurlehre für Reiter und Turnierrichter“ | 1. Auflage 2009|Verlag Olms Presse | Seite 58


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Aufrichtung – Die genialen preußischen Stallmeister

Aufrichtung – Die genialen preußischen Stallmeister

LEHRE VOM GRALSWEG – Aus dem Kapitel: „Wege und Irrwege der Aufrichtung – Teil 2“

Die genialen preußischen Stallmeister zu Zeiten Friedrich des Großen und seines Kavalleriegenerals von Seydlitz-Kurzbach, deren Wirken noch etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts[1] die Pferdeausbildung in der Kavallerie bestimmten, gingen bei der AUFRICHTUNG – der militärischen Zweckorientierung der Pferde, aber auch dem Zeitgeist (Industrialisierung, Maschinenzeitalter) geschuldet – einen völlig anderen, für die Pferde gesünderen Weg, als dies die akademische Reiterei (Pluvinel, de la Guérinière …) tat.

Dieses stark wissenschaftlich-technisch geprägte Vorgehen der preußischen Stallmeister finden wir beispielsweise gut dokumentiert bei Ernst Friedrich Seidler[2],[3] und Louis Seeger[4] (beide Schüler des wohl prägendsten Oberbereiters der Wiener Hofreitschule: Max Ritter von Weyrother[5], der den Begriff des DENKENDEN REITERS formulierte).

Die preußischen Stallmeister richteten die Pferde zunächst in der Vorhand, über einzelne Entwicklungsphasen, so auf, dass auch die RÜCKENLINIE[6] von vorne nach hinten, zum Lumbosakral-Gelenk hin, mit angehoben wurde.

Ein „Abknicken“ im Übergang zwischen Hals- und Brustwirbelsäule wurde so verhindert.

Die Anhebung der Vorhand diente dazu, durch Kräftigung der Rumpftragemuskulatur, jene von Natur aus in der Regel VORWÄRTS-ABWÄRTS geneigte RÜCKENLINIE in die Waagerechte zu erheben und dabei zugleich Buggelenk und Hüftgelenk auf eine gleiche Höhe zu verbringen und deren Winkel auch noch anzugleichen, so dass diese beiden Hauptfederungen[7] des Pferdes sich die Kräfte deutlich energiesparender zuwerfen konnten, als dies, mit der von Natur aus Vorwärts-Abwärts geneigten Rückenlinie, bei welcher der Energieverbrauch deutlich höher ausfällt und damit der Leistungsverlust natürlich sehr viel schneller vonstattengeht, möglich wäre.

Erst nachdem dieser Prozess abgeschlossen war, begannen sie, nach temporärem leichtem „Absenken“[8] des Rückens, die Hinterhand intensiver zu bearbeiten. Sie berücksichtigten damit, im Gegensatz zu den Meistern der akademischen und der neuzeitlichen Reiterei (bei diesen allerdings würde ich „Meister“ zwischen ganz dicke Anführungszeichen setzen), die von Natur aus vorhandene Schwäche der Hinterhand.

Was den allerwenigsten Reitern bekannt sein dürfte, kennt das NATÜRLICHE PFERD seine Hinterhand nicht wirklich und lässt diese, durch die, aufgrund des Gewichtsüberhangs, nach vorwärts fallende Vorhand, einfach nur MITZIEHEN[9], statt aus dieser heraus aktiv zu schieben (SCHUB)! Dieses energiesparende Vorgehen bringt allerdings mit sich, dass die Hinterhand von Natur aus, zunächst einmal mit wenig Belastbarkeit[10] (Kraft) ausgestattet ist und auch entsprechend zunächst wenig belastet werden sollte! Der allergrößte Teil der heutigen, bis in die allerhöchsten Klassen „ausgebildeten“ Pferde, verbleibt zeitlebens in diesem, für ein REITPFERD ungesunden Zustand.

Die im Rahmen der UMFORMUNG angestrebte Beugung der Hinterhand fiel bei den Stallmeistern deutlich mäßiger aus als bei den Schulpferden der akademischen Reiterei, um den Pferden das für die Kavallerie so wichtige Vorwärts in den Grundgangarten nicht zu nehmen, welches für die geforderten Dauerleistungen, beispielsweise für lange Märsche, zwingend Notwendigkeit war.

Dennoch aber sollte die Hinterhand der Pferde so kräftig und beugefähig werden, dass die Pferde große 2-Schlag-Galoppsprünge wie beispielsweise die Carriere[11] beim Chok[12] ausführen und im Einzelkampf auf der Hinterhand, am „kleinen Finger geführt“, tanzen konnten und somit auch Elemente der Hohen Schule sehr gut beherrschten.

Diese Beugung der Hinterhand finalisierte schließlich die UMFORMUNG des Pferdes. Der Bewegungsdruck einer durch diese Methode erarbeiteten tragenden und federnden Hinterhand, geht jetzt VORWÄRTS-AUFWÄRTS das Pferd wird leicht und nimmt sich selbst dem Reiter aus der Hand. Fordert man nun ein so umgeformtes Pferd zu einem vermehrtem Einsatz der (leicht gebeugten) Hinterhand auf, dann kann sich das Pferd vorne, rein durch den physikalischen Hebel und ohne zusätzlichen Kraftaufwand, weiter (RELATIV) anheben!

Solche Pferde waren für die Kampagne (die Schlacht, das Manöver …) im höchsten Maße geeignet, beherrschten aber auch Bewegungen der HOHEN SCHULE. Die Vorgehensweise bei der körperlichen UMFORMUNG durch die genialsten Stallmeister in der der Geschichte der Reiterei, berücksichtigte in perfekter Weise die Physik des Pferdes und erzielte Pferde, die schier unglaubliche Höchstleistungen zu erbringen im Stande waren.

So waren sie oft viele Stunden bereits unter dem Sattel, bevor sie in die Schlacht geworfen wurden. So geschehen beispielsweise in der Schlacht bei Zorndorf, im Siebenjährigen Krieg, am 25. August 1758, wo die Pferde bereits über 12 Stunden unter dem Sattel waren, bevor für den Angriff „mäßiger Galopp“ befohlen wurde, „weil die Pferde bereits müde seien„. Aufgrund ihrer hervorragenden Ausbildung aber hatten diese Pferde trotz dieser gewaltigen Anforderungen dennoch sehr gute Chancen, an Leib und Seele gesund bleiben zu können.

Tierschutz ging in der preußischen Kavallerie VOR Menschenschutz.
Dies hatte rein pragmatische Gründe. Die Ausbildungszeit des Menschen war vergleichsweise kurz, er konnte also leichter ersetzt werden. Im Gegensatz dazu erhielt das Pferd eine über 3-4 Jahre dauernde intensive Ausbildung. Für solche Pferde gab es keine 2. Garnitur!

Unabhängig von den preußischen Stallmeistern und zunächst ohne Kenntnisse deren Vorgehens in der Ausbildung der Pferde, entwickelte ich exakt den gleichen Weg und so war es mir möglich, im Gegensatz zu allen anderen, den Preußen folgenden neuzeitlicheren „Meistern“, das Vorgehen, dieser Stallmeister, Pferde gesund auszubilden, zu verstehen und mehr als nur nachvollziehen zu können.

In meiner LEHRE VOM GRALSWEG (Reitlehre) wird diese nachhaltig gesunde Art Pferde so zu FORMEN, dass sie ein langes Pferdeleben lang, gesund, leistungsbereit, motiviert und sicher werden, beschrieben und in meinen Ausbildungseinheiten und Kursen pädagogisch anschaulich intensiv und schlüssig vermittelt.

Mit dieser, meiner intensiven Arbeit versuche ich dieses – durch Bequemlichkeit und Ignoranz – verlorene Wissen der reiterlichen Allgemeinheit in verständlicher Form wieder zugänglich zu machen, verbunden mit der großen Hoffnung, dass es dadurch den Pferden, diesen wundervollen, edlen Geschöpfen, wieder besser gehen wird, als dies in der Neuzeit (und schon länger davor) der Fall ist, aber auch mit der Hoffnung, dass sich weitere Interessierte auf den GRALSWEG machen und ich nicht der LETZTE STALLMEISTER einer wahrhaftigen REITKUNST bleiben werde.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


Den Text auch als Podcast …


[1] In diesem Jahr ging, laut Otto Digeon von Monteton, der wohl letzte Stallmeister in Ruhestand und in der preußischen Kavallerie wurde die Ausbildung direkt von den Rittmeistern (ohne vorherige Anleitung durch die Stallmeister) durchgeführt, was zu einem Qualitätsverlust in der Ausbildung führte.

[2] 1837 | Ernst Friedrich Seidler | „Leitfaden zur gymnastischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Eigenverlag – Gedruckt in der Dietericischen Buchdruckerei (E.G. Mittler) – Berlin |

[3] 1846 | Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur difficiler Pferde, die Korrektion verdorbener und böser Pferde“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler – Berlin, Posen und Bromberg

[4] 1844 | Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | Verlag von Friedrich August Herbig – Berlin

[5] Max Ritter von Weyrother beeinflusste neben de la Guérinière, Louis Seeger und Benno von Oeynhausen maßgeblich das Vermächtnis der Reitkunst von über 500 Jahren, welches sich die Wiener Hofreitschule verpflichtet hat, weiterzutragen.

[6] RÜCKENLINIE: Es werden hier nur die Wirbelkörper der Wirbelsäule ohne obere Dornfortsätze betrachtet.

[7] Die vordere Hauptfederung ist der Buggelenkswinkel (Schulter – Buggelenk – Querarm). Die hintere Hauptfederung sind die Hanken nach Definition der LEHRE VOM GRALSWEG, sprich der Hüftgelenkswinkel (Kreuzbein – Hüftgelenk – Kniegelenk).

[8] Damit ist kein durchhängender Rücken oder ähnliches gemeint, sondern es musste, damit überhaupt eine Beugung der Hinterhand ohne (Über)Dehnung des Nacken-Rückenbandes bei dieser aufgerichteten Hals- und Rückenlinie ermöglicht werden würde, ein leichtes Absenken des Rückens stattfinden, welcher dann wieder durch die Beugung der Hinterhand kompensiert wurde. Das Nacken-Rückenband blieb dabei in „Neutralspannung“. Eine „Aufwölbung“ des Rückens, wie dies die Rückenwahnsinnigen der Neuzeit fordern, würde zu einer körperlichen Schädigung der Struktur führen!

[9] Aktuell kann man diesen fehlenden SCHUB auch noch bei den Pferden, die in der Dressur bis zur höchsten Klasse „ausgebildet“ sind, erkennen.

[10] Diese reicht für kurzzeitige – auch aggressive – Fluchtbewegungen, ist allerdings nicht für Dauerleistungen geeignet.

[11] Carriere: Gewaltiger 2-Schlag-Galopp, bei dem jeweils die Vorderbeine gleichzeitig absprangen, gefolgt von den gleichzeitigen Hinterbeinen.

[12] Der Chok war eine besondere Art des Angriffs der Kavallerie. Dabei lief eine Reiterlinie mit größter Wucht auf die feindlichen Linien zu. Der Anlauf zum Chok in voller Carriere begann erst etwa 80-60 m  vor den gegnerischen Linien. Keine lebende Masse konnte diesen gewaltigen Aufprall widerstehen. „… die Gewalt der Carriere ist so groß, daß, wen diese volle Gewalt trifft, der wird widerstandslos niedergeritten. Pferde, die einmal gewohnt sind, beim Hochspringen die Hindernisse einzurennen, verlassen sich auf ihre Gewalt, ein Beweis, daß der stärkere Theil, dem der Andere weichen muß, nicht einmal Schmerz empfindet; kurz, die Gewalt der schnellen Bewegung wird Jedem klar werden, der für diesen Gedanken Beispiele sucht.“ (Otto Digeon von Monteton).