Der Galopp – KI versus Mensch

Der Galopp – KI versus Mensch

Bild: Jean Louis Théodore Géricault

Bei einem ersten Ausprobieren von ChatGPT [1] habe ich der KI folgende Frage gestellt:

Was weißt Du über den Galopp?

An seiner Antwort kann man starke anglomane Wissensdefizite erkennen, welche ich im Folgenden aufzeigen und klarstellen werde …





Da würden mir noch ein paar Disziplinen mehr einfallen, aber ich will ja nicht kleinlich sein.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] GPT ist die Abkürzung für „Generative Pre-trained Transformer“. ChatGPT nutzt künstliche Intelligenz um menschliche Sprache zu verstehen und so eine der menschlichen Sprache ähnelnde Antwort zu erzeugen. ChatGPT ist der Prototyp eines dialogbasierten Chatbots. Dieser wurde von OpenAI entwickelt. Im November 2022 wurde er als Beta-Version veröffentlicht.

Die Bergziege

Aus der Rubrik: IRRUNGEN IN DER MODERNEN PFERDEARBEIT

Das Pferd wurde nach einem Foto gezeichnet

Es war im Grunde der RÜCKENWAHN, der diese „zirzensische“ Übung – natürlich auf Umwegen – hervorgebracht hat. Eine „Übung“, welche genauso nutzlos, wie gesundheitsschädlich für das Pferd ist. Im Folgenden möchte ich dies näher erläutern.

Wofür soll die Bergziege eigentlich gut sein?

Um dies etwas zu erhellen, möchte ich einfach mal drei Web-Site-Einträge von Ausbilderinnen zitieren, die diese „Übung“ empfehlen und praktizieren:

1 | „… ist aber ein ideales Training für die Rücken- und Bauchmuskulatur deines Pferdes“.

2 | „Bergziege wird eine klassische Zirkuslektion genannt, bei der das Pferd seine vier Beine unter dem Körper versammelt. So stehen die vier Beine von der Seite betrachtet V-förmig, der Rücken ist aufgewölbt und die Oberlinie maximal gedehnt. Die Bergziege ist eine Koordinations-  und Dehnungsübung.

3 | „Die ‚Bergziege‘ kann beispielsweise eine tolle Vorbereitung sein, um Deinem Pferd eine bessere Idee davon zu vermitteln, mehr Last auf die Hinterhand aufzunehmen und so zum Beispiel eine gesetztere Piaffe zu zeigen“.

Der Rücken spielt bei diesen Gründen eine zentrale Rolle. Deshalb hier ein kurzer Exkurs zu dem, was ich gerne als den Rückenwahn bezeichne …

Wie viele, für das Pferd schädliche Übungen, hat auch die BERGZIEGE ihre „intellektuelle“ Grundlage im RÜCKENWAHN, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts sich zu verstärken begann und durch einige „prominente“ Reiter wie Dr. Udo Bürger (Als Oberstveterinär war er Leitender Veterinär-Offizier in den Jahren 1935/36/37 an der Kavallerieschule in Hannover) oder Paul Plinzner (1855 – 1920) „vertreten“ wurde. Beide seien hier – aufgrund ihres Einflusses auf die neuzeitliche Reiterei – lediglich exemplarisch genannt.

Der Rücken sollte sich AUFWÖLBEN, so die Kernaussage des RÜCKENWAHNS.

Auch wenn es damals noch ein paar vernünftige Offiziere, wie Oberleutnant Knebusch gab, die dieser Verrücktheit eines aufgewölbten Rückens widersprachen:

Zu diesem Kapitel gehört auch die ‚elastische Rückenaufwölbung‘ Plinzners. Er meint, der Rücken müsse sorgfältig tragfähig gemacht werden, weil das Soldatenpferd mit Reiter und Ausrüstung wenigstens zwei Zentner tragen müsse. Das sei eine Hauptaufgabe der Ausbildung und diese sei nur zu lösen, wenn man das Pferd veranlasse, den Rücken aufzuwölben. Er übersieht hierbei, dass diese Aufwölbung etwas Krampfhaftes, Gespanntes ist, ein Zustand, den das Pferd nur durch falsche Inanspruchnahme der Muskeln aufrecht erhalten kann. Für kurze Augenblicke lässt sich das leisten; für die Dauer aber muss es versagen.[1]

Jedoch schenkte man seinen Worten kein Gehör – das Fliegen-Mistprinzip setzte sich auch hier durch.

Eine gewisse „Mitschuld“ am Entstehen des RÜCKENWAHNS könnte man auch Gustav Steinbrecht[2] einräumen, da man aus dem folgenden Zitat, leicht den „Wunsch“ nach einem aufgewölbten Rücken herauslesen könnte – wenn – ja wenn man den letzten Satzteil geflissentlich überliest oder fehlinterpretiert:

„Wie der Lastträger die schwere Last nicht mit durchgebogenem, sondern mit gekrümmten Rücken ohne Gefahr für seine Gesundheit trage kann, weil eine gewölbte Stütze besser trägt als eine gerade, so wird das Pferd die ungewohnte Last zunächst mit krummen Rücken aufnehmen, bis sie ihm durch Übung und Gewohnheit keine Last mehr ist.[3]

Natürlich haben diese Herrschaften, dies will ich ihnen zugutehalten, nicht an die Pervertierung der „Rückenaufwölbung“ durch eine „Übung“ wie die „Bergziege“ gedacht. Plinzner beispielsweise, rollte zu diesem fragwürdigen Zweck (Rückenaufwölbung) seine Pferde ein – dies sei nur am Rande erwähnt).

Nun aber zurück zur „Bergziege“ und warum man diese überhaupt nicht praktizieren sollte …

Wer nur Ansatzweise etwas von Anatomie beim Pferd versteht, könnte bei einem kritischen Blick auf ein Pferd in „Bergziegen-Haltung“ die Problem schnell und unschwer erkennen. Wer davon nichts versteht, praktiziert halt diese gesundheitsschädliche „Übung“ im Zweifel weiter.

Ich beginne aber erstmal mit den zweifelhaften Nutzenversprechen, die man der „Bergziege“ neuzeitlich zuschreibt.

Da wäre einmal die in Literatur und neuzeitlicher „Lehre“ omnipräsente AUFWÖLBUNG DES RÜCKENS.

Doch kann sich der Rücken überhaupt AUFWÖLBEN?

Nein, kann er nicht – zumindest nicht so, wie man sich dies gemeinhin vorstellt!

Auch nicht durch noch so tiefe Dehnungshaltung – oder Vorwärts-Abwärts. Allenfalls kann er sich, nachdem der Pferderücken, zu Beginn der Ausbildung des Pferdes, bei der „Gewöhnung an das Reitergewicht“, durch das Reitergewicht geringfügig abgesenkt wurde[4] , durch das Vorziehen der Dornfortsätze des Widerrists, welche aber durch die Gegenbewegungen der Rippen sehr limitiert ist, wieder auf seine NATÜRLICHE LAGE „erheben“.

Das sagten übrigens auch Dr. Udo Bürger und Prof. Dr. Dr. Otto Zietzschmann in ihrem gemeinsamen Buch „Der Reiter formt das Pferd“:

„Werden also die Dornfortsätze nach vorn aufgerichtet, so müssen ihnen die Rücken- und Lendenwirbel nach vorn und oben folgen. Damit wird der Rücken gehoben, d.h. er kommt in seine natürliche Lage zurück.[5]

Darüber hinaus sei angemerkt, dass der „Rücken“ sich nur an zwei Stellen überhaupt „aufwölben“ kann: eben 1. am Widerrist und 2. am Übergang zwischen Rücken- und Lendenwirbelsäule. Beide „Aufwölbungen“ aber führen gleichzeitig zu Absenkungen. Wölbt der Widerrist auf, senkt sich der Brustkorb, wölbt der Lendenbereich auf, senkt sich die Hinterhand, so entsteht der optische Eindruck, der RÜCKEN (also das Mittelteil des Rückens) hätte sich aufgewölbt (wie man dies beim Bild der BERGZIEGE zu erkennen glauben mag), was aber nicht der Fall ist!

Das durch diese „Übung“ ein gewisses TRAINING DER BAUCHMUSKULATUR stattfindet, dem möchte ich nicht wiedersprechen, jedoch ist ein solches Bauchmuskeltraining durch die gesundheitsschädlichen Nachteile der BERGZIEGE bitter erkauft und es gäbe dazu weit bessere Alternativen!

Die Idee, dass durch die BERGZIEGE eine verbesserte LASTAUFNAHME DURCH DIE HINTERHAND trainiert werden könnte, kann man getrost in die Mottenkiste groben Unfugs ablegen und vergessen. Die Gründe, dass eben keine gesunde Lastaufnahme durch die Hinterhand stattfinden kann, sind in der Streckung der Beine der Hinterhand zu finden (siehe FEHLBELASTUNG VON GELENKEN UND BÄNDEN).

Nun aber zur Schädlichkeit der BERGZIEGE …

1 | FEHLBELASTUNG VON GELENKEN UND BÄNDERN | Hierzu betrachten wir einfach mal die Zeichnung (siehe Beitragsbild). Durch die V-Stellung der Beine bei der BERGZIEGE werden die schwächeren unteren Gelenke (orange Punkte) der Vorhand (Karpal- und Fesselgelenke) und der Hinterhand (Sprung- und Fesselgelenke) gegen ihre Beugerichtung (blaue Pfeile) mit dem, nun auf verkleinerter UNTERSTÜTZUNGSFLÄCHE wirkenden, stark nach unten drückender Last (dicke rote Pfeile) be- und überlastet! Schädigungen dieser Gelenke sind damit vorprogrammiert! Auch die Bänder werden dabei stark strapaziert. Die Gefahr von Durchtrittigkeit oder einer Verstärkung bereits vorhandener Durchtrittigkeit in der Hinterhand ist im hohen Maße gegeben.

2 | DAUERSTRESS FÜR DAS REAKTIONSSYSTEM | Die Verteilung der Gesamtmasse des Pferdes auf die stark verkleinerte UNTERSTÜTZUNGSFLÄCHE sorgt für einen enormen Balancier-Stress (psychischer und physischer Stress), der nicht dazu führt, dass das Pferd eine bessere Balancierfähigkeit erlangt, sondern nur im Rahmen dieser „Übung“ lernt etwas länger zu stehen lernt. 

Wer seinem Pferd aktuell die BERGZIEGE abverlangt, oder mit dem Gedanken spielt, diese zu erarbeiten, sollte sich diese letzten beiden, von mir genannten Punkte aufmerksam durchlesen und sich dann ernsthaft die Frage stellen, ob ein billiger SHOWEFFEKT (denn gymnastizierungstechnisch ist diese „Übung“ weitgehend nutzlos) es wert ist, die Gesundheit seines Pferdes aufs Spiel zu setzen!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


Der Text als Podcast (Play-Taste drücken) …


[1] Oberleutnant Knebusch | „Die Spannung im Pferd und die Mittel sie zu  beseitigen“ |  Verlag von Schickhardt & Ebner (Konrad Wittwer) 1911 | 43. Heft | Teil eines Nachdrucks Olms-Verlag 1992 | Seite 9

[2] Anzumerken sein hier, dass es Paul Plinzner (Schüler von Steinbrecht) war, der Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ auf Grundlage der Notizen von Steinbrecht verfasste und dabei sicherlich Eigeninterpretationen hat mit einfließen lassen.

[3] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 69

[4] Meist ist dies auch nur der optische Eindruck bedingt durch eine nach hinten ausgestellte Hinterhand und damit angehobenen Kruppe, die einen abgesenkten Rücken erkennen lassen will.

[5] Dr. Udo Bürger, Prof.Dr.Dr. Otto Zietzschmann | „Der Reiter formt das Pferd“ | 3. Auflage – Nachdruck 2010 | FN-Verlag Warendorf | Seite 19

Aufrichtung – Der Irrglaube der Moderne

Aufrichtung – Der Irrglaube der Moderne

LEHRE VOM GRALSWEG – Aus dem Kapitel: „Wege und Irrwege der Aufrichtung – Teil 4“

Die moderne Reiterei, die sich gerne den Anstrich der „Klassik“ und der „Unumstößlichkeit“ ihrer Lehre gibt, sich dabei auf die D.V.E 12 von 1912 bzw. die HDv 12 von 1937 bezieht – was zumindest nicht ganz schlecht wäre – basiert letztendlich bei, näherer Betrachtung vermehrt auf der Neo-Naturreiterei eines Frederico Caprilli.  

Diese moderne Reiterei nun sitzt dem irrigen Glauben auf, dass man ein Pferd, nur von HINTEN nach VORNE arbeiten müsse, damit es sich vorne RELATIV, wie man diese Form der Aufrichtung nennt, aufrichten würde.

Die relative Aufrichtung (s.d.), deren äußeres Merkmal ein Höhertragen von Hals und Kopf infolge Senkung der Hinterhand ist, …[1]

Diese Aussage von Waldemar Seunig ist nur zum Teil korrekt. Der Gedanke, dass das alleinige Senken der Hinterhand die Vorhand anheben und eben damit diese RELATIVE AUFRICHTUNG erreichen würde, ist nur dann möglich, wenn man auf ein Vorwärts der Pferde und eine übermäßige Trittlänge der Hinterhand verzichtet und wie bei den akademischen Meistern (Pluvinel, de la Guérinière …), die Bewegungen in den Grundgangarten (Schritt, Trab, Galopp) ausschließlich auf die mit stark gesenkter Hinterhand ausgeführten Schulformen dieser Gangarten beschränkt.

Allerdings verkörperte Waldemar Seunig, auch reiterlich-intellektuell, bereits verstärkt eine Reiterei (anglomane[2] (Natur)Reiterei), welche auch schon zu seiner Zeit meilenweit von jener der alten Akademiker und der preußischen Kavallerie zu Zeiten Friedrichs des Großen und seines Kavallerie-Generals von Seydlitz-Kurzbach sowie deren genialen Stallmeistern entfernt war.

Diese Entwicklung hatten im Wesentlichen zwei Gründe.

Zum einen, machte eine Verbesserung der Waffentechnologie (größere Schussreichweiten bei den Kanonen und Repetierbarkeit bei den Handfeuerwaffen), aber auch eine Veränderung der Infanterie-Taktik (von der Linienformation vermehrt zum Karree[3]) neue Strategien und Einsatzspektren für die Kavallerie notwendig. Den Pferden wurde ein stärkeres VORWÄRTS abverlangt und der Galopp wurde zur Hauptgangart.

„Die dritte Anforderung, die höchstmögliche Schnelligkeit, findet sich in den von uns zu reitenden Tempos begründet, wie sie durch das Reglement vorgeschrieben sind. Wenn die frühere Normal-Attacke 200 bis 250 Schritt[4] im Galopp vorschrieb, so hatte dies in dem damaligen Infanterie-Gewehr seinen Grund; bei den jetzigen weittragenden Präzisions-Waffen kommen wir jedoch auf 800 bis 1000 Schritt in eine derartige Feuer-Sphäre, welche von uns den langen allongirten[5] Galopp verlangt, Wenn wir nicht physisch und moralisch auf das Aeußerste geschwächt an den Feind kommen wollen, wo von das Mißlingen der Attacke die unbedingte Folge ist“[6].

Zum anderen verbreitete sich die anglomane Reiterei, welche weniger auf eine gymnastizierende Ausbildung der Pferde Wert legte und mehr dem naturreiterlichen Credo folgte: „das Gelände wird es schon richten“, wie eine Seuche – ab Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkter – auf dem Kontinent und machte auch vor der Kavallerie nicht halt.

Das Ziel jeder Ausbildung ist, Pferd und Reiter zum Ritt querfeldein zu befähigen. Jagdspringen auf Turnierplätzen sind Vorbereitungen zum Querfeldeinritt. Niemals kann ein Turnierplatz so viel mannigfaltige Natürlichkeit bieten wie das freie Gelände. Für den ausgebildeten Reiter wird es kaum unüberwindliche Hindernisse geben, wenn er sich selbst und sein Pferd genügend geschult hat. Das Ueberwinden steilster Kletterpartien auf- und abwärts, breiter Gräben mit sumpfigen Rändern, selbst das Springen von Drahtzäunen kann durch Ausbildung erreicht werden.[7]

Wie man es den Worten des Freiherrn von Langen entnehmen kann, stellt diese (anglomane) Reiterei stärker den schneidig-sportlichen Aspekt (Jagdreiten, Springreiten, Rennreiten) in den Vordergrund und hat nichts am  Hut mit feiner Reitkunst oder Kavallerietaktiken, die umfangreich und fein ausgebildete Pferde erforderlich machten. Auch die Gesundheit der Pferde spielte und spielt in dieser modernen Reiterei nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Diese neuzeitliche Gedankenkombination von Wissensfetzen: Beugung der Hinterhand (historische Form das Pferd vorne [relativ] aufzurichten) bei gleichzeitig stärkerem Vorwärts (moderne Anforderung an die Kavallerie), welche u.a. auch Waldemar Seunig sichtbar unreflektiert zusammensetzte, führt zu einer physikalische Unmöglichkeit, welche aber munter ignoriert wird, um den Traum einer RELATIVEN AUFRICHTUNG träumen zu können.

Das stärkere Vorwärts macht eine tiefe, gleichmäßige Durchbeugung der Hinterhand – Voraussetzung für eine RELATIVE Anhebung der Vorhand – völlig unmöglich und führt beim verzweifelten Versuch solche dennoch zu erreichen, zu gesundheitsschädlichen Methoden und dadurch bedingt vermehrtem Pferdeverschleiß!

Statt einer gleichmäßigen und deutlichen Durchbeugung der Hinterhand, mit der man bei den alten akademischen Meistern ein Pferd relativ aufrichten konnte, welche aber bei vermehrtem Vorwärts nicht möglich ist, versuchte man stattdessen nun die Hinterhand der Pferde immer weiter und weiter vortreten zu lassen.

Während die alten preußischen Stallmeister das „Gleichgewicht“ der Pferde darin erreicht sahen, dass die Hinterhand lediglich in den Hufabdruck der Vorhand tritt – dies aber auch nur dann, wenn die RÜCKENLINIE[8] des Pferdes bereits durch korrektes Aufrichten der Vorhand und leichter Senkung der Hinterhand (Arbeit von VORNE nach HINTEN und Lösen von Spezialaufgaben), in die Waagerechte gebracht werden konnte, sprach wiederum Waldemar Seunig davon, dass das Hinterbein der Pferde bis zu 1 ¼ Tritte[9] (!) über den Hufabdruck des Vorderbeines vortreten sollte.

Dies bewirkt zwar eine Beugung der Hanken[10], da sich bei diesem Vortritt des Hangbeins[11] das Knie soweit anhebt, dass der Hüftgelenkswinkel spitz wird. Allerdings werden dabei die unteren, schwächeren Gelenke (Sprung- und Fesselgelenke) gegen ihre Beugerichtung gestreckt, was Überlastungen dieser Strukturen vorprogrammiert. Physikalisch ist dieser Hebel nicht in der Lage, das Pferd vorne (relativ) anzuheben! Diese Pferde werden stattdessen – gesundheitsschädlich – hinten tiefer gelegt. Vorne bleibt das Pferd aber „auf der Vorhand“.

Hätte Seunig den Steinbrecht, auf den er sich oft bezieht, auch wirklich intensiv gelesen, wäre ihm der  Passus aufgefallen, in dem Steinbrecht davon spricht, dass, je weiter ein Pferd mit der Hinterhand vortritt, es umso vermehrter auf die Vorhand kommt![12]

Hinzu kommt noch, dass das moderne Vorwärts-Abwärtsreiten (auch in Dehnungshaltung) den Rumpfträger „ausleiert“ und Muskelgruppen fördert, welche bei korrekter Aufrichtung eigentlich „zurückgebaut“ werden müssten. Schmerzen in der Oberhals- der Nackenmuskulatur und dem Ober-Arm-Kopfmuskel sind vorprogrammiert.

Ein echtes AUFRICHTEN, bei dem der Buggelenkswinkel stumpf wird, sich also der Querarm (Oberarm) muskulär „konserviert“ vorne anhebt, das Buggelenk auf Höhe des Hüftgelenkes gebracht wird und die Winkel von Bug- und Hüftgelenk nahezu gleichwinkelig werden, so dass diese sich die Kräfte balancierter „zuwerfen“ können, kann es über die Methoden der modernen Reiterei NICHT geben!

Die heutigen Pferde, dies kann man auch in den höchsten Klassen der Dressur deutlich erkennen, kommen in ihrer „Aufrichtung“ so gut wie nie über die NATÜRLICHE HALTUNG und eine vorwärts-abwärts geneigte Rückenlinie hinaus.

Für die alten preußischen Stallmeister war diese Haltung, die das NATÜRLICHE PFERD, noch ungeritten, beim zwanglosen Bewegen von A nach B (und ohne die Nase durch einen Reiter – wie es heute geschieht – an die Senkrechte gezwungen zu bekommen), die von ihnen sogenannte und beschriebene TIEFE aus der heraus sie dann erst die Pferde aufzurichten begannen.

Leider meinte manch neuzeitlicher und heute hochgeschätzter „Meister“, in einem Irrglauben, die TIEFE wäre erst dann erreicht, wenn die Pferde mit der Nase am Boden schnüffeln würden – wie Jagdhunde oder Trüffelschweine. Aus dieser trainingstechnisch fragwürdigen und das Pferd demütigenden Haltung entwickelte sich die Vorwärts-Abwärts-Reiterei, die es davor zu keiner Zeit – und dies aus gutem Grunde – gegeben hat und die von hervorragenden Kavalleristen wie dem Generalmajor Carl Johann von Schmidt (1817 – 1875), auf das Allerschärfste verurteilt worden wären, da der Verlust an Pferden in der Kavallerie (schon in der Alltagsarbeit) durch eine solche Form der „Reiterei“ erheblich gewesen wäre!

Schon das zu seiner Zeit – und ohne Vorwärts-Abwärts – immer mehr zunehmende Galopptraining unter Reduzierung der dressurmäßigen Gymnastizierung der Pferde, führte zu einem hohen Pferdeverschleiß, was ihn veranlassten 1874 einen Bericht an die Armeeführung zu schreiben, in dem er forderte zu den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden zurückzukehren:

„Das die Pferde vornehmlich im Winter-Halbjahr, und sodann fortgesetzt während der Sommerübungen, nach den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden[13] in die ihrem Gebäude angemessene, richtige Haltung, Aufrichtung, Beizäumung und Versammlung gesetzt worden sind, dieselben sich nicht schwer auf die Zügel legen und nicht fest in der Hand ihrer Reiter, sondern in allen Theilen weich und nachgiebig sind, und ihre Hinterhand gebogen[14] und untergeschoben worden ist, damit dieselbe im Stande ist, vermöge ihrer Elastizität und Spannkraft das Gewicht und die Stöße elastisch aufzunehmen, und dadurch die Vorderfüße zu schonen und zu erleichtern.[15]

Leider verstarb dieser General, dessen Worte weit über die Kavallerie hinaus Gewicht hatte, ein Jahr später, im Jahre 1875, so dass es für ihn keine Möglichkeiten mehr gab, diese Forderung durchzusetzen – sehr zum Leidwesen der Pferde!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole. Die Ausbildung des Reitpferdes“ | 4. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1943 | Georg Olms Verlag AG – Berlin | 2015 | Seite 184

[2] ANGLOMANIE, bedeutet die übertriebene Nachahmung alles Englischen.

Dies darf zunächst einmal als ein Kompliment für die englische Lebensart angesehen werden. Bezogen auf die Reiterei wurde darunter die Leidenschaft der Engländer für das Jagd-, Spring-, und Rennreiten verstanden. Eine Leidenschaft, welche sich mehr und mehr über England und Kontinentaleuropa hinaus ausbreitete. In England und Irland führte dies zu einer Verbesserung der Pferdezucht (Englisches Vollblut …), welche die schlechte Ausbildung der Pferde durch unzureichend gebildete Reiter kompensieren sollte.

[3] Ein KARREE (von französisch Carré, „Quadrat“) war im Militärwesen vom 17. bis vermehrter ins 19. Jahrhundert hinein eine Gefechtsformation der Infanterie mit nach vier Seiten hin geschlossener Front zur Abwehr von Kavallerie. Das Karree bot einen wirkungsvollen Schutz gegen Kavallerieangriffe, da es keine ungeschützte Flanke aufweist.

[4] Schritt ist ein Längenmaß  und entspricht 75,325 cm (Alter preußischer Schritt). Die angegebenen 200 Schritt beispielsweise sind umgerechnet 150,65 Meter. Die genannten 800 Schritt entsprechen 602,6 Meter. Diese 800 Schritt musst nach neuen Richtlinien ein Pferde pro Minute im Galopp zurücklegen (entspricht 36,2 Km/h). Ursprüngliche waren dies 500 Schritt (376,63 Meter oder 22,6 Km/h).

[5] Allongirt = gestreckt (z.B. starker Galopp, Carriere …)

[6] Generalmajor Carl von Schmidt |“Instruktionen des Generalmajors Carl von Schmidt, betreffend die Erziehung, Ausbildung, Verwendung und Führung der Reiterei“ | 1876 geordnet und in wortgetreuer Widdergabe der Originalien zusammengestellt durch von Bollard-Bockelberg | Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Seite 3

[7] Carl-Friedrich Freiherr von Langen | „Reiten über Hindernisse“ | 1931 | Nachdruck Olms-Verlag 1996 | Seite 36

[8] RÜCKENLINIE: Es werden hier nur die Wirbelkörper der Wirbelsäule ohne obere Dornfortsätze betrachtet.

[9] Quelle wird nachgereicht

[10] Hanken nach der Lehre vom Gralsweg: Hüftgelenkswinkel (Kreuzbein – Hüftgelenk – Kniegelenk. Das Sprunggelenk wird nicht dazugezählt (dies führt zu fehlerhaften Methoden bei der Ausbildung der Hankenbeugung.

[11] Vorschwingendes Hinterbein

[12] Quelle wird nachgereicht

[13] General von Schmidt spricht sich hier für die altpreußischen Dressurmethoden von vor 1806 und im Grunde noch etwa bis 1848 aus.

[14] Der Begriff „Biegen“ bedeutet: das Biegen in den Gelenken, Genick, Rücken und Hinterhand und geringgradig das seitliche Biegen, welches man neuzeitlich diese Begriff zuschreibt und damit den ursprünglichen Begriffsinhalt konterkariert.

[15] Kaehler | „Die preußische Reiterei von 1806 bis 1876 in ihrer inneren Entwicklung“ | 1879 | Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck Europäischer Geschichtsverlag 2015 | Seite 330f

Aufrichtung – Die Schnelldresseure

LEHRE VOM GRALSWEG – Aus dem Kapitel: „Wege und Irrwege der Aufrichtung – Teil 3“

In allen Zeiten gab es Reiter, welche die Pferde in die Formen der HOHEN SCHULE (hohe Aufrichtung – tiefe Beugung) bringen wollten, allerdings nicht bereit waren, sich mit dem langwierigen Aufbauprozess von Schulpferden auseinanderzusetzen. Sie glaubten in kurzer Zeit die notwenige Form der Pferde herzustellen, wozu man in der akademischen Reiterei Jahre brauchte.

Nach Prinzipien älterer Zeit glaubte man die Gleichgewichtstellung dadurch herbeizuführen, daß man zuvörderst die Nase des Pferdes hoch heraufhob und mit beinahe waagerechter Kopfstellung mit dem Oberhauptbein den Hals hoch herauf- und zurückarbeitete; doch vieljährige Erfahrungen stellten dieses Verfahren nicht allein als weniger zweckmäßig, sondern als nachtheilig heraus, denn, ungeachtet die Nase des Pferdes höher kam, so blieb die Körperlast doch vorhängend, die Hinterfüße traten nicht nach, sie steiften sich, die Vorderbeine wurden struppirt [überlastet – Anm.d.Red.], Hirschhälse sah man hervordrücken ([dort] Taf.IV Fig. 3.), welche wieder Veranlassung zu unsteter Kopfstellung gaben. [1]

Diese von E.F. Seidler beschriebene und zu Recht kritisierte, unnatürliche  Vorgehensweise, deren Anwendung sich nicht nur auf die „ältere Zeit“ beschränkte, wandten die Verfechter dieser „Methode“ bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der „Ausbildung“ an.

Mit der „Trense bäumt(e)“ man und um die dadurch hervorgerufene nahezu waagerechte Kopfstellung des jungen Pferdes schließlich zu korrigieren, wurde mit der „Kandare (ge)zäumt“. Dieses „Aufrichten“ von Hals und Kopf führte zu einem Abknicken im Übergang zwischen der Hals- und Brustwirbelsäule, verursachte Schmerzen und führt, daraus resultierend zu Abwehrreaktionen beim Pferd. Die Konsequenz dieses Vorgehens waren körperlich und seelisch stark angefasste Pferde, welche sich bei jeder Gelegenheit aus dieser Zwangshaltung, „keinem Zügel mehr gehorchend“,  herausschnellten.

Das Herantreiben der Hinterhand wiederum überlastete die zu Beginn einer Ausbildung noch schwache Struktur der Hinterhand, was ebenfalls zum Widerstand der Pferde beitrug.

Zu diesen Schnelldresseuren gehörte in seiner Entwicklung sehr lange auch der Franzose Francois Baucher[2], den man in seiner Zeit und danach gerne irgendwo zwischen „Genie“ und „Scharlatan“ einordnete. Die preußische Kavallerie stellte 1842 ein komplettes Regiment ab, um nach Bauchers, damals 1. Manier[3] zu arbeiten. Das Ergebnis war mehr als ernüchternd:

Es war nun im Jahre 1842, wo das Schwester-Regiment[4] unserer Brigade den Auftrag erhielt, nach dem damals die Reiterwelt in Unruhe versetzenden neuen ‚System‘ Baucher die Pferde auszubilden, welches 1843 nach dem grossen Kavalleriemanöver unter Wrangel bei Berlin so eklatante Misserfolge zeigte, dass diese unbedingte Beizäumungsmethode[5] für ewige Zeiten untersagt wurde, denn die Pferde schnellten sich aus derselben heraus, keinem Zügel mehr gehorchend.[6]

Diese Erkenntnis führte bei der preußischen Kavallerie zu einer nachhaltigen Ablehnung der Methode Baucher. Dies aber hatte rein pragmatische und keine nationalistischen Gründe, wie häufig behauptet wurde.

Die Baucherschen Pferde sind vom Standpunkte der Kriegsbrauchbarkeit aus betrachtet gänzlich roh, und viel unbrauchbarer als die Pferde der Anglomanen.[7]

Aber nicht nur der Ehrgeiz so manches „Reitmeisters“ führte zu derartigen Aufrichtungsexzessen.

1806 verlor Preußen im „Vierten Koalitionskrieg“ insbesondere in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen Napoleon, was den militärischen und politischen Zusammenbruch Preußens bedeutete und in dessen Folge, die preußische Kavallerie alle ihre gutgerittenen Pferde an die Franzosen verlor.

Mit dem Frieden (1814/15) hatten die Preußen also keine Pferde mehr im Land und sie waren gezwungen ihre Remonten „aus ukrainischen, bessarabischen und moldauischen Steppenwildlingen“[8] zu rekrutieren. Pferde, die „über keine Brücke gingen, und in den Ställen alles zerrissen und zerschlugen“[9] Diese Pferde waren so unberechenbar, dass sie vom Nebenstand aus gefüttert und mit Striegeln an der Stange geputzt werden mussten. Das Reiten auf diesen Tieren war durchaus lebensgefährlich, was ein Satz von Waldemar Seunig drastisch illustriert:

Viele Opfer blieben damals auf den Schlachtfeldern der Reitplätze, nicht nur Wildlinge, die absolut nicht einsehen wollten, wozu sie eigentlich auf der Welt seien, auch Reiter und Wartungspersonal[10]

1825 und 1826 gelangte eine, von Generalmajor Friedrich Georg von Sohr verfasste, 4-teilige REITINSTRUKTION[11], zur Ausgabe an die Truppe. Diese blieb mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch die bindende Regel für die gesamte Reitausbildung der preußischen und der deutschen Kavallerie.

In dieser Instruktion  trug von Sohr der „Qualität“ dieser Pferde und der Schwierigkeit im Umgang mit diesen, insofern Rechnung, als er darin die Anleitung zu einem „beschleunigten Verfahren gewaltsamer Bändigung“ gab, zu dem es auch gehörte, den Hals der Pferde hoch und senkrecht zurückzurichten, wobei die Köpfe in einem Winkel von 45 Grad zum Hals stehen sollten.

Was sowohl dieser Reitinstruktion aber insbesondere den „Schnelldresseuren“ damit leider gelang, war die nachhaltige Etablierung des Bildes eines Pferdes, mit senkrecht gestelltem Hals, hohem, fast waagerecht gehaltenem Kopf, herausgedrücktem Unterhals, ausstehenden Hinterbeinen, und den damit entstehenden Eindrucks eines weggedrückten Rückens.

Eines Bildes, welches dem des „Sternenguckers“ entspricht, einer Haltung, die manch unzureichend vorbereitete Pferde aus Angst oder Schwäche  beim ersten Kontakt mit dem Reitergewicht nach einem Anspannen, durch krampfhaftes Abspannen einnehmen.

Dieses Aufrichten, welches in keiner Weise etwas mit Reitkunst gemein hat, und das dadurch entstandene Bild in den Köpfen der Reiter, wird in der Neuzeit oft mit dem Begriff ABSOLUTE AUFRICHTUNG völlig fehletikettiert und als Gegenposition und damit Legitimation für VORWÄRTS-ABWÄRTS in vielen Werken von Ausbildern, Therapeuten und Tierärzten dargestellt und propagiert.

Dieses unschöne Bild, eines durch FALSCHE AUFRICHTUNG traktierten Pferdes, hat leider auch dazu geführt, dass alle Formen korrekten, sukzessiven Aufrichtens (wie beispielsweise durch die genialen preußischen Stallmeistern durchgeführt), weitgehend unbeachtet blieben und dadurch der Vergessenheit anheimgestellt wurden.

Womit ein sehr elementarer Teil der so notwendigen UMFORMUNG des Pferdes kaum mehr (lediglich nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG) in seiner ursprünglichen pferdeschonenden und sehr wissenschaftlich-überlegten Form stattfindet. Übergeht man aber diesen wichtigen Umformungsschritt, dann funktionieren die Logiken alter Reitanweisungen nicht mehr und man öffnet weiteren Fehlinterpretationen Tür und Tor.

Die gesamte SKALA DER AUSBILDUNG, deren Basis man in völliger Selbstüberschätzung als „unumstößlich“ und „klassisch“ bezeichnet, ist gespickt von solchen Fehlinterpretationen und den zwangsweise darauf folgenden fehlerhaften Methoden.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | 2. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1846 | Olms-Verlag 1990 | Seite 96

[2] Francois Baucher, mit dem ich mich sehr intensiv beschäftig habe, wird von mir, nach all meinem Wissen über seine Vorgehensweise, als ein Scharlatan eingestuft, wenn auch mit gewissen Talenten. Das was er als neu bezeichnet hat, war meist schon vor seiner Zeit bekannt und jenes, was tatsächlich neu war brauchte keine Pferd (eher Zirkus). Der Hype um Baucher war und ist nur zu verstehen im Kontext einer immer stärker aufkommenden anglomanen Reiterei, die sich mehr und mehr auch in die Militärreiterei (mit d’Aure, einen Konkurrenten und Widersacher von Baucher, in die Cadre Noir) einschlich und in der heutigen Zeit die gesamte Reiterei prägt.

[3] Nach meinem Dafürhalten ist eine Einteilung der Baucherchen Entwicklung in 1. und 2. Manier nicht zulässig, da Baucher über die Auflagen seines Werkes hinweg, sich ständig weiterentwickelte. Die Zäsur, nach dem „Kronleuchter-Unfall“, die als Übergang von einer 1. Manier zu einer 2. Manier von vielen Autoren genannt wird, gab es im Grunde nicht!

[4] Es handelte sich um das 7. Kürassier-Regiment (siehe auch Seunig) in Quedlinburg

[5] Die Begrifflichkeit „unbedingte Beizäumungsmethode“ könnte von Otto von Monteton von Plinzner unbewusst übernommen worden sein, welcher zu dieser Zeit (1899) aktiv war – auch mit Veröffentlichungen.

[6] Otto Digeon von Monteton | „Über stätische Pferde“ |  Verlag von Schickhardt & Ebner (Konrad Wittwer) 1899 | 7. Heft | Teil eines Nachdrucks Olms-Verlag 1992 | Seite 19

[7] Otto Digeon von Monteton | „Über die Reitkunst“ | 1877 | Nachdruck Olms-Verlag 1995 | Kommentar auf Seite 177

[8] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 49

[9] von Monteton: Über die Reitkunst (1877)

[10] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 49

[11] Friedrich Georg von Sohr | „Instruktion zum Reit-Unterricht für die königlich preußische Kavallerie | 1825/1826

Aufrichtung – Die genialen preußischen Stallmeister

Aufrichtung – Die genialen preußischen Stallmeister

LEHRE VOM GRALSWEG – Aus dem Kapitel: „Wege und Irrwege der Aufrichtung – Teil 2“

Die genialen preußischen Stallmeister zu Zeiten Friedrich des Großen und seines Kavalleriegenerals von Seydlitz-Kurzbach, deren Wirken noch etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts[1] die Pferdeausbildung in der Kavallerie bestimmten, gingen bei der AUFRICHTUNG – der militärischen Zweckorientierung der Pferde, aber auch dem Zeitgeist (Industrialisierung, Maschinenzeitalter) geschuldet – einen völlig anderen, für die Pferde gesünderen Weg, als dies die akademische Reiterei (Pluvinel, de la Guérinière …) tat.

Dieses stark wissenschaftlich-technisch geprägte Vorgehen der preußischen Stallmeister finden wir beispielsweise gut dokumentiert bei Ernst Friedrich Seidler[2],[3] und Louis Seeger[4] (beide Schüler des wohl prägendsten Oberbereiters der Wiener Hofreitschule: Max Ritter von Weyrother[5], der den Begriff des DENKENDEN REITERS formulierte).

Die preußischen Stallmeister richteten die Pferde zunächst in der Vorhand, über einzelne Entwicklungsphasen, so auf, dass auch die RÜCKENLINIE[6] von vorne nach hinten, zum Lumbosakral-Gelenk hin, mit angehoben wurde.

Ein „Abknicken“ im Übergang zwischen Hals- und Brustwirbelsäule wurde so verhindert.

Die Anhebung der Vorhand diente dazu, durch Kräftigung der Rumpftragemuskulatur, jene von Natur aus in der Regel VORWÄRTS-ABWÄRTS geneigte RÜCKENLINIE in die Waagerechte zu erheben und dabei zugleich Buggelenk und Hüftgelenk auf eine gleiche Höhe zu verbringen und deren Winkel auch noch anzugleichen, so dass diese beiden Hauptfederungen[7] des Pferdes sich die Kräfte deutlich energiesparender zuwerfen konnten, als dies, mit der von Natur aus Vorwärts-Abwärts geneigten Rückenlinie, bei welcher der Energieverbrauch deutlich höher ausfällt und damit der Leistungsverlust natürlich sehr viel schneller vonstattengeht, möglich wäre.

Erst nachdem dieser Prozess abgeschlossen war, begannen sie, nach temporärem leichtem „Absenken“[8] des Rückens, die Hinterhand intensiver zu bearbeiten. Sie berücksichtigten damit, im Gegensatz zu den Meistern der akademischen und der neuzeitlichen Reiterei (bei diesen allerdings würde ich „Meister“ zwischen ganz dicke Anführungszeichen setzen), die von Natur aus vorhandene Schwäche der Hinterhand.

Was den allerwenigsten Reitern bekannt sein dürfte, kennt das NATÜRLICHE PFERD seine Hinterhand nicht wirklich und lässt diese, durch die, aufgrund des Gewichtsüberhangs, nach vorwärts fallende Vorhand, einfach nur MITZIEHEN[9], statt aus dieser heraus aktiv zu schieben (SCHUB)! Dieses energiesparende Vorgehen bringt allerdings mit sich, dass die Hinterhand von Natur aus, zunächst einmal mit wenig Belastbarkeit[10] (Kraft) ausgestattet ist und auch entsprechend zunächst wenig belastet werden sollte! Der allergrößte Teil der heutigen, bis in die allerhöchsten Klassen „ausgebildeten“ Pferde, verbleibt zeitlebens in diesem, für ein REITPFERD ungesunden Zustand.

Die im Rahmen der UMFORMUNG angestrebte Beugung der Hinterhand fiel bei den Stallmeistern deutlich mäßiger aus als bei den Schulpferden der akademischen Reiterei, um den Pferden das für die Kavallerie so wichtige Vorwärts in den Grundgangarten nicht zu nehmen, welches für die geforderten Dauerleistungen, beispielsweise für lange Märsche, zwingend Notwendigkeit war.

Dennoch aber sollte die Hinterhand der Pferde so kräftig und beugefähig werden, dass die Pferde große 2-Schlag-Galoppsprünge wie beispielsweise die Carriere[11] beim Chok[12] ausführen und im Einzelkampf auf der Hinterhand, am „kleinen Finger geführt“, tanzen konnten und somit auch Elemente der Hohen Schule sehr gut beherrschten.

Diese Beugung der Hinterhand finalisierte schließlich die UMFORMUNG des Pferdes. Der Bewegungsdruck einer durch diese Methode erarbeiteten tragenden und federnden Hinterhand, geht jetzt VORWÄRTS-AUFWÄRTS das Pferd wird leicht und nimmt sich selbst dem Reiter aus der Hand. Fordert man nun ein so umgeformtes Pferd zu einem vermehrtem Einsatz der (leicht gebeugten) Hinterhand auf, dann kann sich das Pferd vorne, rein durch den physikalischen Hebel und ohne zusätzlichen Kraftaufwand, weiter (RELATIV) anheben!

Solche Pferde waren für die Kampagne (die Schlacht, das Manöver …) im höchsten Maße geeignet, beherrschten aber auch Bewegungen der HOHEN SCHULE. Die Vorgehensweise bei der körperlichen UMFORMUNG durch die genialsten Stallmeister in der der Geschichte der Reiterei, berücksichtigte in perfekter Weise die Physik des Pferdes und erzielte Pferde, die schier unglaubliche Höchstleistungen zu erbringen im Stande waren.

So waren sie oft viele Stunden bereits unter dem Sattel, bevor sie in die Schlacht geworfen wurden. So geschehen beispielsweise in der Schlacht bei Zorndorf, im Siebenjährigen Krieg, am 25. August 1758, wo die Pferde bereits über 12 Stunden unter dem Sattel waren, bevor für den Angriff „mäßiger Galopp“ befohlen wurde, „weil die Pferde bereits müde seien„. Aufgrund ihrer hervorragenden Ausbildung aber hatten diese Pferde trotz dieser gewaltigen Anforderungen dennoch sehr gute Chancen, an Leib und Seele gesund bleiben zu können.

Tierschutz ging in der preußischen Kavallerie VOR Menschenschutz.
Dies hatte rein pragmatische Gründe. Die Ausbildungszeit des Menschen war vergleichsweise kurz, er konnte also leichter ersetzt werden. Im Gegensatz dazu erhielt das Pferd eine über 3-4 Jahre dauernde intensive Ausbildung. Für solche Pferde gab es keine 2. Garnitur!

Unabhängig von den preußischen Stallmeistern und zunächst ohne Kenntnisse deren Vorgehens in der Ausbildung der Pferde, entwickelte ich exakt den gleichen Weg und so war es mir möglich, im Gegensatz zu allen anderen, den Preußen folgenden neuzeitlicheren „Meistern“, das Vorgehen, dieser Stallmeister, Pferde gesund auszubilden, zu verstehen und mehr als nur nachvollziehen zu können.

In meiner LEHRE VOM GRALSWEG (Reitlehre) wird diese nachhaltig gesunde Art Pferde so zu FORMEN, dass sie ein langes Pferdeleben lang, gesund, leistungsbereit, motiviert und sicher werden, beschrieben und in meinen Ausbildungseinheiten und Kursen pädagogisch anschaulich intensiv und schlüssig vermittelt.

Mit dieser, meiner intensiven Arbeit versuche ich dieses – durch Bequemlichkeit und Ignoranz – verlorene Wissen der reiterlichen Allgemeinheit in verständlicher Form wieder zugänglich zu machen, verbunden mit der großen Hoffnung, dass es dadurch den Pferden, diesen wundervollen, edlen Geschöpfen, wieder besser gehen wird, als dies in der Neuzeit (und schon länger davor) der Fall ist, aber auch mit der Hoffnung, dass sich weitere Interessierte auf den GRALSWEG machen und ich nicht der LETZTE STALLMEISTER einer wahrhaftigen REITKUNST bleiben werde.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


Den Text auch als Podcast …


[1] In diesem Jahr ging, laut Otto Digeon von Monteton, der wohl letzte Stallmeister in Ruhestand und in der preußischen Kavallerie wurde die Ausbildung direkt von den Rittmeistern (ohne vorherige Anleitung durch die Stallmeister) durchgeführt, was zu einem Qualitätsverlust in der Ausbildung führte.

[2] 1837 | Ernst Friedrich Seidler | „Leitfaden zur gymnastischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Eigenverlag – Gedruckt in der Dietericischen Buchdruckerei (E.G. Mittler) – Berlin |

[3] 1846 | Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur difficiler Pferde, die Korrektion verdorbener und böser Pferde“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler – Berlin, Posen und Bromberg

[4] 1844 | Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | Verlag von Friedrich August Herbig – Berlin

[5] Max Ritter von Weyrother beeinflusste neben de la Guérinière, Louis Seeger und Benno von Oeynhausen maßgeblich das Vermächtnis der Reitkunst von über 500 Jahren, welches sich die Wiener Hofreitschule verpflichtet hat, weiterzutragen.

[6] RÜCKENLINIE: Es werden hier nur die Wirbelkörper der Wirbelsäule ohne obere Dornfortsätze betrachtet.

[7] Die vordere Hauptfederung ist der Buggelenkswinkel (Schulter – Buggelenk – Querarm). Die hintere Hauptfederung sind die Hanken nach Definition der LEHRE VOM GRALSWEG, sprich der Hüftgelenkswinkel (Kreuzbein – Hüftgelenk – Kniegelenk).

[8] Damit ist kein durchhängender Rücken oder ähnliches gemeint, sondern es musste, damit überhaupt eine Beugung der Hinterhand ohne (Über)Dehnung des Nacken-Rückenbandes bei dieser aufgerichteten Hals- und Rückenlinie ermöglicht werden würde, ein leichtes Absenken des Rückens stattfinden, welcher dann wieder durch die Beugung der Hinterhand kompensiert wurde. Das Nacken-Rückenband blieb dabei in „Neutralspannung“. Eine „Aufwölbung“ des Rückens, wie dies die Rückenwahnsinnigen der Neuzeit fordern, würde zu einer körperlichen Schädigung der Struktur führen!

[9] Aktuell kann man diesen fehlenden SCHUB auch noch bei den Pferden, die in der Dressur bis zur höchsten Klasse „ausgebildet“ sind, erkennen.

[10] Diese reicht für kurzzeitige – auch aggressive – Fluchtbewegungen, ist allerdings nicht für Dauerleistungen geeignet.

[11] Carriere: Gewaltiger 2-Schlag-Galopp, bei dem jeweils die Vorderbeine gleichzeitig absprangen, gefolgt von den gleichzeitigen Hinterbeinen.

[12] Der Chok war eine besondere Art des Angriffs der Kavallerie. Dabei lief eine Reiterlinie mit größter Wucht auf die feindlichen Linien zu. Der Anlauf zum Chok in voller Carriere begann erst etwa 80-60 m  vor den gegnerischen Linien. Keine lebende Masse konnte diesen gewaltigen Aufprall widerstehen. „… die Gewalt der Carriere ist so groß, daß, wen diese volle Gewalt trifft, der wird widerstandslos niedergeritten. Pferde, die einmal gewohnt sind, beim Hochspringen die Hindernisse einzurennen, verlassen sich auf ihre Gewalt, ein Beweis, daß der stärkere Theil, dem der Andere weichen muß, nicht einmal Schmerz empfindet; kurz, die Gewalt der schnellen Bewegung wird Jedem klar werden, der für diesen Gedanken Beispiele sucht.“ (Otto Digeon von Monteton).

Der letzte Stallmeister

Der letzte Stallmeister

Die genialen preußischen Stallmeister

Die preußischen Stallmeister zu Zeiten Friedrichs des Großen[1] und seines genialen Kavallerie-Generals von Seydlitz-Kurzbach ab Mitte des 18. Jahrhunderts, hoben die Pferdeausbildung auf ein bis dahin noch nicht gekanntes Niveau. Diese Stallmeister, welchen zum Teil im Range von Professoren stehend, als Universitätsstallmeister an Universitäten Hippologie lehrten, zeichneten u.a. bei den preußischen Kavallerieregimentern verantwortlich für die Konzepte der Pferdeausbildung und der Ausbildung der Rittmeister[2]. Sie verdienten oft so viel wie ein Regimentskommandeur, was auch ihren hohen Stellenwert innerhalb der preußischen Reiterei deutlich machte.

Es gehörte früher zur Bildung der Großen, von der Reitkunst sehr eingehende Kenntnis zu haben. Alle Universitäten hatten einen Stallmeister, der Professor-Rang hatte, so wie auch alle Ritter-Akademien. Heut lernt ein jeder selbst reiten, aber es ist auch danach.[3]

Geprägt wurden diese Stallmeister bei ihren Ausbildungs-Konzepten von den Entwicklungen des Maschinenzeitalters, welche mit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann. In diesem Zeitalter veränderte eine Serie von technischen Erfindungen die Arbeitswelt grundlegend.

Die damit einhergehende, neue, mehr technisch orientierte Geisteshaltung, hatte auch Auswirkungen auf die Ausbildung der Pferde. Diese wurden nun mehr als „Maschine“ betrachtet und man versuchte, die einzelnen körperlichen Elemente der Pferde nach physikalischen und logischen Grundsätzen, wissenschaftlich analytisch, optimal aufeinander abzustimmen, um so das Leistungsvermögen und die Gesundheit, der für die Kavallerie so wertvollen Pferde[4], deutlich und nachhaltig zu steigern.

Das Ergebnisse waren nahezu perfekt geformte Pferde, welche schier unglaubliche Höchstleistungen erbringen konnten, ohne dabei in entsprechendem Maße Schaden an Leib und Seele zu nehmen. Nie vorher und nie mehr danach und an keinem anderen Ort der Welt, hatte die Pferdeausbildung, insbesondere die der Kampagnen-Pferde der Kavallerie ein höheres Niveau, als unter der Ägide dieser akribisch arbeitenden preußischer Stallmeister.

Jedoch wurde ihnen die Betrachtung der Pferde als Maschine in der Folgezeit, besonders durch die Vertreter der sich, mehr und mehr, wie eine Seuche, nun auch in den Kavallerien ausbreitende, schlampige und stärker an der Eitelkeitsbefriedigung der Reiter, als an der Gesunderhaltung der Pferde orientierten, anglomanen „Natur-Reiterei“ zum Vorwurf gemacht. Diese anglomane Reiterei setzte mehr auf (diffuses) FÜHLEN, den Galopp und das Gredo „Das Gelände wird es schon richten!“ als auf eine sinnvolle, gesunde und reproduzierbare Ausbildung der Pferde. Dieser Vorwurf, denen man die Stallmeistern machte, war und ist völlig haltlos und diente lediglich dazu, die pferdeunfreundlicheren und gesundheitsschädlicheren Konzepte der bequemen, anglomanen, und neuzeitlicher, der emotionalisierten (anglomanen) Reiterei in ein positives Licht zu rücken.

Auch für die Stallmeister und gerade für diese, waren die Pferde Lebewesen, mit all ihrer Individualität und so wurden sie auch behandelt! Aber um sie körperlich dauerhaft zu gesunden, Höchstleistungen erbringenden Tieren umzubauen, war und ist es zwingend erforderlich die Physik des lebenden Systems Pferd (schlicht gesprochen, die „Maschine Pferd“) wissenschaftlich zu analysieren, zu bewerten und zu formen! Wer aber ausschließlich auf FÜHLEN setzt (dazu muss man allerdings wissen, was man fühlen sollte), der wird die Ausbildung der Pferde immer dem Zufall überlassen und dessen Ergebnisse werden immer mittelmäßig bleiben und nicht auf alle Pferde gleichermaßen anwendbar sein. 

Mit der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 und der vernichtenden Niederlage der preußischen Armee durch die Franzosen unter Napoleon[5] in deren Folge die Preußen alle ihre gut ausgebildeten Pferde an die Franzosen verloren, begann auch das Zeitalter der preußischen Stallmeister nach und nach ein Ende zu finden. Im Grunde waren sie dem Staatshaushalt (kurzsichtig denkend) zu teuer geworden. Von nun an begann man die Verantwortung für die Ausbildung der Pferde in die Hände der Schwadronchefs und deren Rittmeister zu legen, was einen, zunächst schleichenden, dann immer stärkeren Qualitätsverlust in der Ausbildung zur Folge hatte und die Tür für die Anglomanie in der Kavallerie immer weiter öffnete[6]. Etwa im Jahre 1848[7] schied nach Berechnungen von Otto Digeon von Monteton wohl der letzte Stallmeister Altersbedingt aus dem Dienst.

In den Folgejahren nahm der Pferdeverschleiß durch unzureichende Ausbildung zu. Zweckbedingt wurde der Galopp zur vermehrten Gangart der Kavallerie und übermäßig trainiert, was zu den hohen Pferdeverlusten beitrug. Die Pferde verschlissen an den Beinen, es kam zu Kieferbrüchen und weiteren körperlichen Schäden. Dieser Umstand veranlasste 1875 den Kavalleriegeneral von Schmidt zur Forderung wieder zu den altpreußischen Dressurmethoden zurückzukehren:

… die Pferde vornehmlich im Winter-Halbjahr, und sodann fortgesetzt während der Sommerübungen, nach den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden[8] in die ihrem Gebäude angemessene, richtige Haltung, Aufrichtung, Beizäumung und Versammlung gesetzt worden sind, dieselben sich nicht schwer auf die Zügel legen und nicht fest in der Hand ihrer Reiter, sondern in allen Theilen weich und nachgiebig sind, und ihre Hinterhand gebogen[9] und untergeschoben worden ist, damit dieselbe im Stande ist, vermöge ihrer Elastizität und Spannkraft das Gewicht und die Stöße elastisch aufzunehmen, und dadurch die Vorderfüße zu schonen und zu erleichtern. [10]

Leider verstarb dieser sehr einflussreiche General im Jahre 1875, so dass es ihm unmöglich wurde dieser Forderung in der Armee Nachdruck zu verleihen. Sehr zum Leidwesen der Pferde, welche immer mehr der „schneidigen“, sportlichen und weniger kavalleristischen, anglomanen Reiterei geopfert wurden. Diese fand in der Wehrmacht (die heute so hochgelobt wird) ihren traurigen militärisch-reiterlichen Höhepunkt und beeinflusste in der Folgezeit die heutige moderne Reiterei über die Skala der Ausbildung, deren Grundlagen (im Wesentlichen HDV 12 von 1912 und 1937) man, in völliger Selbstüberhöhung und völlig zu Unrecht als „unumstößlich“ und „klassisch“ bezeichnet.

Der letzte Stallmeister

Bevor ich von diesen großartigen preußischen Stallmeistern erfuhr, kam ich unabhängig von diesen –  genauso wissenschaftlich akribisch arbeitend – zu den gleichen Erkenntnissen und Vorgehensweisen bei der Ausbildung der Pferde. Ich formte die Pferde so wie diese Stallmeister es taten und dies sogar noch in der gleichen Reihenfolge der Bearbeitung. Dieser parallele und unabhängige Erkenntnisgewinn machte es mir, im Gegensatz zum Gros der „Reitmeister“ in der Folgezeit der Preußen, möglich, zu verstehen, wie die besten Pferdeausbilder in der Geschichte der Reiterei gearbeitet haben und ich konnte schließlich, als ich von ihnen erfuhr und mich noch tiefer auf ihre Arbeit einließ, weiter von ihnen lernen.

In deren Sinne weiterarbeitend darf ich mich wohl zu Recht, aber in aller Demut vor der Größe dieser Kunst und meiner preußischen Vordenker, auf deren Schultern ich stehen darf, als den wohl letzten Stallmeister und einen der wenigen „denkenden Reiter“[11] in der Geschichte der Reiterei bezeichnen. Dieses Privileg ist für mich verbunden mit der Verpflichtung, für die Pferde, jene wundervollen, treuen und tapferen Lebewesen einzutreten und deren Anwalt zu sein – auch gegen jede Befindlichkeit der Menschen!

In meiner LEHRE VOM GRALSWEG (Reitlehre) dokumentiere ich all die über viele Jahre, mit vielen (diffizilen) Pferden der verschiedensten Rassen – vom Zwerg-Pony bis zum Shire-Horse – gewonnene Erfahrung und die daraus wissenschaftlich erarbeiteten, umfangreichen Erkenntnisse. Dies tue ich, verbunden mit der Hoffnung, dass Menschen, die an der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Pferde interessiert sind, sich auf den GRALSWEG machen und in meinem Sinne und dem meiner genialen Vordenker – all jenen großartigen preußischen Stallmeistern – weiterarbeiten.

Vielleicht gibt es sie dann irgendwann wieder in größerer Zahl: die STALLMEISTER!


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie



[1] Friedrich II. oder Friedrich der Große, volkstümlich der „Alte Fritz“ genannt, war ab 1740 König in, ab 1772 König von Preußen. Er entstammte der Dynastie der Hohenzollern.

[2] Die Rittmeister wiederum waren dafür verantwortlich, die Ausbildungskonzepte der Stallmeister über die Ausbildung der Offiziere und Unteroffiziere in die Truppe zu tragen.

[3] Otto Digeon von Monteton | „Über die Reitkunst“ | 1877 | Nachdruck Olms-Verlag 1995 | Kommentar auf Seite 137

[4] Tierschutz ging in der preußischen Kavallerie vor Menschenschutz!

[5] Napoleon Bonaparte (1769 – 1821), als Kaiser Napoleon I, war ein französischer General. Aus korsischer Familie stammend, stieg Bonaparte während der Französischen Revolution in der Armee auf. Von 1804 bis 1814 und nochmal 1815 Kaiser der Franzosen.

[6] Die Kavallerieschule in Hannover war nie ein Hort guter Pferdeausbildung, sondern von Anbeginn (1866 – als Militärreitinstitut Hannover gegründet und 1920 in die Kavallerieschule Hannover umbenannt) der anglomanen, sportlichen schneidigen Reiterei (Jagdreiten, Geländereiten, Springen, Rennreiten …) zugetan.

[7] In diesem Jahr ging, laut Otto Digeon von Monteton, der wohl letzte Stallmeister in Ruhestand und in der preußischen Kavallerie wurde die Ausbildung direkt von den Rittmeistern (ohne vorherige Anleitung durch die Stallmeister) durchgeführt, was zu einem Qualitätsverlust in der Ausbildung führte.

[8] General von Schmidt spricht sich hier für die altpreußischen Dressurmethoden von vor 1806 und im Grunde noch etwa bis 1848 aus.

[9] Der Begriff „Biegen“ bedeutet: das Biegen in den Gelenken, Genick, Rücken und Hinterhand und geringgradig das seitliche Biegen, welches man neuzeitlich diese Begriff zuschreibt und damit den ursprünglichen Begriffsinhalt konterkariert.

[10] Kaehler | „Die preußische Reiterei von 1806 bis 1876 in ihrer inneren Entwicklung“ | 1879 | Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck Europäischer Geschichtsverlag 2015 | Seite 330f

[11] Dieser Ausdruck wurde von Max Ritter von Weyrother geprägt. „Denkende Reiter“ nach seiner Definition gab es in der Geschichte der Reiterei nur sehr wenige (welche uns durch ihre Werke bekannt wurden), gleichwohl sich so mancher gerne als solchen sehen möchte.

Aufrichtung – Die akademischen Meister

Aufrichtung – Die akademischen Meister

LEHRE VOM GRALSWEG – aus dem Kapitel „Wege und Irrwege der Aufrichtung“ – Teil 1

Betrachtet man die Kupferstiche/Holzschnitte alter Meister (siehe beispielsweise Pluvinel oder Riedinger), so findet man dort die Pferde hoch „aufgerichtet“. Dabei ist häufig erkennbar, dass meist nicht das Genick[1] der höchste Punkt war, sondern oft eine Stelle in Höhe zwischen dem 2. und 3. Halswirbel. Dieser Knick führt physikalisch-mechanisch zu einer Vorhandneigung, welche durch eine übermäßige Beugung der Hinterhand optisch kompensiert wurde, was natürlich eine sehr starke Kräftigung der Hinterhand bei den Pferden voraussetzte.

Diese Optik hatte zwei maßgebliche Gründe in der Vorgehensweise:

Zum einen, die fast grundsätzliche Nutzung der Kandare auch bereits in einem frühen Stadium der Ausbildung, wobei Anfangs die Kandare zusammen mit dem Cavesson[2] eingesetzt wurde. Durch den Kandaren-Einsatz nötige man die Pferde mehr oder weniger stark an oder sogar hinter die Senkrechte zu kommen, was u.a. auch diesen Knick zwischen dem 2 und 3 Halswirbel bewirkte.

Der zweite Grund liegt in der damaligen Form der Bearbeitung der Pferde. Durch Bodenpersonal-Unterstützung, welche mit Peitschen und Rute auf die Hinterhand der Pferde einwirkten, zwang man diese zu einer vermehrten, bis extremen Beugung der Hinterhand. Dies geschah auf kleinem Raum an einer Säule, um eine Säule herum oder zwischen zwei Pilaren. Diese Pferde wurden also von HINTEN nach VORN gearbeitet und nicht so, wie aufrichtungstechnisch korrekt und effizient nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG zunächst von VORNE nach HINTEN.

Diese starke Senkung der Hinterhand, bei der die HANKEN[3] entweder extrem durchgebeugt wurden oder auch mitunter – was auf Bildern erkennbar ist – im Hüftgelenkswinkel geöffnet blieben[4]  – die Hauptbeugung erfolgte dann auf dem schwächeren unteren Gelenken (Sprung- und Fesselgelenk), zwang man das Pferd, sich in einer Gegenbewegung vermehrt nach vorne zu strecken und Vorwärts-Aufwärts zu dehnen, um den Balanceverlust der durch die Beugung nach hinten erfolgte, auszugleichen. Diese Vorwärts-Aufwärts-Streckung begünstigte nach und nach die eigentliche und dann formtechnisch nahezu[5] korrekte Aufrichtung. Ein Abknicken im Übergang zwischen Hals- und Brustwirbelsäule entstand dadurch nicht. Hals und Rückenlinie wurden in einem Zug angehoben.

Nachteil solchermaßen gearbeiteter Pferde war das stark reduzierte Vorwärts in den Grundgangarten. Diese in der Hinterhand sehr kräftigen Pferde waren, durch die Art und Reihenfolge der Ausbildung, in der Regel nur noch in der Lage, die Schulformen der jeweiligen Grundgangarten gehen zu können. Dafür aber waren diese Pferde, bedingt durch die, in extreme Beugung erarbeitete Kraft in der Hinterhand, in der Lage große 2-Schlag-Galopp-Sprünge (z.B. Mezair, Carriere …), sowie Schulsprünge auszuführen.

Für die Kavallerie in der Zeiten eines Pluvinels, in der noch Ritter in voller Rüstung und mit Lanze in den Kampf zogen und für den „rechtsprechenden“ Lanzenkampf[6], machte eine solche Ausbildung noch Sinn, da die Pferde dabei eine große Last zu tragen hatten und der 2-Schlag-Galopp in Form der Carriere beim unmittelbaren Angriff zum Einsatz kam, was eine sprunggewaltige Hinterhand nötig machte. Dieser Sinn aber verlor sich in der modernen Kavallerie zu Zeiten Friedrichs des Großen und seines genialen Kavallerie-Generals von Seydlitz-Kurzbach.

Diese starke Hinterhand orientierte Formung der Pferde zog sich in die Reitbahnen der Akademischen Reitkunst zurück. Die Wege der akademische Reiterei und der (neuen, flexibleren und leichteren) Militärreiterei trennten sich.


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


Der Text auch als Podcast …


[1] Das Genick, das auch als obere Halswirbelsäule bezeichnet wird, besteht aus dem Hinterhauptbein, dem ersten Halswirbel (Atlas) und dem zweiten Halswirbel (Axis).

[2] Cavesson (auch Cavecon, Caveson) ist ein leichter Kappzaum.

[3] Die HANKEN nach der LEHRE VOM GRALSWEG sind definiert durch den Hüftgelenkswinkel, welcher aus dem Dreieck: Kreuzbein – Hüftgelenk – Knie besteht. Das Sprunggelenk, was häufig dazugezählt wird, weil dieses eine starke Bandverbindung mit dem Kniegelenk besitzt, ist nach der LEHRE VOM GRALSWEG nicht Bestandteil der Hanken und führt bei Berücksichtigung zu fehlerhaften Methoden und Bewertungen.

[4] Was damit keine Hankenbeugung nach Definition der LEHRE VOM GRALSWEG darstellt 

[5] Ausnahme ist der „falsche Knick“ auf der Höhe zwischen den 2. und 3. Halswirbel.

[6] Der Lanzenkampf wurde als TJOST bezeichnet. Dabei handelte es sich um eine Kampfform zwischen zwei Rittern in voller Rüstung. Das Wort Tjost hat seinen Ursprung im lateinischen „justa“, was so viel wie rechtmäßiger Kampf bedeutet. Im frühen Mittelalter wurden strittige Gerichtsfälle nicht selten in einem Zweikampf entschieden. Der Ritter forderte seinen Gegner über einen Mittelsmann zum tjostieren auf: Er beauftrage entweder einen Turnierherold, oder er schickte seinen Knappen.

Selbstbetrug Sperrriemen

Selbstbetrug Sperrriemen

Blättert man durch diverse Kataloge von Reitsportausstattern, dann kann man eine bedauerlichen Fakt erkennen: Kaum ein Kopfstück für die Bereiche Dressur, Springen, Vielseitigkeit … ist ohne Sperrriemen zu bekommen. Ja selbst im Galopprennsport halten Sperrriemen inzwischen Einzug.

Die Reitsportausstatter demonstrieren damit neben völliger Ignoranz, nur ihr Bestreben eine große Nachfrage zu bedienen. Eine Nachfrage, die sie inzwischen durch ihr breites Angebot – bei dem das Wohlbefinden des Pferdes keine Rolle zu spielen scheint – gezielt steuern.

Auch die Reiter und Ausbilder, die diesen Riemen nutzen und damit dem Pferd das Maul zuschnüren oder diesen bei „Problemen“ gerne empfehlen, lassen dadurch nur erkennen, dass ihnen schlichtweg Wissen fehlt. Wissen über die Physik und über die Psyche des Pferdes.

Wenn das Pferd jedoch versucht das Maul aufzusperren, so hat das irgendeinen Grund, den man finden und abstellen sollte – einfaches Zusperren des Maules ist Selbstbetrug

(Paalman Anthony – Springreiten – 1989)

Genau diese Worte des bekannten Springreiters und Parcours-Bauers Anthony Paalman, sollten allen Nutzern des Sperrriemens zu denken geben.

Pikant dabei ist, dass es auch ein experimentierfreudiger SPRINGREITER war, der den Pull(er)riemen des Worcester-Reithalfters missbrauchte, um dem Pferd das Maul zuzubinden, sehr zur Freude der damaligen Reiterschaft. Vermutlich hoffte er dabei, seine reiterliche Unfähigkeit zu kaschieren, denn im Gegensatz zu Paalman hatte dieser Mensch nichts vom Reiten verstanden.

Warum nun aber kommt jemand auf die Idee, dem Pferd das Maul zuzubinden?

Der Erfinder des Hannoverschen Sperrhalfters (wahrscheinlich der Herr von Oeynhausen) wollte dadurch möglicherweise  verhindern, dass die reiterlich wenig begabten Eleven der Kavallerieschule in Hannover den Pferden im Maul herumfuhrwerkten und diesen so Schaden zufügten. Ein durchaus, für die damalige Zeit, nachvollziehbarer Grund.

Aber warum dieses Zubinden des Pferdemauls durch die Nutzung des Sperrriemens noch steigern?

Na ja, sieht halt nicht schön aus, wenn das Pferd das Maul aufreißt, maulig ist, die Zunge ständig verdreht oder diese dabei sogar über das Gebiss bringt.

Dagegen „hilft“ Zubinden eben!

Die genannten Verhaltensmuster der Pferde sind aber keineswegs von Natur gegeben und dem Pferd anzulasten. Über 95% der Ursachen kann man getrost beim Reiter und dessen harter und unruhiger Hand, aufgrund eines wenig losgelassenen Sitzes und falscher Lehren suchen. Dies allerdings mag man sich nicht allzu gerne eingestehen. Lieber kaschiert man optisch.

So eine FALSCHE LEHRE und neuzeitlicher Unsinn ist die propagierte und bis in extremen Bewegungen von Reitern aller Klassen demonstrierte MITGEHENDE HAND.

Einige Pferde ertragen diese Tortur, indem sie mit der Zunge das Mundstück gegen den Gaumen drücken und so den ständigen Bewegungen des Mundstücks entgegenwirken können.

Viele andere Pferde aber drücken dies durch eine (ungute) Verstärkung der Maultätigkeit (z.B. „Kampfkauen“ …) als ÜBERSPRUNGSREAKTION aus. Manch pferdefreundliches menschliches Wesen sieht darin die Ablehnung der Trense! Mitnichten! ES IST DIE ABLEHNUNG EINER UNRUHIGEN REITERHAND!

Nebenbei bemerkt: Wer von ANLEHNUNG spricht sollte NIEMALS eine mitgehende Hand haben! Denn beides widerspricht sich!

Die Hand des Reiters sollte (bis auf kleine Korrekturen) stets STILLSTEHEN, sie sollte WEICH (runde Hand) und SCHNELL (bei Korrekturen) sein.

Die Reiterhand ist nicht zum (direkten) Lenken des Pferdes da!

Durch den Sperrriemen (für den es KEINE korrekte Verschnallung gibt!) wird auch die Aktivität des ZUNGENBEINS stark behindert. Das ist übel!

Noch übler aber ist es, dass der Sperrriemen verhindert, dass das Pferd sich selbst – von leichteren Blockaden des Zungenbeins – durch Verdrehen der Zunge befreien kann.

Der SPERRRIEMEN IST URSACHE UND LÖSUNGSVERHINDERER gleichzeitig.

Bitte ÜBERDENKT DIE NUTZUNG DES SPERRRIEMENS! Glaubt nicht an Ausbilder oder wohlmeinende „Bandenprofis“, die diesen bei einem „Problem“ empfehlen, denn es gibt IMMER EINE BESSERE UND PFERDEFREUNDLICHERE LÖSUNG! Korrektes, pferdefreundliches Reiten kennt keinen Sperrriemen!

Text wurde bereits vor ein paar Jahren vom Autor veröffentlicht ist aber aktueller den je!


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


Der Text auch als Podcast (einfach auf den Abspiel-Button drücken) …


Aufrichtung Ausbildung Bequemlichkeit Cowboy Denkender Reiter Dressur Emotion Erfahrung Freude Friedrich der Große Fühlen Galopp Geduld General von Seydlitz-Kurzbach Gesundheit Gustav Steinbrecht Hippologie Kavallerie Kavalleriepferd Korrektur Können Lehre vom Gralsweg Literatur Meister Natürliches Pferd Otto Digeon von Monteton Pferd Preußen Reiten Reiter Reitkunst Reitpferd Richard Vizethum Rücken Sitz Sitz des Reiters Sperrriemen Stallmeister Tierarzt Trab Umformen Umformung Vorwärts-Abwärts Wissen Wissenschaft

Die Arbeit mit diffizilen Pferden

Die Arbeit mit diffizilen Pferden

Unter DIFFIZILEN PFERDEN werden Pferde mit körperlichen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten verstanden.

Die Arbeit mit diesen Pferden stellt diejenigen, die diese Arbeit tun, stets vor besondere Herausforderungen. Gleichzeitig ist es aber für einen Reiter der einzige Weg, zu umfassendem Wissen und einen enorm großen Erfahrungsschatz in allen Bereichen rund ums Pferd zu gelangen, um zu dem werden zu können, was in der Vergangenheit die STALLMEISTER waren, jene, mitunter im Professoren-Rang stehende Elite der Hippologen – primär in Preußen zu Zeiten Friedrichs des Großen und danach noch etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts eben dort.

„Reitmeister“, die sich nur mit guten Produkten aus der Zucht beschäftigen und deren oft in der Öffentlichkeit vorgestellten „Problempferde“ für einen wahren STALLMEISTER keine echte Herausforderung darstellen, werden nie wirklich zum Gipfel dieses Wissens und dieser Erfahrungen aufsteigen.

Die Arbeit mit diffizilen Pferden scheidet auch den Charakter der Menschen. Viele die sich daran versuchen, gelangen schnell an einen Punkt, an dem Gewalt ein probates Mittel der Problemlösung wird und nur sehr, sehr wenige erreichen jenes Stadium wahrhaftiger Meisterschaft, selbst schwierigste Probleme in tiefer Liebe und Zuneigung zu diesen wundervollen Tieren, gerecht und mit schier unendlicher Geduld[1], nachhaltig zu lösen.

Die gekonnte Arbeit mit diffizilen Pferden erscheint einem Außenstehenden und häufig an Spektakuläres und Verkünsteltes gewöhnten, eher als langweilig und wenig interessant. Ob bei körperlichen Problemen oder Verhaltensauffälligkeiten, stets ist diese Arbeit von ständigem Wiederholungen immer gleicher Schulen und Übungen, in immer gleicher Art und Weise geprägt. Es ist eine Millimeterarbeit, bei der ein immer höherer Grad der Präzision angestrebt wird und die dazu beiträgt, dass das Pferd sich körperlich und geistig nachhaltig immer sicherer fühlt, gesünder und leistungsbereiter wird.

Die Arbeit mit diffizilen Pferden ist die wahre REITKUNST und nur wer diese in liebevoll, dem Pferd zugewandten Art beherrscht, kommt nicht nur an die Fähigkeiten eines STALLMEISTERS heran, sondern ist der wahre Künstler in der Reiterei. 

Die letzten Jahrzehnte haben mich, durch die anspruchsvolle Arbeit mit vielen diffizilen Pferden, in aller Demut gesprochen, zu einem jener STALLMEISTER vergangener Zeiten werden lassen, die Max Ritter von Weyrother als DENKENDE REITER bezeichnete, von denen es in der Geschichte der Reiterei nur sehr, sehr wenige gab – gleichwohl sich viele gerne mit diesem Titel schmücken mögen. Trotz all meines großen Wissens und meiner umfangreichen Erfahrungen lerne ich noch jeden Tag hinzu, nicht aus Büchern, sondern von jenen Pferden die nicht perfekt sind, aber es verdient haben, eine Chance zu bekommen.

ICH GEBE NIE EIN PFERD AUF!

Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Wenn hier von GEDULD gesprochen wird, dann bedeutet dies nicht „alle Zeit der Welt“, denn solche hat ein STALLMEISTER in der Regel nicht. Von ihm wird erwartet, die Probleme in möglichst kurzer Zeit zu lösen. Ein Pferdebesitzer kann Jahre damit verbringen, herumexperimentierend, ein Problem zu lösen. Ein wahrer STALLMEISTER hat dazu oft nur wenige Korrektureinheiten zur Verfügung, bevor ihm die, ach so – nach eigenem Bekunden – geduldigen Reiter/innen wieder das Mandat entziehen.

Die Pferdetexte des Kikkuli

Ausbildungsanleitungen für Pferde entstanden bereits im 2. Jahrtausend v.Chr. infolge der hohen Nachfrage nach vielseitig ausgebildeten und trainierten Pferden. Die hethitischen hippologischen Schrift des Mitanni[1]-Hurriters Kikkuli aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. berichten über eine 184-tägige Ausbildung junger Pferde für den Dienst am Streitwagen; darin sind neben Futterzeiten und Pflegeanleitungen für jeden Tag genaue Lauf- und Trainingsübungen mit Gangarten und Streckenmaß verzeichnet.

Kikkuli selbst bezeichnete sich als aššuššanni (a-aš-šu-uš-ša-an-ni) „Pferdetrainer“.

Richard Vizethum | Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Mitanni (Mitaniland, Chanigalbat) Reich der Hurriter im nördlichen Mesopotamien. Mitanni lag östlich vom Reich der Chatti (Hethiter), gegen deren Machtstreben es sich wehren musste.