Das Viborgsche Dreieck und die Ohrspeicheldrüse

Das Viborgsche Dreieck und die Ohrspeicheldrüse

oder der furchtbare Geist der Moderne

Das folgende Bild, stammt von einem Tierarzt,  welcher zum einen für Vorwärts-Abwärts-Reiten und zum anderen (nennen wir es mal so) für eine etwas robuste Argumentation gegen jeden, der seiner Meinung nicht folgt, bekannt ist. Es soll den Bereich des sogenannten VIBORGSCHE DREIECK zeigen.

Seiner Meinung nach sollte selbst in höchster Aufrichtung des Pferdes eine EINZIEHUNG der OHRSPEICHELDRÜSE zu sehen sein. Was heißt, die Ohrspeicheldrüse müsste nach innen, hinter den Ganaschenknochen verbracht werden. Dabei sollte sich das Viborgsche Dreieck, wie auf dem Bild dargestellt, zeigen.

Unabhängig davon, dass das Viborgsche-Dreieck, welches begrenzt wird vom Angulus mandibulae (7), der Vena linguofacialis (c) und einer Sehne des Musculus sternomandibularis (8), deutlich kleiner ist als von ihm auf Bild 1 dargestellt (die Angaben in den Klammern beziehen sich auf das Beitragsbild), würde ein EINZIEHEN der Ohrspeicheldrüse den Raum zwischen den Ganaschen deutlich verkleinern – sprich die Ganaschenfreiheit reduzieren!

Des Weiteren würde es die Atmung beeinträchtigen, denn je nach Dicke der Ohrspeicheldrüse, kann mehr oder weniger starker Druck auf die Luftröhre ausgeübt werden.

Wenn man von GANASCHENFREIHEIT spricht, dann ist der Bereich zwischen den beiden Ganaschenknochen gemeint. Hier sollten, versucht man eine Faust von untern nach oben, mit den Fingerknochen nach oben, reinzulegen, mindestens 4 Finger reinpassen. Denn zwischen diesen beiden Knochen soll der Vorhals Platz finden (nur in der höchsten Aufrichtung!), so dass das Pferd seine Nase leicht an die Senkrechte FALLEN LASSEN KANN.

Zur Ganaschenfreiheit kurz als Zwischenbemerkung eingeschoben, einer jener falschen und völlig unqualifizierten Aussagen dazu, die in der Reiterwelt die Runde machen:

Die Ganaschen befinden sich an der Kehle des Pferds. Sitzen dort viel Fett und Muskeln, hat es kaum Ganaschenfreiheit. Soll es am Zügel gehen, wird seine Ohrspeicheldrüse durch das umliegende Gewebe gequetscht. Der Fachbegriff heißt „eng in der Ganasche“. Solche Pferde lassen sich nur schwer durchs Genick reiten. Winkelt das Pferd den Kopf an, treten an der Seite dicke Wülste hervor. Bei einem Pferd mit guter Ganaschenfreiheit sollten in die Vertiefung an der Kehle mindestens zwei Finger passen„. (CAVALLO – 01.08.2010)

Dazu aber muss die Ohrspeicheldrüse mit Hilfe spezieller Übungen durch die Ganaschenknochen nach Außen gehebelt und damit auch weich gemacht werden.

Durch eine eingezogene Ohrspeicheldrüse wären ein solcher Raum und die sich damit verbunden Möglichkeiten (max. Aufrichtung / Nase an Senkrechte fallen) NICHT gegeben. Nun gut, bei einem aktiv Vorwärts-Abwärts trainiertem Pferd kommt man sowieso nie in die Verlegenheit ein korrekt aufgerichtetes Pferd zu reiten …

Quelle: Beitragsbild (ohne das eingezeichnete rote Dreieck = tatsächliches Viborgsche Dreieck) „Atlas der angewandten Anatomie der Haustiere“ – Artikel in SAT Schweizer Archiv für Tierheilkunde · Juni 2004. Als PDF in meiner Literatursammlung.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Ursprünglicher Artikel aus dem Jahre 2020

Gedankenloser Unfug Knotenhalfter

Das Knotenhalfter ist KEIN AUSBILDUNGSMITTEL, sondern lediglich ein Behelfshalfter, das man aus einem Seil knüpfen kann, wenn kein reguläres Halfter verfügbar ist.

Heute sah ich ein Video in dem ein, durch das Fernsehen bekannter Pferdetrainer, sich kurz auch über die Nutzung ungeeigneter KNOTENHALFTER echovierte. Er sprach dabei von häufig schlecht sitzenden Knotenhalftern, die zum Einsatz kämen.  

Das Problem ist nur:
ES GIBT KEINE KORREKT SITZENDEN KNOTENHALFTER!

Schauen wir uns doch einmal an, was manch ursprüngliche Idee des Knotenhalfters war. Viele Reitervölker verwendeten, mangels anderer Zäumungen, Seilkonstruktionen, wie die eines Knotenhalfters zum Reiten. Benötigte ein Cowboy ein Halfter, um beispielsweise einen Mustang, den er während eines Viehtriebs eingefangen hatte, als Handpferd mitzunehmen, hatte aber (natürlich) kein reguläres Stallhalfter heutiger Form bei der Hand, so knüpfte er sich aus einem dünnen Seil, was häufig zu allerlei Zwecken mit sich geführt wurde, ein Behelfshalfter, eben ein Knotenhalfter. Auch wurde das Knotenhalfter durchaus auch zur „Ausbildung“ oder besser gesagt zum Brechen von Pferden benutzt.

Bedauerlicherweise haben wir in der heutigen Zeit angefangen, solcher Art von Pferdehandling zu verklären. Aber weder waren die Reitervölker der Vergangenheit, einschließlich der schon fast mystifizierten nordamerikanischen Ureinwohner, kluge, denkende Pferdeausbilder noch waren dies die Cowboys. Es gab da keine Reit- oder gar Ausbildungskultur, von der KUNST ein Pferd auszubilden ganz zu schweigen. Sie alle waren einfach nur pragmatisch. Kam ein Pferd bei einer solchen Reiterei oder einer solchen „Ausbildung“ ums Leben, dann wurde es eben gegessen (bei den Reitervölkern).

Heute aber unterstellen wir einen pferdefreundlichen Umgang bei den beispielhaft genannten Personenkreisen und versuchen ihnen nachzueifern. Das KNOTENHALFTER ist ein Hilfsmittel, welches völlig unverdient einen pferdefreundlichen Ritterschlag bekommen hat und landauf-/landab benutzt wird – zum Leidwesen der Pferde.

Manche Autoren und Ausbilder sprachen sogar davon, dass die Platzierung der Knoten dieses Halfters akupressurtechnische Wirkungen haben würde.  Nun, all jenen, die dies glauben, sei gesagt, die Knoten haben keinen anderen Grund, als jenen, ein Halfter zu formen.

Seitlich am Kopf verläuft, direkt unter der Haut, der Trigeminusnerv (lat. für Drillingsnerv). Dieser teilt sich im gesamten Gesichtsfeld des Pferdes und versorgt über drei Äste Stirn, Kinn, Augen, Gesicht, Ober- und Unterkiefer. Das Knotenhalfter nun, egal wie gut es sitzt und egal wie fest es geschnürt wurde, reibt bei nahezu allen Bewegungen und da spreche ich jetzt nicht einmal von ruckartigen Bewegungen, mit seinen Knoten über diese Nervenbahnen, was für das Pferd sehr unangenehm ist und diverse Abwehrreaktionen provozieren kann. Darüber hinaus können dadurch Entzündungen  und Überempfindlichkeiten (Trigeminusneuralgie) dieses fünften Gesichtsnervs (nervus trigeminus) entstehen. Diese gelten inzwischen als häufigste Ursache für Kopfschütteln und Kopfschlagen (Headshaking) beim Pferd.

Wenn auch der Kappzaum oder das Cavesson bereits grenzwertig sind, so sind diese aber bei bestimmten Nutzanwendungen immer dem Knotenhalfter vorzuziehen, denn dieses wirkt nicht nur völlig undifferenziert und sehr hart, sondern reibt eben auch über Nervenbahnen.

Was man definitiv mit dem KNOTENHALFER NICHT machen sollte:

  • Ein Pferd anbinden | Dies ist die dümmste und rücksichtsloseste Anwendung des Knotenhalfters. Beim Versuch sich loszumachen kann das Pferd erheblichen Schaden nehmen.
  • Ein Pferd longieren | Die Reibungen am Kopf sind auch dann gegeben, wenn man die Longe locker führt. Ich habe noch bei keiner Zäumung so viele bockende und überreagierende Pferde beim Longieren erlebt, wie mit dem Knotenhalfter;
  • Ein Pferd reiten | Dies wird gerne von so manchen Pferdetrainer zelebriert und seinem gläubigen Klientel als pferdefreundlich verkauft, jedoch ist dies weit davon entfernt als pferdefreundlich bezeichnet werden zu dürfen. Hier manipuliert man schlicht über die Emotionalität der Menschen, zum Leidwesen der Tiere.
  • Ein Handpferd am Knotenhalfter mitführen | Kommt es zu einer Situation, in der man gezwungen ist, das Handpferd zu regulieren, wird auf jeden Fall massiv auf den Pferdekopf Wirkung erzeugt, was zu entsprechenden Reaktion des Handpferdes führen kann, welche für alle Beteiligten ungut ausfallen können.

Was nun bleibt eigentlich noch als Anwendungsmöglichkeit für das KNOTENHALFTER übrig?

Na ja, ein Pferd von A nach B zu führen wäre eine Möglichkeit.  Allerdings bei einem ruhigen und im Handling angenehmen Pferd würde auch ein Stallhalfter ausreichen und bei einem renitenten Pferd provoziert man mehr Abwehrreaktionen. Aus Angst respektieren solche Pferde vielleicht in Zukunft das Knotenhalfter aber überzeugt hat man sie nicht.

Das KNOTENHALFTER ist kein Mittel der Ausbildung und kein Mittel das Handling des Pferdes zu verbessern. Das was so manche Reitervölker oder Cowboys gemacht haben, war bei weitem nicht so pferdefreundlich, wie es uns heute von einer Vielzahl von Trainer und Trainerinnen verkauft wird.

Aber die Geschichte mit der Pferdefreundlichkeit zieht, wird sie doch von Vielen verbreitet und EMOTIONEN verkaufen halt gut.

Vielleicht aber denkt der geneigte Leser nun einmal über dieses (Marter)instrument nach – zum Wohle der Pferde.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Der Pass – eine fehlerhafte Gangart

Der Pass – eine fehlerhafte Gangart

Der Pass ist eine fehlerhafte Gangart und gehört meiner Meinung nach grundsätzlich bei der Zucht wieder herausgezüchtet

Diese fehlerhafte Gangart ist zwar für den Reiter sehr bequem, doch für das Pferd so ermüdend, daß es beim anhaltenden Passgang steif wird. Auch die Ausdauer ist dadurch erheblich eingeschränkt und die seitlichen Schwankungen bedeuteten für das Pferd einen immensen Balancieraufwand und sorgen durch diese starken ungleichmäßigen Belastungen für Schäden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern.

Hinzu kommt eine hohe Unsicherheit beim Laufen auf unebenen Gelände und schlechten Wegen.

Der PASS ist eine Genmutation, die der bequeme Mensch in der Zucht weiter selektiert hat, um auf Kosten der Pferde eine angenehme und schnelle Fortbewegungsmöglichkeit zu besitzen.

Im Mittelalter nannte man Pferde mit Passveranlagung „Zelter“ und sie waren eine kurze Weile aufgrund der Bequemlichkeit, den dieser Gang den Reitern bescherte, ein gern gesehenes Damenpferd. Allerdings änderte sich diese Meinung aufgrund der mangelnden Ausdauerleistung und Sicherheit schnell und der PASS wurde bereits damals als FEHLERHAFTE GANGART eingestuft.

Ich werde auch nicht müde darauf hinzuweisen, dass es sich beim EINERWECHSEL um keinen Galoppwechsel, sondern um einen PASS-GALOPP, also um eine fehlerhafte Gangart handelt!

Einerwechsel zu reiten ist ein Schlag ins Gesicht der REITKUNST.

Die „Kunst“ liegt dabei darin, dass Pferd zu dieser Gangart zu bewegen, denn warum sollte es freiwillig PASS laufen wollen, wenn es keine (genetische) Veranlagung dazu besitzt. Selbst die Reiterliche Vereinigung hat bemerkt, dass manche Pferde „mit dem Einerwechsel überfordert sind„, den Grund dafür allerdings sieht man nicht.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter

Bild: Theodor Heinze – „Pferd und Reiter – oder die Reitkunst in ihrem ganzen Umfange – 1873

Alt werden können sie trotzdem

Alt werden können sie trotzdem

Oft bekomme ich Argumente zu hören wie dieses:

„Aber ich kenne einige Pferde, die sind schon über 20 Jahre alt und können immer noch geritten werden – und das, obwohl sie meist langgelassen und im Vorwärts-Abwärts geritten wurden …“

Bevor man solches kundtut, sollte man sich mal genau anschauen, welchen Belastungen unsere Pferde heute tatsächlich ausgesetzt werden. Wie oft werden sie überhaupt geritten?

Jeder darf sich nun mal fragen, wie viele Stunden reite ich mein Pferd pro Woche?

Da kommt nicht wirklich viel zusammen. Mit Sicherheit in den aller-allermeisten Fällen keine 5-6 Stunden – PRO WOCHE.

Zum Vergleich: ein preußisches Kavalleriepferd zu Zeiten Friedrich des Großen war 8-10 (mitunter mehr) Stunden TÄGLICH unterm Sattel und dies überstanden diese Pferde aufgrund ihrer exzellenten Ausbildung ohne nennenswerte körperliche Beeinträchtigungen! Vorwärts-Abwärts oder Dehnungshaltung mussten diese Pferde nicht ertragen.

Heute geht man meist nur ins Gelände, wo allenfalls bergauf- und bergab eine geringgradig stärkere Belastung aufkommen lässt (In Norddeutschland eher auch da nicht).

Viele Spielereien, die man heute betreibt, belasten die Pferde allerhöchstens in Form von Stress, aber nicht aufgrund körperlicher Herausforderungen.

Bei derart geringen Leistungsanforderungen werden die körperlichen Beeinträchtigungen und Schädigungen an den Pferden mitunter gar nicht auffällig.

Dennoch werden regelmäßig Tierärzte und Therapeuten konsultiert, da Pferde Probleme an Rücken, Knien, Sehnen, etc. haben, trotz – oder viel wahrscheinlicher wegen – dieser minimalistischen Belastungen denen sie ausgesetzt sind. Das sollte zu denken geben!

Darüber hinaus sind die meisten Pferdebesitzer gar nicht in der Lage den Gesundheits- und Gemütszustand ihres Pferdes korrekt zu beurteilen. Eine groß angelegte Studie zur Rückengesundheit der Schweizer Reitpferdepopulation, die u.a. von der Stiftung ProPferd und vom SVPS unterstützt wurde kam für meinen Geschmack zu erschreckenden Ergebnissen.

Den Kern der Studie bilden die 248 Pferd-Reiter-Paare, die sich für die Untersuchungen freiwillig zur Verfügung gestellt haben. Grundvoraussetzung war, dass die Reiterinnen und Reiter sowohl sich selbst als auch ihr Reitpferd als beschwerdefrei und gesund beurteilten.

Die Reiterinnen und Reiter die in dieser Studie mitmachten waren im Durchschnitt 37 Jahre alt, 93% von ihnen waren Frauen, 54% verstanden sich als ambitionierte Sportreiterinnen bzw. -reiter. Die durchschnittliche Reiterfahrung belief sich auf 25 Jahre.

Es sollte an dieser Stelle niemanden geben, der hier von  pferde- und reitunerfahrenen Menschen sprechen dürfte.

Was zeigte die Studie …

Die Röntgenuntersuchung ergab bei 45% der allesamt als leistungsbereit und reitgesund eingestuften Studienpferden leicht- bis hochgradige Veränderungen an den Dornfortsätzen, die auch die Rückenbeweglichkeit einschränkten. Leicht- bis hochgradige arthrotische Veränderungen an den Wirbelgelenken wurden bei 52% im unteren Hals und bei 38% der Pferde in der Sattellage und Lende gesehen. Die Ultraschallbilder zeigten mindestens leichtgradige Veränderungen im Bereich der Iliosakralgelenke bei 32%.

Hinzugesagt sei, dass die wirklich hochgradigen Veränderungen (welche ein Reiten sicherlich verbieten müssten) eher selten waren.

Eine bessere Bestätigung für die vorherrschenden Defizite in der Beurteilung der eigenen Pferde kann es nicht geben.

Sie werden nur noch durch solche Bilder, wie jedes Titelbild der CAVALLO 01/2020, auf der eine verkrampft lächelnde Reiterin auf einem niedergeschlagen und traurig, resigniert dreinblickenden Pferd in DEHNUNGSHALTUNG sitzt, getoppt.

Würde man die Kommentierungen zu diesem Bild statistisch auswerten, so müsste man mit großem Erschrecken zu Kenntnis nehmen, dass ein sehr, sehr großer Anteil der „beurteilenden“ Personen ein ENTSPANNTES Pferd sehen würde, was auf extrem defizitäre empathische Fähigkeiten und geringes Wissen schließen lässt.

Also:
Die Pferde können schon alt werden – doch wie es in ihnen wirklich aussieht scheint kaum zu interessieren!


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Leistung oder nicht?

Leistung oder nicht?

Bilder, die eine sichtbar erschöpfte und gebrochene Stute nach einer Dressur-Kür auf einem CHIO in Aachen zeigten, wurden damals in den sozialen Medien heiß diskutiert.

Bilder, die eine sichtbar erschöpfte und gebrochene Stute nach einer Dressur-Kür auf einem CHIO in Aachen zeigten, wurden damals in den sozialen Medien heiß diskutiert.

Warum sah dieses Pferd so kaputt aus, während sich die Reiterin vom Publikum für ihren Sieges-Ritt feiern ließ. Einem Ritt, der vieles offenbarte, der aber weit entfernt von Harmonie und Leichtigkeit war und der auf eklatante Trainingsmängel hinwies.

Und hier sind wir bei dem eigentlichen Punkt dieses Blogbeitrags: Muss ein Pferd nach einem solchen Ritt SO aussehen?

Mancher Kommentar in den sozialen Medien wies darauf hin, dass beide, Reiter und Pferd eine große Leistung vollbracht hätten und dies vor großem Publikum und hohen Außentemperaturen. Dies alles kann man – mit Einschränkungen – durchaus als Begründungen für den Zustand des Pferdes anführen.

Doch die gerittene Kür dauert gerade mal ca. 8 Minuten. Nehmen wir das Abreiten dazu, dann mag das Pferd vielleicht ein bis eineinhalb Stunden unter dem Sattel gewesen sein. Kann man da schon von einer Leistung sprechen oder offenbart es nicht vielleicht eines: eklatante Trainingsmängel?

Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung fiel die schwache Hinterhandmuskulatur der zugegebenermaßen zierlichen Stute auf. Ein derartiger Muskelstatus aber hat nichts mit der Zierlichkeit des Pferdes zu tun, sondern mit einem falschen, primär auf VORWÄRTS ausgerichtetem Training. VORWÄRTS, vor allem noch mit aktivem Vorwärts-Abwärts gewürzt, baut dort, wo die Kraft des Pferdes sitzt, keine nennenswerte Muskulatur auf.

VORWÄRTS verbessert die Ausdauerleistung aber nicht die Kraft und Kraft ist es, welche notwendig ist, um Leistungen zu erbringen, welche bei einer solchen Kür im Viereck gefordert sind.

Ausdauer ist zu 90% durch Willensleistung zu erzielen, nur die restlichen 10% entfallen dabei auf den körperlichen Aspekt (Lunge, Herz …). Bricht man den Willen des Pferdes, beispielsweise durch eine zu harte Reitweise, dann lässt sich die Leistung nur durch Verstärkung des Drucks durch den Reiter aufrechterhalten. Das Pferd wird gezwungen über sein Grenzen zu gehen und zerbricht daran. Es erduldet und zieht sich zurück.

Ich erlebe viele Pferde, die abgeschlossen haben. Mancher Pferdebesitzer denkt dann er hätte ja ein so ruhiges, cooles Pferd. Die nackte Wahrheit aber ist: Das Pferd hat aufgegeben! Beim Menschen würde man von einer Depression sprechen, ausgelöst durch Distress (anhaltender Stress und kaum Möglichkeiten für das Lebewesen sich durch Maßnahmen davon zu befreien).

Schon hier kann man erste Zusammenhänge erkennen, die für den Zustand dieser Stute verantwortlich zeigen:

  • Keine Kraft in der Hinterhand = falsches Training
  • Harte Reitweise

Wenn man sieht, was man heute unter „dressurmässiger“ Arbeit versteht, dann erklärt sich so manches.

In der Regel begrenzt sich diese Arbeit auf die drei Grundgangarten in unterschiedlichem Tempo (Vorwärts – Vorwärts – Vorwärts), Volten- oder Zirkelarbeit (oft in Dehnungshaltung) und dann das „Auswendiglernen“ von Lektionen. Das war es!

In der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung“ heißt es, dass Pferd sei an oder knapp vor der Senkrechten zu reiten. Dies ist gewissermaßen allgemeingültig formuliert. Nun gut, hier befindet man sich durchaus in einer Linie mit so manchem „Reitmeister“ der Vergangenheit, nur das man deren Erkenntnisse dazu aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert hat.

In seiner Allgemeingültigkeit ist dies aber Unsinn, ignoriert es doch eklatant die auf der Physik basierenden biomechanischen Prozesse im Pferd.

In seiner NATÜRLICHEN HALTUNG sind Nacken-Rückenband und die langen Rückenmuskeln in einer, nennen wir sie mal, NEUTRALEN SPANNUNG, die ausreichend ist, damit das Pferd energiesparend agieren kann. Dabei ist die Nase des Pferdes deutlicher vor der Senkrechten und damit der Genickwinkel offen.

Würde man nun bereits in dieser Haltung das Pferd mit der Nase an oder vor die Senkrechte bringen, dann würde durch Zug auf das Nacken-Rückenband die Kruppe leicht angehoben und die Hinterhand nach hinten ausgestellt werden. Das Pferd kommt weiterhin vermehrt auf die Vorhand. Auch ein „Nachtreiben“ trägt nicht wesentlich zu einer Veränderung dieses Zustandes bei. Allenfalls auf Volten oder Zirkel kann man – zumindest optisch – kaschieren.

Dennoch wird dieses Verfahren gedankenlos, aber eben getreu der Richtlinie, munter praktiziert. So auch von dieser Reiterin.

Dieses Vorgehen ist ein Grund dafür, dass man ein Pferd „strecken“ (man nennt es „dehnen“) lassen muss, um ihm ab und zu mal Freiheit von dieser Zwangshaltung (Nase an die Senkrechte) zu geben.

Ein Grund für den Sperrriemen ist u.a. – das sei hier auch erwähnt – in dem Wunsch begründet, dass Pferd leichter an oder knapp vor die Senkrechte zu bekommen, indem man ihm die Möglichkeit nimmt, sich durch Maulaufreißen dem Nachgeben im Genick zu entziehen. Auch hier kann man attestieren: SCHLECHTE AUSBIDUNG!.

Es ist keine große Leistung, welche unsere Pferde in einem Dressurviereck erbringen – auch diese Stute nicht!

Jedes preußische Kavalleriepferd zur Zeit Friedrichs des Großen würde darüber nur amüsiert lächeln können. Diese Pferde damals waren, im Gegensatz zu den heutigen Pferden, top ausgebildet und erbrachten Leistungen, zu welchen unsere schlecht ausgebildeten Pferde nicht ansatzweise fähig wären – zumindest nicht, ohne massiven Schaden am Körper zu nehmen.

Der desolate Zustand dieses Dressurpferdes lässt sich im Wesentlichen auf eine völlig unzureichende Ausbildung, basierend auf falschen Konzepten, welche gerne, selbstüberhöhen, als „klassisch“ bezeichnet werden, sowie dem steten Kampf mit der Reiterin während der Kür zurückführen.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister


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Mehr als fragwürdig

Um ein Pferd zum Nachgeben im Genick oder zum tiefer nehmen von Hals und Kopf zu bringen, scheut man in der „Ausbildung“ oft nicht davor zurück, auf vielfältige, mehr als fragwürdige Hilfsmittel und Methoden zurückzugreifen.

Um ein Pferd zum Nachgeben im Genick oder zum tiefer nehmen von Hals und Kopf zu bringen, scheut man in der „Ausbildung“ oft nicht davor zurück, auf vielfältige, mehr als fragwürdige Hilfsmittel und Methoden zurückzugreifen.

So soll der SPERRRIEMEN dem Pferd die Möglichkeit nehmen, der Wirkung einer harten Hand, welche auf die Genickbeugung[1] abzielt, durch Aufsperren des Mauls auszuweichen.

Reicht die Kraft des Reiters nicht aus, erweitert man diese durch alle möglichen Formen von „Hilfszügeln“. Wenn hier von „Hilfe“ gesprochen wird, dann bezieht sich dieses ausschließlich darauf, dem, in vielerlei Hinsicht schwachen Reiter zu helfen, das widerstrebende Pferd zur Raison zu bringen.

Auch wenn Dr. Udo Bürger nicht zwingend zu den von mir bevorzugten Autoritäten auf dem Gebiet der wahren Reitkunst gehört, so möchte ich ihn doch an dieser Stelle mit einer Aussage zu Wort kommen lassen, welche ich voll und ganz unterschreiben kann:

Es gibt sogar Reiter, mit Pferdeausbildung befaßt, die in ihrer Rat- und Gefühllosigkeit zum feststehenden Ausbindezügel, zum flaschenzugartig wirkenden Schlaufzügel und anderen sinnreichen Konstruktionen von Hilfszügeln greifen, welche Kopf und Hals des Pferdes herunterziehen und so eine Beugehaltung erzwingen, die eben nur eine Zwangshaltung sein kann. Man kann mit diesen Methoden und der nötigen grausamen Ausdauer beste Pferde zerbrechen und ihnen den Lebensmut nehmen.[2]

Methodisch werden diese technischen Zwangsmittel meist noch durch ein ständiges Agieren mit den Händen u.a. in Form des „Riegelns“, wobei das Gebiss im Maul hin und hergezogen wird, unterstützt. Hier wiederum leistet der Sperrriemen natürlich „gute“ Dienste, verhindert er doch, dass man das Gebiss zu leicht durchziehen kann. Übrigens ist das Letztgenannte auch eine der fadenscheinigen Begründung für die Nutzung dieses Riemens.

Solcherart Hilfsmittel oder fragwürdige Methoden sowie deren Nutzung, die nur einen Zweck haben, nämlich sich beim Pferd durchsetzen, zeugen nur von Schwäche und Unwissenheit des Reiters.

Jeder hat es selbst in der Hand zu lernen und seine Fertigkeiten stetig zu verbessern, um vom groben Handwerk zur Kunst zu gelangen. Für jeden, der ein Pferd ausbildet – dies tun wir alle, die mit einem Pferd Umgang haben, auf die eine oder andere Art („Der Reiter formt das Pferd“ – das kann gut aber auch schlecht sein) – muss dieses Lernen Verpflichtung sein. Denn hierin liegt unsere große Verantwortung den Pferden gegenüber.

Dumm aber der, der nur seine Zeit damit verschwendet Ausreden und Begründungen zu suche, die die Nutzung solcher Hilfsmittel und Methoden rechtfertigen sollen.

[1] „Genickbeugung“: die Nase soll ja an die Senkrechte gebracht werden

[2] Dr. Udo Bürger | „Vollendete Reitkunst“ | Verlag Paul Parey | 5.Auflage 1982 (Erstauflage1959) | Seite 87


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie