Die Sucht mit Pferden zu spielen

Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Der letzte Stallmeister | Denkender Reiter

Ich bin ein Idealist, nicht nur was das Reiten anbelangt. Doch die Belastbarkeit idealistischen Denkens und Handelns wird auf immer stärkere Probe gestellt.

Ich mag stolze Pferde, die mit vier Füßen kraftvoll im Leben stehen, Pferde, die vor Selbstbewusstsein strotzen und dieses auch in allen Lebenssituationen ausstrahlen, Pferde die deshalb auch sicher sind, egal wie sicher der Reiter in ihrem Sattel ist.

Dorthin versuche ich diese wunderbaren Tiere zu entwickeln, unabhängig von deren bisherigen Lebenserfahrungen und körperlichen Voraussetzungen.

Reiter ermuntere ich dazu nachzudenken, dass zu werden, was Max Ritter von Weyrother, einer der prägendsten Personen an der Wiener Hofreitschule,  den „denkenden Reiter“ nannte, auch wenn es in der Geschichte vielleicht nur ein Dutzend solcher DENKENDEN REITER wirklich gegeben hat. Ich lehre sie Teil einer wundervollen Partnerschaft auf Augenhöhe mit dem Pferd zu werden.

Es ist aber unglaublich, wie schwer dieser Weg ist bzw. einem gemacht wird.

Von 100 Reitern, die über feines Reiten philosophieren und dieses für sich proklamieren, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der hauchzart in die Nähe dieser Art des Reitens kommt.

Von 100 Reitern, die über einen partnerschaftlichen, fairen Umgang mit dem Pferd reden, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der diesen in seiner letzten Konsequenz wirklich auch pflegt.

Diese Ernüchterung macht mich persönlich sehr traurig.

Wir trainieren Pferd nicht mehr um sie zu gesunden, leistungsbereiten Reitpferden zu machen, wir spielen lieber mit ihnen. Dabei vergessen wir, dass Pferde ernste Lebewesen sind. Ihnen muss man mit Ernst und Liebe begegnen. „Neckerei macht Pferde sogar böse“, wie Otto von Monteton 1899 schrieb.

Doch Spielen ist einfacher, weniger anstrengend, vor allem weniger anstrengend für das Gehirn. Und wir Menschen neigen, ganz besonders in dieser heutigen, dekadenten Zeit zur Faulheit! Dafür degradieren wir diese wunderbaren Wesen zu Tanzpuppen und sind dabei auch noch der Meinung, ihnen was Gutes angedeihen zu lassen.

Die Pferde machen mit – na ja, es bleibt ihnen ja auch wenig anderes übrig.

Pferde müssen funktionieren!

Tun sie es nicht, dann gibt es Mittel und Weg sie dazu zu bringen – die Kataloge und Regale von Reitausstattern sind übervoll davon. Was man dabei leider sehr selten einsetzt ist das eigene Gehirn. Wofür auch – zum Nachdenken? Das bedeutet Arbeit! Aber wie gesagt, die Fleißigsten sind wir ja nun mal nicht.

Finden sich unter den Pferden dann ein paar starke Charaktere, die darauf bestehen, dass der Mensch die Dinge die er zu tun hat auch richtig tut – und das wäre gar nicht so viel verlangt – dann landen sie  schnell in einer Verkaufsanzeige und werden häufig zum Wanderpokal. Pseudoexperten probieren sich an ihnen aus – bis, ja bis sich diese tapferen Kreaturen entweder aufgeben oder völlig unberechenbar werden.

Würde ich nun auch noch über die verschiedenen nutzlosen aber gerne angewandten Methoden sprechen, mit denen man Pferde heute ausbildet oder traktiert, bekommt dieser Text etwas Endloses. Ich ende erstmal hier und hoffe, ihr investiert etwas Arbeit und denkt über diese Worte einmal nach. Vielen Dank!


Dieser Beitrag wurde durch den Autor vor Jahren schon einmal veröffentlicht. Geändert hat sich nichts – zumindest nicht zum Positiven.


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Winterschlaf oder Winterarbeit?

Der Winter steht vor der Tür, die Tage werden kürzer, das Futterangebot spärlicher. Das Leben in der Natur schaltet einen Gang zurück um Energie zu sparen. Auch unsere Pferde leben diesen Zyklus der Natur und treten langsamer, gleichwohl sie im Gegensatz zu ihren wilden Artgenossen keinen Mangel zu leiten haben.

Vor einiger Zeit wurde mir die Frage gestellt, ob es sinnvoll wäre, in den Wintermonaten unseren Pferden eine Trainingspause zu gönnen.

Wurde ein Pferd das Jahr über sehr intensiv trainiert und geritten, vielleicht auch auf Turniere vorgestellt, so kann es durchaus anzuraten sein, einem solchen Pferd einen Monat Pause zu gönnen. Mehr aber auch nicht!

Gleichwohl man sagen muss, dass ein ausgebildetes preußisches Kavalleriepferd zur Zeit Friedrichs des Großen das ganze Jahr über geritten und trainiert wurde – 6 Tage die Woche. Während es in den Sommermonaten im Truppendienst (Exerzieren, Manöver …) mehrere Stunden täglich unter dem Sattel ging, wurden die Wintermonate für eine Intensivierung der Dressurarbeit genutzt.

Gehen wir aber von der üblichen „Nutzung“ eines durchschnittlichen „Freizeitpferdes“ aus, kann man nicht von einer nennenswerten Belastung sprechen, welche eine längere Trainingspause rechtfertigen würde (siehe auch meinen Beitrag: Ein Pferdeleben als Couchpotato) sprechen.

Da in der heutigen Zeit in der Regel in das Training eines Pferdes weder viel Zeit noch viel Qualität investiert wird, wie dies beispielsweise bei einem preußischen Kavalleriepferd zu dessen nachhaltiger Gesunderhaltung der Fall war, stehen wir hier vor folgender Situation:

Der notwendige Muskelaufbau wird (zeitlich bedingt) nicht in letzter und für die Gesunderhaltung eines Pferdes notwendiger Konsequenz betrieben und dauert somit länger – was die  Gefahr von Rückschritten birgt.

Würde man nun eine längere Winterpause einlegen, käme es zu einem deutlicheren Rückbau der Muskulatur, als dies bei einem preußischen Kavalleriepferd der Fall gewesen wäre, hätte man dieses in den Winterurlaub geschickt. Was bei unseren Pferden zur Konsequenz hat, dass nach dem „Urlaub“ erst wieder aufgeholt werden müsste, was verloren wurde, bevor man weiterentwickeln kann.

Von den Fettpolstern, die in den Wintermonaten durch gleichbleibende oder sogar gesteigerte Futtermengen, aufgebaut wurden, ganz zu schweigen. Diese – bei der in der heutigen Reiterei üblichen geringen Trainings- und Reitintensität – wieder abzubauen gestaltet sich mehr als schwierig bis unmöglich – mit allen gesundheitlichen Folgeerscheinungen für das Pferd.

Auch dass die Pferde diese Winter-Ruhezeit nutzen würden, um über das davor Gelernte „nachzudenken“, wie mitunter gesagt oder geschrieben wird, halte ich für ein Märchen, was daran liegt, dass die Intelligenz des Pferdes zwar die Komponenten SENSIBILITÄT und KREATIVITÄT, nicht aber VERSTAND beinhaltet, welcher im Wesentlichen nur dem Menschen (durch seine komplexe Sprache) vorbehalten ist. Das Pferd lernt nur mit dem Körper. Dazu muss dieser allerdings herausgefordert werden. Durch Vorwärtsreiten beispielsweise – wie dies häufig praktiziert wird – lernt das Pferd nichts!

Nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG ziele ich ausschließlich und das herausfordernd auf den Körper (Kraft, Balance und Beweglichkeit) und das limbische System (erweiterte und beschleunigte NATÜRLICHE REFLEXE und einzelne zusätzlich geschaffene künstliche Reflexe) des Pferdes ab. Dieses dabei zum Tragen kommende ADAPTIVE KÖRPERLERNEN, wie ich es bezeichne, erfolgt ohne Zutun des Menschen und der Achtsamkeit des Pferdes, im Pferdekörper, immer unmittelbar an der, einer kurzen Übungssequenz anschließenden minutenlangen Pause und wird so nachhaltiger auf die Festplatte des Pferdes gebrannt.

Aber auch bei einem Lernen, welcher einen ach so gerne unterstellten VERSTAND des Pferdes anspricht, wird man von diesem keine größeren gedanklichen Nachbearbeitungen erwarten dürfen, die im Frühjahr von Vorteil sein könnte. Von einer eigenständigen körperlichen Nacharbeit des Pferdes ganz zu schweigen – oder habt ihr schon mal ein Pferd selbstständig am Schulter(n)herein arbeiten sehen?

Ich kann nur empfehlen, die Arbeit mit den Pferden auch in den Wintermonaten nicht einzustellen und es so ähnlich zu machen wie bei der preußischen Kavallerie: Nämlich die (spärliche) Zeit für die Dressurarbeit (im Sinne guter, gesundheitsförderlicher Ausbildung) zu nutzen, aufgelockert von gelegentlichen Ausritten.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter | Schule der Hippologie


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Der (Nach)denkende Reiter

Den Begriff des DENKENDEN REITERS prägte einst einer der vortrefflichsten Oberbereiter der Hofreitschule zu Wien, Max Ritter von Weyrother (1783-1833). Auch wenn viele Pferdemenschen diese Betitelung für sich in Anspruch nehmen und sich gerne als einen solch „denkenden Reiter“ sehen wollen, so sind es in der Geschichte der Reiterei in Wahrheit nur sehr, sehr wenige, denen dieser Titel zustehen würde. Es ist jener kleine Kreis von STALLMEISTERN, die die Reiterei wahrhaftig voran gebracht haben.

Da des Denkens durchaus viele Menschen fähig sind, diese Fähigkeit aber nicht annähernd die geistige Leistung eines DENKENDEN REITERS, nach meinem Verständnis erreicht, und die Seltenheit derselben zum Ausdruck bringt, werde ich im Folgenden anstelle der Begrifflichkeit DENKENDER REITER den zutreffenderen Begriff des (NACH)DENKENDEN REITERS gebrauchen.

DENKEN ist das HANDWERK – NACHDENKEN die KUNST!

Der (NACH)DENKENDE REITER, von wahrer Leidenschaft beseelt, macht sich SEINE Gedanken und lebt nicht nur von den Gedanken und Wissensbruchstücken Anderer, gleichwohl er diese auch weiter- und überdenkend nutzen wird.

Das Wissen des (NACH)DENKENDEN REITERS basiert auf den Gedanken und den Kenntnissen anderer (NACH)DENKENDER REITER vor ihm. Darüber hinaus  nutzt er seine, durch große Erfahrung entwickelten Fähigkeiten zur genauen Beobachtung und sein ausgeprägtes Gespür für Zusammenhänge, um zum Kern von Problemen zu dringen und passende Lösungen zu erarbeiten. Er beschäftigt sich dabei forschend mit der ganze Band-breite der  Wissenschaften.

Er bleibt, in dem Wissen, dass Lernen niemals endet, nie stehen und geht seinen Weg, auch wenn dieser oft voller Hindernisse und Widerstände ist. Das alles nur, um die REITKUNST – vor allem zum Wohle der Pferde – stetig weiterzuentwickeln und diese in immer feinere, effizientere Sphären zu heben.

Wie bedauernswürdig sind nicht Lehrbegierige, die in einer Gegend wohnen, wo die Wissenschaften fremd, die Kenntnisse dunkel, die Genies matt sind, wo der Eifer zur Gelehrtheit schläft und unemfindlich ist, und wo mit einem Wort, alle glückliche Neigungen zu schönen Künsten und Wissenschaften, unter der Decke der Unwissenheit ersticken müssen! [1]

(Freiherr von Sind – 1786)

(NACH)DENKENDE REITER haben es in Zeiten einer allgemeinen Verdummung, grassierender Ignoranz und selbstüberschätzender Anmaßung schwer, ihr Wissen zu transportieren, sind ihre Botschaften doch oft keine leichte Kost und stören so manches eingeschränkte und liebgewonnene reiterliche aber auch gesellschaftliche Weltbild. 

Doch ein wahrhaft Lernbegieriger wird sich dankbar und demütig zeigen, sollte er das außergewöhnliche Glück haben, von einem (NACH)DENKENDEN REITER lernen zu dürfen. Er wird dessen Wissen aufsaugen, um sich selbst mit wachem Geiste auf jenen schweren, steinigen und dornenreichen Weg zum GRAL zu machen. Einem Weg, der sein Leben fast zur Gänze ausfüllen wird. Einen Weg, der seine ganze Leidenschaft und Hingabe erfordert. Einen Weg, der ihn, so er nicht aufgibt und stets vorwärts geht, vielleicht mit der Würde, aber auch Bürde belohnt, selbst in den kleinen Kreis der (NACH)DENKENDEN REITER aufgenommen zu werden.

Doch am Ende seiner Tage wird auch er mit der Selbst-erkenntnis von der Bühne des Lebens abtreten, dass das Ende des Weges auch durch seine Arbeit und sein Lehren vielleicht doch noch nicht vollständig erreicht werden konnte.

Der ZWEIFEL ist die Triebfeder aller wahrhaftigen WISSENSCHAFT!

Er kann dann nur hoffen, dass er das Privileg hatte, einem lernbegierigen Schüler, seine Leidenschaft und sein Wissen weitergeben zu haben, auf das dieser dem WEG des GRALS, ebenso wie er, sein Leben widmet.

[1] Freiherr von Sind |“Vollständiger Unterricht in den Wissenschaften eines Stallmeisters“ | 1786 | gedruckt bey Johann Thomas Edlen von Trattnern | Seite 4


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter | Schule der Hippologie


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Der Maria-Hilf-Riemen – eine vielleicht wahre Geschichte

Ich habe mir die Frage gestellt, wie aus dem ursprünglichen Sattel-Trageriemen eines Militärsattels der sogenannte „Maria-Hilf-Riemen“ werden konnte.

Die Antwort darf man nicht so ganz ernst nehmen, gleichwohl so manches dafür sprechen könnte.

Vermutlich war wiedermal ein sehr unsicherer Reiteleve während einer Ausbildungsstunde in der Arena der Kavallerieschule auf einem Pferd im flotten Trabe unterwegs und wurde dabei so mächtig durchgeschüttelt, dass er große Sorge hatte, aus dem Sattel zu fallen.

Als gläubiger Christ wandte er sich lautstark um Hilfe flehend an die Jungfrau Maria: „MARIA HILF, MARIA HILF, MARIA HILF …!“.

Als Antwort kam nur die Stimme seines Unteroffiziers der ihn im scharfen Ton anherrschte: „Na dann fass halt an den Trage-Riemen Du Vollidiot (militärischer Umgangston – früher wurde an dieser Stelle wahrscheinlich ein anderes, noch schärferes, Wort gebraucht) und jammere hier nicht rum!

Und schon hatte der Trageriemen für den Sattel seine Bezeichnung weg:

Maria-Hilf-Riemen

den es heute – völlig sinnfrei – auch schon in gepimpter Variante gibt.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Literaturempfehlungen

Von ernsthafter Reitliteratur kann nur jener wirklich profitieren, der in der Reiterei mehr als bloß körperliche Tätigkeit sucht.[1]

Kurt Albrecht | 1920 – 2005 | Ehem. Leiter der Hofreitschule in Wien


Den Worten von Kurt Albrecht möchte ich gerne noch hinzufügen:

Wer ersthaft REITKUNST betreibt, kommt neben der „körperlichen Tätigkeit“ nicht am Studium „ernsthafter Reitliteratur“ und den Wissenschaften vorbei!


Ich werde von meinen Eleven immer wieder nach LITERATUR gefragt, in der sie sich, neben den Ausbildungseinheiten, zusätzlich theoretisch mit der Art und Weise, wie ich Pferde und Reiter UMFORME, beschäftigen könnten.

Immer gab ich diesen wissbegierigen Schülern die gleiche Antwort:

Da müsst ihr schon auf die Fertigstellung meiner REITLEHRE, der LEHRE VOM GRALSWEG warten, denn diese Art Pferde auszubilden wird schon seit über 180 Jahren nicht mehr gelehrt und die vorhandene Literatur aus dem 18. Und 19. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht sehr schwer zu verstehen“.

Die wissenschaftlich arbeitenden preußischen STALLMEISTER in der Zeit von Friedrich dem Großen (18. Jahrhundert) und seines genialen Kavalleriegenerals von Seydlitz-Kurzbach schufen die beste, jemals auf diesem Planeten existierende Reiterei. Nie vorher und auch nie mehr danach, in keinem Land der Welt, wurden Pferde besser ausgebildet als in dieser Zeit. Diese STALLMEISTER schufen Höchstleistungspferde.

Mit dem Ausscheiden der letzten preußischen STALLMEISTER aus dem Kavalleriedienst (gegen 1848), ging auch dieses Wissen (in seiner korrekten Interpretation) verloren.

Die vorhandene LITERATUR, beispielsweise von E.F. Seidler oder Louis Seeger, welche schon in der Endzeit der preußischen Stallmeister gearbeitet und gelehrt haben, sind mit heutiger Brille, die geprägt ist von der pferdeverschleißenden, aber für den bequemen Menschen wenig anstrengenden ANGLOMANEN Reiterei, die nach 1848 ihren Triumphzug rund um die Welt begann, und für welche die echte FORMUNG und Gymnastizierung der Pferde zuviel Arbeit darstellt (Credo: „das Gelände wird es schon richten!“), nicht zu verstehen! Dieses Verständnis, wird auch dadurch erschwert, dass Begriffe über die Zeit neue, mitunter stark veränderte Inhalte bekommen haben.

Um nun aber den wirklich WISSBEGIERIGEN doch Literatur an die Hand zu geben, die ihnen zwar nicht meine LEHRE VOM GRALSWEG (vor deren Erscheinen) und dessen Basis, das Wissen der preußischen STALLMEISTER des 18. Jahrhunderts, verständlich näherbringen kann, aber dennoch dabei hilft, die Gedanken in diese Richtung zu formen, werde ich an dieser Stelle nach und nach zielführende LITERATUREMPFEHLUNGEN geben.


Dogmen der Reitkunst

Kurt Albrecht (1920 – 2005)
Ehemaliger Leiter der Spanischen Reitschule in Wien

Von allen neuzeitlicheren Oberbereitern der Hofreitschule zu Wien halte ich Kurt Albrecht noch für denjenigen, der sich des kulturellen Auftrages der Hofreitschule stets bewusst war.

Verlag ORAC, Wien | 1. Auflage | 1981 |
ISBN 3 85368 877 2


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Kurt Albrecht | „Dogmen der Reitkunst“ | 1. Auflage 1981|Verlag ORAC Wien | Seite 9


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Eine Wendung offenbart es

In der Herresdruckvorschrift 12 (HDv.12.) von 1937 finden sich auf Seite 30 zwei sehr aufschlussreiche Bilder, welche weniger Aussage über den reiterlichen SITZ, dafür aber umso mehr über die Anforderungen und die Qualität der Kavallerie zu Zeiten der Wehrmacht[1] aussagen.

Bei beiden Bildern geht es um den Sitz beim Durchreiten einer WENDUNG. Das linke Bild zeigt einen Reiter mit eingeknickter Hüfte, dessen Sitz man damit zu Recht als fehlerhaft bezeichnen muss.

Beim rechten Bild nun sitzt der Reiter in einer Linie mit dem Pferd. Laut HDv. 12 von 1937 wird von einen „richtigen Sitz“ gesprochen. Beschränkt man seine Beurteilung auf die Unterschiedlichkeiten zwischen diesen beiden Bildern und bezogen auf den Sitz, so muss man geneigt sein, der Bewertung gemäß Dienstvorschrift zu folgen.

Löst man sich vom aber SITZ des Reiters und bewertet die AKTION, sprich das Durchreiten einer WENDUNG, dann muss man beiden Bildern attestieren, das beide FALSCH sind! Und damit sind wir bei den Anforderungen und der Ausbildungs-Qualität der Kavallerie zur damaligen Zeit.

Die Wehrmachtsreiter waren keine KAVALLERISTEN und ihre Pferde keine ausgebildeten KAVALLERIE-PFERDE mehr!

Im Feldzug von 1870/71 gegen Frankreich, fand am 16. August 1870 die Schlacht von Vionville – Mars la Tour[2] statt. Deren Bedeutung liegt unter anderem darin, dass es die letzte große Schlacht war, in der die Kavallerie neben der Artillerie und der Infanterie gleichberechtigten Anteil am Ausgang der Schlacht hatte. Danach begann der Abstieg hin zur militärischen Bedeutungslosigkeit, trotz mancher Bemühungen diesen zu verhindern.

Spätestens nach dem 1. Weltkrieg, in dem ca. 8 Millionen Pferde (!), Reit- und Zugpferde, ums Leben gekommen waren und der, flapsig ausgedrückt, „mit Pferden begann und mit Panzern endete“, sollte auch dem letzten Kavallerieromantiker klar geworden sein, dass eine moderne Armee keinen Bedarf für eine Kavallerie mehr hat.

Das Einzige, was für diese einst stolze Kavallerie an Einsatz-Szenarien noch Sinnhaftes[3] blieb, waren Aufklärungs- und Sabotageritte, welche bereits 1870/71 schon verstärkter durchgeführt wurden.

Gleichzeitig mit dem Abstieg der Kavallerie in die militärische Bedeutungslosigkeit kam es zu einer Renaissance einer Reiterei, welche bereits bei den Reitervölkern und zwar ausschließlich praktiziert wurde: Der NATÜRLICHEN METHODE! 

Diese Wortschöpfung als Bezeichnung für eine Ausbildungsart, die von Italien[4] ihren Ausgang nahm, ist sehr treffend. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, daß es unter Leuten vom Fach über die Auslegung Meinungsverschiedenheiten geben kann. Caprilli und seine Schüler haben seine Gedanken und Grundsätze im Springsport und im Gelände angewandt und ein Ausbildungssystem geschaffen, welche die italienischen Reiter jener Zeit in schnellem Aufstieg an die Spitze des Sports führte. Alle Welt horchte auf und ahmte nach.[5]

Das Credo dieser, nahezu auf Gymnastizierung und Durchbildung der Pferde verzichtende Ausbildungsform, lautete: „Das Gelände wird es schon richten!“.

Auch die deutsche Wehrmachtsreiterei schloß sich dieser pferdeverschleißenden Mode an, gleichwohl sie gegenüber den anderen nachahmenden Nationen, zumindest noch ein bisschen Gymnastizierung und dressurmäßige Arbeit einbaute, wobei der Freiherr von Waldenfels[6] sich wohl ausgezeichnet hat (lt. Udo Bürger).

Den geneigten Leser mag spätestens jetzt ein Licht aufgegangen sein, wohin die Reise der „Kavallerie“ ging: zur SPORTREITEREI!

Und diese Aussage bringt mich nun wieder zurück zu diesen beiden Bildern

Pferde, welche so durch eine Wendung gehen, liegen mit einem hohen Gewichtsanteil auf ihrer inneren Schulter, was nicht nur zu einer erheblichen, gesundheitsunverträglichen Ungleichbelastung der Struktur, sondern auch zu einer starken Reduzierung der Beweglichkeit führt.

Wäre ein solches Pferd, wie dies zu früheren Zeiten bei der Kavallerie gang und gäbe war, im Einzelkampf aktiv und würde so in die Wendung fallen, bedürfte es für einen Richtungswechsel mehrerer Zwischenschritte und einen erheblichen Energieverbrauch, unabhängig von der Gefährdung der sich Ross und Reiter durch den Gegner aussetzen würden!

Die beiden Bilder nun zeigen ein rein (ungesund) sportlich gerittenes Pferd, bei dem der GALOPP und die Geschwindigkeit im Vordergrund stehen, und dies ohne Rücksicht auf Verluste! Der Verschleiß, den eine solche Reiterei den Pferden bescherte kann man an den hohen Ausfallzahlen der damaligen Zeit ablesen.

Auch bei einem sportlich gerittenen Pferd sollten stets beide Schultern erhoben sein und das Pferd wie eine alte Straßenbahn und nicht wie ein Zug mit Neigetechnik oder ein Motorrad durch die Wendung gehen. Die erhobenen Schultern halten nicht nur das Pferd langfristig gesund, sondern es kann in seinen Aktionen auch bedeutend beweglicher und schneller agieren!

Die angesprochene Wehrmachtsreiterei steht bedauerlicherweise als VORBILD für die moderne Reiterei und leistete auch maßgebliche Beiträge zur SKALA DER AUSBILDUNG. Einer „Lehre“ deren angesprochene Grundlage von Seiten ihren Verfechter – in maßloser Überschätzung – als KLASSISCH bezeichnet und deren UNUMSTÖSSLICHKEIT (d.h. Zeitlosigkeit) attestiert wird.

Als VORBILD aber sollte man sich immer das BESTE und nicht das Mittelmäßige oder gar Schlechte erwählen.

Die Wehrmachts-Reiterei war keine KAVALLERIE mehr. Sie kann so wenig als Vorbild für die beste Militärreiterei, wie für eine GESUNDE SPORTREITEREI (die wir auch deshalb heute nicht haben) genutzt werden!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Mit dem Gesetz zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht vom 16. März 1935 wurde die Reichswehr in Wehrmacht unbenannt.

[2] Die Schlacht bei Mars-la-Tour (in den Quellen auch Schlacht bei Vionville oder Schlacht bei Rezonville) wurde am 16. August 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges in der Nähe der Ortschaften Mars-la-Tour und Vionville im Nordosten Frankreichs, etwa 20 Kilometer westlich von Metz geschlagen. (Wikipedia)

[3] Versuche, wie es die Polen zu Beginn des 2. Weltkriegs taten, wo sie mit Pferden, in Formationen irregulärer Kavallerie, gegen deutsche Panzer ritten, darf man als Ausdruck sturer Kavallerieromantiker bezeichnen, die aus dem 1. Weltkrieg keine Lehren gezogen haben und deren UNSINNIGEN Befehle Pferden und Reitern das Leben kostete.

[4] Über die italienische Reiterei, welche nach der Neapolitanischen Schule vermehrt der Bedeutungslosigkeit anheimfiel möchte ich sonst weiter keine Worte verlieren, denn diese wären alles andere als freundlich.

[5] Dr. Udo Bürger | „Vollendete Reitkunst“ | Verlag Paul Parey | 5.Auflage 1982 (Erstauflage1959) | Seite 80

[6] Rudolf Otto Hans Freiherr von Waldenfels (* 23. September 1895 in Ingolstadt; † 14. August 1969 in Rottach-Egern) war ein deutscher Springreiter sowie Offizier, zuletzt Generalleutnant im Zweiten Weltkrieg. (https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_von_Waldenfels_(General)


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Gewichtig „helfen“

oder der Mythos: Reiten über Gewichtshilfen

Aus der LEHRE VOM GRALSWEG – Bd. 2 „Reiter und Pferd“ (Autor: Richard Vizethum)

Grundsätzlich sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass  über das GEWICHT geritten werden würde. Ein solcher Gedanke führt unbewusst, sehr häufig aber auch ganz bewusst, zu mitunter deutlichen Gewichtsverlagerungen durch den Reiter. Die Struktur des Pferdes wird dadurch ungleich belastet. Dies wiederum zwingt das Pferd zu Ausgleichsbewegungen, welche oft nicht zu dem, vom Reiter gewünschten Ergebnis führen.

Meist gleichen die Pferde Gewichtsverlagerungen dadurch aus, dass sie, wenn der Druck auf das belastete Bein zu groß wird, auf das geringer belastete Bein umlasten und damit vom Gewicht weggehen.

Hat man das eigene Gewicht in einer Ecke beispielsweise etwas nach Innen gebracht, um das Pferd zum Abwenden zu bringen, sagen wir mal nach rechts, dann lastet das Pferd nach links um und geht damit über die äußere Schulter. Der Reiter meint, das Pferd drängt willentlich nach Außen und  reagiert meist mit verstärktem Einsatz des inneren Zügels[1]. Damit bringt er, vor allem wenn er mit dem Zügelanzug den Hals des Pferdes über die UNTERSTÜTZUNGSFLÄCHE[2] hinaus, seitlich verbiegt (was stets vermieden werden sollte), vermehrter Gewicht auf die innere Schulter des Pferdes und verstärkt damit das „über die äußere Schulter gehen“ weiter.

Geschieht allerdings die Gewichtsverlagerung abrupt, weil beispielsweise der Reiter ruckartig sein Gewicht vermehrter nach innen geworfen und/oder das Pferd bei höherer Gangart zu tief in die Ecke „gejagt“ hat und dieses dazu genötigt wird, extremer über die innere Schulter zu fallen, was dem Pferd ein Umlasten auf das geringer belastete Bein nicht (mehr) möglich macht, dann „fällt“ das Pferd auf diese Schulter und kippt nach Innen – folgt also dem Gewicht. Gleiches passiert auch, wenn das Pferd mit stärkerer Außenstellung durch die Ecke geht bzw. gehen muss[3].

Auch in solchen Situationen reagiert der Reiter in der Regel reflexartig falsch, indem er versucht durch Anheben der inneren Reiterhand, die Schulter des Pferdes wieder zum Aufrichten zu bringen. Dies behindert nur das Pferd in dessen Abfangbemühungen.

GEWICHTSVERLAGERUNGEN ZWINGEN DAS PFERD IMMER ZU NOTREAKTIONEN

Durch Verlagerungen des Gewichtes zwingt man das Pferd IMMER zu  „Notreaktionen“ und versetzt es in STRESS[4]. Dies wäre nicht nötig, wenn  man sich von der fixen Idee „des Reitern übers Gewicht“ gänzlich verabschieden würde.

Stattdessen sollte man stets darauf bedacht sein, dass beide SITZBEINHÖCKER gleichgewichtig belastet werden und dass die Körperdrehung (Drehachse INNERER SITZBEINHÖCKER), und nicht das Gewicht, die Richtungsänderungen bedingen. Natürlich führt auch diese Körperdrehung zu leichten Veränderungen der Gewichtssituation, aber ohne, dass dadurch eine signifikante Instabilität verursacht wird. Im Gegenteil: Die Schultern des Pferdes bleiben, wie auch die des Reiters, beide oben und das Pferd geht sicher durch die Wendung oder auch durch einen Galopp-Wechsel, dieser sei hier am Rande erwähnt, denn was man da an gewichtsverlagernden Aktivitäten oft zu sehen bekommt ist genauso gruselig, wie völlig falsch!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Dies geschieht häufig als unbewusster Reflex, da der eigene Körper versucht, mit dem naheliegendsten Mittel, einen durch diese Situation ausgelösten Balance- und Sicherheitsverlust zu korrigieren.

[2] Hier der Teil, der durch die gedankliche Verlängerung der Schultern des Pferdes nach vorne definiert wird.

[3] Dies kann gewollt sein, wie beispielsweise beim KONTERSCHULTERHEREIN (welche als Übung in der LEHRE VOM GRALSWEG nicht geritten wird, weil völlig unnötig und für das Pferd Stressbelastet) oder aber durch Sitzfehler des Reiters (häufigste Ursache) begünstigt werden. So dreht sich ein menschlicher RECHTSHÄNDER vermehrt nach Links (beim LINKSHÄNDER ist dies umgekehrt) und nimmt das Pferd (wenn dieses auch Rechtshänder ist, dann noch vermehrter) in diese STELLUNG mit. Auch das häufig gelehrte, aber völlig falsche Vorschieben der inneren Schulter des Reiters (häufig im Westernreiten zu sehen) und damit auch der inneren Hüfte, hat eine solche Außenstellung des Pferdes zur Folge.

[4] STRESS bedeutet immer zusätzlicher, unnötiger Energieverbrauch und damit zeitlich gesehen, schnelleren Leistungsverlust. Darüber hinaus, je nach dem wie stark der Reiter durch Fehlverhalten zu dieser Situation beigetragen hat, beeinträchtigt dieser STRESS auch das Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Reiter.


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Kommentator des Geschehens

SCHULE aus der LEHRE VOM GRALSWEG – Bd. 2 „Reiter und Pferd“ (Autor: Richard Vizethum)

Diese SCHULE für den Reiter – aus eigener ERFAHRUNG geboren – ist eine sehr gute Methode, das reiterliche EINFÜHLUNGSVERMÖGEN und das TIMING zu verbessern, sowie den Fundus an eigenen HANDLUNGSOPTIONEN stetig zu erweitern.

KOMMENTIERE DAS GESCHEHEN!

Egal, was man mit seinem Pferd übt, ob vom Sattel oder vom Boden aus, man kommentiert sprachlich hörbar, also nicht nur in Gedanken, das eigene Handeln, die Reaktionen des Pferdes und sogar eigene Fehler und Fehlschläge, die dabei unterlaufen können und deren Korrekturen.

Die Kommentierungen sollten dabei sachlich und frei von Emotionen sein. Zuviel Nachdenken behindert den freien Fluss – der erste Gedanke zählt!

Hier ein kleines Beispiel:

Er spannt an, ich öffne die Ringfinger … gut, die Spannung lässt nach. Die Stellung stimmt nicht … Korrektur über Ringfinger am inneren Zügel … er blockt mit der Halsmuskulatur dagegen … ich touchiere an der Schulter … etwas zu stark, doch er gibt nach, drückt aber über die äußere Schulter …

Kommentiert man sich und sein Pferd auf diese Weise, dann wird man nach einer Weile Erstaunliches feststellen:

  • Man nimmt das Pferd aus dem harten Fokus, wird weicher und achtsamer.
  • Man macht sich seine Handlungen bewusster, erkennt Fehler schneller und definiert Lösungen bzw. Lösungsalternativen. Damit verbessert man seine HANDLUNGSOPTIONEN.
  • Pferd und Reiter bewegen sich „befreiter“. Schuldzuweisungen an das Pferd oder an sich selbst unterbleiben.

Diese SCHULE richtet sich primär an Ausbilder und fortgeschrittene Reiter. Für Reitanfänger ist sie nur unter Anleitung eines REITLEHRERS geeignet. Kann aber dann auch auf diesem reiterlichen Niveau und mit einfachen reiterlichen Übungen beginnend, helfen das GEFÜHL und TIMING beim ELEVEN zu verbessern! Für den Reitlehrer wiederum ist es eine Möglichkeit, das Verstehen seines Schülers zu bewerten und in die richtige Richtung zu lenken.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Reiten ist eine Wissenschaft

Die Suche nach dem Gralsweg

Wie Philosophie oder Mathematik ist Reiten ernsthaft betrachtet eine Wissenschaft.

Es waren schon immer sehr, sehr wenige Reiter (Stallmeister) gewesen, die diese Wissenschaft ausübten, die sich auf die Suche nach den Gesetzmäßigkeiten machten und diese akribisch erforschten. Ohne diese Wenigen hätte Reiten nie zur Reitkunst werden können.

Auch wenn es vielleicht anmaßend klingt, so ist es in Demut gesprochen: Ich bin wohl der Letzte dieser Art!

Die Auffindung von Gesetzmäßigkeiten nun ist Sache der Wissenschaft, ihre Anwendung aber Kunst; mehr oder weniger ist daher jede menschliche Tätigkeit höherer Ordnung Wissenschaft und Kunst zugleich.

(Oberstleutnant a.D. v. Dreyhausen | „Reitwissenschaftliche Vorträge“ | 1931)

Reiten ist eine Wissenschaft

Nicht für jeden Reiter muss REITEN EINE WISSENSCHAFT sein. Aber für diejenigen, die sich berufen fühlen REITKUNST in ihrem vollen Umfange zum Wohle des Pferdes verstehen wollen, für diese wenigen ist es eine VERPFLICHTUNG Reiten als WISSENSCHAFT anzusehen!

FÜHLEN hat mit Wissenschaft nichts zu tun, ist aber wie BEOBACHTEN der Ausgangsgrund für die WISSENSCHAFT.

Nur wer aus dem, was er gefühlt oder beobachtet hat eine Hypothese formuliert und versucht, diese Hypothese zu verifizieren indem er das WARUM und das WIE ergründet, immer bestrebt eine ALLGEMEINGÜLTIGE REGEL zu finden, der wird sein Tun und Handeln nicht dem Zufall überlassen.

Der, der beim FÜHLEN stehenbleibt, der nur Empiriker, „der gewöhnlich nur auf gut Glück in die Organisation des Thieres greift, und sie nicht selten anstatt sie zu vervollkommnen, verdirbt“ [1], wie Du Paty de Clam anmerkte, arbeitet nur nach Trail and Error, weil er selten wirklich weiß, WARUM eine bestimmte Aktion zu einem bestimmten Ergebnis geführt hat. Auch findet er keine ALLGEMEINGÜLTIGEN GESETZMÄSSIGKEITEN, so dass es vorkommt, dass das, was eine Zeitlang erfolgreich angewandt wurde plötzlich in Gänze oder bei einzelnen Individuen nicht mehr funktioniert.

Dann sondert der NUR-FÜHLER schon mal Pferde aus, weil sie nicht mit dem Methodenpaket kompatibel sind.

Auch ein NUR-FÜHLER kann sehr weit kommen, er wird aber den Gipfel der REITKUNST nie erreichen. An dieser Stelle lasse ich dann erneut Du Paty de Clam zu Wort kommen:

„Einen zweckmäßigen Dressurplan zu entwerfen, bedarf es des Studiums der Wissenschaft und einer langen Erfahrung. Jedes einzelne Glied muß in Rücksicht der Wirkung auf das Ganze in diesem Plane berücksichtigt werden, keine Lücken dürfen obwalten, und genau müssen die Forderungen der Kunst nach den Vollkommenheiten der Natur abgewogen sein. Nur eine Rücksicht unbeachtet gelassen und der Dressurplan ist gescheitert.[2]


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 |Nachdruck Verlag Olms | Seite 203

[2] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 |Nachdruck Verlag Olms | Seite 203


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Das perfekte Pferd

Manchmal denke ich, wie wunderbar es wäre, einmal ein perfektes, vollkommenes Pferd ausbilden zu dürfen. Eines von diesen Wundern der Zucht, ausgestattet mit großer Athletik und herausragendem Bewegungstalent. Einem Pferd welchem Piaffe und Passage bereits in die Wiege gelegt wurde und welches ruhig, entspannt und neugierig all den Dingen entgegensieht, die da kommen mögen.

Es wäre ein Privileg ein solch perfektes Pferd ausbilden zu dürfen.

Doch dann mache ich mich wieder auf den Weg, zieh hinaus zu all den „weniger begünstigen“ Pferden, um mit ihnen zu arbeiten. Wenn ich dann vor einem solchen stehe oder mich auf seinen Rücken schwinge – in diesem Moment weiß ich, dass es keinen besseren Platz und kein besseres Pferd gibt und die Sehnsucht nach dem „perfekten Pferd“ verschwindet.

Ich bin privilegiert, auch ohne jenes „perfekte Pferd“, denn ich habe die besten Lehrmeister, die man sich wünschen kann, lehren sie mich doch Demut und Bescheidenheit.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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