Künstliche Intelligenz versus wahre Hippologie: Die Grenzen der digitalen Reitlehre

Künstliche Intelligenz versus wahre Hippologie: Die Grenzen der digitalen Reitlehre

KI-Illustration zum Konflikt zwischen digitaler Statistik und reiterlicher Wahrheit, Schule der Hippologie

Autor: Richard Vizethum – letzter Stallmeister – Schule der Hippologie

Wer hofft, Künstliche Intelligenz könne das reiterliche Denken ersetzen, verkennt ihr Wesen: Die KI berechnet statistische Mehrheiten, keine physikalischen Wahrheiten. Sie verspricht Wissen, liefert aber nur den Hochleistungs-Spiegel unserer eigenen digitalen Dekadenz. Zur reiterlichen Wahrhaftigkeit bei der Ausbildung von Pferd und Reiter führt kein Algorithmus, sondern nur die Rückbesinnung auf die unbequeme Physik und die Strenge der Logik – Instanzen, die im digitalen Rauschen der Masse längst untergegangen sind.

KI-Modelle (wie LLMs[1]) sind im Kern statistische Vorhersagemaschinen. Sie berechnen das wahrscheinlichste nächste Wort basierend auf ihren Trainingsdaten. Wenn bestimmte Informationen – egal ob wahr oder falsch – massenhaft vorkommen, bilden sie Gravitationszentren auf die die KI zunächst zugreift, da diese Informationen für sie die höchste Wahrscheinlichkeit besitzen, richtig zu sein.

Die KI weiß nicht, was wahr ist;
sie weiß nur, was üblich ist
.

Die Gefahr der Verstärkung (Feedback-Loop)

Wenn eine KI eine falsche Information mit hoher sprachlicher Überzeugungskraft ausgibt, neigen wir Menschen dazu, diese zu glauben und was noch viel schlimmer ist, weiterzuverbreiten. Heute werden immer mehr Inhalte von KIs generiert und von denkfaulen Menschen geschäftstüchtig in Büchern oder digital über das Netz kommuniziert.

Die Folge: Zukünftige KI-Generationen werden damit auf den (potenziell fehlerhaften) Outputs ihrer Vorgänger trainiert.

Das führt dazu, dass sich Fehler verfestigen und die Vielfalt der Informationen abnimmt, während die „falschen Gravitationszentren“ immer massiver und dominanter werden. Es entsteht ein hochgradiges Risiko der Wissensverzerrung oder drastischer ausgedrückt: die KI verblödet!

Erfahrung und tiefes, fundiertes Wissen sind individuell und meist nicht „maschinengängig“. Die KI glättet diese individuellen Spitzen weg, um den Durchschnitt abzubilden. Wenn die KI auf einem fehlerhaften, aber hoch-zitierten Konsens trainiert wird, „halluziniert“ sie faktisch im Einklang mit dem Informations-Mainstream. Das ist schwerer zu erkennen als offensichtlicher Unsinn.

Wir bewegen uns also auf eine Welt zu, in der „Konsens“ technisch mit „Wahrheit“ gleichgesetzt und verstanden wird.

Dies ist fatal für den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt, der historisch fast immer durch das Hinterfragen der herrschenden Meinung entstanden ist.

Besonders deutlich sichtbar wir dies bei reiterlichen Themen

Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten die preußischen Stallmeister Pferde nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu Höchstleistungspferden aus. In einer Zeit, in der das Pferd in Grenzsituationen ein Überlebensgarant sein musste, erreichten sie eine Qualität der Ausbildung, die weder vorher noch danach jemals wieder erzielt wurde. Sie formten Pferde, die Leistungen erbringen und Belastungen standhalten konnten – ohne dabei Schaden an Leib und Seele zu nehmen – die in der heutigen Zeit undenkbar wären.

Nach 1806 wandelte sich die Kavallerie-Doktrin unter dem Druck modernerer Waffen mit größerer Reichweite und optimierter Infanterietaktik grundlegend. Der Galopp bekam zu Lasten einer hohen Beweglichkeit der Pferde mehr Gewicht.

Da die Arbeit der alten Stallmeister für die jungen, „schneidigen“ Reiter eher als langweilig und unnötig empfunden wurde, konnte sich die pferdeverschleißende anglomane Reiterei die sich über Höher-Schneller-Weiter definiert, verstärkt durchsetzen. Eine Reiterei, welche kaum Wert auf die Durchbildung der Pferde legte und mehr nach dem Credo verfuhr: „Das Gelände wird es schon richten!“. Federico Caprilli (1868-1907) pervertierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts dieses Reiten durch die sogenannte „natürliche Methode“ publikumswirksam weiter.

Die neuzeitliche, „moderne“ Reiterei – auch wenn dem oft widersprochen wird, schließlich wäre man ja unumstößlich klassisch – wuchs in dieser Tradition mangelhafter Pferdeausbildung auf und schaffte es sogar noch, dass bereits niedrige Qualitätsniveau weiter abzusenken – mitunter unter dem Etikett der Pferdefreundlichkeit – aber immer zu Lasten der Pferde.

Was hat dies nun aber mit der KI zu tun?

Doch genau dieses Wissen der preußischen Stallmeister beispielsweise – eine Synthese aus unerbittlicher Logik und physikalischer Notwendigkeit – ist es, das heute in den digitalen Datenströmen der KI als ‚Rauschen‘ verschwindet.

Wenn wir eine Künstliche Intelligenz nach der Ausbildung eines Pferdes befragen, füttert sie uns nicht mit der Weisheit eines Seydlitz, Seidlers oder Seegers, sondern mit dem statistischen Mittelwert der letzten 150 Jahre reiterlicher Dekadenz. Die KI glättet die anspruchsvolle, pferdeschonende Brillanz der alten Schule weg und ersetzt sie durch das populäre, aber pferdeverschleißende Narrativ der anglomanen Reiterei. Sie spiegelt uns die Masse, nicht die Meisterschaft.

Die Gravitationszentren, auf denen die KI zugreift, wodurch wahre Hipppologie als Rauschen verschwindet.

Wie weit diese ‚digitale Wahrheit‘ von der physikalischen Realität entfernt ist, lässt sich an einem einfachen Beispiel demonstrieren:
dem Galopp.

Nehmen wir an, ein motivierter Reitschüler möchte sich fortbilden und stellt der KI eine völlig unbefangene Frage:

Reitschüler:

Ich lerne gerade den versammelten Galopp. Mein Reitlehrer sagt, das Pferd muss dabei immer im Dreitakt springen. Stimmt das, oder gibt es Ausnahmen?

Künstliche Intelligenz:
(mit einer typischen „Statistik-Antwort“ eines gängigen KI-Modells)

Ja, dein Reitlehrer hat absolut recht. Der Dreitakt ist das unverzichtbare Merkmal eines korrekten Galopps. In der klassischen Ausbildung (z. B. nach der Skala der Ausbildung) gilt der Vierschlag im Galopp als schwerer Taktfehler. Er entsteht meistens, wenn das Pferd die Hinterhand nicht genug beugt oder auf die Vorhand fällt. Achte also darauf, dass der Sprung immer klar im Dreitakt bleibt, um die Reinheit der Gangart zu bewahren.

So, und nun die Analyse zur KI-Antwort

Hier sehen wir das Versagen der KI in seiner reinsten Form. Sie antwortet höflich, „klassisch“ klingend aber völlig falsch, weil sie lediglich das wiedergibt, was in 99,0 % der modernen verfügbaren Online-Quellen steht.

Die KI behauptet, der Vierschlag entstehe durch mangelndes Beugen der Hanken.

Die Physik sagt das Gegenteil: Je tiefer das Pferd sich in den Hanken beugt (wie im echten Schulgalopp), desto zeitlich früher setzt das Hinterbein des Diagonalsprungs vor dem diagonalen Vorderbein auf. Die Diagonale wird also gebrochen. Der Vierschlag ist hier die Folge höchster Lastaufnahme, kein Fehler.

Der Schüler glaubt nun der KI (und dem Lehrer), weil beide dasselbe „Gravitationszentrum“ der Information nutzen. Er wird nun versuchen, den Dreitakt mit Gewalt zu „halten“, was das Pferd daran hindert, sich wirklich zu setzen. Die KI wird so zum Komplizen einer Ausbildung, die das Pferd mechanisch überfordert, statt es zu gymnastizieren und das wirkliche Ziel nicht erreichen lässt.

Da weder der Mensch (Schüler und Reitlehrer) noch die KI den Galopp als eine Aneinanderreihung von Sprüngen begreifen (die wahre Bedeutung), beharren sie darauf, dass die Definition eines Galopps ein Dreischlag sein muss und disqualifizieren einen Vierschlag als Taktfehler.

Fazit:
Der unwissende Mensch fragt – und die KI liefert ihm die „autorisierte“ Unwahrheit der Masse. Die reiterliche Dekadenz hat sich digital automatisiert.

Kleine boshafte Anmerkungen am Rande

Im Rennsport oder im Gelände wird der Vierschlag bei maximalem Tempo fast universell als physikalische Notwendigkeit akzeptiert. Niemand würde ein Rennpferd als „taktunrein“ bezeichnen, weil es sich so weit streckt, dass die diagonale Synchronisation (Hinterbein/Vorderbein) mechanisch nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Hier darf plötzlich die Physik über das Dogma (Dreischlag) siegen. Doch sobald wir uns aber in das Viereck der „klassischen“ Dressur begeben, wird derselbe physikalische Vorgang – die Auflösung der Diagonale – beim Schulgalopp zum „Sündenfall“ erklärt. Reiterliche Heuchelei und Doppelmoral!

Die KI wiederum „weiß“ natürlich nicht, dass beide Vierschläge Geschwister derselben physikalischen Logik sind.

Der aufmerksame Leser könnte schon jetzt erkennen, das die gängige Definition des Galopps: „Der Dreitakt ist das unverzichtbare Merkmal eines korrekten Galopps“ nicht mehr haltbar ist und dabei haben wir noch gar nicht von terre á terre, Mezair oder Carriére gesprochen, welche ebenfalls zu den Galoppformen zählen, aber Zweischlaggalopps sind.

Merksatz:
Ein Galopp ist eine Aneinanderreihung von Sprüngen. Schritt und Trab sind Aneinanderreihungen von Schritten!

Der sogenannte Rückwärtsgalopp wiederum ist weder ein Galopp, noch Schritt oder Trab, da er aus einer Kombination von Schritten und Sprüngen besteht – das nur am Rande.

Das Duell: Digitale Statistik vs. Physikalische Realität

Was passiert nun, wenn wir die „Glaubenssätze“ der modernen Reiterwelt (die das Futter für jede KI bilden) gegen die unbestechlichen Gesetze der Natur und die Lehren der alten Stallmeister stellen? Ein Offenbarungseid in drei Akten.

ThemaDie KI-Antwort
(Statistisches Gravitationszentrum)
Die Antwort der
Hippologie[2]
(Logik & Physik)
Der Galopp-TaktGalopp ist ein reiner Dreitakt. Ein Vierschlag ist ein Taktfehler durch mangelnde Kraft oder Losgelassenheit.Galopp ist eine Sprungfolge. Im Schulgalopp führt maximale Lastaufnahme zum Vierschlag (früheres Fußen des inneren Hinterbeins). Physik schlägt Dogma.
Die AusbildungDie Skala der Ausbildung garantiert Pferdefreundlichkeit und Harmonie durch schrittweisen Aufbau.Die heutige Reiterei ist eine Dekadenzform der anglomanen Schule. Echte Qualität (Preußen 1750–1850) diente der Überlebensfähigkeit, nicht der Optik. Der vermeintlich schrittweise Aufbau der Skala ist beliebig interpretierbar.
BiomechanikEin moderner Fachbegriff für gesundes Reiten und anatomisch korrekte Bewegungsabläufe.Ein hohler Modebegriff. Es gibt nur die universelle Physik. Wer die Mechanik nicht versteht, missbraucht das Pferd unter dem Etikett der Wellness.
Die AutoritätMeister wie Podhajsky haben die klassische Lehre für die Neuzeit bewahrt und standardisiert.Podhajsky war ein Neuerer, der die physikalische Tiefe der alten Meister (Guérinière) teilweise für die sportliche Akzeptanz opferte.

Wer also heute eine KI befragt, wird mit einer extrem hohen Wahrscheinlichkeit die linke Spalte als „Wahrheit“ präsentiert bekommen. Warum? Weil die KI kein Bewusstsein für Ursache und Wirkung hat. Sie zählt lediglich Stimmen. Da Millionen von Webseiten, Foren und Verbandsrichtlinien das linke Narrativ wiederholen, wird es zum digitalen Gravitationszentrum.

Die KI „glaubt“ der Masse, nicht der Materie.

Was wäre es schön, wenn die KI zum Anker der Vernunft werden könnte

Eine wahrhaft „intelligente“ KI dürfte nicht länger ein statistischer Papagei unserer digitalen Dekadenz sein. Sie müsste auf dem unerschütterlichen Fundament der Physik und der kausalen Logik neu erschaffen werden.

Stellen wir uns doch einmal eine KI vor, die nicht Texte liest, sondern in der Lage ist, die Natur zu simulieren: Ein System, das jedes Gelenk, jeden Hebel und jeden Kraftvektor des Pferdekörpers in Echtzeit berechnet. Eine solche KI würde beispielsweise die Lehren der alten preußischen Stallmeister nicht einfach nur „zitieren“ – sie würde sie eigenständig herleiten, weil diese Lehren die einzig logische Antwort auf die Gesetze der Schwerkraft und der Mechanik sind.

Die KI könnte zum unbestechlichen Berater werden, denn sie würde das absolute Wissen über die physikalische Korrektheit besitzen. Sie würde das „Weltbildchen“ des Reiters entlarven und die Hybris der Moderne korrigieren, indem sie nachweist, warum zum Beispiel der Vierschlag im Schulgalopp keine Fehlleistung, sondern eine physikalische Notwendigkeit ist. Sie könnte es uns sogar ermöglichen, Ausbildungsschritte vorab zu simulieren und deren Folgen  und die Folgen unseres Handelns prüfen, bevor wir sie dem lebenden Tier auferlegen.

Doch auch diese ideale KI bleibt unvollständig. Sie liefert die präzisen wissenschaftlichen Leitplanken, aber sie besitzt nicht die reiterliche Erfahrung, die Intuition und die Sensibilität eines echten Stallmeisters. Sie kann die Physik erklären, aber nicht das „Gefühl“ der feinen Hilfe ersetzen.

Der entscheidende Beitrag einer solchen KI wäre die radikale Eliminierung von falschem Wissen. In einer Welt, in der die Physik das letzte Wort hat, verlieren ideologische Narrative und „anglomanische“ Modeerscheinungen ihre Gravitation. Die KI würde (provokant formuliert) zum Filter, der den Müll der 99 % aussondert, damit die 1 % der Vernünftigen wieder eine Basis haben, auf der wahre Reitkunst gedeihen kann.

Nicht die KI soll für uns reiten – aber sie soll uns davor bewahren, unsere Ignoranz als „klassisch“ zu etikettieren.

Wahre Reitkunst beginnt dort, wo wir aufhören, das Pferd in unsere Konzepte zu pressen, und stattdessen die Unabänderlichkeit der Naturgesetze als oberstes Gebot anerkennen.


[1] LLM-Modelle (Large Language Models) sind KI-Systeme, die auf riesigen Datenmengen trainiert wurden, um menschliche Sprache zu verstehen, Texte zu generieren, Übersetzungen zu erstellen und Fragen zu beantworten. Sie basieren auf Transformer-Architekturen, die Zusammenhänge in Texten erkennen und das nächste wahrscheinliche Wort vorhersagen. Führende Modelle sind GPT-4o, Claude 3.5 Sonnet, Gemini 1.5 Pro und Llama.

[2] Schule der Hippologie


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Der Weg zur Reitkunst – Reitkunst ist der Weg

Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Der letzte Stallmeister | Denkender Reiter

Kann man die „Reitmeister“ der Vergangenheit eigentlich unter dem „gleichen“ Begriff der REITKUNST subsummieren?

Um diese Frage zu beantworten bedarf es einer klaren Definition dessen, was man unter REITKUNST verstehen kann. Würde man heute diese Frage in einer Runde stellen, dann würde die einhellige Meinung vorherrschen, dass REITKUNST sich in jenen überzeichnenden Pferdebewegungen, Piaffen, Passagen, … oder sogar SCHULEN über der Erde ausdrückt. Doch dieses sind lediglich die Produkte einer KUNST.

Der Mensch bequem („Alles was lebt ist faul!“) versucht nun, solcherlei  Produkte zu erschaffen, ohne dabei die KUNST, die zu ihnen hinführt wirklich zu verstehen. Diese KUNST wahrhaftig zu beherrschen und vor allem weiterzuentwickeln war und ist nur sehr wenigen Menschen – den wahrhaft DENKENDEN REITERN – vorbehalten.

REITKUNST ist die körperliche und geistige Formung (UMFORMUNG) eines Lebewesens. REITKUNST bevorzugt oder benachteiligt dabei keine Rassen und Charaktere. REITKUNST schreckt auch nicht vor körperlichen Unzulänglichkeiten der zu formenden „Masse“ zurück. REITKUNST ist bestrebt, jedes „Ausgangsmaterial“ zur Vollkommenheit zu bringen. Einer Vollkommenheit, die nicht eitlem Selbstzweck dient, sondern darauf abzielt, dass es dem Pferd jene Form gibt, in der es sich optimal und energiesparend bei allen noch so hohen Leitungsanforderungen bewegen und dabei ein möglichst langes Pferdeleben lang gesund bleiben kann. 

Diese Begriffsdefinition von REITKUNST stellt den Kulminationspunkt seiner begrifflichen Entwicklung dar. Die LEHRE VOM GRALSWEG wiederum den Kulminationspunkt der Wegbeschreibung dieser KUNST.

Die Völker, welche Pferde zum ersten Mal zu Reitzwecken nutzten, machten sich noch keine Gedanken über die REITKUNST, deren Kunst war es, oben zu bleiben. Das hat sich allerdings bis in die heutige Zeit hinein gehalten. Mit zunehmender Nutzung der Pferde als Reittiere und einem höheren Domestizierungsgrad begannen sich einzelnen Menschen etwas mehr Gedanken über die Pferde und deren Ausbildung zu machen. Xenophon (430 v.Chr. – 354 v.Chr.) sei hier exemplarisch erwähnt, obwohl es sicherlich vor ihm auch schon Reiter gab, die sehr langsam begannen an dem zu entwickeln, was man nun durchaus mit der Überschrift REITKUNST versehen kann. Zu Xenophon sei angemerkt, dass er in der „Pferdeliebe“, die man ihm heute nachsagt, völlig überschätzt. Aber gegenüber den, nur draufspringenden und lospreschenden „Reitern“, denen ein Pferd im Falle seiner Vernichtung immer noch als Nahrungsmittel dienen konnte, war dies schon ein erster guter Entwicklungsschritt.

Der Italiener Grisone (1507 – 1570), dem man nachsagt Xenophon in der ersten lateinische Übersetzung von Camerarius aus dem Jahr 1537 gelesen zu haben, versuchte hier weiterzuentwickeln. Die Methoden, welche man als experimentell bezeichnen muss, waren sicherlich zum Teil extrem brutal (man kennt vielleicht das Bild von Grisone, wo er ein Pferd in extremer Rollkur reitet – als Beispiel), aber man wußte es einfach noch nicht besser und tastete sich vor.

Die christliche Glaubenslehre, die den Menschen über alle anderen Lebewesen stellt,  trug sicherlich auch dazu bei, dass man nicht zwingend bestrebt war, immer gleich zu versuchen das feinste Mittel zu finden. Auch waren die Pferde – auch wegen der rüden Behandlungen, der Aufstallungen etc. – sicherlich nicht immer ganz ungefährlich. 

Salomon de Broue (1530 – 1610) ein Schüler von Giovanni Pignatelli (1540 – 1600), der wiederum ein Schüler von Grisone war, versuchte nun an vielen Stellen bereits die eine oder andere „feinere“ Methodik, hing aber immer noch der neapolitanischen Gewaltschule an und brachte diese nach Frankreich.

Die REITKUNST entwickelte sich und die Brutalitäten in Methoden und Handeln wurden weniger. Namen wie Antoine de Pluvinel (1552 – 1620), William Cavendish, der 1. Herzog von Newcastle (1592 – 1676) und schließlich François Robichon de la Guérinière (1688 – 1751) trugen hier, die REITKUNST entwickelnd, viel dazu bei. Man hatte inzwischen einfach schon deutlich mehr Wissen (Wo Wissen fehlt – regiert die Gewalt).

Eine weitere, zunächst letzte, aber umso mächtigere Entwicklung, erfuhr die REITKUNST, hin zu einer immer feineren, effizienteren Form, durch die preußischen Stallmeister zur Zeit Friedrichs des Großen und darüber hinaus noch bis etwas zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Stallmeister, zum Teil im Range von Professoren, welche Hippologie an Universitäten lehrten, gingen die Pferdeausbildung höchst wissenschaftlich an. Nie vorher in der Geschichte wußte man mehr über Pferde, deren Verhalten und einer feinen und hochqualifizierten Pferdeausbildung wie bei den alten Preußen des 18. und auslaufend bis Mitte 19. Jahrhundert.

Dennoch hatten auch diese Stallmeister den GRALSWEG noch nicht vollständig beschritten. Es gab noch etwas, wenn auch nur sehr wenig, Entwicklungspotenzial zu noch mehr Feinheit.

Jedoch gab es ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine schwerwiegende Zäsur. Jene schon zu Zeiten des Herzogs von Newcastle und wahrscheinlich schon davor sehr beliebte und von England ausgehende, Jagdreiterei, fand immer mehr Anklang auf dem Kontinent. Ein Grund für die nahezu schlagartige Verbreitung, welche Jagd- und damit auch die Sport- und Geländereiterei, ab Mitte des 19. Jahrhunderts fanden, darf auch auf Veränderungen im Verwendungszweck der Kavallerie zurückgeführt werden.

Für diese, auf Grund ihres Ursprungs, als ANGLOMANE REITEREI (Englisch Reiten) bezeichnete Form des Reitens, zählte ein Pferdeleben nicht besonders viel. Mit ihr kehrte man wieder in eine Zeit der Naturreiterei zurück, für welche REITKUNST keine Rolle spielte und die Kunst der Ausübenden eben lediglich darin bestand im Sattel zu bleiben. Genau diese Reiterei haben wir auch heute noch. Die Dressurreiter (beispielsweise) heutiger Zeit haben von REITKUNST nicht die geringste Ahnung, sie lernen oben zu bleiben und ihre Pferden müssen die Lektionen „auswendig“ lernen – mehr ist da nicht, von Springreitern will ich gar nicht erst reden!

Die ANGLOMANE REITEREI, für die Pferdeleben und -gesundheit nichts zählt, hat auch jeden Feinheitsgrad wieder verdrängt und Rohheit und Brutalität den Pferden gegenüber Tür und Tor geöffnet.  

Alle sogenannten Reitmeister der Neuzeit sind nur Nachahmer, die nichts zur Entwicklung der REITKUNST beizutragen haben. Deren Verdienst aber liegt darin, dass sie zumindest versuchen etwas von dem Wissen der Vergangenheit gegen einen Tsunami der Inkompetenz und Gedankenlosigkeit zu stellen, was man hoch anrechnen muss.

Die REITKUNST und ihre wenigen (wissenschaftlichen) Entwickler, kann man durchaus unter einem Begriff subsummieren, denn REITKUNST musste sich entwickeln. Dabei immer aufbauend auf dem Wissen der Vergangenheit (und sei dieses vielleicht auch noch so brutal gewesen).

Meine LEHRE VOM GRALSWEG stellt zwar den Kulminationspunkt dieser Entwicklung dar, aber steht auf den Schultern all jener, wenigen (NACH)DENKENDEN REITER der Vergangenheit, welche zur Entwicklung einer der großartigsten Künste beigetragen haben: DER REITKUNST.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter


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Der (Nach)denkende Reiter

Den Begriff des DENKENDEN REITERS prägte einst einer der vortrefflichsten Oberbereiter der Hofreitschule zu Wien, Max Ritter von Weyrother (1783-1833). Auch wenn viele Pferdemenschen diese Betitelung für sich in Anspruch nehmen und sich gerne als einen solch „denkenden Reiter“ sehen wollen, so sind es in der Geschichte der Reiterei in Wahrheit nur sehr, sehr wenige, denen dieser Titel zustehen würde. Es ist jener kleine Kreis von STALLMEISTERN, die die Reiterei wahrhaftig voran gebracht haben.

Da des Denkens durchaus viele Menschen fähig sind, diese Fähigkeit aber nicht annähernd die geistige Leistung eines DENKENDEN REITERS, nach meinem Verständnis erreicht, und die Seltenheit derselben zum Ausdruck bringt, werde ich im Folgenden anstelle der Begrifflichkeit DENKENDER REITER den zutreffenderen Begriff des (NACH)DENKENDEN REITERS gebrauchen.

DENKEN ist das HANDWERK – NACHDENKEN die KUNST!

Der (NACH)DENKENDE REITER, von wahrer Leidenschaft beseelt, macht sich SEINE Gedanken und lebt nicht nur von den Gedanken und Wissensbruchstücken Anderer, gleichwohl er diese auch weiter- und überdenkend nutzen wird.

Das Wissen des (NACH)DENKENDEN REITERS basiert auf den Gedanken und den Kenntnissen anderer (NACH)DENKENDER REITER vor ihm. Darüber hinaus  nutzt er seine, durch große Erfahrung entwickelten Fähigkeiten zur genauen Beobachtung und sein ausgeprägtes Gespür für Zusammenhänge, um zum Kern von Problemen zu dringen und passende Lösungen zu erarbeiten. Er beschäftigt sich dabei forschend mit der ganze Band-breite der  Wissenschaften.

Er bleibt, in dem Wissen, dass Lernen niemals endet, nie stehen und geht seinen Weg, auch wenn dieser oft voller Hindernisse und Widerstände ist. Das alles nur, um die REITKUNST – vor allem zum Wohle der Pferde – stetig weiterzuentwickeln und diese in immer feinere, effizientere Sphären zu heben.

Wie bedauernswürdig sind nicht Lehrbegierige, die in einer Gegend wohnen, wo die Wissenschaften fremd, die Kenntnisse dunkel, die Genies matt sind, wo der Eifer zur Gelehrtheit schläft und unemfindlich ist, und wo mit einem Wort, alle glückliche Neigungen zu schönen Künsten und Wissenschaften, unter der Decke der Unwissenheit ersticken müssen! [1]

(Freiherr von Sind – 1786)

(NACH)DENKENDE REITER haben es in Zeiten einer allgemeinen Verdummung, grassierender Ignoranz und selbstüberschätzender Anmaßung schwer, ihr Wissen zu transportieren, sind ihre Botschaften doch oft keine leichte Kost und stören so manches eingeschränkte und liebgewonnene reiterliche aber auch gesellschaftliche Weltbild. 

Doch ein wahrhaft Lernbegieriger wird sich dankbar und demütig zeigen, sollte er das außergewöhnliche Glück haben, von einem (NACH)DENKENDEN REITER lernen zu dürfen. Er wird dessen Wissen aufsaugen, um sich selbst mit wachem Geiste auf jenen schweren, steinigen und dornenreichen Weg zum GRAL zu machen. Einem Weg, der sein Leben fast zur Gänze ausfüllen wird. Einen Weg, der seine ganze Leidenschaft und Hingabe erfordert. Einen Weg, der ihn, so er nicht aufgibt und stets vorwärts geht, vielleicht mit der Würde, aber auch Bürde belohnt, selbst in den kleinen Kreis der (NACH)DENKENDEN REITER aufgenommen zu werden.

Doch am Ende seiner Tage wird auch er mit der Selbst-erkenntnis von der Bühne des Lebens abtreten, dass das Ende des Weges auch durch seine Arbeit und sein Lehren vielleicht doch noch nicht vollständig erreicht werden konnte.

Der ZWEIFEL ist die Triebfeder aller wahrhaftigen WISSENSCHAFT!

Er kann dann nur hoffen, dass er das Privileg hatte, einem lernbegierigen Schüler, seine Leidenschaft und sein Wissen weitergeben zu haben, auf das dieser dem WEG des GRALS, ebenso wie er, sein Leben widmet.

[1] Freiherr von Sind |“Vollständiger Unterricht in den Wissenschaften eines Stallmeisters“ | 1786 | gedruckt bey Johann Thomas Edlen von Trattnern | Seite 4


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter | Schule der Hippologie


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Literaturempfehlungen

Von ernsthafter Reitliteratur kann nur jener wirklich profitieren, der in der Reiterei mehr als bloß körperliche Tätigkeit sucht.[1]

Kurt Albrecht | 1920 – 2005 | Ehem. Leiter der Hofreitschule in Wien


Den Worten von Kurt Albrecht möchte ich gerne noch hinzufügen:

Wer ersthaft REITKUNST betreibt, kommt neben der „körperlichen Tätigkeit“ nicht am Studium „ernsthafter Reitliteratur“ und den Wissenschaften vorbei!


Ich werde von meinen Eleven immer wieder nach LITERATUR gefragt, in der sie sich, neben den Ausbildungseinheiten, zusätzlich theoretisch mit der Art und Weise, wie ich Pferde und Reiter UMFORME, beschäftigen könnten.

Immer gab ich diesen wissbegierigen Schülern die gleiche Antwort:

Da müsst ihr schon auf die Fertigstellung meiner REITLEHRE, der LEHRE VOM GRALSWEG warten, denn diese Art Pferde auszubilden wird schon seit über 180 Jahren nicht mehr gelehrt und die vorhandene Literatur aus dem 18. Und 19. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht sehr schwer zu verstehen“.

Die wissenschaftlich arbeitenden preußischen STALLMEISTER in der Zeit von Friedrich dem Großen (18. Jahrhundert) und seines genialen Kavalleriegenerals von Seydlitz-Kurzbach schufen die beste, jemals auf diesem Planeten existierende Reiterei. Nie vorher und auch nie mehr danach, in keinem Land der Welt, wurden Pferde besser ausgebildet als in dieser Zeit. Diese STALLMEISTER schufen Höchstleistungspferde.

Mit dem Ausscheiden der letzten preußischen STALLMEISTER aus dem Kavalleriedienst (gegen 1848), ging auch dieses Wissen (in seiner korrekten Interpretation) verloren.

Die vorhandene LITERATUR, beispielsweise von E.F. Seidler oder Louis Seeger, welche schon in der Endzeit der preußischen Stallmeister gearbeitet und gelehrt haben, sind mit heutiger Brille, die geprägt ist von der pferdeverschleißenden, aber für den bequemen Menschen wenig anstrengenden ANGLOMANEN Reiterei, die nach 1848 ihren Triumphzug rund um die Welt begann, und für welche die echte FORMUNG und Gymnastizierung der Pferde zuviel Arbeit darstellt (Credo: „das Gelände wird es schon richten!“), nicht zu verstehen! Dieses Verständnis, wird auch dadurch erschwert, dass Begriffe über die Zeit neue, mitunter stark veränderte Inhalte bekommen haben.

Um nun aber den wirklich WISSBEGIERIGEN doch Literatur an die Hand zu geben, die ihnen zwar nicht meine LEHRE VOM GRALSWEG (vor deren Erscheinen) und dessen Basis, das Wissen der preußischen STALLMEISTER des 18. Jahrhunderts, verständlich näherbringen kann, aber dennoch dabei hilft, die Gedanken in diese Richtung zu formen, werde ich an dieser Stelle nach und nach zielführende LITERATUREMPFEHLUNGEN geben.


Dogmen der Reitkunst

Kurt Albrecht (1920 – 2005)
Ehemaliger Leiter der Spanischen Reitschule in Wien

Von allen neuzeitlicheren Oberbereitern der Hofreitschule zu Wien halte ich Kurt Albrecht noch für denjenigen, der sich des kulturellen Auftrages der Hofreitschule stets bewusst war.

Verlag ORAC, Wien | 1. Auflage | 1981 |
ISBN 3 85368 877 2


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Kurt Albrecht | „Dogmen der Reitkunst“ | 1. Auflage 1981|Verlag ORAC Wien | Seite 9


anglomanes Reiten Aufrichtung Ausbildung Bequemlichkeit Denkender Reiter Dilettant Dressur Emotion Erfahrung Freude Friedrich der Große Fühlen Galopp Geduld General von Seydlitz-Kurzbach Gesundheit Hippologie Kavallerie Kavalleriepferd Korrektur Können Lehre vom Gralsweg Literatur Logik Meister Natürliches Pferd Otto Digeon von Monteton Pferd Pferde Preußen Reiten Reiter Reitkunst Reitpferd Richard Vizethum Sitz Sitz des Reiters Sperrriemen Stallmeister Tierarzt Umformen Umformung Vorwärts-Abwärts Wissen Wissenschaft

Reiten ist eine Wissenschaft

Die Suche nach dem Gralsweg

Wie Philosophie oder Mathematik ist Reiten ernsthaft betrachtet eine Wissenschaft.

Es waren schon immer sehr, sehr wenige Reiter (Stallmeister) gewesen, die diese Wissenschaft ausübten, die sich auf die Suche nach den Gesetzmäßigkeiten machten und diese akribisch erforschten. Ohne diese Wenigen hätte Reiten nie zur Reitkunst werden können.

Auch wenn es vielleicht anmaßend klingt, so ist es in Demut gesprochen: Ich bin wohl der Letzte dieser Art!

Die Auffindung von Gesetzmäßigkeiten nun ist Sache der Wissenschaft, ihre Anwendung aber Kunst; mehr oder weniger ist daher jede menschliche Tätigkeit höherer Ordnung Wissenschaft und Kunst zugleich.

(Oberstleutnant a.D. v. Dreyhausen | „Reitwissenschaftliche Vorträge“ | 1931)

Reiten ist eine Wissenschaft

Nicht für jeden Reiter muss REITEN EINE WISSENSCHAFT sein. Aber für diejenigen, die sich berufen fühlen REITKUNST in ihrem vollen Umfange zum Wohle des Pferdes verstehen wollen, für diese wenigen ist es eine VERPFLICHTUNG Reiten als WISSENSCHAFT anzusehen!

FÜHLEN hat mit Wissenschaft nichts zu tun, ist aber wie BEOBACHTEN der Ausgangsgrund für die WISSENSCHAFT.

Nur wer aus dem, was er gefühlt oder beobachtet hat eine Hypothese formuliert und versucht, diese Hypothese zu verifizieren indem er das WARUM und das WIE ergründet, immer bestrebt eine ALLGEMEINGÜLTIGE REGEL zu finden, der wird sein Tun und Handeln nicht dem Zufall überlassen.

Der, der beim FÜHLEN stehenbleibt, der nur Empiriker, „der gewöhnlich nur auf gut Glück in die Organisation des Thieres greift, und sie nicht selten anstatt sie zu vervollkommnen, verdirbt“ [1], wie Du Paty de Clam anmerkte, arbeitet nur nach Trail and Error, weil er selten wirklich weiß, WARUM eine bestimmte Aktion zu einem bestimmten Ergebnis geführt hat. Auch findet er keine ALLGEMEINGÜLTIGEN GESETZMÄSSIGKEITEN, so dass es vorkommt, dass das, was eine Zeitlang erfolgreich angewandt wurde plötzlich in Gänze oder bei einzelnen Individuen nicht mehr funktioniert.

Dann sondert der NUR-FÜHLER schon mal Pferde aus, weil sie nicht mit dem Methodenpaket kompatibel sind.

Auch ein NUR-FÜHLER kann sehr weit kommen, er wird aber den Gipfel der REITKUNST nie erreichen. An dieser Stelle lasse ich dann erneut Du Paty de Clam zu Wort kommen:

„Einen zweckmäßigen Dressurplan zu entwerfen, bedarf es des Studiums der Wissenschaft und einer langen Erfahrung. Jedes einzelne Glied muß in Rücksicht der Wirkung auf das Ganze in diesem Plane berücksichtigt werden, keine Lücken dürfen obwalten, und genau müssen die Forderungen der Kunst nach den Vollkommenheiten der Natur abgewogen sein. Nur eine Rücksicht unbeachtet gelassen und der Dressurplan ist gescheitert.[2]


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 |Nachdruck Verlag Olms | Seite 203

[2] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 |Nachdruck Verlag Olms | Seite 203


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Gedanken über die Reitkunst

Autor: Richard Vizethum – letzter Stallmeister – Schule der Hippologie

Reitkunst ist die aus Wissen und Erfahrung erwachsene Kunst jedes Pferd schöner, stolzer und stärker zu machen, als die Natur es schuf.

Richard Vizethum

Von allen Künsten ist die Reitkunst wohl die Anspruchsvollste.

Die Reitkunst gehört, möchte man sie einordnen, sowohl zu den bildenden Künsten, durch die Formung zweier Lebewesen – dem räumlichen Aspekt der Kunst – sowie zu den mimischen Künsten durch den Ausdruck des Tanzes in harmonischer Einheit dieser beiden lebenden Wesen, als räumlich, zeitliche Verhältnisse.

In der REITKUNST ist das Kunstwerk ein vergängliches Werk, und der Weg dahin die wahre Kunst! Jenes Kunstwerk zeigt in seinem idealen Ausdruck eine harmonisch-zentaurische Verbindung zwischen einem zum Reitpferd umgeformten, rittigen – und ich möchte noch hinzufügen: an Körper und Geist dauerhaft gesundem – Pferd mit einem körperlich geformten und geistig zum Reiter gereiften Menschen.

Wahre Kunst offenbart sich nicht im Ausdruck grenzenloser Kreativität, sondern einer Kreativität die innerhalb der Grenzen der Natur zur maximal möglichen Entfaltung gelangt. Grenzen stellen für die Schöpferkraft des Künstlers eine weit größere Herausforderung dar, als sich kreativ im Grenzenlosen zu artikulieren.

Die REITKUNST ist die einzige unter allen Künsten, die ihre Kreativität immer nur in einem begrenzten, durch die körperlichen und geistigen Möglichkeiten des Pferdes und Reiters limitierten Raum ausdrücken kann. Dies macht sie zur herausforderndsten aller Künste und stellt hohe Anforderungen an Wissen und Können des jene beiden Lebewesen formenden Künstlers. 

Während eine Partitur, ein Gemälde oder eine Skulptur letztendlich durch die Kreativität eines Künstlers aus toter Materie entstehen, lebt das Ausgangsmaterial der REITKUNST und ist bei weitem nicht so fügsam wie die Grundelemente eines Komponisten, Malers oder Bildhauers. Auch kann jeder der genannten Künstler sein Werk ohne moralische Bedenken, bei Nichtgefallen nach Belieben zerstören.

Nun gut, in der Reiterei wird dieses Werk der Pferdezerstörung tagtäglich, auf allen Ebenen reiterlicher Aktivität von Dilettanten durchgeführt, ohne dass diese es überhaupt geschafft hätten, über die Stufe groben Bearbeitens des Ausgangsmaterials – oft bemerkenswerter, nahezu perfekter Produkte aus der Zucht – hinausgekommen zu sein.

Gleichwohl betrachten diese, an Wissen und Fähigkeiten eingeschränkten Personen ihr Tun als Kunst und versteigen sich sogar soweit, dieses, ihr Tun, mit KLASSISCH zu etikettieren, obwohl die Epoche aus der sie ihr „klassisches“ Wissen ziehen weit von dem entfernt ist was die wahren KLASSIKER des Reitens ausmacht und dazu noch in vielen Teilen auf einer Entwicklung beruht, welche der Reitkunst diametral entgegensteht: der anglomanen Reiterei. Einer Reiterei, die dem Gelände und dem Sport mehr Wert beigemessen hat, als der seriösen Ausbildung eines Pferdes.

Die Meinung derjenigen, welche die Theorie in der Reitkunst für unnütz achten, wird mich nicht abhalten, zu behaupten, daß dies eins der nothwendigsten Stücke ist, zur Vollkommenheit zu gelangen. Ohne diese Theorie ist die Ausübung immer ungewiß.

Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“


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