Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Die Evolution des ‚Schenkelweichens‘ von Guérinière bis heute

Autor: Richard Vizethum | letzter Stallmeister | Schule der Hippologie

Wer heute die „Richtlinie für Reiten und Fahren“  Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung aufschlägt, begegnet dem Schenkelweichen als Standard einer vermeintlich lösenden Basislektion mit historischen Wurzeln. Doch was, wenn diese Tradition auf einer Richtlinien-Anpassung an mindere reiterliche Qualitäten und der Fehleinschätzung eines Springreiters beruht?

Begleiten Sie mich auf eine detektivische Spurensuche durch die Archive der „Reitkunst“.

Wir beginnen mit de la Guérinières Werk aus dem Jahre 1733: „École de Cavalerie“. Bei diesem gibt es genau zwei Seitengänge: „Épaule en dedans“ (Kapitel 11 – Schulterherein) und „Croupe au mur“ (Kapitel 12 – Renvers). Ein Schenkelweichen wird man darin vergeblich suchen.

Allerdings in der ersten deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1791 durch Johann Daniel Knöll findet man tatsächlich einmal (!) und zwar im 12. Kapitel, also das Kapitel in dem Guérinières das Renvers beschreibt, das Wort „Schenkelweichen“. Wie aber kommt es dazu?

Betrachten wir hierzu den französische Ursprungstext von de la Guérinière aus dem Jahre 1733 welche zu der deutschen Übersetzung „Schenkelweichen“ führte:

M. de la Broue est de ce sentiment, quand il conseille de ne se servir de la muraille, pour faire fuir les talons aux Chevaux, que pour ceux qui pèsent ou qui tirent à la main …[1]

Die Begrifflichkeit, die Knöll mit „Schenkelweichen“ übersetzte war „faire fuir les talons“ („Den Fersen – oder den Schenkeln/Sporen“) fliehen[2]/weichen“). Das Pferd soll also auf Druck oder ein Signal hin mit den Hinterbeinen seitwärts treten. Verkürzend kreierte Knöll daraus den Begriff „Schenkelweichen“, der damals als rein funktionale Handlung für jeden halbwegs verständigen Reiter aus dem Kontext ableitbar war.

Das „Haugk-Phänomen“:
Wenn Übersetzung zur Verfälschung wird

Bevor wir uns nun die zeitliche Abfolge der Entwicklung des „Schenkelweichens“ ansehen, machen wir zunächst einen Sprung vorwärts, ins Jahr 1932. Dort hat der moderner Übersetzer de la Guérinières, der stark angloman vorbelastete Oberst Siegfried von Haugk[3] (1886 – 1955) den Begriff „Schenkelweichen“ in seiner Übersetzung nicht nur fast „inflationär“ gebraucht, sondern verfälschte damit historische Begrifflichkeiten bis zur Unkenntlichkeit bzw. tilgte diese fast gänzlich.

So übersetzt er beispielsweise die Guérinière’sche Original-Passage:

« Quoique la leçon de l‘épaule en dedans & celle de la croupe au mur, qui doivent être inséparables »[4]

mit:

Schulterherein und Schenkelweichen gehören unbedingt zusammen …[5]

Damit bezeichnete er das  (croupe au mur = Renvers) fälschlicherweise als „Schenkelweichen“. Besonders problematisch ist dies im Kontext des Jahres 1932: Da das moderne, als feste Lektion substantivierte Schenkelweichen zu diesem Zeitpunkt bereits seit 20 Jahre existierte und sowohl in der DVE 12 von 1912 (erstmalig) als auch in deren 2. Auflage, der H.Dv. 12 von 1926, präzise und in identischer Weise ein-eindeutig beschrieben wurde, was dazu führte, dass weniger belesene und gebildete Reiter den Ursprung des modernen „Schenkelweichens“ bereits bei de la Guérinière verorten konnten.

Haugk hat damit nicht Guérinière ins Deutsche übersetzt, sondern die anglomane „Reitkunst“ seiner Zeit in Guérinière hineininterpretiert.

Zum Vergleich die korrekte Übersetzung von Johann Daniel Knöll (1791):  „So vortrefflich aber auch die Schulen der Schulter einwärts und die der Crupe an die Mauer, die unzertrennlich sein müssen …[6]

Die Ära der Verben:
Reaktionen statt Lektionen (1825–1882)

Historisch gesehen gab es vor 1825 nie, weder bei de la Guérinière noch in den Zeiten davor, eine spezielle Übung, welche das Pferd explizit auf ein einseitiges Reiterbein konditionieren sollte (im Sinne einer isolierten Reaktion), um es damit auf echte Seitengänge[7] vorzubereiten.

Vielmehr war der Gehorsam auf das Bein eine Folge der korrekten Einrahmung des Pferdes auf Zirkeln und Volten, um es zu stellen („biegen“) und auf eine vermehrte Hinterhandbelastung vorzubereiten, welche dann, unter anderem, durch die echten Seitengänge verstärkt wurde. Als eine weitere Voraussetzung für die echten Seitengänge wurde historisch sehr häufig der verkürzte Trab genannt, zu dem das Pferd bereits befähigt sein sollte – dies sei hier nur ergänzend erwähnt.

Eine vorbereitende Übung, um auf das einseitige Reiterbein zu konditionieren, wurde zum ersten Mal in der Sohr’schen Reitinstruktion von 1825 (Band 2) genannt, ohne dass darin die Begrifflichkeit „Schenkelweichen“ Erwähnung fand:

Während der Uebungen auf dem Zirkel kann man zuweilen die inwendigen Zügel und Schenkel etwas stärker, als die auswendigen wirken lassen, um das Pferd allmählig mit der Kruppe auswärts zu setzen und zum Uebertreten der inwendigen Füße über die auswendigen zu bewegen, als Vor-Uebung zu den Seiten-Gängen. In diesen nemlich geht das Pferd mit den Vorder-Füßen auf einem andern Hufschlage, als mit den Hinter-Füßen, und tritt mit den Füßen einer Seite über die andern weg.[8]

In dieser Reitinstruktion, die in gewisser Weise auch einer, zur damaligen Zeit schlechteren und durchaus gefährlicheren Pferdequalität Rechnung trug, wurde bei dieser Übung auf dem Zirkel geritten und an der offenen Seite desselben das innere Bein verstärkt angelegt und der innere Zügel etwas mehr angenommen. Das Pferd sollte nun dem Druck des inneren Beins weichen und die Kruppe (dies ist dabei sehr wichtig) nach außen, auf einen von der Vorhand abweichenden Hufschlag verschieben („Kruppe auswärts“). Dabei kommt es zu einem Überkreuzen  – primär der Hinterbeine. Bei Erreichen des Paradepunktes (Zirkelpunktes) wurde das Pferd wieder gerade bzw. auf die Zirkellinie des nächsten Zirkels gestellt. Mit der Zeit und vor allem häufigen Wiederholens (Drill) lernten die Pferde vermehrt auf das einseitige (innere) Bein zu reagieren.

1837 gestaltete Ernst Friedrich Seidler (1798 – 1865), ein Schüler des namhaften Oberbereiters der Wiener Hofreitschule Max Ritter von Weyrother, die 1825 bei Sohr beschriebene Übung in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes[9], effektiver und nachhaltiger, indem er das Weichen der Kruppe nach außen „nachdrücklicher“ forderte. Er überschrieb das Kapitel, in dem er dieses, sein Verfahren sehr ausführlich beschrieb, mit „Schenkelweichen“.

In seinem zweiten Werk „Die Dressur diffiziler Pferde“ aus dem Jahre 1846 bezeichnete er diese Vorgehen dann aber zutreffender als „Kopf herein, Kruppe hinaus[10]. Damit lag er begrifflich – wenn auch inhaltlich deutlich erweitert – beim „Kruppe auswärts“ aus dem Jahre 1825.

1882 in der „Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – Teil II[11] erschien der Begriff „Schenkelweichen“ erneut und zwar in der Form der Vorgänger-Instruktion von 1825. D.h. man ließ die Hinterhand  – auf einem Zirkel gehend – vom inneren Bein aufgefordert nach außen weichen, während die Vorhand weiter auf der Zirkellinie spurte. Einen kleinen Unterschied gab es dennoch: vor dem Wirken des inneren Beins wurde der äußeren Zügel leicht anstehen lassen, wodurch die Vorhand etwas verhalten wurde und das Weichen der Hinterhand bei korrekter Anwendung begünstigte.

In dieser Reitinstruktion wurde darüber hinaus vor den echten Seitengängen eine zusätzliche vorbereitende Übung eingeschoben, welche mit „Vorhand in den Zirkel gestellt[12] bezeichnet wurde. Während bei dem vorgenannten „Schenkelweichen“ das Reiterbein dafür Sorge zu trage hatte, dass die Kruppe nach außen auswich, waren es nun vermehrt die Zügel, die das Pferd mit der Vorhand nach innen stellten:

…die innere Faust wendet ab, der äußere Zügel wirkt am Halse anliegend nach der inneren Brust des Reiters, die Schenkel drücken die Hinterfüße heran. Gleich darauf drückt der innere Schenkel die Hinterhand – wie beim Schenkelweichen – seitwärts.[13].

Da diese Übung auch auf einer Gerade geritten wurde hieß die Anweisung an die Reiter in diesem Fall: „Vorhand in die Bahn gestellt“.

Ein kleiner Einschub – Steinbrechts Verdikt:
Physik schlägt Terminologie (1886)

Bei Gustav Steinbrecht (1808–1885) findet sich in seinem Standardwerk ‚Das Gymnasium des Pferdes‘ aus dem Jahre 1886 kein, wie in den Reitinstruktionen beschriebenes ‚Schenkelweichen‘ als vorbereitende Übung auf die Seitengänge – und damit nicht einmal die Idee zu einer isolierten Lektion, wie sie 1912 dann schließlich entstand. Steinbrecht setzte ein unmissverständliches Verdikt gegen jede Form der rein mechanischen Seitwärtsbewegung: Für ihn waren Seitenbewegungen ohne Biegung und Versammlung immer falsche Lektionen.[14] Genau diese beiden Voraussetzungen fehlen beim modernen „Schenkelweichen“ völlig!

1912:
Die Geburtsstunde des Substantivs

Mit der DVE 12 von 1912 vollzog die deutsche Lehre eine folgenschwere Metamorphose: Was seit der Sohr’schen Instruktion 1825 lediglich eine dynamische Reaktion auf eine einseitige Hilfe war – das Weichen vom Schenkel – wurde nun, zum statischen Eigenamen erhoben. Das Schenkelweichen in seiner heutigen Form war geboren. Damit wurde ein rein kommunikativer Vorgang („das Pferd soll vom Schenkel weichen“) der in verschiedenen Varianten existiert hatte, zur verfestigten Lektion deklariert.

Die Gründe dafür lagen in der immer schlechteren reiterlichen Qualität und in dessen Folge, das damals schon seit Jahrzehnten häufig vorkommenden, falsch verstandenen Reitens von Seitengängen, bei dem die Pferde mit dem inneren Zügel stark überbogen wurden. Man sah sich genötigt mit einem erzieherischen Hilfskonstrukt dem einen (der schlechten reiterliche Qualität) Rechnung zu tragen und das andere (das Überbiegen der Pferde) zu unterbinden und schuf so eine, auf die Seitengänge vorbereitende Lektion, welche zwar zwei Übel bekämpfte, um andere zu schaffen. So hat man beispielsweise den Fehler (falsche Biegung) nicht durch korrekte Ausbildung geheilt, sondern durch die Abschaffung der „Biegung“ in dieser Übung umgangen.

Der Nutzen dieser Lektion – die bis heute exakt so geritten wird – ist rein biomechanisch betrachtet nicht nennenswert (eher im Gegenteil). Dies wurde bereits in der DVE 12 von 1912 eindeutig benannt:

Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und bereitet ihn so für das Reiten der Seitengänge vor. Es bahnt auch in dem jungen Pferde das Verständnis und damit den Gehorsam auf die bei den Seitengängen zur Anwendung kommenden Hilfen an.[15]

D.h. diese Übung wurde primär für den Reiter und nur sekundär für das Pferd geschaffen, was auch durchaus aus der folgenden Passage erkennbar ist. Es ging nicht um Gymnastizierung des Pferdes, nur um dessen Gehorsam auf das Reiterbein:

Als eine die Tätigkeit der Hinterhand fördernde Übung im Sinne der Reitkunst ist das Schenkelweichen nicht zu betrachten. Es ist aber ein zwingendes Mittel zur Erzielung des Gehorsams auf die inneren Hilfen.[16]

Mehr erwartete man von dieser rein pädagogischen Maßnahme damals nicht. Erst später, durch Müseler (1933), wertete man diese Übung – entgegen jeglicher biomechanischer Logik – auf, indem man ihr einen lösenden Charakter zuschrieb.

Das Dogma verfestigt sich:
Von der H.Dv. zur FN

Der letzte Akt dieser terminologischen Irrfahrt vollzog sich beim Übergang in die moderne Zivilreiterei der Nachkriegszeit. Während sogar noch die H.Dv. 12 von 1937 das Schenkelweichen nüchtern als Gehorsamsmittel zur Vorbereitung der Seitengänge[17] sah („Das Schenkelweichen lehrt den Reiter den Gebrauch der einseitigen Schenkel- und Zügelhilfen und das Pferd den Gehorsam auf diese.[18]), dichteten die späteren FN-Richtlinien der Lektion eine ‚lösende Wirkung‘ – welche biomechanisch betrachtet völlig abwegig ist – an und hob sie in den heiligen Stand der „lösenden Übungen“. Da das Pferd in sich völlig gerade im Torso und Hals sein soll, ist keine kreuzende Bewegung der Beine, die lösend wirken könnte, möglich – eher im Gegenteil, das Pferd macht vermehrt fest.

Der entscheidende Impuls für diese heutige Sichtweise kam 1933 durch eben Wilhelm Müseler. In seiner einflussreichen „Reitlehre“ erhob er das Schenkelweichen in den Rang einer Lockerungsübung:

Schenkelweichen ist eine lösende Übung, die Beine treten über- und voreinander, deutlich auf zwei Hufschlägen, bei viel Abstellung geringe Biegung des Pferdes.[19]

Damit lieferte Müseler das theoretische Fundament für die spätere Übernahme dieses biomechanischen Unsinns „lösende Übung“ in die FN-Richtlinien.  

Zumindest erkannte er aber dass das „Schenkelweichen […] nicht dazu [dient], die Tätigkeit der Hinterhand zu fördern …[20] (Wie dies auch 1912 bereits festgestellt wurde), was eben in einer Seitwärtsbewegung nur durch ein „gebogenes“ Pferd und einer kreuzenden Bewegung möglich wäre und widerspricht sich im Grunde somit selbst.

Die grafische Kontinuität in den Heeresdruckvorschriften verdeutlicht den ursprünglichen Charakter der Übung: Die Darstellungen von 1912, 1926 und 1937 sind nahezu deckungsgleich – das Pferd bleibt ein ungebogener ‚Block‘, der lediglich seitwärts verschoben wird.

Erst Müseler (1933) bricht etwas mit dieser Darstellung. Die von mir eingefügten Linien in den Grafiken von 1937 und bei Müseler verdeutlichen das Dilemma: Während die offizielle Lehre über Jahrzehnte keine biomechanische Einwirkung suggerierte, impliziert Müseler eine Linienführung, die eine physische Einwirkung vorgaukelt, die bei einem völlig geraden Pferd anatomisch nicht stattfinden kann. Dass die heutigen Richtlinien (Bd. 1) visuell der 1912er-Darstellung folgt, erzeugt einen bizarren Widerspruch: Man zeichnet die starre Lektion von 1912, schreibt ihr aber im Begleittext weiterhin die lösende Wirkung zu, die erst durch die Fehlinterpretation Müselers ab 1933 populär wurde.

Das Fazit:
Vom kurzzeitigem Gehorsamsmittel zum ‚lösenden‘ Dauerbrenner

Das heutige Festhalten am Schenkelweichen als ‚lösende Lektion‘ ist weit mehr als ein biomechanischer Irrtum – es ist das Symptom einer reiterlichen Degeneration. Anstatt die anspruchsvolle Kunst der korrekten „Biegung“ und Versammlung (für ein gesundes Reitpferd) in echten Seitengängen zu lehren, welches Zeit und ein tieferes biomechanisches Verständnis erfordert, hat man die Anforderungen, wie an vielen anderen Stellen auch, schlichtweg dem Unvermögen der Masse angepasst. So gehört auch das dreispurige Schulterherein zu diesen massetauglichen Vereinfachungen,um es Reitern und Richtern leichter zu machen.

Das moderne Schenkelweichen ist schlicht die Kapitulation vor der Komplexität: Da das korrekt ausgeführte, und für ein gesundes Reitpferd unabdingbare Arbeiten, in den echten Seitengängen (4-spurigen Schulterherein und Renvers) für den Durchschnittsreiter offenbar zu mühsam geworden ist, hat man einfach das mechanische, starre Seitwärtsschieben in sträflicher Weise zur wertvollen „lösenden Übung“ deklariert und damit ermöglicht, dass diese biomechanisch nutzlose Lektion (Nicht jede Bewegung fördert die Beweglichkeit!) Einzug halten konnte im täglichen Arbeits-Repertoire für Pferde jeden Alters und jeden Ausbildungsstandes!

Dafür war das Schenkelweichen von 1912 nicht gedacht!

Für all diejenigen, die meinen Worten vielleicht nicht viel beimessen und immer noch am Schenkelweichen festhalten wollen, statt sich – im Sinne der Pferde – mit den echten Seitengängen zu beschäftigen, hier noch die Worte von Alois Podhajsky (1898 – 1973) und Kurt Albrecht (1920 – 2005), beide ehemalige Oberbereiter an der Wiener Hofreitschule, welche deutlich machen, wofür das Schenkelweichen ursprünglich gedacht war bzw. wann es als Ausbildungsschritt enden sollte.

Zunächst Alois Podhajsky:

Dem Schenkelweichen soll aber niemals mehr Bedeutung beigemessen werden, als ihm zukommt – es soll nur dem Begreiflichmachen der Hilfen dienen. Leider ist in der neueren Epoche der Reitkunst vielfach das Gegenteil der Fall. Es wurde diesem Hilfsmittel auch in der deutschen Reitvorschrift eine viel zu große Rolle eingeräumt.[21]

Mit der „großen Rolle“ meint Podhajsky die Deklaration in der FN-Richtlinie als „lösende Übung“.

Sobald das junge Pferd dem seitwärtstreibenden Schenkel des Reiters gehorcht, wird der Zeitpunkt zum Lehren der Seitengänge selbst gekommen sein.[22]

Ergänzend Kurt Albrecht:

Das Schenkelweichen wird nur im Schritt ausgeführt. Wenn es seine Aufgabe erfüllt hat kann es aus dem Ausbildungsprogramm wieder weitgehend gestrichen werden. [23]

Ich hoffe sehr, dass mein Text zum Nachdenken anregen und einen Beitrag dazu leisten konnte, das reiterliche Begriffe wie das „Schenkelweichen“ zukünftig richtig eingeordnet werden und nicht mehr nach dem Prinzip verfahren wird: „Es machen ja alle und damit wird es schon richtig sein!“. Oder noch schlimmer, wie es die Verfechter der modernen „Reitlehre“ tun, diese „Lehre“ und die Methoden darin als „klassisch“ und „unumstößlich“ zu bezeichnen und gedankenlos zu verteidigen, ohne den wahren Sinn dahinter verstanden zu haben.


[1] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 110

[2] Im 18. Jahrhundert war die Reaktion oft „explosiver“ gedacht als das heutige, eher gemächliche Weichen; das Pferd sollte dem Sporn tatsächlich unmittelbar „entfliehen“

[3] Feodor Siegfried von Haugk (* 28. März 1886 in Großenhain; † 4. Mai 1955) war ein deutscher Reiter. Er stieg in seiner militärischen Laufbahn bis zum Oberst auf und war Kommandeur der Reit- und Fahrschule Oschatz.

[4] François Robichon de la Guérinière | „École de Cavalerie“ | französische Originalausgabe | Druck : Jacques Collombat | 1733 | Seite 113

[5] François Robichon de la Guérinière | „Schule der Reitkunst“ | deutsche Übersetzung durch Siegfried von Haugk | Deutscher Archiv-Verlag – Berlin | 1932 | Seite 131

[6] François Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 203

[7][7] Gemäß meiner LEHRE VOM GRALSWEG gibt es nur zwei echte Seitengänge. Diese sind das Schulterherein auf vier Spuren und das Renvers (Travers und Traversale sind mit dem Renvers identisch.

[8] Friedrich Georg Ludwig von Sohr | „Instruktion zum Reitunterricht für die königlich preußische Kavallerie“ Teil 2 | Berlin | 1825 | Seite 46f

[9] Ernst Friedrich Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Nachdruck der Ausgabe Berlin 1837 | Olms-Verlag 1977 | Seite 184ff

[10] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler – Berlin, Posen und Bromberg | 1846 | Seite 209

[11]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 108

[12]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[13]Instruktion zum Reit-Unterricht für die Kavallerie – II. Theil“ | Bossische Buchhandlung (Strikker) – Berlin | 1882 | Seite 110

[14] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1886 publiziert) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 161

[15] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121

[16] Reitvorschrift 12 von 1912 |“Reitvorschrift vom 29. Juni 1912“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Berlin | 1912 | Seite 121f

[17] Im Gegensatz zu der DVE 12 von 1912 und der H.Dv. 12 von 1926 wo es generell als Vorbereitung auf alle Seitengänge (Schulterherein, Revers, Travers und Traversale) gesehen wurde, reduzierte man diese Vorbereitung ausschließlich auf das Schulterherein, da die anderen Seitengänge dort nicht mehr thematisiert wurden.

[18] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 61

[19] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[20] Wilhelm Müseler | „Reitlehre“ | 48. Auflage 2006 (1. Auflage 1933) | Verlag Müller Rüschlikon | Seite 129

[21] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 124

[22] Alois Podhajsky | „Die klassische Reitkunst – Reitlehre von den Anfängen bis zur Vollendung“ | Kosmos-Verlag 1998 (Nachdruck 1. Auflage von 1965) | Seite 125

[23] Kurt Albrecht | „Dressurlehre für Reiter und Turnierrichter“ | 1. Auflage 2009|Verlag Olms Presse | Seite 58


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Die Bergziege

Aus der Rubrik: IRRUNGEN IN DER MODERNEN PFERDEARBEIT

Das Pferd wurde nach einem Foto gezeichnet

Es war im Grunde der RÜCKENWAHN, der diese „zirzensische“ Übung – natürlich auf Umwegen – hervorgebracht hat. Eine „Übung“, welche genauso nutzlos, wie gesundheitsschädlich für das Pferd ist. Im Folgenden möchte ich dies näher erläutern.

Wofür soll die Bergziege eigentlich gut sein?

Um dies etwas zu erhellen, möchte ich einfach mal drei Web-Site-Einträge von Ausbilderinnen zitieren, die diese „Übung“ empfehlen und praktizieren:

1 | „… ist aber ein ideales Training für die Rücken- und Bauchmuskulatur deines Pferdes“.

2 | „Bergziege wird eine klassische Zirkuslektion genannt, bei der das Pferd seine vier Beine unter dem Körper versammelt. So stehen die vier Beine von der Seite betrachtet V-förmig, der Rücken ist aufgewölbt und die Oberlinie maximal gedehnt. Die Bergziege ist eine Koordinations-  und Dehnungsübung.

3 | „Die ‚Bergziege‘ kann beispielsweise eine tolle Vorbereitung sein, um Deinem Pferd eine bessere Idee davon zu vermitteln, mehr Last auf die Hinterhand aufzunehmen und so zum Beispiel eine gesetztere Piaffe zu zeigen“.

Der Rücken spielt bei diesen Gründen eine zentrale Rolle. Deshalb hier ein kurzer Exkurs zu dem, was ich gerne als den Rückenwahn bezeichne …

Wie viele, für das Pferd schädliche Übungen, hat auch die BERGZIEGE ihre „intellektuelle“ Grundlage im RÜCKENWAHN, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts sich zu verstärken begann und durch einige „prominente“ Reiter wie Dr. Udo Bürger (Als Oberstveterinär war er Leitender Veterinär-Offizier in den Jahren 1935/36/37 an der Kavallerieschule in Hannover) oder Paul Plinzner (1855 – 1920) „vertreten“ wurde. Beide seien hier – aufgrund ihres Einflusses auf die neuzeitliche Reiterei – lediglich exemplarisch genannt.

Der Rücken sollte sich AUFWÖLBEN, so die Kernaussage des RÜCKENWAHNS.

Auch wenn es damals noch ein paar vernünftige Offiziere, wie Oberleutnant Knebusch gab, die dieser Verrücktheit eines aufgewölbten Rückens widersprachen:

Zu diesem Kapitel gehört auch die ‚elastische Rückenaufwölbung‘ Plinzners. Er meint, der Rücken müsse sorgfältig tragfähig gemacht werden, weil das Soldatenpferd mit Reiter und Ausrüstung wenigstens zwei Zentner tragen müsse. Das sei eine Hauptaufgabe der Ausbildung und diese sei nur zu lösen, wenn man das Pferd veranlasse, den Rücken aufzuwölben. Er übersieht hierbei, dass diese Aufwölbung etwas Krampfhaftes, Gespanntes ist, ein Zustand, den das Pferd nur durch falsche Inanspruchnahme der Muskeln aufrecht erhalten kann. Für kurze Augenblicke lässt sich das leisten; für die Dauer aber muss es versagen.[1]

Jedoch schenkte man seinen Worten kein Gehör – das Fliegen-Mistprinzip setzte sich auch hier durch.

Eine gewisse „Mitschuld“ am Entstehen des RÜCKENWAHNS könnte man auch Gustav Steinbrecht[2] einräumen, da man aus dem folgenden Zitat, leicht den „Wunsch“ nach einem aufgewölbten Rücken herauslesen könnte – wenn – ja wenn man den letzten Satzteil geflissentlich überliest oder fehlinterpretiert:

„Wie der Lastträger die schwere Last nicht mit durchgebogenem, sondern mit gekrümmten Rücken ohne Gefahr für seine Gesundheit trage kann, weil eine gewölbte Stütze besser trägt als eine gerade, so wird das Pferd die ungewohnte Last zunächst mit krummen Rücken aufnehmen, bis sie ihm durch Übung und Gewohnheit keine Last mehr ist.[3]

Natürlich haben diese Herrschaften, dies will ich ihnen zugutehalten, nicht an die Pervertierung der „Rückenaufwölbung“ durch eine „Übung“ wie die „Bergziege“ gedacht. Plinzner beispielsweise, rollte zu diesem fragwürdigen Zweck (Rückenaufwölbung) seine Pferde ein – dies sei nur am Rande erwähnt).

Nun aber zurück zur „Bergziege“ und warum man diese überhaupt nicht praktizieren sollte …

Wer nur Ansatzweise etwas von Anatomie beim Pferd versteht, könnte bei einem kritischen Blick auf ein Pferd in „Bergziegen-Haltung“ die Problem schnell und unschwer erkennen. Wer davon nichts versteht, praktiziert halt diese gesundheitsschädliche „Übung“ im Zweifel weiter.

Ich beginne aber erstmal mit den zweifelhaften Nutzenversprechen, die man der „Bergziege“ neuzeitlich zuschreibt.

Da wäre einmal die in Literatur und neuzeitlicher „Lehre“ omnipräsente AUFWÖLBUNG DES RÜCKENS.

Doch kann sich der Rücken überhaupt AUFWÖLBEN?

Nein, kann er nicht – zumindest nicht so, wie man sich dies gemeinhin vorstellt!

Auch nicht durch noch so tiefe Dehnungshaltung – oder Vorwärts-Abwärts. Allenfalls kann er sich, nachdem der Pferderücken, zu Beginn der Ausbildung des Pferdes, bei der „Gewöhnung an das Reitergewicht“, durch das Reitergewicht geringfügig abgesenkt wurde[4] , durch das Vorziehen der Dornfortsätze des Widerrists, welche aber durch die Gegenbewegungen der Rippen sehr limitiert ist, wieder auf seine NATÜRLICHE LAGE „erheben“.

Das sagten übrigens auch Dr. Udo Bürger und Prof. Dr. Dr. Otto Zietzschmann in ihrem gemeinsamen Buch „Der Reiter formt das Pferd“:

„Werden also die Dornfortsätze nach vorn aufgerichtet, so müssen ihnen die Rücken- und Lendenwirbel nach vorn und oben folgen. Damit wird der Rücken gehoben, d.h. er kommt in seine natürliche Lage zurück.[5]

Darüber hinaus sei angemerkt, dass der „Rücken“ sich nur an zwei Stellen überhaupt „aufwölben“ kann: eben 1. am Widerrist und 2. am Übergang zwischen Rücken- und Lendenwirbelsäule. Beide „Aufwölbungen“ aber führen gleichzeitig zu Absenkungen. Wölbt der Widerrist auf, senkt sich der Brustkorb, wölbt der Lendenbereich auf, senkt sich die Hinterhand, so entsteht der optische Eindruck, der RÜCKEN (also das Mittelteil des Rückens) hätte sich aufgewölbt (wie man dies beim Bild der BERGZIEGE zu erkennen glauben mag), was aber nicht der Fall ist!

Das durch diese „Übung“ ein gewisses TRAINING DER BAUCHMUSKULATUR stattfindet, dem möchte ich nicht wiedersprechen, jedoch ist ein solches Bauchmuskeltraining durch die gesundheitsschädlichen Nachteile der BERGZIEGE bitter erkauft und es gäbe dazu weit bessere Alternativen!

Die Idee, dass durch die BERGZIEGE eine verbesserte LASTAUFNAHME DURCH DIE HINTERHAND trainiert werden könnte, kann man getrost in die Mottenkiste groben Unfugs ablegen und vergessen. Die Gründe, dass eben keine gesunde Lastaufnahme durch die Hinterhand stattfinden kann, sind in der Streckung der Beine der Hinterhand zu finden (siehe FEHLBELASTUNG VON GELENKEN UND BÄNDEN).

Nun aber zur Schädlichkeit der BERGZIEGE …

1 | FEHLBELASTUNG VON GELENKEN UND BÄNDERN | Hierzu betrachten wir einfach mal die Zeichnung (siehe Beitragsbild). Durch die V-Stellung der Beine bei der BERGZIEGE werden die schwächeren unteren Gelenke (orange Punkte) der Vorhand (Karpal- und Fesselgelenke) und der Hinterhand (Sprung- und Fesselgelenke) gegen ihre Beugerichtung (blaue Pfeile) mit dem, nun auf verkleinerter UNTERSTÜTZUNGSFLÄCHE wirkenden, stark nach unten drückender Last (dicke rote Pfeile) be- und überlastet! Schädigungen dieser Gelenke sind damit vorprogrammiert! Auch die Bänder werden dabei stark strapaziert. Die Gefahr von Durchtrittigkeit oder einer Verstärkung bereits vorhandener Durchtrittigkeit in der Hinterhand ist im hohen Maße gegeben.

2 | DAUERSTRESS FÜR DAS REAKTIONSSYSTEM | Die Verteilung der Gesamtmasse des Pferdes auf die stark verkleinerte UNTERSTÜTZUNGSFLÄCHE sorgt für einen enormen Balancier-Stress (psychischer und physischer Stress), der nicht dazu führt, dass das Pferd eine bessere Balancierfähigkeit erlangt, sondern nur im Rahmen dieser „Übung“ lernt etwas länger zu stehen lernt. 

Wer seinem Pferd aktuell die BERGZIEGE abverlangt, oder mit dem Gedanken spielt, diese zu erarbeiten, sollte sich diese letzten beiden, von mir genannten Punkte aufmerksam durchlesen und sich dann ernsthaft die Frage stellen, ob ein billiger SHOWEFFEKT (denn gymnastizierungstechnisch ist diese „Übung“ weitgehend nutzlos) es wert ist, die Gesundheit seines Pferdes aufs Spiel zu setzen!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


Der Text als Podcast (Play-Taste drücken) …


[1] Oberleutnant Knebusch | „Die Spannung im Pferd und die Mittel sie zu  beseitigen“ |  Verlag von Schickhardt & Ebner (Konrad Wittwer) 1911 | 43. Heft | Teil eines Nachdrucks Olms-Verlag 1992 | Seite 9

[2] Anzumerken sein hier, dass es Paul Plinzner (Schüler von Steinbrecht) war, der Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ auf Grundlage der Notizen von Steinbrecht verfasste und dabei sicherlich Eigeninterpretationen hat mit einfließen lassen.

[3] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 69

[4] Meist ist dies auch nur der optische Eindruck bedingt durch eine nach hinten ausgestellte Hinterhand und damit angehobenen Kruppe, die einen abgesenkten Rücken erkennen lassen will.

[5] Dr. Udo Bürger, Prof.Dr.Dr. Otto Zietzschmann | „Der Reiter formt das Pferd“ | 3. Auflage – Nachdruck 2010 | FN-Verlag Warendorf | Seite 19

Rücken- und Schenkelgänger

Rücken- und Schenkelgänger

1882 erschien in 1.Auflage im Hahnverlag das Buch „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ Autor war Bernhard H. von Holleuffer (*1827- † 1888)[1].

Er gilt bei vielen als derjenige, der die Begriffe „RÜCKENGÄNGER“ und „SCHENKELGÄNGER“ erstmalig erwähnte. An anderer Stelle werden die Gebrüder Günther (1859) sowie d´Elpons (1877) genannt.

In seinem Buch schrieb von Holleuffer:

Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger. Die letzteren verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule, die Bewegungen sind hart oder gespannt, nicht raumgreifend, entweder übereilt oder träge, sie richten ihre Beine und die Reiter zugrunde, sie stehen entweder hinter dem Zügel oder liegen tot auf demselben und sind nicht zuverlässig im Gehorsam“[2].

Die Rückengänger bedienen sich dagegen bei allen Bewegungen der Schwingungen nach vorn und nach unten: je kräftiger und spielender diese sind, je aktiver und raumgreifender, je weicher und elastischer, frischer und entschlossener sind die Bewegungen, die Pferd und Reiter gesund erhalten und das Erstere dem Letzteren in vollkommenem Gehorsam in die Hand spielen.“[3]

Allerdings irrte sich von Holleuffer in seinem Glauben, dass diese Schwingungen in einem sich bei jeder Bewegungsfolge wiederholenden Auf- und Abwölben der Wirbelsäule bestehen.

Dies aufzuklären blieb Gustav Steinbrecht in seinem 1885 erschienenen und von Paul Plinzner aus Steinbrechts Notizen verfassten Werkes „Das Gymnasium des Pferdes“,  sowie dem Schweizer Pferdearzt Hermann Schwyter mit seiner 1907 erschienenen Arbeit „Über das Gleichgewicht des Pferdes“ vorbehalten. Sie führten Holleuffers Theorie „auf ihr richtiges Maß – den HERGEGEBENEN RÜCKEN – zurück“. Aber auch diese Herren brachten nur altes Wissen zu neuen Geltung. Der HERGEGEBENE RÜCKEN und das genaue Verständnis darüber was man darunter zu verstehen hatte, existierten, als feststehende Begrifflichkeit, schon lange vor ihnen, war aber durch Ignoranz der Vergessenheit anheimgestellt worden.

Dieser HERGEGEBENE RÜCKEN war schon bei  E.F. Seidler elementar. Dieser widmete in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferdes“ (1837) dem „hergegebenen Rücken“ viel Raum[4]. Auch wies er, ohne den Begriff „Schenkelgänger zu gebrauchen, auf die Gefahr eines „KRAMPFHAFT ANGESPANNTEM  RÜCKEN“[5] hin:

Den Stichtrab muß man bei jungen Pferden in erster Zeit unterdrücken, weil sie diesen nur mit krampfhaft angespanntem Rücken hervorbringen.“ [6]

Was nun aber ist dieser „hergegebene Rücken“ eigentlich?

Ganz schlicht und einfach gesagt: ER IST NICHT KRAMPFHAFT ANGESPANNT – nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Was er aber NICHT ist, er ist KEIN AUF- UND ABSCHWINGENDER Rücken, welchem die Rückenfanatiker – die Biomechanik des Pferdes völlig ignorierend – huldigen.

Diese fragwürdige Aussage des Herrn von Holleuffer hat sich leider tief in die Köpfe einiger neuzeitlicher anglomaner Reitergenerationen gefräst und führt zu völlig unsinnigen Trainingsmethoden – wie beispielsweise VORWÄRTS-ABWÄRTS, aber auch ROLLKUR!

Und es führt dazu, dass wirklich gut ausgebildete und gut gehende Pferde mit Kritik überhäuft und diffamiert werden und damit besteht die große Gefahr, dass die GUTEN BILDER mehr und mehr aus unseren Köpfen verschwinden werden.

REITEN UND REITKUNST ADE!


[1] Bernhard Hugo von Holleufer war ein Königlich Preußischer Stallmeister am Militärreitinstitut Hannover

[2] Bernhard Hugo von Holleufer (oder auch Bernhard Hugo von Holleuffer) | „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ | 1882 | Hahn ’sehe Buchhandlung – Hannover | Seite 37

[3] Bernhard Hugo von Holleufer (oder auch Bernhard Hugo von Holleuffer) | „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ | 1882 | Hahn ’sehe Buchhandlung – Hannover | Seite 37

[4] Ernst Friedrich Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferde“ | Ernst Siegfried Mittler Verlag | 1837 | Seiten: 6, 10, 32, 39, 40, und viele Seiten mehr

[5] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | 2. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1846 | Olms-Verlag 1990 | Seite 137f

[6] Ernst Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagnen- und Gebrauchspferdes“ | Eigenverlag – Gedruckt in der Dietericischen Buchdruckerei (E.G. Mittler) – Berlin | 1837 | Seite 41


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie