Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Autor: Richard Vizethum | letzter Stallmeister | Schule der Hippologie

Wer heute die „Richtlinie für Reiten und Fahren“  Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung aufschlägt, begegnet dem Schenkelweichen als Standard einer vermeintlich lösenden Basislektion mit historischen Wurzeln. Doch was, wenn diese Tradition auf einer Richtlinien-Anpassung an mindere reiterliche Qualitäten und der Fehleinschätzung eines Springreiters beruht?

Begleiten Sie mich auf eine detektivische Spurensuche durch die Archive der „Reitkunst“.

Wir beginnen mit de la Guérinières Werk aus dem Jahre 1733: „École de Cavalerie“. Bei diesem gibt es genau zwei Seitengänge: „Épaule en dedans“ (Kapitel 11 – Schulterherein) und „Croupe au mur“ (Kapitel 12 – Renvers). Ein Schenkelweichen wird man darin vergeblich suchen.

Allerdings in der ersten deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1791 durch Johann Daniel Knöll findet man tatsächlich einmal (!) und zwar im 12. Kapitel, also das Kapitel in dem Guérinières das Renvers beschreibt, das Wort „Schenkelweichen“. Wie aber kommt es dazu?

Betrachten wir hierzu den französische Ursprungstext von de la Guérinière aus dem Jahre 1733 welche zu der deutschen Übersetzung „Schenkelweichen“ führte:

M. de la Broue est de ce sentiment, quand il conseille de ne se servir de la muraille, pour faire fuir les talons aux Chevaux, que pour ceux qui pèsent ou qui tirent à la main …[1]

Die Begrifflichkeit, die Knöll mit „Schenkelweichen“ übersetzte war „faire fuir les talons“ („Den Fersen – oder den Schenkeln/Sporen“) fliehen[2]/weichen“). Das Pferd soll also auf Druck oder ein Signal hin mit den Hinterbeinen seitwärts treten. Verkürzend kreierte Knöll daraus den Begriff „Schenkelweichen“, der damals als rein funktionale Handlung für jeden halbwegs verständigen Reiter aus dem Kontext ableitbar war.

Das „Haugk-Phänomen“:
Wenn Übersetzung zur Verfälschung wird

Bevor wir uns nun die zeitliche Abfolge der Entwicklung des „Schenkelweichens“ ansehen, machen wir zunächst einen Sprung vorwärts, ins Jahr 1932. Dort hat der moderner Übersetzer de la Guérinières, der stark angloman vorbelastete Oberst Siegfried von Haugk[3] (1886 – 1955) den Begriff „Schenkelweichen“ in seiner Übersetzung nicht nur fast „inflationär“ gebraucht, sondern verfälschte damit historische Begrifflichkeiten bis zur Unkenntlichkeit bzw. tilgte diese fast gänzlich.

So übersetzt er beispielsweise die Guérinière’sche Original-Passage:

« Quoique la leçon de l‘épaule en dedans & celle de la croupe au mur, qui doivent être inséparables »[4]

mit:

Schulterherein und Schenkelweichen gehören unbedingt zusammen …[5]

Damit bezeichnete er das  (croupe au mur = Renvers) fälschlicherweise als „Schenkelweichen“. Besonders problematisch ist dies im Kontext des Jahres 1932: Da das moderne, als feste Lektion substantivierte Schenkelweichen zu diesem Zeitpunkt bereits seit 20 Jahre existierte und sowohl in der DVE 12 von 1912 (erstmalig) als auch in deren 2. Auflage, der H.Dv. 12 von 1926, präzise und in identischer Weise ein-eindeutig beschrieben wurde, was dazu führte, dass weniger belesene und gebildete Reiter den Ursprung des modernen „Schenkelweichens“ bereits bei de la Guérinière verorten konnten.

Haugk hat damit nicht Guérinière ins Deutsche übersetzt, sondern die anglomane „Reitkunst“ seiner Zeit in Guérinière hineininterpretiert.

Zum Vergleich die korrekte Übersetzung von Johann Daniel Knöll (1791):  „So vortrefflich aber auch die Schulen der Schulter einwärts und die der Crupe an die Mauer, die unzertrennlich sein müssen …[6]

Die Ära der Verben:
Reaktionen statt Lektionen (1825–1882)

Historisch gesehen gab es vor 1825 nie, weder bei de la Guérinière noch in den Zeiten davor, eine spezielle Übung, welche das Pferd explizit auf ein einseitiges Reiterbein konditionieren sollte (im Sinne einer isolierten Reaktion), um es damit auf echte Seitengänge[7] vorzubereiten.

Vielmehr war der Gehorsam auf das Bein eine Folge der korrekten Einrahmung des Pferdes auf Zirkeln und Volten, um es zu stellen („biegen“) und auf eine vermehrte Hinterhandbelastung vorzubereiten, welche dann, unter anderem, durch die echten Seitengänge verstärkt wurde. Als eine weitere Voraussetzung für die echten Seitengänge wurde historisch sehr häufig der verkürzte Trab genannt, zu dem das Pferd bereits befähigt sein sollte – dies sei hier nur ergänzend erwähnt.

Eine vorbereitende Übung, um auf das einseitige Reiterbein zu konditionieren, wurde zum ersten Mal in der Sohr’schen Reitinstruktion von 1825 (Band 2) genannt, ohne dass darin die Begrifflichkeit „Schenkelweichen“ Erwähnung fand:

Während der Uebungen auf dem Zirkel kann man zuweilen die inwendigen Zügel und Schenkel etwas stärker, als die auswendigen wirken lassen, um das Pferd allmählig mit der Kruppe auswärts zu setzen und zum Uebertreten der inwendigen Füße über die auswendigen zu bewegen, als Vor-Uebung zu den Seiten-Gängen. In diesen nemlich geht das Pferd mit den Vorder-Füßen auf einem andern Hufschlage, als mit den Hinter-Füßen, und tritt mit den Füßen einer Seite über die andern weg.[8]

In dieser Reitinstruktion, die in gewisser Weise auch einer, zur damaligen Zeit schlechteren und durchaus gefährlicheren Pferdequalität Rechnung trug, wurde bei dieser Übung auf dem Zirkel geritten und an der offenen Seite desselben das innere Bein verstärkt angelegt und der innere Zügel etwas mehr angenommen. Das Pferd sollte nun dem Druck des inneren Beins weichen und die Kruppe (dies ist dabei sehr wichtig) nach außen, auf einen von der Vorhand abweichenden Hufschlag verschieben („Kruppe auswärts“). Dabei kommt es zu einem Überkreuzen  – primär der Hinterbeine. Bei Erreichen des Paradepunktes (Zirkelpunktes) wurde das Pferd wieder gerade bzw. auf die Zirkellinie des nächsten Zirkels gestellt. Mit der Zeit und vor allem häufigen Wiederholens (Drill) lernten die Pferde vermehrt auf das einseitige (innere) Bein zu reagieren.

1837 gestaltete Ernst Friedrich Seidler (1798 – 1865), ein Schüler des namhaften Oberbereiters der Wiener Hofreitschule Max Ritter von Weyrother, die 1825 bei Sohr beschriebene Übung in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes[9], effektiver und nachhaltiger, indem er das Weichen der Kruppe nach außen „nachdrücklicher“ forderte. Er überschrieb das Kapitel, in dem er dieses, sein Verfahren sehr ausführlich beschrieb, mit „Schenkelweichen“.

In seinem zweiten Werk „Die Dressur diffiziler Pferde“ aus dem Jahre 1846 bezeichnete er diese Vorgehen dann aber zutreffender als „Kopf herein, Kruppe hinaus[10]. Damit lag er begrifflich – wenn auch inhaltlich deutlich erweitert – beim „Kruppe auswärts“ aus dem Jahre 1825.

1882 in der „Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – Teil II[11] erschien der Begriff „Schenkelweichen“ erneut und zwar in der Form der Vorgänger-Instruktion von 1825. D.h. man ließ die Hinterhand  – auf einem Zirkel gehend – vom inneren Bein aufgefordert nach außen weichen, während die Vorhand weiter auf der Zirkellinie spurte. Einen kleinen Unterschied gab es dennoch: vor dem Wirken des inneren Beins wurde der äußeren Zügel leicht anstehen lassen, wodurch die Vorhand etwas verhalten wurde und das Weichen der Hinterhand bei korrekter Anwendung begünstigte.

In dieser Reitinstruktion wurde darüber hinaus vor den echten Seitengängen eine zusätzliche vorbereitende Übung eingeschoben, welche mit „Vorhand in den Zirkel gestellt[12] bezeichnet wurde. Während bei dem vorgenannten „Schenkelweichen“ das Reiterbein dafür Sorge zu trage hatte, dass die Kruppe nach außen auswich, waren es nun vermehrt die Zügel, die das Pferd mit der Vorhand nach innen stellten:

…die innere Faust wendet ab, der äußere Zügel wirkt am Halse anliegend nach der inneren Brust des Reiters, die Schenkel drücken die Hinterfüße heran. Gleich darauf drückt der innere Schenkel die Hinterhand – wie beim Schenkelweichen – seitwärts.[13].

Da diese Übung auch auf einer Gerade geritten wurde hieß die Anweisung an die Reiter in diesem Fall: „Vorhand in die Bahn gestellt“.

Ein kleiner Einschub – Steinbrechts Verdikt:
Physik schlägt Terminologie (1886)

Bei Gustav Steinbrecht (1808–1885) findet sich in seinem Standardwerk ‚Das Gymnasium des Pferdes‘ aus dem Jahre 1886 kein, wie in den Reitinstruktionen beschriebenes ‚Schenkelweichen‘ als vorbereitende Übung auf die Seitengänge – und damit nicht einmal die Idee zu einer isolierten Lektion, wie sie 1912 dann schließlich entstand. Steinbrecht setzte ein unmissverständliches Verdikt gegen jede Form der rein mechanischen Seitwärtsbewegung: Für ihn waren Seitenbewegungen ohne Biegung und Versammlung immer falsche Lektionen.[14] Genau diese beiden Voraussetzungen fehlen beim modernen „Schenkelweichen“ völlig!

1912:
Die Geburtsstunde des Substantivs

Mit der DVE 12 von 1912 vollzog die deutsche Lehre eine folgenschwere Metamorphose: Was seit der Sohr’schen Instruktion 1825 lediglich eine dynamische Reaktion auf eine einseitige Hilfe war – das Weichen vom Schenkel – wurde nun, zum statischen Eigenamen erhoben. Das Schenkelweichen in seiner heutigen Form war geboren. Damit wurde ein rein kommunikativer Vorgang („das Pferd soll vom Schenkel weichen“) der in verschiedenen Varianten existiert hatte, zur verfestigten Lektion deklariert.

Die Gründe dafür lagen in der immer schlechteren reiterlichen Qualität und in dessen Folge, das damals schon seit Jahrzehnten häufig vorkommenden, falsch verstandenen Reitens von Seitengängen, bei dem die Pferde mit dem inneren Zügel stark überbogen wurden. Man sah sich genötigt mit einem erzieherischen Hilfskonstrukt dem einen (der schlechten reiterliche Qualität) Rechnung zu tragen und das andere (das Überbiegen der Pferde) zu unterbinden und schuf so eine, auf die Seitengänge vorbereitende Lektion, welche zwar zwei Übel bekämpfte, um andere zu schaffen. So hat man beispielsweise den Fehler (falsche Biegung) nicht durch korrekte Ausbildung geheilt, sondern durch die Abschaffung der „Biegung“ in dieser Übung umgangen.

Der Nutzen dieser Lektion – die bis heute exakt so geritten wird – ist rein biomechanisch betrachtet nicht nennenswert (eher im Gegenteil). Dies wurde bereits in der DVE 12 von 1912 eindeutig benannt:

Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und bereitet ihn so für das Reiten der Seitengänge vor. Es bahnt auch in dem jungen Pferde das Verständnis und damit den Gehorsam auf die bei den Seitengängen zur Anwendung kommenden Hilfen an.[15]

D.h. diese Übung wurde primär für den Reiter und nur sekundär für das Pferd geschaffen, was auch durchaus aus der folgenden Passage erkennbar ist. Es ging nicht um Gymnastizierung des Pferdes, nur um dessen Gehorsam auf das Reiterbein:

Als eine die Tätigkeit der Hinterhand fördernde Übung im Sinne der Reitkunst ist das Schenkelweichen nicht zu betrachten. Es ist aber ein zwingendes Mittel zur Erzielung des Gehorsams auf die inneren Hilfen.[16]

Mehr erwartete man von dieser rein pädagogischen Maßnahme damals nicht. Erst später, durch Müseler (1933), wertete man diese Übung – entgegen jeglicher biomechanischer Logik – auf, indem man ihr einen lösenden Charakter zuschrieb.

Das Dogma verfestigt sich:
Von der H.Dv. zur FN

Der letzte Akt dieser terminologischen Irrfahrt vollzog sich beim Übergang in die moderne Zivilreiterei der Nachkriegszeit. Während sogar noch die H.Dv. 12 von 1937 das Schenkelweichen nüchtern als Gehorsamsmittel zur Vorbereitung der Seitengänge[17] sah („Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und das Pferd den Gehorsam auf diese.[18]), dichteten die späteren FN-Richtlinien der Lektion eine ‚lösende Wirkung‘ – welche biomechanisch betrachtet völlig abwegig ist – an und hob sie in den heiligen Stand der „lösenden Übungen“. Da das Pferd in sich völlig gerade im Torso und Hals sein soll, ist keine kreuzende Bewegung der Beine, die lösend wirken könnte, möglich – eher im Gegenteil, das Pferd macht vermehrt fest.

Der entscheidende Impuls für diese heutige Sichtweise kam 1933 durch eben Wilhelm Müseler. In seiner einflussreichen „Reitlehre“ erhob er das Schenkelweichen in den Rang einer Lockerungsübung:

Schenkelweichen ist eine lösende Übung, die Beine treten über- und voreinander, deutlich auf zwei Hufschlägen, bei viel Abstellung geringe Biegung des Pferdes.[19]

Damit lieferte Müseler das theoretische Fundament für die spätere Übernahme dieses biomechanischen Unsinns „lösende Übung“ in die FN-Richtlinien.  

Zumindest erkannte er aber dass das „Schenkelweichen […] nicht dazu [dient], die Tätigkeit der Hinterhand zu fördern …[20] (Wie dies auch 1912 bereits festgestellt wurde), was eben in einer Seitwärtsbewegung nur durch ein „gebogenes“ Pferd und einer kreuzenden Bewegung möglich wäre und widerspricht sich im Grunde somit selbst.

Die grafische Kontinuität in den Heeresdruckvorschriften verdeutlicht den ursprünglichen Charakter der Übung: Die Darstellungen von 1912, 1926 und 1937 sind nahezu deckungsgleich – das Pferd bleibt ein ungebogener ‚Block‘, der lediglich seitwärts verschoben wird.

Erst Müseler (1933) bricht etwas mit dieser Darstellung. Die von mir eingefügten Linien in den Grafiken von 1937 und bei Müseler verdeutlichen das Dilemma: Während die offizielle Lehre über Jahrzehnte keine biomechanische Einwirkung suggerierte, impliziert Müseler eine Linienführung, die eine physische Einwirkung vorgaukelt, die bei einem völlig geraden Pferd anatomisch nicht stattfinden kann. Dass die heutigen Richtlinien (Bd. 1) visuell der 1912er-Darstellung folgt, erzeugt einen bizarren Widerspruch: Man zeichnet die starre Lektion von 1912, schreibt ihr aber im Begleittext weiterhin die lösende Wirkung zu, die erst durch die Fehlinterpretation Müselers ab 1933 populär wurde.

Das Fazit:
Vom kurzzeitigem Gehorsamsmittel zum ‚lösenden‘ Dauerbrenner

Das heutige Festhalten am Schenkelweichen als ‚lösende Lektion‘ ist weit mehr als ein biomechanischer Irrtum – es ist das Symptom einer reiterlichen Degeneration. Anstatt die anspruchsvolle Kunst der korrekten „Biegung“ und Versammlung (für ein gesundes Reitpferd) in echten Seitengängen zu lehren, welches Zeit und ein tieferes biomechanisches Verständnis erfordert, hat man die Anforderungen, wie an vielen anderen Stellen auch, schlichtweg dem Unvermögen der Masse angepasst. So gehört auch das dreispurige Schulterherein zu diesen massetauglichen Vereinfachungen,um es Reitern und Richtern leichter zu machen.

Das moderne Schenkelweichen ist schlicht die Kapitulation vor der Komplexität: Da das korrekt ausgeführte, und für ein gesundes Reitpferd unabdingbare Arbeiten, in den echten Seitengängen (4-spurigen Schulterherein und Renvers) für den Durchschnittsreiter offenbar zu mühsam geworden ist, hat man einfach das mechanische, starre Seitwärtsschieben in sträflicher Weise zur wertvollen „lösenden Übung“ deklariert und damit ermöglicht, dass diese biomechanisch nutzlose Lektion (Nicht jede Bewegung fördert die Beweglichkeit!) Einzug halten konnte im täglichen Arbeits-Repertoire für Pferde jeden Alters und jeden Ausbildungsstandes!

Dafür war das Schenkelweichen von 1912 nicht gedacht!

Für all diejenigen, die meinen Worten vielleicht nicht viel beimessen und immer noch am Schenkelweichen festhalten wollen, statt sich – im Sinne der Pferde – mit den echten Seitengängen zu beschäftigen, hier noch die Worte von Alois Podhajsky (1898 – 1973) und Kurt Albrecht (1920 – 2005), beide ehemalige Oberbereiter an der Wiener Hofreitschule, welche deutlich machen, wofür das Schenkelweichen ursprünglich gedacht war bzw. wann es als Ausbildungsschritt enden sollte.

Zunächst Alois Podhajsky:

Dem Schenkelweichen soll aber niemals mehr Bedeutung beigemessen werden, als ihm zukommt – es soll nur dem Begreiflichmachen der Hilfen dienen. Leider ist in der neueren Epoche der Reitkunst vielfach das Gegenteil der Fall. Es wurde diesem Hilfsmittel auch in der deutschen Reitvorschrift eine viel zu große Rolle eingeräumt.[21]

Mit der „großen Rolle“ meint Podhajsky die Deklaration in der FN-Richtlinie als „lösende Übung“.

Sobald das junge Pferd dem seitwärtstreibenden Schenkel des Reiters gehorcht, wird der Zeitpunkt zum Lehren der Seitengänge selbst gekommen sein.[22]

Ergänzend Kurt Albrecht:

Das Schenkelweichen wird nur im Schritt ausgeführt. Wenn es seine Aufgabe erfüllt hat kann es aus dem Ausbildungsprogramm wieder weitgehend gestrichen werden. [23]

Ich hoffe sehr, dass mein Text zum Nachdenken anregen und einen Beitrag dazu leisten konnte, das reiterliche Begriffe wie das „Schenkelweichen“ zukünftig richtig eingeordnet werden und nicht mehr nach dem Prinzip verfahren wird: „Es machen ja alle und damit wird es schon richtig sein!“. Oder noch schlimmer, wie es die Verfechter der modernen „Reitlehre“ tun, diese „Lehre“ und die Methoden darin als „klassisch“ und „unumstößlich“ zu bezeichnen und gedankenlos zu verteidigen, ohne den wahren Sinn dahinter verstanden zu haben.


[1] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 110

[2] Im 18. Jahrhundert war die Reaktion oft „explosiver“ gedacht als das heutige, eher gemächliche Weichen; das Pferd sollte dem Sporn tatsächlich unmittelbar „entfliehen“

[3] Feodor Siegfried von Haugk (* 28. März 1886 in Großenhain; † 4. Mai 1955) war ein deutscher Reiter. Er stieg in seiner militärischen Laufbahn bis zum Oberst auf und war Kommandeur der Reit- und Fahrschule Oschatz.

[4] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 113

[5] François Robichon de la Guérinière | „Schule der Reitkunst“ | deutsche Übersetzung durch Siegfried von Haugk | Deutscher Archiv-Verlag – Berlin | 1932 | Seite 131

[6] François Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 203

[7][7] Gemäß meiner LEHRE VOM GRALSWEG gibt es nur zwei echte Seitengänge. Diese sind das Schulterherein auf vier Spuren und das Renvers (Travers und Traversale sind mit dem Renvers identisch.

[8] Friedrich Georg Ludwig von Sohr | „Instruktion zum Reitunterricht für die königlich preußische Kavallerie“ Teil 2 | Berlin | 1825 | Seite 46f

[9] Ernst Friedrich Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Nachdruck der Ausgabe Berlin 1837 | Olms-Verlag 1977 | Seite 184ff

[10] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler – Berlin, Posen und Bromberg | 1846 | Seite 209

[11]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 108

[12]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[13]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[14] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1886 publiziert) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 161

[15] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121

[16] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121f

[17] Im Gegensatz zu der DVE 12 von 1912 und der H.Dv. 12 von 1926 wo es generell als Vorbereitung auf alle Seitengänge (Schulterherein, Revers, Travers und Traversale) gesehen wurde, reduzierte man diese Vorbereitung ausschließlich auf das Schulterherein, da die anderen Seitengänge dort nicht mehr thematisiert wurden.

[18] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 61

[19] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[20] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[21] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 124

[22] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 125

[23] Kurt Albrecht | „Dressurlehre für Reiter und Turnierrichter“ | 1. Auflage 2009|Verlag Olms Presse | Seite 58


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Der Weg zur Reitkunst – Reitkunst ist der Weg

Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Der letzte Stallmeister | Denkender Reiter

Kann man die „Reitmeister“ der Vergangenheit eigentlich unter dem „gleichen“ Begriff der REITKUNST subsummieren?

Um diese Frage zu beantworten bedarf es einer klaren Definition dessen, was man unter REITKUNST verstehen kann. Würde man heute diese Frage in einer Runde stellen, dann würde die einhellige Meinung vorherrschen, dass REITKUNST sich in jenen überzeichnenden Pferdebewegungen, Piaffen, Passagen, … oder sogar SCHULEN über der Erde ausdrückt. Doch dieses sind lediglich die Produkte einer KUNST.

Der Mensch bequem („Alles was lebt ist faul!“) versucht nun, solcherlei  Produkte zu erschaffen, ohne dabei die KUNST, die zu ihnen hinführt wirklich zu verstehen. Diese KUNST wahrhaftig zu beherrschen und vor allem weiterzuentwickeln war und ist nur sehr wenigen Menschen – den wahrhaft DENKENDEN REITERN – vorbehalten.

REITKUNST ist die körperliche und geistige Formung (UMFORMUNG) eines Lebewesens. REITKUNST bevorzugt oder benachteiligt dabei keine Rassen und Charaktere. REITKUNST schreckt auch nicht vor körperlichen Unzulänglichkeiten der zu formenden „Masse“ zurück. REITKUNST ist bestrebt, jedes „Ausgangsmaterial“ zur Vollkommenheit zu bringen. Einer Vollkommenheit, die nicht eitlem Selbstzweck dient, sondern darauf abzielt, dass es dem Pferd jene Form gibt, in der es sich optimal und energiesparend bei allen noch so hohen Leitungsanforderungen bewegen und dabei ein möglichst langes Pferdeleben lang gesund bleiben kann. 

Diese Begriffsdefinition von REITKUNST stellt den Kulminationspunkt seiner begrifflichen Entwicklung dar. Die LEHRE VOM GRALSWEG wiederum den Kulminationspunkt der Wegbeschreibung dieser KUNST.

Die Völker, welche Pferde zum ersten Mal zu Reitzwecken nutzten, machten sich noch keine Gedanken über die REITKUNST, deren Kunst war es, oben zu bleiben. Das hat sich allerdings bis in die heutige Zeit hinein gehalten. Mit zunehmender Nutzung der Pferde als Reittiere und einem höheren Domestizierungsgrad begannen sich einzelnen Menschen etwas mehr Gedanken über die Pferde und deren Ausbildung zu machen. Xenophon (430 v.Chr. – 354 v.Chr.) sei hier exemplarisch erwähnt, obwohl es sicherlich vor ihm auch schon Reiter gab, die sehr langsam begannen an dem zu entwickeln, was man nun durchaus mit der Überschrift REITKUNST versehen kann. Zu Xenophon sei angemerkt, dass er in der „Pferdeliebe“, die man ihm heute nachsagt, völlig überschätzt. Aber gegenüber den, nur draufspringenden und lospreschenden „Reitern“, denen ein Pferd im Falle seiner Vernichtung immer noch als Nahrungsmittel dienen konnte, war dies schon ein erster guter Entwicklungsschritt.

Der Italiener Grisone (1507 – 1570), dem man nachsagt Xenophon in der ersten lateinische Übersetzung von Camerarius aus dem Jahr 1537 gelesen zu haben, versuchte hier weiterzuentwickeln. Die Methoden, welche man als experimentell bezeichnen muss, waren sicherlich zum Teil extrem brutal (man kennt vielleicht das Bild von Grisone, wo er ein Pferd in extremer Rollkur reitet – als Beispiel), aber man wußte es einfach noch nicht besser und tastete sich vor.

Die christliche Glaubenslehre, die den Menschen über alle anderen Lebewesen stellt,  trug sicherlich auch dazu bei, dass man nicht zwingend bestrebt war, immer gleich zu versuchen das feinste Mittel zu finden. Auch waren die Pferde – auch wegen der rüden Behandlungen, der Aufstallungen etc. – sicherlich nicht immer ganz ungefährlich. 

Salomon de Broue (1530 – 1610) ein Schüler von Giovanni Pignatelli (1540 – 1600), der wiederum ein Schüler von Grisone war, versuchte nun an vielen Stellen bereits die eine oder andere „feinere“ Methodik, hing aber immer noch der neapolitanischen Gewaltschule an und brachte diese nach Frankreich.

Die REITKUNST entwickelte sich und die Brutalitäten in Methoden und Handeln wurden weniger. Namen wie Antoine de Pluvinel (1552 – 1620), William Cavendish, der 1. Herzog von Newcastle (1592 – 1676) und schließlich François Robichon de la Guérinière (1688 – 1751) trugen hier, die REITKUNST entwickelnd, viel dazu bei. Man hatte inzwischen einfach schon deutlich mehr Wissen (Wo Wissen fehlt – regiert die Gewalt).

Eine weitere, zunächst letzte, aber umso mächtigere Entwicklung, erfuhr die REITKUNST, hin zu einer immer feineren, effizienteren Form, durch die preußischen Stallmeister zur Zeit Friedrichs des Großen und darüber hinaus noch bis etwas zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Stallmeister, zum Teil im Range von Professoren, welche Hippologie an Universitäten lehrten, gingen die Pferdeausbildung höchst wissenschaftlich an. Nie vorher in der Geschichte wußte man mehr über Pferde, deren Verhalten und einer feinen und hochqualifizierten Pferdeausbildung wie bei den alten Preußen des 18. und auslaufend bis Mitte 19. Jahrhundert.

Dennoch hatten auch diese Stallmeister den GRALSWEG noch nicht vollständig beschritten. Es gab noch etwas, wenn auch nur sehr wenig, Entwicklungspotenzial zu noch mehr Feinheit.

Jedoch gab es ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine schwerwiegende Zäsur. Jene schon zu Zeiten des Herzogs von Newcastle und wahrscheinlich schon davor sehr beliebte und von England ausgehende, Jagdreiterei, fand immer mehr Anklang auf dem Kontinent. Ein Grund für die nahezu schlagartige Verbreitung, welche Jagd- und damit auch die Sport- und Geländereiterei, ab Mitte des 19. Jahrhunderts fanden, darf auch auf Veränderungen im Verwendungszweck der Kavallerie zurückgeführt werden.

Für diese, auf Grund ihres Ursprungs, als ANGLOMANE REITEREI (Englisch Reiten) bezeichnete Form des Reitens, zählte ein Pferdeleben nicht besonders viel. Mit ihr kehrte man wieder in eine Zeit der Naturreiterei zurück, für welche REITKUNST keine Rolle spielte und die Kunst der Ausübenden eben lediglich darin bestand im Sattel zu bleiben. Genau diese Reiterei haben wir auch heute noch. Die Dressurreiter (beispielsweise) heutiger Zeit haben von REITKUNST nicht die geringste Ahnung, sie lernen oben zu bleiben und ihre Pferden müssen die Lektionen „auswendig“ lernen – mehr ist da nicht, von Springreitern will ich gar nicht erst reden!

Die ANGLOMANE REITEREI, für die Pferdeleben und -gesundheit nichts zählt, hat auch jeden Feinheitsgrad wieder verdrängt und Rohheit und Brutalität den Pferden gegenüber Tür und Tor geöffnet.  

Alle sogenannten Reitmeister der Neuzeit sind nur Nachahmer, die nichts zur Entwicklung der REITKUNST beizutragen haben. Deren Verdienst aber liegt darin, dass sie zumindest versuchen etwas von dem Wissen der Vergangenheit gegen einen Tsunami der Inkompetenz und Gedankenlosigkeit zu stellen, was man hoch anrechnen muss.

Die REITKUNST und ihre wenigen (wissenschaftlichen) Entwickler, kann man durchaus unter einem Begriff subsummieren, denn REITKUNST musste sich entwickeln. Dabei immer aufbauend auf dem Wissen der Vergangenheit (und sei dieses vielleicht auch noch so brutal gewesen).

Meine LEHRE VOM GRALSWEG stellt zwar den Kulminationspunkt dieser Entwicklung dar, aber steht auf den Schultern all jener, wenigen (NACH)DENKENDEN REITER der Vergangenheit, welche zur Entwicklung einer der großartigsten Künste beigetragen haben: DER REITKUNST.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter


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Ein Konter dem Konterschulterherein

Auszug aus dem Arbeitspapier der LEHRE VOM GRALSWEG

X.1. | Grundsätzliches

X.1.1. | Der Begriff KONTERSCHULTERHEREIN ist im Grunde irreführend, da die Form, in der das Pferd geritten wird, dem eines SCHULTER(N)HEREINS[1] entspricht, vor allem dann, wenn es als KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG [X.2.2. ] auf gerader Linie ausgeführt wird. Lediglich das KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINIE (Volte, Zirkel) [X.2.3. ] unterscheidet sich von einem normalen Schulter(n)herein dergestalt, dass die Hinterhand einen kleineren Kreis als die Vorhand beschreiten muss und diese dadurch stärker in die Beugung gezwungen werden könnte[2]. Wie beim Schulter(n)herein kreuzen (Hinterhand) bzw. schränken (Vorhand) auch beim Konterschulterherein beide Beinpaare.

X.1.2. | Das KONTERSCHULTERHEREIN in seinen beiden Varianten gehört nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG zu den BEWEGUNGEN IN GEBOGENER FORM DES PFERDES (siehe Bild).

Bei dieser Form ist die Körperlängsachse des Pferdes (Schweifrübe bis Widerrist) gerade[3], die Schultern werden leicht schräg von der Körperlängsachse nach innen[4] gestellt (KP1). Der Hals kommt gerade und zu den Schultern parallel aus diesen heraus. Im Genick-Ganaschenbereich (KP2) wird das Pferd ebenfalls leicht nach innen gestellt, dabei sollte die Nase nicht über eine gedachte Verlängerungslinie der Schultern nach vorne hinausgehen[5].

X.1.3. | Die Regeln der Hilfengebung beim KONTERSCHULTERHEREIN entsprechen vollständig denen des SCHULTER(N)HEREIN.

X.1.4. | Um das KONTERSCHULTERHEREIN grundsätzlich in Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit beurteilen zu können, ist vorab ein wichtige Fragestellung zu klären, die da lautet: Muss ein Pferd den Bewegungsablauf des SCHULTER(N)HEREIN überhaupt erlernen? Häufig wird dieses „Erlernen“ als (Teil)begründung für die Anwendung des Konterschulterherein angeführt. Die Antwort nach der LEHRE VOM GRALSWEG ist ein kategorisches NEIN!

X.1.4.1. | Das SCHULTER(N)HEREIN ist eine technische Bewegung, bei der das Pferd körperlich positioniert (BEWEGUNGEN IN GEBOGENER FORM DES PFERDES) und durch Reduzieren des Vorgriffs des äußeren Vorderbeins (HALBE PARADE) die Vorwärtsbewegung in die nötige Seitwärtsbewegung gebracht werden kann. Dies ist alleine über den korrekten Sitz und die korrekte Hilfengebung nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG möglich und entbindet damit das Pferd vom „Erlernen“ des Schulter(n)herein. Lediglich bei Pferden die am Beginn ihrer Ausbildung stehen oder die verritten wurden und korrigiert werden müssen, mögen die Bewegungen während der ersten Ausführungen noch etwas ungelenkig ausfallen[6], dennoch werden auch diese Pferde zu einem mehr oder weniger gutem Schulter(n)herein geformt und geführt werden können.

X.1.4.2. | Nicht das Beibringen des Schulter(n)herein, was damit als Begründung für das KONTERSCHULTERHEREIN entfallen kann, ist deshalb die Aufgabe des Reiters, sondern die qualitative Verbesserung des Schulter(n)herein, hin zur maximal möglichen gymnastischen Wirkung bei geringster Belästigung des Pferdes!

X.2. | Varianten des Konterschulterherein

X.2.1. | Allgemein

X.2.1.1. | Grundsätzlich kann man von zwei Arten des KONTERSCHULTERHEREIN sprechen. Diese unterscheiden sich in ihrer Ausführung und Wirksamkeit durchaus deutlich. Diese beiden Varianten sind: KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG (Bande) und KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINIE (Volte, Zirkel). 

X.2.2. | Gegen eine Begrenzung

Bei der 1. VARIANTE, dem KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG, welche sich großer Beliebtheit erfreut, wird das Pferd mit der Nase zu einer Begrenzung, i.d.R. eine feste Bande, gestellt und im Schulter(n)herein gegen diese geritten.

X.2.2.1. | Die Intensionen, die zum KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG führen, sind zweierlei. Einerseits soll das Pferd auf diesem Wege das Schulter(n)herein erlernen, was es nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG überhaupt nicht nötig hat [X.1.4.]  und andererseits erwartet man, durch das gegen die Begrenzung arbeiten, ein stärkeres Untersetzen und Beugen der Hinterhand.

X.2.2.2. | Dem Reiter wird das Arbeiten im Schulter(n)herein beim KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG dadurch erleichtert (Vorteil), dass durch die Begrenzung dem Pferd die HAUPTBEWEGUNGSRICHTUNG (Vorwärts) verschlossen bleibt und der Reiter so in der Lage ist, das Pferd leichter in eine Seitwärtsbewegung zu nötigen. Ich schreibe hier ganz bewusst von Nötigung, denn nichts anderes ist es!

X.2.2.3. | Grundsätzlich sei angemerkt, dass es sich beim KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG lediglich um ein ganz normales Schulter(n)herein auf gerader Linie handelt, welches aber durch die Begrenzung vor der Nase des Pferdes zu einer Vielzahl von Nachteilen im Vergleich zur normalen Variante führt, welche manche der, oft zur Begründung dieser Variante des Konterschulterherein angeführten Vorteile, in Gänze aufwiegen.

X.2.2.3.1. | Das Pferd wird beim KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG massiv in Zwang gesetzt – vorne die Begrenzung, hinten die Beine des Reiters. Dies führt dazu, je nach Fähigkeit des Reiters und damit abhängig von der Qualität der Ausführung, dass die Pferde, mehr oder weniger stark über die äußere Schulter und/oder Kruppe in die Seitwärtsbewegung fallen. Dadurch entstehen starke ungleiche Belastungen, verbunden mit der Gefahr struktureller Schädigungen (Gelenke, Sehnen, Bänder, Muskeln …), vor allem dann, wenn das Pferd dabei zu schnellen Bewegungen genötigt wird.

X.2.2.3.2. | Das Arbeiten im KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG versetzt das Pferd in einem sehr hohen Maße unter starken körperlichen Stress, dieser ist verbunden mit einem hohen Energieverbrauch, was wiederum einen schnelleren Leistungsabfall zur Folge hat.

X.2.2.3.3. | Die genannten Stressoren beim KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG bewirken zu den rein körperlichen Auswirkungen, des Weiteren noch ein deutliches Abfallen der Lernkurve, was die Ausbildungszeit verlängert (Ineffizienz).

X.2.2.4. | Da das Pferd grundsätzlich das SCHULTER(N)HEREIN nicht erlernen muss, sondern dieses vom Sitz und der korrekten Hilfengebung des Reiters nach der LEHRE VOM GRALSWEG abhängig ist, gleichzeitig aber die körperlichen Stressfaktoren und die Gefahr struktureller Schädigungen beim Pferd hoch sind, kann das KONTERSCHULTERHEREIN GEGEN EINE BEGRENZUNG (insbesondere in erhöhtem Tempo) in keinster Weise empfohlen werden!

X.2.2.5. | HISTORISCHER ABRISS | De la Guérinière schrieb 1733 über das Arbeiten eines Pferdes gegen eine Begrenzung zum Zwecke diesem das Seitwärtsgehen zu lehren, folgende Worte:

Diejenigen, die den Kopf eines Pferdes an die Mauer stellen, um es zur Seite gehen zu lehren, verfallen in einen Fehler, dessen nachtheilige Folgen sich leicht zeigen lassen. Auf diese Art lernt es eher aus Gewohnheit, als auf die Hülfen der Hand und Schenkel, gehen, und wenn man es von der Mauer wegnimmt, und in der Mitte der Reitbahn zur Seite richten will, wo es keinen Gegenstand mehr hat, der ihm  alsdann zum Gesichtspunkte dient, so gehorcht es nur unvollkommen der Hand und dem Schenkel, welches denn doch die einzigen Wegweiser sind, deren man sich zur Führung eines Pferdes in allen seinen Gängen bedienen darf. Ein anderer Nachtheil, der aus dieser Schule entspringt, ist: daß das Pferd, anstatt den äussern Schenkel über den innern zu setzten, öfters denselben aus Furcht, entweder den auf der Erde stehenden Schenkel mit dem Eisen zu treten, oder aber mit dem Knie [Karbalgelenk – Anm.d.Red.]  in dem Zeitpunkt gegen die Mauer zu stoßen, wenn es den Schenkel hebt, und denselben über den andern zu setzten, vorwärts führt, darunter wegsetzt.[7]

Auch de la Guérinière ging wie alle (bekannten) Meister (siehe auch de la Broue im Folgenden) und Reiter nach ihm, von der Fehlannahme aus, dass man den Pferden das SCHULTER(N)HEREIN (respektive das Seitwärtsgehen) lernen müsse. Die Vorgehensweisen der LEHRE VOM GRALSWEG widerlegen diese Annahme. Lediglich der korrekte Sitz und die korrekte Hilfengebung nach meiner Lehre, reichen aus, das Pferd von Anfang an in einer Schulter(n)herein-Bewegung gehen zu lassen. Nur die Qualität der Ausführung wird mit fortschreitender Übung durch Verbesserung der Körperlichkeit beim Pferd zunehmen.

Klar weist de la Guérinière allerdings auf die Problematiken hin und ergänzt diese in seinem Werk auch noch mit Aussagen von de la Broue[8]:

Herr de la Broue ist dieser Meinung, wenn er den Rath giebt, daß man, um Pferde zum Schenkelweichen zu bringen, nur bei solchen von der Mauer Gebrauch machen müsse, die in der Hand liegen, oder hineinziehen. Weit entfernt aber, den Kopf so nahe an der Mauer zu stellen, sagt er, müsse man das Pferd zwei Schritte diesseits der Mauer halten, welches ohngefähr eine Entfernung von fünf Schuhen[9] [1,625 m – Anm.d.Red.] , von dem Kopf des Pferdes bis zur Mauer ausmacht.[10]

X.2.3. | Auf gebogener Linie

Die 2. VARIANTE, das KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGNER LINIE (Volte, Zirkel), bei dem das Pferd den offenen Raum vor sich hat und die Hinterhand einen kleineren Kreis als die Vorhand beschreiten muss, weißt – auch bei korrekter Ausführung[11] – gegenüber dem SCHULTER(N)HEREIN keinen zusätzlichen Nutzen auf, welcher nicht durch Nachteile für das Pferd erkauft werden müsste.

X.2.3.1. | Das KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGNER LINIE kann sowohl auf einem Zirkel, als auch auf einer Volte geritten werden. Wichtig dabei ist, dass die Hinterhand in einer guten Vorwärtsbewegung bleibt. Keinesfalls darf sie auf der Stelle „hüpfen“. Ist dies der Fall, dann ist die Volte zu klein angelegt und/oder die Zügeleinwirkungen (z.B. HALBE PARADEN) erfolgten zu hart.

X.2.3.2. | Durch das KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINIE kann ein stärkeres Kreuzen (Schränken) der Vorhand und damit ein vermehrtes Entbinden der Schultern gefördert werden. Wichtig dabei ist, wie generell bei BEWEGUNGEN IN GEBOGENER FORM DES PFERDES, das das äußere Vorderbein des Pferdes eine Vorwärts-Seitwärtsbewegung erhält und nicht seitlich kippt. Dies kann im Konterschulterherein auf gebogener Linie nur bei vier gleichen Hufabständen einigermaßen sicherzustellen werden.

X.2.3.3. | Beim KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINE beschreibt die Hinterhand einen kleineren Kreis als die Vorhand. Dadurch treten die Hinterbeine kürzer und das Pferd kippt vermehrt über die äußere Kruppe. Dies widerspricht dem grundsätzlichen Prinzip des Schulter(n)herein, nach dessen Definitionen durch das Einkreuzen des inneren Hinterbeins die äußere Schulter des Pferdes angehoben werden solle. Dieses Kippen über die äußere Kruppe lässt sich auch bei korrekter Form des Pferdes nach dem Prinzip der BEWEGUNGEN IN GEBOGENER FORM DES PFERDES nicht verhindern.

X.2.3.4. | Dies zusammengenommen macht auch das KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINE zu einem schwierigen Unterfangen und kann bei fehlerhafter (in der Masse der Fälle wahrscheinlicher) Ausführung, die Gesundheit des Pferdes durchaus stark beeinträchtigen. Der mögliche Nutzen steht dazu in keinem sinnvollen Verhältnis, so dass auch diese Variante des KONTERSCHULTERHEREIN nicht empfohlen werden kann[12]!

X.3. | Zusammenfassung

X.3.1. | KONTERSCHULTERHEREIN kann in zwei unterschiedlichen Varianten ausgeführt werden. Diese sind: KONTERSCHULTERHEREN GEGEN EINE BEGRENZUNG und KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINIE.

X.3.2. | Damit KONTERSCHULTERHEREIN Sinn macht, muss es zumindest dem SCHULTER(N)HEREIN in seinem Nutzen gleichwertig, in einzelnen Elementen (zum Zwecke der Korrektur) einen besonderen Nutzen bringen oder ein Lerneffekt für das Pferd gegeben sein.

X.3.3. | Bei keinen der beiden Varianten des KONTERSCHULTERHEREINS ist auch nur annähernd ein Nutzenvorteil gegenüber dem SCHULTER(N)HEREIN gegeben. Im Gegenteil, die Risikofaktoren für die Gesundheit des Pferdes überwiegen bei Weitem manch genannten, vermeintlichen Nutzens.

X.3.4. | Das Pferd muss ein korrektes SCHULTER(N)HEREIN nicht erlernen. Über den korrekten Sitz und der korrekten Hilfengebung nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG kann jedes Pferd Schulter(n)herein gehen, wobei sich die Qualität der Ausführung durch stetes Üben mehr und mehr verbessert – bis hin zum maximal möglichen gymnastizierungstechnischen Effekt. Ein KONTERSCHULTERHEREIN zum Zwecke des Erlernens desselben ist nicht notwendig.

X.3.4. | RESÜMEÉ | Im Sinne der Ausbildungseffizienz und der geringstmöglichen Belästigung sowie potenzieller Gesundheitsschädigung des Pferdes kann nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG keine der beiden Varianten empfohlen werden! Das Erlernen des korrekten Sitzes und konzentriertes, diszipliniertes Arbeiten im SCHULTER(N)HEREIN stellt für Reiter und Pferd die bedeutend sinnvollere und effizientere Vorgehensweise dar!

X.3.5. | SCHLUSSBEMERKUNG | Aus den aufgeführten Gründen wird KONTERSCHULTERHEREIN in der LEHRE VOM GRALSWEG nicht als SCHULE geführt, sondern lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Auszug aus der LEHRE VOM GRALSWEG


[1] Das Schulter(n)herein im klassischen Sinne ist immer ein 4-spuriges Schulterherein entgegen der 3-spurigen Variante der FN/FEI, bei dem die Hinterhand keine Kreuzbewegung ausführt. In der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ entspricht das sogenannte SCHENKELWEICHEN in etwa dem klassischen und weitaus sinnvolleren 4-Spur-Schulter(n)herein. Wobei, dies sei auch hier angemerkt, das FN-Schenkelweichen nicht dem klassischen Schenkelweichen entspricht, welcher in meiner LEHRE VOM GRALSWEG vermittelt wird.

[2] Je kleiner der gerittene Kreis, desto stärker könnte die Beugung der Hinterhand ausfallen. Ich betone hier bewusst „könnte“, denn es bedarf beim Pferd bereits ein hohes Maß an der Fähigkeit seine Hinterhand vorzusetzen und zu beugen (die bei den allermeisten Pferden so gut wie nicht gegeben ist). Auch muss die Hilfengebung des Reiters perfekt sein. Ist dies nicht sichergestellt, so ist die Gefahr der gesundheitlichen Schädigung des Pferdes relativ hoch.

[3] Die Körperlängsachse ist im Bereich der Wirbelkörper weitestgehend gerade. Lediglich durch die Rotation nach innen-unten, entsteht der Eindruck eines, auch in diesem Bereich gebogenen Pferdes.

[4] Innen wird immer definiert über die Seite des Pferdes, welche wir hohl stellen.

[5] Geht die Nase über diese Verlängerungslinie hinaus, wird das Gewicht des Kopfes, welches über die Linie hinausgeht, nicht mehr von den Vorderbeinen abgestützt und das Pferd neigt sich in diese Richtung. Um dies zu kompensieren wird es eine Ausgleichsbewegung nach Außen, über die äußere Schulter ausführen – d.h. über die äußere Schulter laufen.

[6] Das noch untrainierte oder schlecht ausgebildete Pferd kennt seine Hinterhand von Natur aus nicht und lernt sie erst durch Bewegungen, wie beispielsweise dem Schulter(n)herein kennen. Aus diesem Grund können zu Beginn der Arbeit am Schulter(n)herein die Bewegungen des Pferdes noch sehr ungelenkig ausfallen, was sich aber bei konsequenter, disziplinierter Arbeit schnell ändert.

[7] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 197

[8] Dieser Verweis auf Salomon de la Broue (1530 – 1610) lässt einen interessanten Rückschluss bezüglich des SCHULTER(N)HEREIN (auf gerader Linie) zu, dessen „Erfindung“ man de la Guérinière auf Basis der Vorarbeit durch William Cavendish, dem 1. Herzog von Newcastle (1592 – 1676) auf Volte, zuschreibt. Explizit wird in der deutschen Übersetzung bei der Arbeit von de la Broue gegen eine Begrenzung von SCHENKELWEICHEN gesprochen, tatsächlich aber dürfte es bereits ein KONTERSCHULTERHEREIN gewesen sein und dieses auf gerader Linie. Dies würde bedeuten, dass der Bewegungsablauf des Konterschulterherein und damit auch des Schulter(n)herein auf gerade Linie bereits lange vor de la Guérinière bekannt gewesen sein dürfte.

[9] Schuh = Fuß = Pariser Fuß = 0,325 m

[10] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 197f

[11] Schultern dürfen nicht fallen!

[12] Lediglich in KORREKTUR-Notwendigkeiten (Öffnen, Entbinden der Schultern des Pferdes) kann man das KONTERSCHULTERHEREIN AUF GEBOGENER LINIE in sehr kurzen Reprisen nutzen. Dabei ist bei der Ausführung ein besonderes Augenmerk auf vier gleiche Hufabstände zu richten.