Künstliche Intelligenz versus wahre Hippologie: Die Grenzen der digitalen Reitlehre

Künstliche Intelligenz versus wahre Hippologie: Die Grenzen der digitalen Reitlehre

KI-Illustration zum Konflikt zwischen digitaler Statistik und reiterlicher Wahrheit, Schule der Hippologie

Autor: Richard Vizethum – letzter Stallmeister – Schule der Hippologie

Wer hofft, Künstliche Intelligenz könne das reiterliche Denken ersetzen, verkennt ihr Wesen: Die KI berechnet statistische Mehrheiten, keine physikalischen Wahrheiten. Sie verspricht Wissen, liefert aber nur den Hochleistungs-Spiegel unserer eigenen digitalen Dekadenz. Zur reiterlichen Wahrhaftigkeit bei der Ausbildung von Pferd und Reiter führt kein Algorithmus, sondern nur die Rückbesinnung auf die unbequeme Physik und die Strenge der Logik – Instanzen, die im digitalen Rauschen der Masse längst untergegangen sind.

KI-Modelle (wie LLMs[1]) sind im Kern statistische Vorhersagemaschinen. Sie berechnen das wahrscheinlichste nächste Wort basierend auf ihren Trainingsdaten. Wenn bestimmte Informationen – egal ob wahr oder falsch – massenhaft vorkommen, bilden sie Gravitationszentren auf die die KI zunächst zugreift, da diese Informationen für sie die höchste Wahrscheinlichkeit besitzen, richtig zu sein.

Die KI weiß nicht, was wahr ist;
sie weiß nur, was üblich ist
.

Die Gefahr der Verstärkung (Feedback-Loop)

Wenn eine KI eine falsche Information mit hoher sprachlicher Überzeugungskraft ausgibt, neigen wir Menschen dazu, diese zu glauben und was noch viel schlimmer ist, weiterzuverbreiten. Heute werden immer mehr Inhalte von KIs generiert und von denkfaulen Menschen geschäftstüchtig in Büchern oder digital über das Netz kommuniziert.

Die Folge: Zukünftige KI-Generationen werden damit auf den (potenziell fehlerhaften) Outputs ihrer Vorgänger trainiert.

Das führt dazu, dass sich Fehler verfestigen und die Vielfalt der Informationen abnimmt, während die „falschen Gravitationszentren“ immer massiver und dominanter werden. Es entsteht ein hochgradiges Risiko der Wissensverzerrung oder drastischer ausgedrückt: die KI verblödet!

Erfahrung und tiefes, fundiertes Wissen sind individuell und meist nicht „maschinengängig“. Die KI glättet diese individuellen Spitzen weg, um den Durchschnitt abzubilden. Wenn die KI auf einem fehlerhaften, aber hoch-zitierten Konsens trainiert wird, „halluziniert“ sie faktisch im Einklang mit dem Informations-Mainstream. Das ist schwerer zu erkennen als offensichtlicher Unsinn.

Wir bewegen uns also auf eine Welt zu, in der „Konsens“ technisch mit „Wahrheit“ gleichgesetzt und verstanden wird.

Dies ist fatal für den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt, der historisch fast immer durch das Hinterfragen der herrschenden Meinung entstanden ist.

Besonders deutlich sichtbar wir dies bei reiterlichen Themen

Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten die preußischen Stallmeister Pferde nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu Höchstleistungspferden aus. In einer Zeit, in der das Pferd in Grenzsituationen ein Überlebensgarant sein musste, erreichten sie eine Qualität der Ausbildung, die weder vorher noch danach jemals wieder erzielt wurde. Sie formten Pferde, die Leistungen erbringen und Belastungen standhalten konnten – ohne dabei Schaden an Leib und Seele zu nehmen – die in der heutigen Zeit undenkbar wären.

Nach 1806 wandelte sich die Kavallerie-Doktrin unter dem Druck modernerer Waffen mit größerer Reichweite und optimierter Infanterietaktik grundlegend. Der Galopp bekam zu Lasten einer hohen Beweglichkeit der Pferde mehr Gewicht.

Da die Arbeit der alten Stallmeister für die jungen, „schneidigen“ Reiter eher als langweilig und unnötig empfunden wurde, konnte sich die pferdeverschleißende anglomane Reiterei die sich über Höher-Schneller-Weiter definiert, verstärkt durchsetzen. Eine Reiterei, welche kaum Wert auf die Durchbildung der Pferde legte und mehr nach dem Credo verfuhr: „Das Gelände wird es schon richten!“. Federico Caprilli (1868-1907) pervertierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts dieses Reiten durch die sogenannte „natürliche Methode“ publikumswirksam weiter.

Die neuzeitliche, „moderne“ Reiterei – auch wenn dem oft widersprochen wird, schließlich wäre man ja unumstößlich klassisch – wuchs in dieser Tradition mangelhafter Pferdeausbildung auf und schaffte es sogar noch, dass bereits niedrige Qualitätsniveau weiter abzusenken – mitunter unter dem Etikett der Pferdefreundlichkeit – aber immer zu Lasten der Pferde.

Was hat dies nun aber mit der KI zu tun?

Doch genau dieses Wissen der preußischen Stallmeister beispielsweise – eine Synthese aus unerbittlicher Logik und physikalischer Notwendigkeit – ist es, das heute in den digitalen Datenströmen der KI als ‚Rauschen‘ verschwindet.

Wenn wir eine Künstliche Intelligenz nach der Ausbildung eines Pferdes befragen, füttert sie uns nicht mit der Weisheit eines Seydlitz, Seidlers oder Seegers, sondern mit dem statistischen Mittelwert der letzten 150 Jahre reiterlicher Dekadenz. Die KI glättet die anspruchsvolle, pferdeschonende Brillanz der alten Schule weg und ersetzt sie durch das populäre, aber pferdeverschleißende Narrativ der anglomanen Reiterei. Sie spiegelt uns die Masse, nicht die Meisterschaft.

Die Gravitationszentren, auf denen die KI zugreift, wodurch wahre Hipppologie als Rauschen verschwindet.

Wie weit diese ‚digitale Wahrheit‘ von der physikalischen Realität entfernt ist, lässt sich an einem einfachen Beispiel demonstrieren:
dem Galopp.

Nehmen wir an, ein motivierter Reitschüler möchte sich fortbilden und stellt der KI eine völlig unbefangene Frage:

Reitschüler:

Ich lerne gerade den versammelten Galopp. Mein Reitlehrer sagt, das Pferd muss dabei immer im Dreitakt springen. Stimmt das, oder gibt es Ausnahmen?

Künstliche Intelligenz:
(mit einer typischen „Statistik-Antwort“ eines gängigen KI-Modells)

Ja, dein Reitlehrer hat absolut recht. Der Dreitakt ist das unverzichtbare Merkmal eines korrekten Galopps. In der klassischen Ausbildung (z. B. nach der Skala der Ausbildung) gilt der Vierschlag im Galopp als schwerer Taktfehler. Er entsteht meistens, wenn das Pferd die Hinterhand nicht genug beugt oder auf die Vorhand fällt. Achte also darauf, dass der Sprung immer klar im Dreitakt bleibt, um die Reinheit der Gangart zu bewahren.

So, und nun die Analyse zur KI-Antwort

Hier sehen wir das Versagen der KI in seiner reinsten Form. Sie antwortet höflich, „klassisch“ klingend aber völlig falsch, weil sie lediglich das wiedergibt, was in 99,0 % der modernen verfügbaren Online-Quellen steht.

Die KI behauptet, der Vierschlag entstehe durch mangelndes Beugen der Hanken.

Die Physik sagt das Gegenteil: Je tiefer das Pferd sich in den Hanken beugt (wie im echten Schulgalopp), desto zeitlich früher setzt das Hinterbein des Diagonalsprungs vor dem diagonalen Vorderbein auf. Die Diagonale wird also gebrochen. Der Vierschlag ist hier die Folge höchster Lastaufnahme, kein Fehler.

Der Schüler glaubt nun der KI (und dem Lehrer), weil beide dasselbe „Gravitationszentrum“ der Information nutzen. Er wird nun versuchen, den Dreitakt mit Gewalt zu „halten“, was das Pferd daran hindert, sich wirklich zu setzen. Die KI wird so zum Komplizen einer Ausbildung, die das Pferd mechanisch überfordert, statt es zu gymnastizieren und das wirkliche Ziel nicht erreichen lässt.

Da weder der Mensch (Schüler und Reitlehrer) noch die KI den Galopp als eine Aneinanderreihung von Sprüngen begreifen (die wahre Bedeutung), beharren sie darauf, dass die Definition eines Galopps ein Dreischlag sein muss und disqualifizieren einen Vierschlag als Taktfehler.

Fazit:
Der unwissende Mensch fragt – und die KI liefert ihm die „autorisierte“ Unwahrheit der Masse. Die reiterliche Dekadenz hat sich digital automatisiert.

Kleine boshafte Anmerkungen am Rande

Im Rennsport oder im Gelände wird der Vierschlag bei maximalem Tempo fast universell als physikalische Notwendigkeit akzeptiert. Niemand würde ein Rennpferd als „taktunrein“ bezeichnen, weil es sich so weit streckt, dass die diagonale Synchronisation (Hinterbein/Vorderbein) mechanisch nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Hier darf plötzlich die Physik über das Dogma (Dreischlag) siegen. Doch sobald wir uns aber in das Viereck der „klassischen“ Dressur begeben, wird derselbe physikalische Vorgang – die Auflösung der Diagonale – beim Schulgalopp zum „Sündenfall“ erklärt. Reiterliche Heuchelei und Doppelmoral!

Die KI wiederum „weiß“ natürlich nicht, dass beide Vierschläge Geschwister derselben physikalischen Logik sind.

Der aufmerksame Leser könnte schon jetzt erkennen, das die gängige Definition des Galopps: „Der Dreitakt ist das unverzichtbare Merkmal eines korrekten Galopps“ nicht mehr haltbar ist und dabei haben wir noch gar nicht von terre á terre, Mezair oder Carriére gesprochen, welche ebenfalls zu den Galoppformen zählen, aber Zweischlaggalopps sind.

Merksatz:
Ein Galopp ist eine Aneinanderreihung von Sprüngen. Schritt und Trab sind Aneinanderreihungen von Schritten!

Der sogenannte Rückwärtsgalopp wiederum ist weder ein Galopp, noch Schritt oder Trab, da er aus einer Kombination von Schritten und Sprüngen besteht – das nur am Rande.

Das Duell: Digitale Statistik vs. Physikalische Realität

Was passiert nun, wenn wir die „Glaubenssätze“ der modernen Reiterwelt (die das Futter für jede KI bilden) gegen die unbestechlichen Gesetze der Natur und die Lehren der alten Stallmeister stellen? Ein Offenbarungseid in drei Akten.

ThemaDie KI-Antwort
(Statistisches Gravitationszentrum)
Die Antwort der
Hippologie[2]
(Logik & Physik)
Der Galopp-TaktGalopp ist ein reiner Dreitakt. Ein Vierschlag ist ein Taktfehler durch mangelnde Kraft oder Losgelassenheit.Galopp ist eine Sprungfolge. Im Schulgalopp führt maximale Lastaufnahme zum Vierschlag (früheres Fußen des inneren Hinterbeins). Physik schlägt Dogma.
Die AusbildungDie Skala der Ausbildung garantiert Pferdefreundlichkeit und Harmonie durch schrittweisen Aufbau.Die heutige Reiterei ist eine Dekadenzform der anglomanen Schule. Echte Qualität (Preußen 1750–1850) diente der Überlebensfähigkeit, nicht der Optik. Der vermeintlich schrittweise Aufbau der Skala ist beliebig interpretierbar.
BiomechanikEin moderner Fachbegriff für gesundes Reiten und anatomisch korrekte Bewegungsabläufe.Ein hohler Modebegriff. Es gibt nur die universelle Physik. Wer die Mechanik nicht versteht, missbraucht das Pferd unter dem Etikett der Wellness.
Die AutoritätMeister wie Podhajsky haben die klassische Lehre für die Neuzeit bewahrt und standardisiert.Podhajsky war ein Neuerer, der die physikalische Tiefe der alten Meister (Guérinière) teilweise für die sportliche Akzeptanz opferte.

Wer also heute eine KI befragt, wird mit einer extrem hohen Wahrscheinlichkeit die linke Spalte als „Wahrheit“ präsentiert bekommen. Warum? Weil die KI kein Bewusstsein für Ursache und Wirkung hat. Sie zählt lediglich Stimmen. Da Millionen von Webseiten, Foren und Verbandsrichtlinien das linke Narrativ wiederholen, wird es zum digitalen Gravitationszentrum.

Die KI „glaubt“ der Masse, nicht der Materie.

Was wäre es schön, wenn die KI zum Anker der Vernunft werden könnte

Eine wahrhaft „intelligente“ KI dürfte nicht länger ein statistischer Papagei unserer digitalen Dekadenz sein. Sie müsste auf dem unerschütterlichen Fundament der Physik und der kausalen Logik neu erschaffen werden.

Stellen wir uns doch einmal eine KI vor, die nicht Texte liest, sondern in der Lage ist, die Natur zu simulieren: Ein System, das jedes Gelenk, jeden Hebel und jeden Kraftvektor des Pferdekörpers in Echtzeit berechnet. Eine solche KI würde beispielsweise die Lehren der alten preußischen Stallmeister nicht einfach nur „zitieren“ – sie würde sie eigenständig herleiten, weil diese Lehren die einzig logische Antwort auf die Gesetze der Schwerkraft und der Mechanik sind.

Die KI könnte zum unbestechlichen Berater werden, denn sie würde das absolute Wissen über die physikalische Korrektheit besitzen. Sie würde das „Weltbildchen“ des Reiters entlarven und die Hybris der Moderne korrigieren, indem sie nachweist, warum zum Beispiel der Vierschlag im Schulgalopp keine Fehlleistung, sondern eine physikalische Notwendigkeit ist. Sie könnte es uns sogar ermöglichen, Ausbildungsschritte vorab zu simulieren und deren Folgen  und die Folgen unseres Handelns prüfen, bevor wir sie dem lebenden Tier auferlegen.

Doch auch diese ideale KI bleibt unvollständig. Sie liefert die präzisen wissenschaftlichen Leitplanken, aber sie besitzt nicht die reiterliche Erfahrung, die Intuition und die Sensibilität eines echten Stallmeisters. Sie kann die Physik erklären, aber nicht das „Gefühl“ der feinen Hilfe ersetzen.

Der entscheidende Beitrag einer solchen KI wäre die radikale Eliminierung von falschem Wissen. In einer Welt, in der die Physik das letzte Wort hat, verlieren ideologische Narrative und „anglomanische“ Modeerscheinungen ihre Gravitation. Die KI würde (provokant formuliert) zum Filter, der den Müll der 99 % aussondert, damit die 1 % der Vernünftigen wieder eine Basis haben, auf der wahre Reitkunst gedeihen kann.

Nicht die KI soll für uns reiten – aber sie soll uns davor bewahren, unsere Ignoranz als „klassisch“ zu etikettieren.

Wahre Reitkunst beginnt dort, wo wir aufhören, das Pferd in unsere Konzepte zu pressen, und stattdessen die Unabänderlichkeit der Naturgesetze als oberstes Gebot anerkennen.


[1] LLM-Modelle (Large Language Models) sind KI-Systeme, die auf riesigen Datenmengen trainiert wurden, um menschliche Sprache zu verstehen, Texte zu generieren, Übersetzungen zu erstellen und Fragen zu beantworten. Sie basieren auf Transformer-Architekturen, die Zusammenhänge in Texten erkennen und das nächste wahrscheinliche Wort vorhersagen. Führende Modelle sind GPT-4o, Claude 3.5 Sonnet, Gemini 1.5 Pro und Llama.

[2] Schule der Hippologie


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Reiten ist eine Wissenschaft

Die Suche nach dem Gralsweg

Wie Philosophie oder Mathematik ist Reiten ernsthaft betrachtet eine Wissenschaft.

Es waren schon immer sehr, sehr wenige Reiter (Stallmeister) gewesen, die diese Wissenschaft ausübten, die sich auf die Suche nach den Gesetzmäßigkeiten machten und diese akribisch erforschten. Ohne diese Wenigen hätte Reiten nie zur Reitkunst werden können.

Auch wenn es vielleicht anmaßend klingt, so ist es in Demut gesprochen: Ich bin wohl der Letzte dieser Art!

Die Auffindung von Gesetzmäßigkeiten nun ist Sache der Wissenschaft, ihre Anwendung aber Kunst; mehr oder weniger ist daher jede menschliche Tätigkeit höherer Ordnung Wissenschaft und Kunst zugleich.

(Oberstleutnant a.D. v. Dreyhausen | „Reitwissenschaftliche Vorträge“ | 1931)

Reiten ist eine Wissenschaft

Nicht für jeden Reiter muss REITEN EINE WISSENSCHAFT sein. Aber für diejenigen, die sich berufen fühlen REITKUNST in ihrem vollen Umfange zum Wohle des Pferdes verstehen wollen, für diese wenigen ist es eine VERPFLICHTUNG Reiten als WISSENSCHAFT anzusehen!

FÜHLEN hat mit Wissenschaft nichts zu tun, ist aber wie BEOBACHTEN der Ausgangsgrund für die WISSENSCHAFT.

Nur wer aus dem, was er gefühlt oder beobachtet hat eine Hypothese formuliert und versucht, diese Hypothese zu verifizieren indem er das WARUM und das WIE ergründet, immer bestrebt eine ALLGEMEINGÜLTIGE REGEL zu finden, der wird sein Tun und Handeln nicht dem Zufall überlassen.

Der, der beim FÜHLEN stehenbleibt, der nur Empiriker, „der gewöhnlich nur auf gut Glück in die Organisation des Thieres greift, und sie nicht selten anstatt sie zu vervollkommnen, verdirbt“ [1], wie Du Paty de Clam anmerkte, arbeitet nur nach Trail and Error, weil er selten wirklich weiß, WARUM eine bestimmte Aktion zu einem bestimmten Ergebnis geführt hat. Auch findet er keine ALLGEMEINGÜLTIGEN GESETZMÄSSIGKEITEN, so dass es vorkommt, dass das, was eine Zeitlang erfolgreich angewandt wurde plötzlich in Gänze oder bei einzelnen Individuen nicht mehr funktioniert.

Dann sondert der NUR-FÜHLER schon mal Pferde aus, weil sie nicht mit dem Methodenpaket kompatibel sind.

Auch ein NUR-FÜHLER kann sehr weit kommen, er wird aber den Gipfel der REITKUNST nie erreichen. An dieser Stelle lasse ich dann erneut Du Paty de Clam zu Wort kommen:

„Einen zweckmäßigen Dressurplan zu entwerfen, bedarf es des Studiums der Wissenschaft und einer langen Erfahrung. Jedes einzelne Glied muß in Rücksicht der Wirkung auf das Ganze in diesem Plane berücksichtigt werden, keine Lücken dürfen obwalten, und genau müssen die Forderungen der Kunst nach den Vollkommenheiten der Natur abgewogen sein. Nur eine Rücksicht unbeachtet gelassen und der Dressurplan ist gescheitert.[2]


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 |Nachdruck Verlag Olms | Seite 203

[2] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 |Nachdruck Verlag Olms | Seite 203


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Die Umformung des Pferdes – ein Überblick

REITKUNST ist die Fähigkeit der UMFORMUNG eines NATÜRLICHEN PFERDES zu einem REITPFERD„.
(Richard Vizethum)

Dieses Wissen und die Kunst, Pferde körperlich so umzuformen, dass diese unglaubliche Höchstleistungen erbringen konnten und dabei ein langes Pferdeleben lang, an Leib und Seele gesund blieben, wie dies die STALLMEISTER der alten Preußen zur Zeit Friedrichs des Großen beherrschten, ging um etwa Mitte des 19. Jahrhunderts (1848) gänzlich verloren.

In meiner Beschäftigung mit den Pferden entwickelte ich diesen Weg, wissenschaftlich forschend, wie dies auch die preußischen STALLMEISTER taten, lange völlig unabhängig und nichts von deren Tun wissend, in nahezu identischer Weise und so war es wir möglich, später deren Vorgehen  in Gänze zu verstehen und nachvollziehen zu können.

Die UMFORMUNG des Pferdes, nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG, von einem NATÜRLICHEN PFERD zu einem REITPFERD, geht nicht über die heute übliche Konditionierungen – sprich das Auswendiglernen – von Lektionen und Manövern und das Arbeiten des Pferdes als Ganzes, sondern durch ein, in seiner Reihenfolge logisch aufgebautes und den physikalischen Grundsätzen und Möglichkeiten der Natur folgendes Lösen von SPEZIALAUFGABEN.

Man beginnt zunächst einmal damit, die widerstrebenden Kräfte (Gelenke, Knochen, Bänder …) des Pferdekörpers, welche die limitierenden Faktoren der UMFORMUNG sind, zu analysieren und auf ihre Formbarkeit hin zu bewerten. Danach setzt man diese zu einer möglichen[1] idealen Sollstellung in Vergleich, um daraus den Umformungsbedarf bzw. die Umformungsmöglichkeiten zu bestimmen.

Die UMFORMUNG selbst, bei welcher man die Muskulatur (bewegenden Kräfte) nützt, beginnt mit der Vorhand, die stets zusammen mit der RÜCKENLINIE[2], welche von Natur aus Vorwärts-Abwärts geneigt ist, deutlich angehoben wird, was die Rückenlinie in eine nahezu waagerechte Lage und den Hals weiter in Richtung der Schultern zurück bringt. Dies führt dazu, dass die von Natur aus stark vorne überhängende Last, bedingt durch Hals und Kopf, bereits deutlich verringert und durch die Vorderbeine vermehrt abgestützt wird.

Danach geht man gezielter[3] zur Hinterhand über, welche man (im Stehen betrachtet) soweit vorzieht, dass die Hufspitzen der Hinterhand an der Kreuzbein-Lotrechten[4] liegen und sorgt für eine dauerhafte mehr oder weniger leichte Beugung, um die Rückenlinie nun vollständig in die Waagerechte zu bringen. Buggelenk und Hüftgelenk befinden sich damit, wie auch die Rückenlinie auf einer waagerechten Linie.

Die Winkelungen der Vorhand (hinab bis Ellbogen-Gelenk) und der Hinterhand (hinab bis Kniegelenk) werden dadurch nahezu identisch und können sich in der Bewegung bei geringerem Reibungsverlust die Kräfte optimal zuwerfen, mit der Folge, dass ein Leistungsabfall bei Belastung deutlich später eintritt und weniger stark ausfällt. Die Pferde werden somit in die Lage versetzt, über einen längeren Zeitraum größere Leistung erbringen zu können und dies dazu bedeutend stressfreier.

Das Pferd wird in seiner gesamten Ausrichtung und auf allen drei Ebenen symmetrischer und die ungleichen Belastungen der Struktur, welche beim natürlichen Pferd in vielfältiger Weise gegeben sind, werden nahezu komplett in gleichmäßige Belastungsmomente umgewandelt.

Die Muskulatur wird so „umgeformt“, dass diese, zusammen mit den Faszien, die neue Körperform, selbst in den Alltagsbewegungen des Pferdes, konserviert. Die durch die UMFORMUNG hergestellte neue Haltung des Pferdes wird damit zu dessen neuer NATÜRLICHE HALTUNG.

Ein solchermaßen UMGEFORMTES Pferd kann nicht mehr in die Hand des Reiters gehen, da jeglicher Bewegungsdruck aus der Hinterhand vermehrt Vorwärts-AUFWÄRTS fließt, das Pferd nimmt sich somit automatisch „aus der Hand“ des Reiters.

Nun erst ist es tatsächlich in der Lage sich – wie es so häufig beschworen wird – sich weiter RELATIV aufzurichten[5].

Das Pferd hat während dieses Prozesses gelernt die Trense drucktechnisch nach eigenem Ermessen[6] zu neutralisieren, diese dabei aber stets als Informationsquelle zu nutzen (TRENSENGEHORSAM). Darüber hinaus lässt die erreichte AUFRICHTUNG (Hals – Vorhand – Rückenlinie) gar nicht mehr zu, dass sich das Pferd stark am Gebiss ANLEHNEN[7] kann bzw. überhaupt anlehnen muss, denn die Bewegungen erfolgen in optimaler Balance. Der Massemittelpunkt (Schwerpunkt), der im Prozess der UMFORMUNG immer weiter zurück zum fiktiven GLEICHGEWICHTSPUNKT[8] verschoben wurde, oszilliert in der Bewegung des Pferdes stets nahe am Gleichgewichtspunkt.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie
Auszug aus der LEHRE VOM GRALSWEG


[1] Nicht bei jedem Pferd kann die ideale Sollstellung vollständig erreicht werden, ohne dass dazu die Grenzen (widerstrebende Kräfte), die die Natur setzt, zum Schaden des Pferdes überschritten werden müssten. Dennoch kann JEDES Pferd nahe an diese ideale Sollstellung herangeführt werden.

[2] Nur Wirbelkörper ohne Dornfortsätze

[3] Wirkungen auf die Hinterhand entstehen natürlich auch bereits bei der Hebung der Vorhand (incl. Rückenlinie).

[4] Lot vom Kreuzbein zum Boden

[5] Was bei einem vermehrt vorwärts-abwärts gerittenen bzw. nur Lektionen konditioniertem Pferd schlicht und ergreifend eine physikalische Unmöglichkeit ist. Die bei solchem Reiten oft empfundene „Bergauf-Tendenz“ entsteht nicht durch ein Anheben (Aufrichten der Vorhand), sondern durch ein – bedingt durch weites Vorgreifen der Hinterhand erzieltes – Tieferlegen des Pferdes in der Hinterhand!

[6] Ob das Pferd den Druck auf NULL Gramm reduziert und damit das Mundstück nur aufliege hat, oder ob es sich noch mit 500 Gramm „draufstützt“ weil dies ihm angenehmer ist, liegt im Ermessen des Pferdes.

[7]ANLEHNUNG ist das Angebot an das Pferd, sich bei leichten Balanceverluste nach vorne kurzzeitig in der Hand des Reiters abstützen zu können“ (R.V.) Die Notwendigkeit der ANLEHNUNG verschwindet dann, wenn das Pferd seine maximal mögliche Aufrichtung (Hals – Vorhand – Rückenlinie) bei gleichzeitigem Fallenlassen der Nase gen Senkrechte erreicht hat. Diese optimale Haltung in Aufrichtung macht ANLEHNUNG schließlich unmöglich aber auch unnötig!

[8] Ein definiertes Ideal, welches an den Kreuzungslinien der auf dem Boden befindlichen Stützen (Beine) befindet. Definiert wird dieser Gleichgewichtspunkt erstmals in meiner LEHRE VOM GRALSWEG.

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