Der Kollaps der Hardware: Wenn REM-Schlafmangel das Pferd zu Boden reißt

Der Kollaps der Hardware: Wenn REM-Schlafmangel das Pferd zu Boden reißt

Autor: Richard Vizethum | Stallmeister | (c) Schule der Hippologie

Es passiert in Sekundenbruchteilen: Die Beine geben nach, der schwere Körper knallt ungebremst auf die Karpalgelenke. Was wie ein rätselhaftes Straucheln aussieht, ist die brutale Offenbarung eines massiv gestörten Bio-Rhythmus. Ihr Pferd bricht zusammen, weil sein Betriebssystem die Notbremse zieht und den lebensnotwendigen REM-Schlaf mitten im Stehen erzwingt. Es ist die pure biologische Verzweiflung.

Ihr Pferd steht vermeintlich friedlich dösend auf der Koppel oder in der Box und plötzlich, ganz unvermittelt, bricht es zusammen. Seine Beine klappen einfach unkontrolliert weg – in der Regel die Vorderbeine zuerst – und es knallt auf die Karpalgelenke. In einem Schmerz-Reflex fährt es gleich danach wieder hoch. Für einen Moment starrt es anschließend einfach nur vor sich hin, um schließlich, unter Umständen nach einem kurzen Schütteln des Kopfes, wieder zur „Tagesordnung“ überzugehen.

Was war geschehen?

Schnell sprechen „Experten“ hier von Narkolepsie. Diese allerdings ist eine seltene, oft genetisch bedingte Störung des Hirnstoffwechsels, deren Ursache ein Orexinmangel (Orexin/Hypocretin[1]) im Botenstoff-System des Gehirns ist. Dieses betroffene Botenstoff-System steigert einerseits das Verlangen nach Nahrungsaufnahme und reguliert andererseits die damit im direkten Zusammenhang stehende Schlaf-Wach-Steuerung. Narkolepsie unterscheidet sich somit gravierend von dem, was ihrem „friedlich dösenden“ Pferd passiert ist. Ihr Pferd leidet unter einem sogenannten REM-Schlafmangel[2].

Während Narkolepsie eine neurologische Erkrankung (Wacherkrankung) ist, handelt es sich beim REM-Schlafmangel um eine Verhaltensstörung (Schlafstörung). Auf die genaueren Unterschiede – auch wie man diese sehr gut erkennen kann – werde ich später an dieser Stelle noch näher eingehen.

Nun aber erstmal zurück zu dem, was ihr
Pferd gerade durchgemacht hat!
Der REM-Schlafmangel

Um diese Schlafstörung und deren Ursachen zu verstehen, ist es zunächst einmal erforderlich, sich mit den einzelnen Phasen des Schlafes bei einem Pferd auseinanderzusetzten.

Die Phasen des Schlafes beim Pferd

Phase 1: Das „friedliche“ Dösen

In der ersten Phase, dem Dösen, steht das Pferd und wird durch die mechanische Fixierung in der sogenannten Spannsägenkonstruktion der Hinterhand einerseits energieeffizient stabilisiert und befindet sich andererseits immer noch in einem Zustand, der eine schnelle Flucht ermöglicht. Das Pferd entlastet dabei abwechselnd ein Hinterbein, was man als Schildern bezeichnet, während das Kniegelenk des Standbeins durch die Kniescheibenarretierung fixiert wird.

Die Vordergliedmaßen haben nichts Vergleichbares, gleichwohl auch hier Bänder und Sehnen der Muskulatur Leistung abnehmen und damit ebenso ein energieeffizientes Stehen unterstützen. 

Die Frequenz von Herzschlag und Atmung sinkt bereits beim Dösen vom aktiven Wachzustand langsam auf ein stabiles Ruhe-Niveau (ca. 30–40 Schläge/Min). Die mechanische Fixierung sorgt dafür, dass sich die Skelettmuskulatur schon etwas entspannt. Allerdings bleibt der Grundtonus noch hoch, um das Gleichgewicht zu halten und die Fluchtbereitschaft aufrecht zu erhalten.

Phase 2: Der leichte Schlaf  (SWS – Slow Wave Sleep)

Auch im leichten Schlaf bleibt das Pferd dank der mechanischen „Fixierung“ sicher stehen. Die Muskulatur ist in Bedarfsspannung[3], die passive Haltevorrichtung verhindert das Einknicken der Gelenke. Auch die Fähigkeit zur schnellen Flucht bleibt erhalten.

Phase 3: Der mitteltiefe Schlaf

In dieser Phase beginnt der eigentliche Schlaf und das Pferd befindet sich in einem Übergang zum Tiefschlaf. Pferde können dabei für eine kurze Phase von ein bis zwei Minuten weiterhin im Stehen verbleiben. Die Spannsägenkonstruktion hält das Pferd noch in dieser Position. Das System fordert nun Tiefschlaf und letztendlich auch den REM[4]-Schlaf (Traumschlaf) ein.

Phase 4: Der 1. Sicherheits-Check

Dieser erste Schwellenwächter „entscheidet“ darüber, ob sich das Pferd Ablegen kann oder nicht. Da sich das Pferd für den Tiefschlaf  und den REM-Schlaf zwingend hinlegen muss, findet nun ein kurzes Aufwachen statt, in der das Pferd sein Umfeld nach Sicherheitsrisiken abprüft. Ergibt dieser Check, dass die Rahmenbedingungen sicher sind, legt sich das Pferd ab.

Der Parasympathikus übernimmt vollständig das Kommando. Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) verändert sich; das Herz schlägt nun sehr rhythmisch und ruhig. Die Verdauungstätigkeit wird leicht gedrosselt, und die Energieressourcen werden auf die neurologische Regeneration umgeleitet. Der Muskeltonus wird für den weiteren Übergang zum REM-Schlaf sukzessive weiter gedrosselt.

Phase 5: Das Ablegen (Hinlegen)

Im Normalzustand ist das Ablegen eine hochkomplexe motorische Eigenleistung, die eine präzise biomechanische, neuromuskuläre Kontrolle und Koordination erfordert, um das hohe Körpergewicht sicher zu Boden zu bringen. Es ist ein aktiver Prozess, kein passives Umfallen. Das Pferd muss dafür wach sein, um sich sicher hinzulegen, damit es später auch sicher schlafen kann.

Phase 6: Der 2. Sicherheits-Check (ca. 3-5 Minuten)

Dieser zweiten Schwellenwächter gibt den Tiefschlaf und den REM-Schlaf frei. Dabei liegt das Pferd in der Brust-Bauchlage[5] , ist noch wach (von Phase 5) oder bereits in einem leichten Dämmerzustand und prüft in einem Check den unmittelbaren Nahbereich auf dessen, für das Pferd, relevante Sicherheit hin ab. Erst wenn diese Prüfung keine Gefahrenmomente signalisiert, wird körperliche Schlafbereitschaft hergestellt und die Gehirnaktivität des Pferdes sinkt in den Tiefschlaf.

Phase 7: Die Tiefschlafphase (ca. 5 Minuten)

In dieser Tiefschlaf-Phase bleibt das Pferd entweder noch kurzzeitig in der Brust-Bauchlage oder legt sich bereits direkt in die Seitenlage (Laterallage) ab.

Die Herzfrequenz erreicht ihren tiefsten Punkt im gesamten Zyklus. Die Muskelspannung wird nun so weit heruntergefahren, dass das Pferd dazu bereit ist, die Brust-Bauchlage aufzugeben und in die Seitenlage zu kippen. Der Blutdruck sinkt auf das Niveau, das notwendig ist, um die kommende REM-Phase (in der das Gehirn paradoxerweise wieder hochaktiv wird) ohne physische Belastung zu überstehen.

Phase 8: Die existenziell wichtige REM-Schlafphase (4-5 Minuten)

Für diese REM-Schlafphase (Traumphase) legt sich das Pferd zwingend flach auf die Seite (Seitenlage). Nur in dieser Phase tritt die vollständige Atonie ein. Das bedeutet der gesamte Muskeltonus wird gen Null gefahren. Dieser Sachverhalt wird später wichtig, wenn wir zum REM-Schlafmangel kommen.

Interessanterweise steigen Puls und Blutdruck unmittelbar während der REM-Phase oft wieder leicht an und werden unregelmäßiger, was daran liegt, dass das Gehirn in dieser Phase hochaktiv ist (Träumen). Die genannten vorbereitenden Absenkungen im Tiefschlaf dienen daher als notwendige „Beruhigung“ des Systems, um diesen kurzen, intensiven neurologischen Traum-Prozess sicher durchlaufen zu können.

Neurologisch gesehen benötigt das Pferd zwar nur ca. 10–15 Minuten reinen REM-Schlaf über den gesamten Tag verteilt (d.h. 2-3 komplette Schlafzyklen pro Tag) um das Gehirn zu regenerieren, dafür aber muss das Pferd pro Tag mindestens 30-60 Minuten Gesamtliegezeit (Phasen 6 – 9) investieren, damit statistisch gesehen genug „erfolgreiche“ Zyklen dabei sind, um diese sehr kurzen und existenziell wichtigen REM-Zeitfenster sicher zu erreichen.

Phase 9: Aufwach- und Mobilisierungsphase (5-7 Minuten)

Nach der REM-Schlafphase steht ein Pferd normalerweise nie sofort auf. Nach der totalen Atonie der REM-Phase muss der Muskeltonus erst langsam wiederhergestellt werden. Das Gehirn wechselt vom Traumzustand zurück in die Wachheit. Das Pferd döst dabei noch im Liegen, rollt sich aber oft schon aus der Seitenlage zurück in die Brust-Bauchlage. Dort verweilt es einige Minuten, beobachtet die Umgebung und „sortiert“ seine Gliedmaßen, bevor es den Kraftakt des Aufstehens unternimmt. Das Aufstehen ist für ein großes Tier wie dem Pferd anstrengend und ein Moment der Verletzlichkeit. Deshalb dient diese Aufwach- und Mobilisierungsphase der Sicherheit, um nicht „schlaftrunken“ aufzuspringen, was nicht nur in einer potenziellen Fluchtsituation problematisch wäre.

Kommen wir nun zur
Beantwortung der Frage,
warum ihr vermeintlich friedlich dösendes Pferd
einfach zusammengebrochen ist und warum es sich dabei um eine Verhaltensstörung und
nicht um eine Krankheit handelt.

Der REM-Schlafmangel, dies lässt sich durchaus schon aus der Begrifflichkeit ablesen, tritt nicht plötzlich auf, sondern es ist ein schleichender und mit der Zeit eskalierender Prozess.

Die existenziellen Gefahren des
REM-Schlafmangels

Um nun die existenzielle Gefahr, die daraus für das Pferd entsteht, zu verstehen, ist es erforderlich zu begreifen, warum gerade der REM-Schlaf für das Pferd (aber auch dem Menschen) so elementar wichtig ist. Der REM-Schlaf ist nicht einfach nur eine „Traumphase“, sondern er ist die zentrale Wartungsinstanz des Gehirns. Während die Vorstufen, im Besonderen die Tiefschlafphase (Phase 7)  primär der reinen körperlichen Erholung (Entspannung, Zellreparatur, Immunabwehr …) dienen, ist der REM-Schlaf für die mentale und psychische Gesundheit des Pferdes existenziell.

Der REM-Schlaf fungiert, schlicht ausgedrückt, als „bereinigende Eigentherapie“. In dieser Phase werden emotionale Erlebnisse des Tages, wie beispielsweise Stress in der Herde, Ausbildung oder neue Umweltreize verarbeitet und von ihrer emotionalen Last getrennt. Findet dieser REM-Schlaf über längere Zeit nicht statt, wird das Pferd chronisch reizbar, schreckhaft und verliert seine psychische Belastbarkeit (Resilienz). Diese zunehmende „innere Unruhe“, beeinflusst die beiden Sicherheits-Checks (Phase 4 und 6) immer stärker negativ, was zu einer zunehmenden Unterdrückung des REM-Schlafes beiträgt. Eine ungesunde Eskalationsspirale wird angestoßen.

Auch körperliches Lernen findet beim Pferd zu einem wesentlichen Teil im REM-Schlaf statt. Während der Muskeltonus weitgehend in Richtung Null abgesunken ist, „spielt“ das Gehirn die motorischen Abläufe des Tages im Schnelldurchlauf ab. Ohne diese Schlafphase kann das Pferd Gelerntes nicht dauerhaft abspeichern, da der Transfer vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis gestört ist, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Ausbildung des Pferdes.

Während des REM-Schlafs werden Stoffwechselendprodukte beispielsweise Proteine wie Beta-Amyloid (Aβ), Tau-Proteine, Alpha-Synuclein etc., die sich im wachen Zustand im Gehirn ansammeln, über das glymphatische System[6] effizient abtransportiert. Diese Proteine sind Abfallprodukte neuronaler Aktivitäten und wirken wie „Sand im Getriebe“ des Gehirns und müssen deshalb im REM-Schlaf ausgeleitet werden. Kann dieser Reinigungsprozess durch fehlenden REM-Schlaf nicht stattfinden, kommt es zu einer neurologischen „Vergiftung“, welche die grundsätzlich vorhandene allgemeine Konzentrationsschwäche der Pferde weiter steigert und Apathie auslösen oder verstärken kann.

Wichtige Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin werden im REM-Schlaf reguliert. Ohne REM-Schlaf bricht das hormonelle Gleichgewicht zusammen. Ein chronisch unter REM-Schlafmangel leidendes Pferd rutscht in einen Zustand, der einer klinischen Depression beim Menschen ähnelt – es wirkt abgestumpft, kann  aber gleichzeitig durchaus heftige, unkontrollierte Stressreaktionen zeigen.

Der menschengemachte Weg
in die Verhaltensstörung

Der REM-Schlafmangel ist faktisch eine Zivilisationskrankheit, die fast ausschließlich in der vom Menschen gestalteten Umwelt auftritt. In der Natur hat das Pferd die Kompetenz, sich seinen Schlafplatz und seine „Wächter“ selbst zu wählen. In der Domestikation haben wir ihm diese Kompetenz entzogen.

Häufige Stall- oder Herdenwechsel (Einsteller-Fluktuation) verhindern, dass das Pferd die für das Abliegen nötige soziale Geborgenheit einer intakten Herde findet, da die Herdenzusammensetzung ständigen Änderungen unterworfen ist. Wichtig ist hier zu bedenken, dass ein Pferd etwa 14 Tage benötigt, um in einem neuen Stall und Herdenverband „anzukommen“ und etwa ein komplettes Jahr, um vollständig „da zu sein“!

Überbelegte, weil viel zu kleine Paddocks oder Offenstallflächen, führen dazu, dass rangniedrige Pferde keinen physischen Raum zum sicheren Ablegen finden oder von ranghöheren Tieren ständig aufgetrieben werden. Bei vollzeitlicher oder teilweiser Boxenhaltung sorgen aggressive Boxennachbarn, aber auch hohe, blickdichte Boxenwände, hin zu einem vertrauten Pferdefreund (wo nur Hören, aber nicht Sehen möglich ist), zu erheblichen Stress, welcher ebenfalls das Hinlegen des Pferdes stark beeinträchtigt, genauso wie fehlende oder ungenügende Einstreu[7] in den Boxen dazu beitragen kann, das sich das Pferd nicht mehr ablegt.

Ein Umgang mit dem Pferd, welcher auf Unterdrückung basiert, wozu Unberechenbarkeit der Menschen mit denen es konfrontiert wird[8] und ständige Kontrolle ebenso gehören, wie vermenschlichende und angeblich „pferdefreundliche“ Spielereien mit dem Pferd, berauben diesem seinen Handlungsoptionen und tragen dazu bei, das Pferd in eine „erlernte“ Hilflosigkeit zu degenerieren. Ein Pferd, das sich in seiner Umwelt nicht mehr wirksam fühlt, verliert das Vertrauen in seine Fähigkeit, Situationen einzuschätzen – die schlafrelevanten Sicherheits-Checks (Phasen 4 und 6) signalisieren ständig Alarm!

Eine Ausbildung, die die körperliche Statik des Pferdes ignoriert (z.B. dauerhafte Fehlbelastung u.a. durch Vorwärts-Abwärts-Reiterei oder Überforderungen durch Lektionen, denen jegliches körperliche Fundament fehlt, können zu chronischen Schmerzen führen (welche häufig nicht erkannt werden). Das Pferd vermeidet das Abliegen, weil es den Schmerz beim mühsamen Aufstehen fürchtet, was man somit nicht nur bei alten Pferden beobachten kann.

Die Verhaltensstörung REM-Schlafmangel betrifft primär Pferde mit fehlender Souveränität, entweder durch niederen Rang oder durch überforderte Führungspositionen, welche sowohl in der einen, wie in der anderen Ausprägung im Wesentlichen menschlich verursacht ist und deshalb kann man beim REM-Schlafmangel definitiv von einer zivilisatorisch bedingten Verhaltensstörung bei den Pferden sprechen.

Warum nun ist ihr friedlich dösendes Pferd
einfach so zusammengebrochen?

Pferde, denen es an Handlungsoptionen und damit an Souveränität mangelt geraden in einen Kontrollzwang (oder auch eine Form der Hypervigilanz[9]). Es handelt sich um eine neurologische Fixierung, die das Pferd in einem permanenten Sympathikotonus (Alarmzustand, der die Organe eines Lebewesens auf Flucht- und Angriffssituationen vorbereitet) gefangen hält.

Bei einem Pferd mit niederem Rang in der Herde ist der Kontrollzwang defensiv: Das Pferd scannt die Umgebung permanent nach den Individualabständen und Absichten der Ranghöheren. Die Angst vor physischer Maßregelung führt dazu, dass das Pferd seine Aufmerksamkeit nicht mehr nach innen (auf die eigene Entspannung) richten kann. Selbst wenn das Pferd liegt, führt der Sicherheits-Check 2 (Phase 6 – in Brust-Bauchlage) beim kleinsten Geräusch eines sich nähernden Pferdes zum sofortigen Abbruch. Das Pferd steht auf, bevor es den REM-Schlaf erreicht.

Bei einem Pferd, welches innerhalb einer Herde, sei es durch Aggression, körperlicher Präsenz oder anderen pferdischen Gründen von den Mitgliedern des Herdenverbandes nach oben („Peter-Prinzip“ [10]) in die Führungsposition, „befördert“ wurde, für die es nervlich nicht gewappnet ist, wird aus gesunder Wachsamkeit ein Zwang. Da ein solches Pferd keine innere Sicherheit (Souveränität) besitzt, versucht es diese durch äußere Kontrolle zu ersetzen. Jede Ohrenbewegung der Artgenossen und jedes Knacken im Gebüsch wird bewertet, weil es selbst keine Strategien hat, Reize als „unwichtig“ einzustufen. Schon der 1. Sicherheits-Check (Phase 4), welcher noch im Stehen stattfindet, liefert selten die Freigabe, um sich hinlegen zu können, da die Kontrolle der Herde als überlebenswichtige Daueraufgabe gewertet wird. Das Tier „darf“ nicht schlafen.

Beide Pferdetypen gelangen mit der Zeit immer weniger in den REM-Schlaf. Jeder durch einen der beiden Sicherheits-Checks (Phasen 4 und 6) abgelehnte Schlaf, spannt bildlich gesprochen das Gummiband der REM-Schuld (das Einfordern des REM-Schlafes) ein Stück weiter. Das Pferd befindet sich in einem eskalierenden Konflikt zwischen dem Kontrollzwang und einer immer zwingender werdenden Forderung der Biologie nach Reinigung und Regeneration durch den REM-Schlaf.

Irgendwann ist die Spannung des Gummibands (der neurologische Druck) größer als die Kraft des Kontrollzwangs. Das System reißt mehr und mehr die Führung an sich. In einem Zeitraum von etwa 7 bis 14 Tagen ohne ausreichenden REM-Schlaf vollzieht sich im Körper des Pferdes der Übergang von einer bloßen psychischen Anspannung hin zu massiven physischen Ausfällen.

Nach etwas mehr als einer Woche (Tag 7-10) ohne REM-Schlaf ist die neurologische Regenerationsfähigkeit erschöpft und ein kritischer Schwellenwert überschritten. Das Gehirn kann den REM-Druck nicht mehr mit Willenskraft oder dem Sympathikus (Stresszustand durch Kontrolle etc.) unterdrücken. Das Pferd zeigt erste „Mikro-Absacker“. Die Konzentrationsfähigkeit bricht drastisch ein; das Pferd wirkt entweder apathisch-abwesend oder zeigt eine extrem niedrige Reizschwelle (Hysterie).

Tag 10-12 ohne REM-Schlaf. Das System schaltet nun auf den „Notfall-Modus“ um. Die Instanzen der Sicherheits-Checks 1 und 2  (Phase 4 und 6) werden zunehmend umgangen. Das Gehirn senkt die Hemmschwelle für den Eintritt in die REM-Atonie („Abschalten“ des Muskeltonus) massiv ab. Der Rebound-Effekt (bildlich: das Zurückschnellen des Gummibandes) durch Einfordern der REM-Schuld beginnt sich zu manifestieren. Das Gehirn „stiehlt“ sich erste Sekundenbruchteile an REM-Aktivität. Die Atonie flackert kurz auf, das Pferd verliert für einen Moment die statische Sicherheit, das typische Schwanken im Stehen, welches diese Phase kennzeichnet, wird häufiger (bis zu 60–70 Mal täglich). Das System des Pferdes beginnt die REM-Phase aktiv im Stehen zu erzwingen!

Nach spätestens zwei Wochen ohne REM-Schlaf tritt das ein, was Forscher als „Schlafattacken“ bezeichnen. Die biologische Notwendigkeit (REM-Schlaf) bricht die physikalische Sicherheit (Kontrollzwang). Bereits der 1. Sicherheitscheck (Phase 4) wird  ignoriert, die Atonie (nahezu vollständige Muskelerschlaffung) setzt schlagartig ein, während das Pferd noch steht. Es kommt zum vollständigen Kollaps. Die Vorderbeine knicken in der Regel zuerst ein, da hier im Stehen die Muskeln noch etwas mehr Haltearbeit übernehmen müssen, das Pferd stürzt auf die Karpalgelenke oder sogar auf das Gesicht. Spätestens hier werden die typischen Verletzungen (beispielsweise Narben, kahle Stellen an den Karpalgelenken und am Kronrand etc.) sichtbar, die als deutliches Indiz für den chronischen REM-Schlafmangel gelten können.

Warnsignale die auf einen REM-Schlafmangel
hindeuten und ernst genommen werden sollten

Neben den bereits erwähnten auftretenden physischen und psychischen Veränderungen am Pferd, wie zunehmende Apathie und/oder niedrige Reizschwelle, verstärkter Konzentrationsmangel, häufiges Schwanken im Stehen (60-70 mal täglich) welches schon auf eine fortgeschrittene Entwicklung des Schlafmangels hindeutet, gibt es eine Reihe sichtbarer Verletzungen, die durch das plötzliche Einknicken während der REM-Atonie im Stehen verursacht werden.

Häufig finden sich Schürfwunden oder Narben an der Vorderseite der Karpalgelenke und Fesselköpfe, da diese beim Absacken oft heftig den Boden berühren. Am Kopf und im Gesicht können unverkennbare Schrammen oder Wunden an der Nase, den Lippen oder der Stirn entstehen, wenn das Pferd mit dem Kopf auf den Boden oder gegen Stallwände schlägt. In schweren Fällen wurden sogar Brüche im Kopfbereich beobachtet.

Auch an den Hinterbeinen können Verletzungen an den Sprunggelenken auftreten, wenn das Pferd unkontrolliert hinten einknickt. Es können sogar Brüche der Schweifrübe oder Scheuerstellen vorkommen, falls das Pferd beim Kollabieren rückwärts gegen Begrenzungen (Boxenwand etc.) stürzt.

Als ein sekundäres, aber wichtiges Warnsignal ist das Fehlen von Einstreu oder Schmutz im Fell oder Schweif, was darauf hindeutet, dass das Pferd sich gar nicht mehr hinlegt.

Zudem können chronische Entzündungen oder Verdickungen (Gallen) an den betroffenen Gelenken auftreten, die oft zu einer schleichenden Lahmheit führen.

Unterscheidungsmerkmale zwischen der
Verhaltensstörung REM-Schlafmangel und der Krankheit Narkolepsie

Übersetzt man die Ursachen-Unterschiede zwischen der Krankheit Narkolepsie und der Verhaltensstörung REM-Schlafmangel in die Computersprache, so liegt im ersten Fall ein Defekt in der Hardware und im zweiten Fall ein Software-Defekt vor. Narkolepsie ist ein organischer Hardware-Defekt im Gehirn. Meist ein Mangel an Orexin-Rezeptoren, welcher die Grenze zwischen Wach- und Schlafzustand instabil macht. Der REM-Schlafmangel dagegen ist ein Software-Problem. Das Gehirn ist gesund, aber eine Verhaltensstörung (Kontrollzwang durch Unsicherheit) blockiert das für den REM-Schlaf notwendige Abliegen des Pferdes.

Betrachtet man die jeweiligen Auslöser des Zusammenbruchs, so geschieht dieser bei Narkolepsie beim „Hochfahren“. Hunger ist der stärkste biologische Reiz, um das System hochzufahren. Orexin hat die Aufgabe, bei Energiemangel (Futterbedarf) den Muskeltonus zu stabilisieren, damit ein Tier jagen oder grasen kann. Bei der Narkolepsie, bei der ein Orexin-Mangel herrscht, führt die Vorfreude auf Futter (die antizipierte Belohnung) zum massivsten Zusammenbruch (Kataplexie) und zwar bei vollem Bewusstsein, sprich im Wachzustand, weil das Gehirn zwar „Wachheit“ und „Motivation“ signalisiert, aber die notwendige körperliche Stabilität (Muskeltonus) nicht bereitstellen kann.

Beim REM-Schlafmangel dagegen tritt der Kollaps, der Zusammenbruch, beim „Herunterfahren“ auf. Wenn das Pferd döst oder sich in stehenden Schlafphasen langsam entspannt, erzwingt der aufgestaute REM-Schlafdruck schlagartig die Atonie (Erschlaffung der Muskulatur) und das Pferd fällt zu Boden, um sich in einem Schmerzreflex schnell wieder aufzurichten.

Betrachten wir uns typische Verletzungsmuster, so können diese bei Narkolepsie an allen möglichen Körperstellen auftreten, da der Sturz aus einer aktiven Situation heraus erfolgt. Dagegen weist der REM-Schlafmangel primär nur die charakteristischen „Schlaf-Narben“ an den Karpalgelenken (Vorderknien), Fesselköpfen oder am Kopf auf, da das Pferd aus dem Stehen heraus in der Regel mit den Vorderbeinen zuerst einknickt.

Betrachtet man das Alter und die Rassen der Tiere, so gibt es bei Narkolepsie eine klare genetische Häufung bei bestimmten Rassen und Linien und sie tritt oft schon bei Fohlen oder Jungpferden auf. Bei Kleinpferden und Ponys, wie American Miniature Horses (sie gelten als die betroffenste Rasse), Shetland-Ponys[11] und Falabella[12] kommt Narkolepsie am häufigsten vor. Wenn auch seltener als bei Ponys, gibt es bei den folgenden Großpferderassen bekannte Linien, in denen Narkolepsie festgestellt werden konnte:  Lipizzaner[13], Quarter Horses[14], Suffolk Punch[15] und Appaloosa[16].

Der REM-Schlafmangel betrifft dagegen – rasseunabhängig – meist erwachsene Pferde und ist oft an Veränderungen in der Haltung (Stallwechsel, Herdenunruhe), falschem Umgang mit den Tieren (Handling und in der Ausbildung) oder physischen Schmerzen (Arthrose) gekoppelt.

Die Unterschiede zwischen der Krankheit Narkolepsie und der Verhaltensstörung REM-Schlafmangel lassen sich bildlich wie folgt zusammenfassen: Wenn beispielsweise ein Miniaturpferd bei Aufregung zusammenbricht, ist es fast sicher Narkolepsie. Wenn dagegen ein Warmblut-Wallach, ebenfalls als Beispiel genannt, beim Dösen schwankt, einknickt oder stürzt handelt es sich nahezu immer um den REM-Schlafmangel.

Was unbedingt zu wissen und zu beachten ist,
will man einem Pferd mit
REM-Schlafmangel helfen

Pferde sind grundsätzlich konzentrationsschwache Lebewesen, denn ihre Hauptnahrung, das Gras oder Heu, läuft ihnen nicht davon. Sie sind evolutionär auf selektive Aufmerksamkeit („Ist da ein Raubtier?“) programmiert. Bei Beutejägern, wie beispielsweise Katzen, dagegen ist das schon etwas ganz anderes. Diese sind evolutionär auf eine fokussierte, hohe Konzentration (… auf ein Mauseloch) ausgerichtet. 

Der REM-Schlafmangel führt im präfrontalen Cortex (der Instanz für Lernen und Impulskontrolle) zu einem „Nebel“. Das Pferd kann Reize nicht mehr filtern, die Konzentration sinkt noch einmal deutlich ab.

Methoden, die auf visuelle Reize (gelb-blaue Gassen, Parcours etc.) setzen sind hier völlig kontraproduktiv! Für ein Pferd mit REM-Schlafmangel, welches ohnehin unter verstärkter Konzentrationsschwäche und dazu noch an Hypervigilanz (Zustand erhöhter und anhaltender Wachsamkeit) leidet, stellen diese Methoden eine reine Reizüberflutung dar. Der inneren Stress,  der Kontrollzwang wird nicht gelöst, sondern verstärkt!

Auch Methoden, welche mit „Freundschaft“ und „Dominanzspielen“ werben, basieren meist auf einem diffusen Wechsel von Druck und Nachgeben, welcher für ein unsicheres Pferd, wie eben gerade ein Pferd mit REM-Schlafmangel, unvorhersehbar und damit völlig kontraproduktiv ist, denn ein solches Pferd benötigt zwingend absolute Vorhersehbarkeit. „Spiele“ dagegen verunsichern das Pferd noch mehr, da die Regeln nicht klar definiert sind. Das Pferd bleibt im permanenten Scan-Modus des Menschen, was den Kontrollzwang eher füttert als auflöst.

Freiheitsdressur ist in Bezug auf Pferde mit REM-Schlafmangel oft das Maximum an Kontraproduktivität, da sie das Grundproblem – den Kontrollzwang und die innere Unruhe – massiv befeuert, während sie gleichzeitig die notwendige äußere Struktur komplett entfernt. Freiheitsdressur suggeriert „Freiwilligkeit“, basiert aber neurobiologisch meist auf einer extremen psychischen Fixierung des Pferdes auf den Menschen. Da ein Pferd mit REM-Schlafstörung bereits  unter einer pathologischen Wachsamkeit (Hypervigilanz) leidet und in der Freiheitsdressur es den Menschen noch intensiver scannen muss, um kleinste Signale nicht zu verpassen, wird der Kontrollzwang nicht abgebaut, sondern professionalisiert. Das Pferd ist mental „daueronline“, was den Sicherheits-Check für den Schlaf (das Loslassen-Können) massiv blockiert. Ein unsicheres Pferd fühlt sich in der „Freiheit“ oft verloren. Es reagiert mit einer Pseudo-Souveränität, die in Wahrheit nur eine Maskierung seiner Hilflosigkeit ist.

Was für die Freiheitsdressur beschrieben wurde gilt im Wesentlichen im gleichen Maße auch für das sogenannte Clickertraining. Das Clicker-Training arbeitet massiv mit Erwartungshaltungen (Click, Leckerli). Dies hält das Pferd einerseits in einem permanenten Zustand der Appetenz und andererseits fordert es eine Konzentration auf den Menschen. Die Folge: das Pferd wird durch die ständige Jagd nach dem Click in einer hohen sympathikotonen Erregung gehalten.

Ein Pferd welches unter REM-Schlafmangel leidet, benötigt extrem klare Leitplanken und eine ruhige, emotionskontrollierte Führung, die keine Fokussierung auf den Menschen (Horsemanship, Freiheitsdressur, Clickertraining) oder auf Gegenstände und Intervallen notwendig mach und es stattdessen durch Drill, Disziplin und angepassten Druck zu einer ausschließlichen Konzentration auf eine gezielt geforderte körperliche Leistung „zwingt“!

Was kann man bei einem Pferd mit
REM-Schlafmangel tatsächlich tun,
um dieses wieder zu dem so existenziell
wichtigen REM-Schlaf zu verhelfen?

Pferde mit REM-Schlafmangel leiden an einer „Überlastung der Entscheidungsebene“. Deren System ist permanent damit beschäftigt, Unsicherheiten zu bewerten. Jede Ausbildungsmethode, die vom Pferd erwartet, mitzudenken, zu interpretieren oder auf Belohnungen zu hoffen, hält diese belastende Gehirnaktivität aufrecht.

Um einem Pferd mit REM-Schlafmangel
wirklich zu helfen
müssen alte körperliche Handlungsoptionen wiederhergestellt
und neue körperliche Handlungsoptionen etabliert werden!

Eine körperliche Umformung, und damit die Schaffung neuer Handlungsoptionen durch Drill, Disziplin und angemessenem Druck, wirkt hier wie eine neurologische Entlastung. Der „Präfrontalen Cortex“ des Pferdes wird entlastet.

In der heutigen Gesellschaft mit ihrem Beschönigungs- und Lügenkonstrukt der „politischen Korrektheit“ und der hohen Emotionalisierung (diese besonders auch im Zusammenhang mit Pferden), werden Drill, Disziplin und Druck leider oft negativ konnotiert, dabei sind sie, objektiv betrachtet, die zielführendsten Mittel der Erziehung und Ausbildung – es erfordert nur das richtige Verständnis dieser Begrifflichkeiten.

Drill, die stete Wiederholung immer gleicher Bewegungsabläufe, bis hin zu deren Perfektion, überführen diese neuen Bewegungsmuster vom instabilen Kurzzeitgedächtnis in das prozedurale Gedächtnis (Körpergedächtnis), sprich in die Routine. Das Gehirn muss nicht mehr „nachdenken“, der Körper „funktioniert“ einfach. Das schafft Sicherheit.

Disziplin – des Ausbilders – das Gleiche immer in der gleichen Art zu verlangen, fungiert als externer Sicherheits-Rahmen. Wenn die Regeln und Abläufe unumstößlich sind, muss das Pferd den Menschen und die Umgebung nicht mehr permanent scannen. Dies stabilisiert das vegetative Nervensystem und schafft Vertrauen.

Druck ist, biomechanisch betrachtet, das Lernen durch Reaktion auf einen Reiz. Ein Pferd mit REM-Schlafstörung ist oft „dissoziiert“ – es spürt seinen Körper nicht mehr richtig, weil es in einer permanenten Stress-Starre verharrt. Dosierter Druck zwingt das Nervensystem, den Fokus wieder in den eigenen Körper zu lenken (z.B. „Wo steht mein rechtes Hinterbein?“). Nur durch diesen Widerstand entsteht eine neuromuskuläre Rückmeldung. Die Kunst liegt in der Dosierung des Drucks. Hier ist Feingefühl und Erfahrung entscheidend. Der Druck muss hoch genug sein, um eine körperliche Antwort zu erzwingen, aber niedrig genug, um das Pferd nicht in eine totale Fluchtreaktion (Sympathikus-Flash) zu treiben, was gerade bei einem Pferd mit REM-Schlafmangel kontraproduktiv wäre. Allerdings kann es durchaus zu Beginn der Korrektur zu solchen „Fluchtreaktionen“ kommen, da der REM-Schlafmangel die Reizschwelle des Pferdes deutlich herabgesetzt hat. Damit in dieser Phase keine Verschlimmerung eintritt, erfordert es einen erfahrenen Ausbilder mit Empathie in der Wahrnehmung und Feingefühl in der Ausführung.

Indem klare Leitplanken durch die drei genannten D‘s und emotionslose Führung die Entscheidungsgewalt dem Pferd komplett abnehmen, darf das Gehirn des Pferdes den Modus der Hypervigilanz (ständiges Scannen der Umwelt) verlassen. Das Pferd muss nicht mehr fragen: „Was meint der Mensch?“ Es gibt nur noch die physische Realität der gestellten Aufgabe. Dies senkt den Stresspegel (Cortisol) sofort, da Vorhersehbarkeit (Berechenbarkeit) die größte Angstbremse für das Nervensystem und die Grundlage jeglichen Vertrauens ist.

Der „Zwang“ zur körperlichen Leistung unter dosiertem Druck schaltet den Fokus von der Außenwelt (Kontrollzwang) auf die Innenwelt (Körperwahrnehmung) um. Ein Pferd, das sich unter Druck koordinieren muss, aktiviert seine Tiefensensibilität. Diese physische Zentrierung ist der direkte Gegenspieler zur psychischen Zerfahrenheit. Das Pferd erfährt sich selbst wieder als stabil und handlungsfähig.

Diese Form der Arbeit bereitet den Boden für den REM-Schlaf. Das Pferd lernt, dass es sicher ist, selbst wenn es Führung und Kontrolle abgibt. Diese Erfahrung überträgt es schließlich auch auf die Herdensituation. Bei Sicherheitscheck 1 (Phase 4) wird nach einer gewissen Zeit (mehrere Ausbildungs- und Umformungseinheiten) damit das tatsächliche Hinlegen wieder freigegeben und auch der Sicherheitscheck 2 (Phase 6) lässt den Übergang in den Tiefschlaf und schließlich in den REM-Schlaf wieder zu.

Warum „emotionskontrolliert“ dabei so wichtig ist: Jede Emotionalität  des Ausbilders (egal ob Lob-Euphorie oder Ärger) würde das Pferd sofort wieder in den Modus der Interpretation werfen. Die emotionale Neutralität ist die „Stille“, die das Pferd, jedes Pferd braucht, um sich auf seinen eigenen Körper konzentrieren zu können und nicht durch starke Schwingungen des Menschen abgelenkt zu werden.

Durch diese Vorgehensweise gibt man dem Pferd die „äußere Atonie-Kontrolle“ zurück, die es innerlich verloren hatte. Sobald das Pferd merkt, dass die neuen Bewegungsabläufe es physisch stabiler machen, steigt seine psychische Souveränität. Dies ist der Moment, in dem die hierarchische Position (ob hoch oder niedrig) keine Last mehr darstellt, sondern eine Position, die das Pferd körperlich ausfüllen kann.

Das Ergebnis ist ein Pferd, das wieder „fest auf seinen vier Beinen steht“ – die Grundvoraussetzung, um sich später im Liegen dem REM-Schlaf anzuvertrauen.

Welche Schulen (Übungen) dazu beitragen, dieses zu bewirken, vermittle ich in meinen Kursen und Ausbildungseinheiten im Rahmen meiner Schule der Hippologie und werden in meiner LEHRE VOM GRALSWEG dokumentiert.   

Kann einem durch Narkolepsie
betroffenem Pferd geholfen werden?
Vernunft zur Zuchtselektion

Während sich bei der Verhaltensstörung REM-Schlafmangel wirkungsvolle Lösungen anbieten, gilt die Krankheit Narkolepsie nach aktuellem Stand als unheilbar.

Es gibt zwar mitunter medikamentöse Interventionsmöglichkeiten, wie bestimmte Antidepressiva oder wachmachende Substanzen, welche einer Verbesserung der Situation aber nicht zur Heilung beitragen sollen. diese allerdings sind nicht ohne Nebenwirkungen und werden kritisch betrachtet. Aktuell am vielversprechendsten gelten neue Orexin-Rezeptor-2-Agonisten, welche in der Humanmedizin gute Ergebnisse zeigen. Diese Wirkstoffe ersetzen das fehlende Orexin-Signal direkt. Für Pferde sind diese Therapien derzeit noch nicht marktreif, stellen aber den hoffnungsvollsten Forschungszweig dar.

Viel wichtiger als Therapie (wie eine Gentherapie oder Orexin-Ersatz) für Pferde zu etablieren, ist die selektive Zucht, welche das einzige wirksame Mittel ist, um die Verbreitung dieser belastenden Erkrankung Narkolepsie langfristig einzudämmen.

Es kann nur dringend empfohlen werden, betroffene Tiere sowie deren Elterntiere (als potenzielle Träger) aus der aktiven Selektion zu nehmen, um die Weitergabe des Defekts zu verhindern.

Was sich bei einem Pferd mit Narkolepsie zwingend verbietet, sind Methoden wie beispielsweise das Clicker-Training (Belohnungserwartung). Orexin der Botenstoff für Ressourcen-Erwartung. Das Clicker-Training arbeitet massiv mit der Erwartungshaltung („Wann kommt der Keks?“). Dies hält das Pferd in einem permanenten Zustand der Appetenz (Suche/Erwartung). Die Folge das Pferd wird durch die ständige Jagd nach dem Click in einer hohen sympathikotonen Erregung gehalten. Der dafür notwendige Muskeltonus, der durch Orexin-Rezeptoren aufrechterhalten werden würde, ist durch deren Mangel nicht gegeben, das Stürzen aus der Aktion heraus vorprogrammiert.


[1] Orexin und Hypocretin werden oft synonym gebraucht. Es empfiehlt sich aber die folgende Unterscheidung: Orexin sind die Peptide und Rezeptoren und Hypocretin (HCRT) deren jeweiligen Gene sowie die mRNA.

[2] REM-Schlafmangel: (englisch: REM sleep deficiency) oder fachsprachlich präziser Schlafmangel durch verhinderte Liegephasen (englisch: Recumbent sleep deprivation)

[3] Bedarfsspannung: Die Muskulatur ist soweit entspannt, dass Grundhaltefunktionen aufrecht erhalten bleiben.

[4] REM = (Rapid Eye Movement = Schnelle Augenbewegungen

[5] In der Brust-Bauchlage (Sternal-Lage) liegt das Pferd, auf Bauch und Brust, wobei es die Vorderbeine unter dem Körper anzieht und die Hinterbeine zur Seite winkelt. Hals und Kopf hält das Pferd aufrecht, der Kopf ist frei oder die Nase wird auf dem Boden aufgesetzt. In der Regel sind die Augen geschlossen.

[6] Als glymphatisches System wird ein mutmaßliches Entsorgungssystem für Abfallstoffe im Zentralnervensystem (ZNS) der Wirbeltiere bezeichnet, also im Gehirn und Rückenmark. Der Name ist eine neuzeitliche Wortschöpfung (2012) aus den Begriffen Glia und lymphatisches System. (Wikipedia)

[7] Um fehlende oder ungenügende Boxeneinstreu zu begründen, hört man in der heutigen Zeit die abstrusesten Argumente, doch die Hauptgründe dafür sind schlicht menschliche Bequemlichkeit.

[8] Besitzer, Stallbetreiber, Stallpersonal, Besucher etc. etc.

[9] Hypervigilanz ist mehr als nur eine gelegentliche Schreckhaftigkeit. Sie manifestiert sich in einem ständig erhöhten Angstniveau und einem unaufhörlichen Bedürfnis, die Umgebung nach potenziellen Gefahren abzusuchen

[10] Peter-Prinzip: Das Peter-Prinzip ist eine These von Laurence J. Peter, einem kanadisch-US-amerikanischen Pädagogen, die besagt: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.

[11] Bei den Shetland-Ponys ist eine familiäre Häufung (Vererbung) gut dokumentiert

[12] Das Falabella ist eine argentinische Miniaturpony-Rasse.

[13] Bei Lipizzanern wurde die Narkolepsie bereits in den 1970er Jahren wissenschaftlich untersucht und eine Vererbbarkeit festgestellt.

[14] Bei den Quarter Horses gibt es dokumentierte Fälle, wobei hier oft sehr genau zwischen echter Narkolepsie und schmerzbedingtem REM-Schlafmangel unterschieden werden muss.

[15] Das Suffolk (Pferd) wird auch als Suffolk Punch bezeichnet und ist eine britische, alte Pferderasse, die bereits Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals erwähnt wurde. Das robuste Kaltblut ist als kräftiges Zugpferd bekannt, das über Jahrhunderte hinweg als Arbeitspferd in der Landwirtschaft eingesetzt wurde. Seinen Ursprung hat das Suffolk in der gleichnamigen englischen Grafschaft Suffolk. Bei dieser Rasse wurde ebenfalls eine familiäre Disposition beobachtet.

[16] Auch bei Appaloosa finden sich Berichte über betroffene Zuchtlinien.


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Die Sucht mit Pferden zu spielen

Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Der letzte Stallmeister | Denkender Reiter

Ich bin ein Idealist, nicht nur was das Reiten anbelangt. Doch die Belastbarkeit idealistischen Denkens und Handelns wird auf immer stärkere Probe gestellt.

Ich mag stolze Pferde, die mit vier Füßen kraftvoll im Leben stehen, Pferde, die vor Selbstbewusstsein strotzen und dieses auch in allen Lebenssituationen ausstrahlen, Pferde die deshalb auch sicher sind, egal wie sicher der Reiter in ihrem Sattel ist.

Dorthin versuche ich diese wunderbaren Tiere zu entwickeln, unabhängig von deren bisherigen Lebenserfahrungen und körperlichen Voraussetzungen.

Reiter ermuntere ich dazu nachzudenken, dass zu werden, was Max Ritter von Weyrother, einer der prägendsten Personen an der Wiener Hofreitschule,  den „denkenden Reiter“ nannte, auch wenn es in der Geschichte vielleicht nur ein Dutzend solcher DENKENDEN REITER wirklich gegeben hat. Ich lehre sie Teil einer wundervollen Partnerschaft auf Augenhöhe mit dem Pferd zu werden.

Es ist aber unglaublich, wie schwer dieser Weg ist bzw. einem gemacht wird.

Von 100 Reitern, die über feines Reiten philosophieren und dieses für sich proklamieren, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der hauchzart in die Nähe dieser Art des Reitens kommt.

Von 100 Reitern, die über einen partnerschaftlichen, fairen Umgang mit dem Pferd reden, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der diesen in seiner letzten Konsequenz wirklich auch pflegt.

Diese Ernüchterung macht mich persönlich sehr traurig.

Wir trainieren Pferd nicht mehr um sie zu gesunden, leistungsbereiten Reitpferden zu machen, wir spielen lieber mit ihnen. Dabei vergessen wir, dass Pferde ernste Lebewesen sind. Ihnen muss man mit Ernst und Liebe begegnen. „Neckerei macht Pferde sogar böse“, wie Otto von Monteton 1899 schrieb.

Doch Spielen ist einfacher, weniger anstrengend, vor allem weniger anstrengend für das Gehirn. Und wir Menschen neigen, ganz besonders in dieser heutigen, dekadenten Zeit zur Faulheit! Dafür degradieren wir diese wunderbaren Wesen zu Tanzpuppen und sind dabei auch noch der Meinung, ihnen was Gutes angedeihen zu lassen.

Die Pferde machen mit – na ja, es bleibt ihnen ja auch wenig anderes übrig.

Pferde müssen funktionieren!

Tun sie es nicht, dann gibt es Mittel und Weg sie dazu zu bringen – die Kataloge und Regale von Reitausstattern sind übervoll davon. Was man dabei leider sehr selten einsetzt ist das eigene Gehirn. Wofür auch – zum Nachdenken? Das bedeutet Arbeit! Aber wie gesagt, die Fleißigsten sind wir ja nun mal nicht.

Finden sich unter den Pferden dann ein paar starke Charaktere, die darauf bestehen, dass der Mensch die Dinge die er zu tun hat auch richtig tut – und das wäre gar nicht so viel verlangt – dann landen sie  schnell in einer Verkaufsanzeige und werden häufig zum Wanderpokal. Pseudoexperten probieren sich an ihnen aus – bis, ja bis sich diese tapferen Kreaturen entweder aufgeben oder völlig unberechenbar werden.

Würde ich nun auch noch über die verschiedenen nutzlosen aber gerne angewandten Methoden sprechen, mit denen man Pferde heute ausbildet oder traktiert, bekommt dieser Text etwas Endloses. Ich ende erstmal hier und hoffe, ihr investiert etwas Arbeit und denkt über diese Worte einmal nach. Vielen Dank!


Dieser Beitrag wurde durch den Autor vor Jahren schon einmal veröffentlicht. Geändert hat sich nichts – zumindest nicht zum Positiven.


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Die Arbeit mit diffizilen Pferden

Die Arbeit mit diffizilen Pferden

Unter DIFFIZILEN PFERDEN werden Pferde mit körperlichen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten verstanden.

Die Arbeit mit diesen Pferden stellt diejenigen, die diese Arbeit tun, stets vor besondere Herausforderungen. Gleichzeitig ist es aber für einen Reiter der einzige Weg, zu umfassendem Wissen und einen enorm großen Erfahrungsschatz in allen Bereichen rund ums Pferd zu gelangen, um zu dem werden zu können, was in der Vergangenheit die STALLMEISTER waren, jene, mitunter im Professoren-Rang stehende Elite der Hippologen – primär in Preußen zu Zeiten Friedrichs des Großen und danach noch etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts eben dort.

„Reitmeister“, die sich nur mit guten Produkten aus der Zucht beschäftigen und deren oft in der Öffentlichkeit vorgestellten „Problempferde“ für einen wahren STALLMEISTER keine echte Herausforderung darstellen, werden nie wirklich zum Gipfel dieses Wissens und dieser Erfahrungen aufsteigen.

Die Arbeit mit diffizilen Pferden scheidet auch den Charakter der Menschen. Viele die sich daran versuchen, gelangen schnell an einen Punkt, an dem Gewalt ein probates Mittel der Problemlösung wird und nur sehr, sehr wenige erreichen jenes Stadium wahrhaftiger Meisterschaft, selbst schwierigste Probleme in tiefer Liebe und Zuneigung zu diesen wundervollen Tieren, gerecht und mit schier unendlicher Geduld[1], nachhaltig zu lösen.

Die gekonnte Arbeit mit diffizilen Pferden erscheint einem Außenstehenden und häufig an Spektakuläres und Verkünsteltes gewöhnten, eher als langweilig und wenig interessant. Ob bei körperlichen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten, stets ist diese Arbeit von ständigem Wiederholungen immer gleicher Schulen und Übungen, in immer gleicher Art und Weise geprägt. Es ist eine Millimeterarbeit, bei der ein immer höherer Grad der Präzision angestrebt wird und die dazu beiträgt, dass das Pferd sich körperlich und geistig nachhaltig immer sicherer fühlt, gesünder und leistungsbereiter wird.

Die Arbeit mit diffizilen Pferden ist die wahre REITKUNST und nur wer diese in liebevoll, dem Pferd zugewandten Art beherrscht, kommt nicht nur an die Fähigkeiten eines STALLMEISTERS heran, sondern ist der wahre Künstler in der Reiterei. 

Die letzten Jahrzehnte haben mich, durch die anspruchsvolle Arbeit mit vielen diffizilen Pferden, in aller Demut gesprochen, zu einem jener STALLMEISTER vergangener Zeiten werden lassen, die Max Ritter von Weyrother als DENKENDE REITER bezeichnete, von denen es in der Geschichte der Reiterei nur sehr, sehr wenige gab – gleichwohl sich viele gerne mit diesem Titel schmücken mögen. Trotz all meines großen Wissens und meiner umfangreichen Erfahrungen lerne ich noch jeden Tag hinzu, nicht aus Büchern, sondern von jenen Pferden die nicht perfekt sind, aber es verdient haben, eine Chance zu bekommen.

ICH GEBE NIE EIN PFERD AUF!

Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Wenn hier von GEDULD gesprochen wird, dann bedeutet dies nicht „alle Zeit der Welt“, denn solche hat ein STALLMEISTER in der Regel nicht. Von ihm wird erwartet, die Probleme in möglichst kurzer Zeit zu lösen. Ein Pferdebesitzer kann Jahre damit verbringen, herumexperimentierend, ein Problem zu lösen. Ein wahrer STALLMEISTER hat dazu oft nur wenige Korrektureinheiten zur Verfügung, bevor ihm die, ach so – nach eigenem Bekunden – geduldigen Reiter/innen wieder das Mandat entziehen.

Das Pferd – ein konzentrationsschwaches Lebewesen

Pferde sind konzentrationsschwache Lebewesen. In der Natur hat das Pferd es nicht nötig, sich großartig auf etwas zu konzentrieren. Sein Futter läuft schließlich nicht weg und ist dazu noch an vielen Plätzen zu finden. Anders sieht die Sache bei einem  Raubtier aus. Da sitzt die Katze schon mal stundenlang vor einem Mauseloch, in der Hoffnung, dass die Maus sich blicken lässt. Die Katze muss während der ganzen Zeit hoch konzentriert sein, um ja nicht diesen einen, entscheidenden Augenblick zu verpassen.

Oft wird gesagt, dass die Konzentrationsspanne eines (jungen) Pferdes etwa 20 Minuten betragen würde. Diese Aussage will ich so nicht mittragen.

Man kann ein Pferd, auch ein junges Pferd, durchaus 1-2 Stunden arbeiten und die Konzentration dabei immer wieder „beleben“. Denn meiner Erfahrung nach ist die Konzentration NICHT abhängig von der Zeitdauer, sondern von dem was man vom Pferd verlangt und wie gut das Pferd dieses bereits kann.

Bei einer wenig anspruchsvollen oder bereits bekannten Übung ist die Konzentrationsspanne länger, bei einer schwierigen oder unbekannten Übung dagegen deutlich kürzer.

Während ich bei einer leichten Übung durchaus 10 Minuten am Stück ohne Pause mit einem Pferd arbeiten kann, würde eine schwere Übung schon nach 10 Sekunden eine Pause erfordern.

Wenn ich nun hier von Pause spreche, dann heißt das STEHPAUSE (nicht das Pferd mit langem Hals bewegen) und das unbedingt MINUTENLANG! Solche längeren Pausen, in dem man das Pferd auch nicht belästigt, haben drei Effekte:

  • 1 | Der Körper des Pferdes simuliert das gerade Vermittelte in einer solchen Pause und in der Regel kann das Pferd danach diese Übung auf derselben Hand, bereits etwas besser. Ich habe dafür den Begriff ADAPTIVES KÖRPERLERNEN geprägt. Es ist dabei unerheblich, ob sich das Pferd von äußeren Reizen ablenken lässt – der Körper lernt!
  • 2 | Das Pferd kann sich, bei geringgradiger Müdigkeit wieder erholen und ist nach einer solchen Pause erneut aufnahme- und leistungsfähig.
  • 3 | Das Pferd lernt immer länger stehenzubleiben, was bei kurzen Pausen nicht der Fall wäre.

Wichtig dabei ist allerdings, dass man nicht meint, dass Pferd bei solchen Pausen bespaßen zu müssen. Statt sich dabei mit dem Pferd zu beschäftigen, welches gerade körperlich dabei ist, das vorher Erlernte auch körperlich zu verstehen, sollte man selbst entspannen.

PFERDE LANGWEILEN SICH NICHT!

Sehr häufig bekomme ich zu hören, dass Pferde Abwechslung in der Arbeit brauchen, um sich nicht zu langweilen. Hier aber wird lediglich menschliches Denken und Verhalten auf das Pferd übertragen. Pferde LANGWEILEN sich nicht, wenn man wieder und wieder dasselbe von ihnen verlangt.

Im Gegenteil, nur die stete Wiederholung ist es, die bei konzentrationsschwachen Lebewesen die Motivation erhält.

Denn mit jeder Wiederholung fühlt das Pferd, nein jedes konzentrationsschwache Lebewesen – auch ein betroffener Mensch – sich körperlich ein Stückchen sicherer und kommt von einem Gefühl des KÖRPERLICH UNWOHLFÜHLENS in ein Gefühl des KÖRPERLICH WOHLFÜHLENS. Dies hat große positive Auswirkungen auf die Ausgeglichenheit, Sicherheit und Leistungsbereitschaft des Pferdes.

Zeigen Pferde ÜBERSPRUNGSREAKTIONEN, dann tun sie dies keinesfalls aufgrund von Langweile, wie viele Reiterinnen und Reiter dies ihren Pferden unterstellen. Solche Reaktionen entstehen immer dann, wenn ein Pferd die Übung (noch) nicht versteht, diese noch nicht kann, Schmerzen hat, oder wenn es müde wird. Hier ist die Reiterin, der Reiter gefordert, zu fühlen, die Gründe zu erkennen und entsprechend zu reagieren (MÜDE = PAUSE immer noch MÜDE = Feierabend, selbst wenn man erst 20 Minuten etwas getan hat!).

Meint man dem Pferd Abwechslung bieten zu müssen, ignoriert man tatsächliches Pferdeverhalten und steigert die Unruhe und Unsicherheit des Pferdes. Gleichzeitig zieht man jeden Lernprozess in die Länge.

Pferde sind konzentrationsschwache Lebewesen. Solchen kann man nachhaltig nur Sicherheit und eine gesunde Leistungsbereitschaft erhalten, wenn man, durch stete Wiederholung, auch über mehrere Tage hinweg dem Pferd neue Bewegungs- und Haltungsmuster vermittelt, welche damit zur 2. Natur des Pferdes werden und seinen Fundus an HANDLUNGSOPTIONEN erhöhen.

Ein ständiges für Abwechslungen sorgen wollen (was auch vielen Trainingskonzepte suggerieren) oder das Spielen mit dem Pferd dient nur dazu gegen unsere Langeweile anzugehen, verursacht dem Pferd mehr Stress, als wir uns eingestehen wollen und ändert nichts an der Konzentrationsschwäche!

REITKUNST ist das ruhige, konzentrierte UMFORMEN des Pferdes. Dabei ist die stete Wiederholung, welches die konzentrationsschwache Natur des Pferdes berücksichtigt, ein wesentliches Element zur Gesunderhaltung dieses wunderbaren Lebewesens.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Fühle – das Pferd zeigt Dir den Weg (?)

Es ist so schnell dahingesagt und klingt so wunderbar einfühlsam:
„Du musst nur fühlen, dann sagt Dir das Pferd schon was zu tun ist …“.

Ja, das Pferd sagt uns sehr viel, wenn wir nur genau HINFÜHLEN:

  • es sagt uns, wenn es müde ist,
  • es sagt uns, wenn es traurig ist,
  • es sagt uns, wenn es Schmerzen hat,
  • es sagt uns, wenn es sich nicht wohl fühlt,
  • es sagt uns, wenn es sich freut,
  • es sagt uns, wenn es Hunger hat,
  • es sagt uns, wenn es uns mag oder auch nicht mag,
  • es sagt uns, wenn es etwas nicht versteht,
  • es sagt uns, wenn es etwas (noch) nicht kann, …

All das und so manches mehr, sagt uns das Pferd und wir können es wahrnehmen, FÜHLEN, wenn wir nur unsere Sinne öffnen und unsere (menschlichen) Emotionen, die hierbei massiv stören, kontrollieren können.

WAS UNS ABER DAS PFERD NIEMALS ERZÄHLEN WIRD: WAS WIR TUN MÜSSEN, UM ES ZU VERÄNDERN!

Denn das, was sich am Pferd verändern MUSS, UMGEFORMT werden MUSS, damit es als REITPFERD ein langes Pferdeleben lang gesund, motiviert und leistungsbereit bleiben kann, DIES KANN ES UNS NICHT SAGEN!

Wenn wir ein Pferd verändern, dann wird es uns dabei – zu Recht – aus dem entstehenden KÖRPERLICHEN UNWOHLSEIN heraus, immer wieder die berechtigte Frage stellen: WAS SOLL DAS? Eine Antwort darauf, die das Pferd verstehen würde, können wir ihm aber nicht geben, wir können dem Pferd nicht (die Zukunft) erklären mit Worten wie:
Du musst jetzt Deinen inneren Schweinhund überwinden und es tun, danach wirst Du Dich viel besser, stärker und stolzer fühlen“.
ES WIRD UNS NICHT VERSTEHEN UND ENTSPRECHEND REAGIEREN!

In sehr, sehr feinen, aber auch sehr, sehr groben ÜBER-SPRUNGSREAKTIONEN wird es immer wieder die Frage nach dem Sinn dessen, was wir gerade mit ihm tun, aufwerfen.

Diese ÜBERSPRUNGSREAKTIONEN, schon die Feinsten von ihnen, müssen wir wahrnehmen und vor allem richtig bewerten können. Dazu bedarf es sehr viel EMPATHIE. Wer dabei allerdings EMOTIONEN zulässt, wird allenfalls das Grobe erleben, NIE das FEINE erfühlen!

NEIN, DAS PFERD SAGT UNS NICHT, WIE WIR ES AUSBILDEN SOLLEN – DENN DAVON HAT ES KEINE AHNUNG UND KANN ES DESHALB AUCH NICHT! ABER ES WIRD UNS IMMER SAGEN, WIE ES SICH DABEI FÜHLT.

Und wir müssen RECHTZEITIG, schon beim Hauch eines Anzeichens, des Pferdes Befindlichkeiten erkennen, immer auch unter der Prämisse:
EIN PFERD WIDERSETZT SICH NICHT – ENTWEDER ES KANN ES NICHT, VERSTEHT ES NICHT ODER HAT SCHMERZEN (auch Kombinationen sind möglich).

Wir müssen ACHTSAM sein und FÜHLEN, ob unser Pferd

  • müde ist,
  • etwas nicht verstanden hat,
  • überfordert ist,

und wir müssen sofort darauf reagieren!

Unser „Zuhören“ hilft dem Pferd nur dabei, das der Weg, den wir mit ihm gehen, möglichst einvernehmlich sein kann, das Pferd kann uns aber niemals den Weg selbst erklären!


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Buckeln Pferde aus Freude?

Buckeln Pferde aus Freude?

13.3.1. | Machen Pferde „Freudenbuckler“, wie dies oft in so manchen „Ausbruch“ eines Pferdes hineininterpretiert wird? Um diese Frage zu beantworten ist es erforderlich, sich zunächst noch einmal zu vergegenwärtigen, wie sich die Emotion FREUDE [10.2.8.2.3.] definiert. Freude leitet sich aus der Ur-Emotion WUT ab, die dazugehörige Reaktionsoption ist ANGRIFF. Betrachten wir nun im Folgenden verschiedene Situationen, in denen es zu vermeintlichen „Freudenbuckler“ kommt.

13.3.1.1. | Pferde, die früher über Nacht in Ständern oder später dann auch in Boxen aufgestallt waren, zeigten mitunter „Temperamentsausbrüche“, wenn sie frühmorgens zur Arbeit geholt wurden. Dies wurde als STALLMUT bezeichnet, deren Ursache man in der nächtlichen Bewegungseinschränkung sah. SPANNUNGEN und der Wunsch diese zu lösen, sind hier der Grund für den einen oder anderen Bocksprung. In den Sprüngen selbst richtet sich die „WUT“ des Pferdes gegen eine innere Spannung, welche das Pferd durch einen „Angriff“ (Bocksprung) abzuwehren sucht.

13.3.1.2. | Während die Gründe für STALLMUT damals, als die Pferde noch viele Stunden des Tages arbeiten mussten, ihre Berechtigung gehabt haben mögen, denn der Stillstand der Nacht sorgte für SPANNUNGEN, die das Pferd nun durch Buckler zu lösen suchte, kommt in der heutigen Zeit ein weiterer Aspekt hinzu:  Immer noch stehen Pferde lange Zeit – oft tagelang – in Boxen weggesperrt, weil deren Besitzer, in sträflicher Weise, nur gelegentlich mal vorbeikommen. Die Fütterungszeiten stellen dabei für ein solches Pferd die wenigen Highlights, eines ansonsten eintönigen Tages dar. Holt man nun das Pferd aus der Box, so wird es beim Verlassen des Stalles erstmal nach vielen Stunden wieder, mit einer Vielzahl von Reizen konfrontiert, auf welche es zunächst mehr oder weniger stark mit Nervosität (Emotion ANGST) und mit der Reaktionsoption FLUCHT reagieren wird. Buckelt das Pferd dabei allerdings, dann hat ein Wechsel vom Flucht- zum Angriffsmodus (Ur-Emotion Wut oder Ableitung davon) stattgefunden. Von Freude keine Spur!

13.3.1.3. | Immer wieder kann man beim SPRINGREITEN Pferde sehen, welche nach dem Überspringen eines Hindernisses, einen oder mehrere Buckler zeigen. Solches Verhalten hat überhaupt nichts mit FREUDE zu tun, sondern ist die Konsequenz von Schmerzen (Rücken etc.) oder „nur“ von Spannungen, auf welche das Pferd nun instinktiv reagiert. Das Pferd ist im Angriffsmodus gegen den Schmerz oder die (Ver)Spannungen.

13.3.1.4. | Werden Pferde zum erste Mal, nach der langen Winterpause auf die Weide gelassen, dann rennen sie erst eine Weile und es kommt dabei auch zu dem einen oder anderen Bocksprung. Was wir nun als „Freudensprünge“ interpretieren, ist schlicht das Auflösen einer Spannung. Eine angespannte Phase des KÖRPERLICH UNWOHLFÜHLENS, weil der Zugang zu frischen Gras versperrt war, löst sich nun auf. Auch an der Mimik der Pferde kann man erkennen, dass sie näher an der Ur-Emotion Wut, als an der, daraus abgeleitete, Emotion FREUDE stehen. Mitunter sieht man auch ein gewisses kurzes Angriffsverhalten wenn zwei Pferde sich einander annähern. Hier versuchen Pferde einen „territorialen Anspruch“ auf ein Stück Grasland deutlich zu machen, d.h. es findet ein, mehr oder weniger spielerischer Ressourcen-Konflikt statt.

13.3.1.5. | Man mag nun einwenden, dass Fohlen schon mal gerne über die Weide oder im Spiel mit anderen Jungtieren buckeln – vermeintlich aus Freude. Doch auch hier ist nicht (Lebens-)Freude das auslösende Momentum, sondern und dies überwiegend bei Hengsten (Wallachen), das Kennenlernen des eigenen Körpers, die instinktive, natürliche Vorbereitung auf den Kampf. Bei Stutfohlen (Ausnahme: hengstige Stutfohlen) sieht man ein derartiges Verhalten so gut wie überhaupt nicht.

13.3.1.6. | Was man immer bei der Beurteilung solchen Verhaltens beachten sollte, ist das Grundgesetzt, welches dieses Verhalten bestimmt und dies ist der SINN DES LEBENS [2.], sprich das ÜBERLEBEN! Zuviel Bewegung macht sichtbar! Für ein Flucht- oder Beutetier kann dies den Tod, für ein Raubtier den Verlust der potenziellen Beute bedeuten. Der menschliche Wahn: Veränderung bedeutet Leben ist in Wahrheit für das Überleben kontraproduktiv!

13.3.2. | Nein, Pferde machen keine „Freudenbuckler“! Zumindest nicht in der Form, die wir uns gemeinhin darunter vorstellen (Jubel, Trubel, Heiterkeit), sondern sie zeigen mehr oder weniger starke Abstufungen zwischen der Ur-Emotion WUT und der aus dieser über die SCHADENFREUDE abgeleiteten Emotion FREUDE.

Auszug aus der Rohfassung meines Buches
Emotion – Überlebenshelfer und Störenfriede


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie