Schwitzen – gesund oder nicht?

Sobald das Pferd zu schwitzen beginnt, ist dadurch bewiesen, dass der Reiter mit seinen Forderungen das Maß überschritten hat.

Faverot de Kerbrech

Francois Nicolas Guy Napoléon Faverot de Kerbrech (1837 – 1905) war nicht nur ein Schüler von Francois Baucher (Als Captain in den 1860-Jahren), sondern auch Kavallerieoffizier, Écuyer von Kaiser Napoleon III und ständiger Generalinspektor für Kavallerie-Remonten. Also durchaus jemand, dem man einen großen reiterlichen Sachverstand unterstellen kann.

Seinen Worten möchte ich einmal die Aussage von Isabelle von Neumann-Cosel, Richterin bis Klasse L und Reitlehrerin aus dem badischen Mannheim gegenüberstellen, für welche die Schweißflecken eines Pferds ein sicheres Indiz für korrektes Reiten seien. Außerdem dienen sie ihrer Meinung nach als Motivationsschub: Es ist schwer, dem Schüler das Gefühl weiterzugeben, etwas richtig gemacht zu haben. Schweiß ist ein greifbarer Beweis (Cavallo 2012).

Diametraler könnten zwei Aussagen nicht sein. Da der Kavallerieoffizier, der Pferde kennt, die am Tag mehrere Stunden, zum Teil unter extremster Belastung gehen mussten und hier die neuzeitliche Richterin und Reitlehrerin, welche von Pferden spricht, die kaum wirklich großen Belastungen ausgesetzt sind.

So wie hier die Ansichten auseinanderlaufen, so different sind auch die allgemeinen Ansichten zum Thema „schwitzende Pferde“. Insbesondere für die neuzeitliche Reiterei sind schwitzende Pferde ein Markenzeichen geworden.

Nun, schauen wir uns mal das Pferd an …

Das Pferd hat eine geringere Hautoberfläche als der Mensch (pro kg Körpergewicht nur die halbe Oberfläche), was zwar hilft, mit Kälte ganz gut zurechtzukommen, das Herunterkühlen des Körpers bei Hitze aber nicht so leichtfällt.

Hinzu kommt ein, durch das Schwitzen bedingter hoher Salzverlust. Der entstehende Mangel reduziert u.a. die Leistungsbereitschaft des Pferdes. Sinkt die Leistungsbereitschaft, steigt der Stress und das (Stress)Schwitzen nimmt zu.

Schlechter trainierte Pferde schwitzen mitunter etwas später, dafür umso heftiger. „Alles, was tropft, kann nicht zur Thermoregulation genutzt werden und hat keine Kühlwirkung“[1] und trägt dabei ebenfalls zu Leitungsverlusten bei.

Je besser ein Pferd trainiert ist, desto schneller, aber effizienter schwitzt es, weil es besser auf Leistung vorbereitet ist! Dies gilt für Pferd und Mensch gleichermaßen. Die erste Maßnahme ist (wie grundsätzlich): RICHTIGES TRAINING!

Durch Training wird auch das Kühlsystem optimiert. Es weiß nach einiger Zeit schon kurz nach Trainingsbeginn, dass es bald ggf. auf Hochtouren arbeiten muss. Es fängt also früher mit der Schweißproduktion an – dafür aber eben auch effizienter.

Denn die trainierten Schweißdrüsen können die benötigte Menge des abzugebenden Wassers besser einschätzen und geben dadurch weniger Flüssigkeit und damit auch weniger Mineralien ab. Da das Schwitzen schneller beginnt, steigt die Körpertemperatur später auch langsamer an.

Schwitzt das Pferd also sehr stark, ist es meist über seiner Leistungsgrenze und damit im Stressbereich.

Es gibt nach meiner Erfahrung grundsätzlich zwei Arten von Schweiß: Leistungsschweiß und Stressschweiß. Während der Leistungsschweiß durch eine eher wässerige Konsistenz gekennzeichnet und weniger sichtbar ist, erkennt man den Stressschweiß an einer zum Teil deutlich klebrigeren Zusammensetzung, häufig auch mit weißem Schaum[2].

Dabei spielt, nach einer Studie von 2009, ein Protein namens Latherin, ein Eiweißstoff, eine zentrale Rolle. In der Studie aber kommt man zu dem Schluß, dass dieses Protein die Thermoregulierung unterstützen würde, in der Form, dass durch Latherin, der normal wässrige Schweiß das (nach Meinung der Forscher) ölige Pferdefell leichter benetzen könne, was die Verdunstung und den Kühleffekt verbessern würde.

Mit Verlaub, dieser Schlussfolgerung möchte ich in aller Deutlichkeit widersprechen!

Alle Pferde, die ich erleben musste, welche Schaumbildungen (nicht an Reibungsstellen) oder stark tropfenden Schweiß hatten, waren über ihrer Leistungsgrenze! Der überhitzte (unabhängig von der Jahreszeit) Körper versuchte sich (verzweifelt) herunter zu kühlen. Dazu mag sicher Latherin seinen Beitrag leisten, als positives Zeichen würde ich dies aber definitiv nicht werten wollen! Natürlich können Pferde in ihrem Schwitzverhalten voneinander abweichen, aber in der Regel zeigt zu viel Schweißbildung oder gar Einschäumen eine zu hohe Belastung, ein Überschreiten der Leistungsgrenze an.

Auch eine hohe Nervosität bei Pferden kann zu extremer Schweißbildung führen. Ich erlebte mal ein Pferd, welches innerhalb von ein paar Sekunden klatschnass geschwitzt war – aus Stress! Dabei hatte es sich nicht mal bewegt, sondern musste nur miterleben, dass sich die Herde entfernte (Stressschweiß).


Autor: Richard Vizethum | Der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie |
ursprünglich auf Trust-your-Horse veröffentlicht (2019)


[1] Tierärztin Dr. Julia Vietmeier aus Kalletal/Nordrhein-Westfalen

[2] An Stellen, an denen Reibung entstehen kann, wie beispielsweise zwischen den Pobacken oder unter dem Sattel, ist dies nicht notwendigerweise ein Zeichen von STRESSSCHWEISS. Diese „Schaumkronen“ entstehen leicht bei Reibung.

Das Viborgsche Dreieck und die Ohrspeicheldrüse

Das Viborgsche Dreieck und die Ohrspeicheldrüse

oder der furchtbare Geist der Moderne

Das folgende Bild, stammt von einem Tierarzt,  welcher zum einen für Vorwärts-Abwärts-Reiten und zum anderen (nennen wir es mal so) für eine etwas robuste Argumentation gegen jeden, der seiner Meinung nicht folgt, bekannt ist. Es soll den Bereich des sogenannten VIBORGSCHE DREIECK zeigen.

Seiner Meinung nach sollte selbst in höchster Aufrichtung des Pferdes eine EINZIEHUNG der OHRSPEICHELDRÜSE zu sehen sein. Was heißt, die Ohrspeicheldrüse müsste nach innen, hinter den Ganaschenknochen verbracht werden. Dabei sollte sich das Viborgsche Dreieck, wie auf dem Bild dargestellt, zeigen.

Unabhängig davon, dass das Viborgsche-Dreieck, welches begrenzt wird vom Angulus mandibulae (7), der Vena linguofacialis (c) und einer Sehne des Musculus sternomandibularis (8), deutlich kleiner ist als von ihm auf Bild 1 dargestellt (die Angaben in den Klammern beziehen sich auf das Beitragsbild), würde ein EINZIEHEN der Ohrspeicheldrüse den Raum zwischen den Ganaschen deutlich verkleinern – sprich die Ganaschenfreiheit reduzieren!

Des Weiteren würde es die Atmung beeinträchtigen, denn je nach Dicke der Ohrspeicheldrüse, kann mehr oder weniger starker Druck auf die Luftröhre ausgeübt werden.

Wenn man von GANASCHENFREIHEIT spricht, dann ist der Bereich zwischen den beiden Ganaschenknochen gemeint. Hier sollten, versucht man eine Faust von untern nach oben, mit den Fingerknochen nach oben, reinzulegen, mindestens 4 Finger reinpassen. Denn zwischen diesen beiden Knochen soll der Vorhals Platz finden (nur in der höchsten Aufrichtung!), so dass das Pferd seine Nase leicht an die Senkrechte FALLEN LASSEN KANN.

Zur Ganaschenfreiheit kurz als Zwischenbemerkung eingeschoben, einer jener falschen und völlig unqualifizierten Aussagen dazu, die in der Reiterwelt die Runde machen:

Die Ganaschen befinden sich an der Kehle des Pferds. Sitzen dort viel Fett und Muskeln, hat es kaum Ganaschenfreiheit. Soll es am Zügel gehen, wird seine Ohrspeicheldrüse durch das umliegende Gewebe gequetscht. Der Fachbegriff heißt „eng in der Ganasche“. Solche Pferde lassen sich nur schwer durchs Genick reiten. Winkelt das Pferd den Kopf an, treten an der Seite dicke Wülste hervor. Bei einem Pferd mit guter Ganaschenfreiheit sollten in die Vertiefung an der Kehle mindestens zwei Finger passen„. (CAVALLO – 01.08.2010)

Dazu aber muss die Ohrspeicheldrüse mit Hilfe spezieller Übungen durch die Ganaschenknochen nach Außen gehebelt und damit auch weich gemacht werden.

Durch eine eingezogene Ohrspeicheldrüse wären ein solcher Raum und die sich damit verbunden Möglichkeiten (max. Aufrichtung / Nase an Senkrechte fallen) NICHT gegeben. Nun gut, bei einem aktiv Vorwärts-Abwärts trainiertem Pferd kommt man sowieso nie in die Verlegenheit ein korrekt aufgerichtetes Pferd zu reiten …

Quelle: Beitragsbild (ohne das eingezeichnete rote Dreieck = tatsächliches Viborgsche Dreieck) „Atlas der angewandten Anatomie der Haustiere“ – Artikel in SAT Schweizer Archiv für Tierheilkunde · Juni 2004. Als PDF in meiner Literatursammlung.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | Ursprünglicher Artikel aus dem Jahre 2020

Die Stille Post reiterlichen Wissens

Die Stille Post reiterlichen Wissens

Es war einmal ein großer Lehrer, der hatte einen Schüler, dem er sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte und ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte und ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte und ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte und ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte und ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Und alle glaubten, sie lehrten nach den Prinzipien des großen Lehrers der Vergangenheit, der am Anfang dieser Kette stand.

Denkt mal darüber nach!

P.S. Mit dem geschriebenen Wort ist es noch schlimmer!


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Sitzen lernt man nicht alleine

Von der Haltung des ganzen Körpers zu Pferde, hängt sehr die Sicherheit des Reiters selbst, und die Sicherheit seiner Führung und seiner Hilfen, ab, daher muß auf den Sitz des Reiters bei allen Bewegungen des Pferdes, die größte Sorgfalt gewendet werden.

Schreiner, Franz Xaver Joseph | „Die Reitkunst theoretisch-praktisch dargestellt“ | Verlag Joseph Lindauer – München | 1821 | Seite 204

Kein noch so großes Talent kann den korrekten Sitz intuitiv und ohne fremde Hilfe erlernen!

Ich werde in diesem Beitrag nicht darüber reden, wie ein korrekter und kommunikativer REITERLICHER SITZ im Detail aussieht, und wie er zur Anwendung kommt. Das mache ich gerne und sehr ausführlich in meinen Reitstunden und Praxiskursen, wo ich den Sitz nach meiner LEHRE VOM GRALSWEG vermittle. Einen Sitz, der sowohl in seiner Haltung, seiner Kommunikationsfähigkeit als auch seiner Sicherheit unübertroffen ist. Dessen maßgebliche Grundlagen existierten bereits lang vor mir (Wissen preußischer Stallmeister [1]). Mein Verdienst war es dabei lediglich gewesen, einzelne Unstimmigkeiten zu beseitigen, sowie den Sitz in seiner Kommunikation mit dem Pferd zu standardisieren und zu perfektionieren.

Kein noch so großes Talent kann den korrekten Sitz intuitiv und ohne fremde Hilfe erlernen!

Und damit sind wir beim Thema. An dieser Stelle werden vermutlich die ersten Reiter – von sich eingenommen – behaupten wollen, dass diese Aussage Unfug wäre. Diesen Personen sei gesagt: Ihr kennt nicht einmal Euren eigenen Körper, wie wollt ihr dann selbstständig den korrekten Sitz erarbeiten?

Nichts ist uns näher und vertrauter, als unser eigener Körper – so glauben wir das zumindest. Doch wir werden in unverschämtester Art und Weise von eben diesem Körper schamlos belogen.

Während wir beispielsweise glauben – von unserem Körper so vorgaukelt – vollkommen aufrecht und in einem perfekten 90 Grad-Winkel auf dem Pferd zu sitzen, lehnen wir uns in Wahrheit, und für einen Beobachter gut sichtbar, mehr oder weniger stark zurück. Das Zurücklehnen ist dabei im Übrigen die häufigste Form fehlerhaften Sitzes [2]. Oder wir beugen uns nach vorne.

Ein weiteres Beispiel:

Wie das Pferd, hat auch der Mensch eine NATÜRLICHE SCHIEFE (Händigkeit), die durch einseitig verkürzte Muskulatur entsteht, welche wiederum – wie auch beim Pferd – seine Ursache in der Lage des Embryos im Mutterleib haben dürfte, und welche nach der Geburt, im Lebensalltag, aus Bequemlichkeit [3] weiter kultiviert und dadurch – wie auch beim Pferd – verstärkt wird.

Ein Rechtshänder hat eine links verkürzte Muskulatur, beim Linkshänder ist es umgekehrt. Würde ein Rechtshänder (im Weiteren spreche ich nur vom Rechtshänder – für den Linkshänder gelten die Ausführungen spiegelverkehrt) auf einer ebenen Fläche ohne Orientierungspunkte am Horizont vermeintlich geradeaus laufen, was ihm sein Körper signalisiert, so weicht er tatsächlich in einem Bogen nach Links ab und kommt so, wenn er nur lange genug im gleichen Rhythmus läuft, wieder am Ausgangspunkt seiner Wanderung an.

Das ändert sich auch nicht, wenn der Rechtshänder auf einem Pferd sitzt. Sein Körper ist dabei immer mehr oder weniger stark, je nach Ausgeprägtheit seiner Händigkeit, nach links gedreht. Damit signalisiert er dem Pferd über seinen Sitz: „Geh nach Links!“. Ist der Rechtshänder mit seinem Pferd auf der rechten Hand unterwegs, dann führt dies dazu, dass das Pferd – dem Sitz des Reiters folgend – sich ebenfalls nach links stellt, über die rechte Schulter läuft bzw. kippt und damit mehr als gewünscht, nach innen abweicht.

Dies hat in der Regel zur Folge, dass der Reiter vermehrt das Pferd korrigieren möchte und sich dabei – reflexartig – noch stärker nach links drehen wird und/oder mit dem linken Zügel versuchen möchte, das Pferd dorthin zu dirigieren. Auch wird er das innere (rechte) Bein verstärkt einsetzen um das weitere Ausbrechen des Pferdes nach rechts zu verhindern. Diese „Korrekturen“ werden häufig auch noch von Reitlehrern unterstützt bzw. gefordert.

Was sie erst wissen, werden sie auch bald durch das Gefühl können, aber das Wissen muss dem Können vorausgehen. Naturreiter sind keine Reitlehrer.

Otto Digeon von Monteton | „Die Beschaffung der Remonten und ihrer Ausbildung“ | 1899 | Nachdruck Olms-Verlag 1992 | Seite 48

Und dies ALLES, weil der Reiter seinem Körper geglaubt hat, das er korrekt sitzen würde. Das Pferd wiederum hat alles richtig gemacht, besser gesagt, dessen Körper wurde durch den Reiterkörper dahin gebracht so zu reagieren, wie es eben reagiert hat, und dafür muss es sich nun korrigieren lassen. Armes Pferd!

Damit sind wir wieder beim meiner Ausgangsaussage:

Kein noch so großes Talent kann den korrekten Sitz intuitiv und ohne fremde Hilfe erlernen!

Wer nun glaubt, dass er nur lange genug reiten müsse, damit er lernt korrekt zu sitzen, der irrt gewaltig. Da kann man 20-30 Jahre oder länger im Sattel sitzen, jeden Tag, und ein noch so renommierter Reiter sein, man wird zwar besser sitzen – aber nicht korrekter. Paul Stecken´s Aussage: „Reiten lernt man nur durch reiten!“ trifft schlicht und ergreifend in letzter Konsequenz NICHT zu. Was man durch das reiten (Verb) lernt, ist lediglich immer besser im Sattel des Pferdes zu bleiben und sich besser der Pferdebewegung anzupassen – das war es auch schon. Richtig sitzen und mit dem Pferd über den Körper korrekt kommunizieren, wird man deshalb noch lange nicht.

Dazu bedarf es IMMER Hilfe! Der korrekte DREIPUNKTSITZ und dessen Körperkommunikation mit dem Pferd kann nicht im Selbststudium erlernt werde!

Die Sitzschulung des Reiters muss die wichtigste Aufgabe eines REITLEHRERS [4] sein.

Aussagen, dass der REITLEHRER nicht so viel reden und es vermehrt dem Reiter überlassen soll, das richtige Gefühl zu entwickeln ist bei der Erarbeitung des korrekten Sitzes absolut nicht zielführend, da wie gesagt, der Reiter nicht einmal merkt, dass er falsch sitzt. Dieses Gefühl wird sich erst im Laufe einer längeren Ausbildungszeit immer mehr einstellen. Davor aber stehen DRILL und DISZIPLIN und die ständige Korrektur, auch des allerkleinsten Fehlers, durch den Lehrer. Denn nur so lassen sich die fehlerhaften Haltungs- und Bewegungsmuster verändern und neue Muster nachhaltig konservieren.

Dabei wird nicht der VERSTAND des Reiters angesprochen, dieser ist, wie bei vielen Dingen, nur störend. Die gegebenen Korrekturanweisungen des Lehrers, welche der Schüler dann auch sofort (DISZIPLIN), auf den Punkt und vor allem ohne nachzudenken – auszuführen hat, sprechen den KÖRPER des Reiters an. Das Reaktionssystem dieses Körpers wird schließlich nach vielen Wiederholungen (DRILL), nicht nur die gegebenen und sofort umgesetzten Korrekturen adaptieren, sondern diese auch mit den vorher geschehenen Reiterfehlern bzw. auch Bewegungsfehlern des Pferdes in Verbindung bringen.

Das Ergebnis: Ein absolut korrekter Sitz in jeder Lage und ein fehlerfreies, rechtzeitiges (blitzschnelles) hoch automatisiertes Kommunizieren mit dem Pferd über den Körper des Reiters ohne Störungen des Pferdes! 

Anzumerken sei noch, dass der Reitlehrer in der Lage sein muss, JEDE fehlerhafte Abweichung des Sitzes und JEDEN Kommunikationsfehler SOFORT zu erkennen und SOFORT zu korrigieren – wieder und wieder! Dies erfordert nicht nur WISSEN, sondern auch eine große ERFAHRUNG!

Diskussionen mit dem Schüler finden in Aktion NICHT statt, sie würden nur den Lerneffekt behindern. In den minutenlangen Pausen, in denen sowohl der Pferde- als auch der Reiterkörper das „gelernte“ durchsimulieren (ich nenne das ADAPTIVES KÖRPERLERNEN) kann eine verstandesmäßige Aufarbeitung stattfinden, indem der Schüler Fragen stellen und der Lehrer ausführlichere Erklärungen geben kann.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Welche vermutlich auch nur weiterentwickelt haben.

[2] Was auch damit zu tun hat, dass dieses Zurücklehnen heute häufig so gelehrt wird. Diese neuzeitliche „Lehrmeinung“ aber beruht auf einer Fehlinterpretation dessen, was man in der Vergangenheit (vor dem 20. Jahrhundert) unter dem Begriff KREUZANSPANNEN verstanden hat.

[3] Wir bevorzugen bei unseren Alltagstätigkeiten die „bessere Seite“ und verstärken damit die Händigkeit.

[5] Otto Digeon von Monteton | „Die Beschaffung der Remonten und ihre Ausbildung“ | 1899 | Nachdruck Olms-Verlag 1992 | Seite 48

[4] Die Hierarchie der Ausbilder: STALLMEISTER –> REITMEISTER (RITTMEISTER) –> REITLEHRER / BEREITER.


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Gedankenloser Unfug Knotenhalfter

Das Knotenhalfter ist KEIN AUSBILDUNGSMITTEL, sondern lediglich ein Behelfshalfter, das man aus einem Seil knüpfen kann, wenn kein reguläres Halfter verfügbar ist.

Heute sah ich ein Video in dem ein, durch das Fernsehen bekannter Pferdetrainer, sich kurz auch über die Nutzung ungeeigneter KNOTENHALFTER echovierte. Er sprach dabei von häufig schlecht sitzenden Knotenhalftern, die zum Einsatz kämen.  

Das Problem ist nur:
ES GIBT KEINE KORREKT SITZENDEN KNOTENHALFTER!

Schauen wir uns doch einmal an, was manch ursprüngliche Idee des Knotenhalfters war. Viele Reitervölker verwendeten, mangels anderer Zäumungen, Seilkonstruktionen, wie die eines Knotenhalfters zum Reiten. Benötigte ein Cowboy ein Halfter, um beispielsweise einen Mustang, den er während eines Viehtriebs eingefangen hatte, als Handpferd mitzunehmen, hatte aber (natürlich) kein reguläres Stallhalfter heutiger Form bei der Hand, so knüpfte er sich aus einem dünnen Seil, was häufig zu allerlei Zwecken mit sich geführt wurde, ein Behelfshalfter, eben ein Knotenhalfter. Auch wurde das Knotenhalfter durchaus auch zur „Ausbildung“ oder besser gesagt zum Brechen von Pferden benutzt.

Bedauerlicherweise haben wir in der heutigen Zeit angefangen, solcher Art von Pferdehandling zu verklären. Aber weder waren die Reitervölker der Vergangenheit, einschließlich der schon fast mystifizierten nordamerikanischen Ureinwohner, kluge, denkende Pferdeausbilder noch waren dies die Cowboys. Es gab da keine Reit- oder gar Ausbildungskultur, von der KUNST ein Pferd auszubilden ganz zu schweigen. Sie alle waren einfach nur pragmatisch. Kam ein Pferd bei einer solchen Reiterei oder einer solchen „Ausbildung“ ums Leben, dann wurde es eben gegessen (bei den Reitervölkern).

Heute aber unterstellen wir einen pferdefreundlichen Umgang bei den beispielhaft genannten Personenkreisen und versuchen ihnen nachzueifern. Das KNOTENHALFTER ist ein Hilfsmittel, welches völlig unverdient einen pferdefreundlichen Ritterschlag bekommen hat und landauf-/landab benutzt wird – zum Leidwesen der Pferde.

Manche Autoren und Ausbilder sprachen sogar davon, dass die Platzierung der Knoten dieses Halfters akupressurtechnische Wirkungen haben würde.  Nun, all jenen, die dies glauben, sei gesagt, die Knoten haben keinen anderen Grund, als jenen, ein Halfter zu formen.

Seitlich am Kopf verläuft, direkt unter der Haut, der Trigeminusnerv (lat. für Drillingsnerv). Dieser teilt sich im gesamten Gesichtsfeld des Pferdes und versorgt über drei Äste Stirn, Kinn, Augen, Gesicht, Ober- und Unterkiefer. Das Knotenhalfter nun, egal wie gut es sitzt und egal wie fest es geschnürt wurde, reibt bei nahezu allen Bewegungen und da spreche ich jetzt nicht einmal von ruckartigen Bewegungen, mit seinen Knoten über diese Nervenbahnen, was für das Pferd sehr unangenehm ist und diverse Abwehrreaktionen provozieren kann. Darüber hinaus können dadurch Entzündungen  und Überempfindlichkeiten (Trigeminusneuralgie) dieses fünften Gesichtsnervs (nervus trigeminus) entstehen. Diese gelten inzwischen als häufigste Ursache für Kopfschütteln und Kopfschlagen (Headshaking) beim Pferd.

Wenn auch der Kappzaum oder das Cavesson bereits grenzwertig sind, so sind diese aber bei bestimmten Nutzanwendungen immer dem Knotenhalfter vorzuziehen, denn dieses wirkt nicht nur völlig undifferenziert und sehr hart, sondern reibt eben auch über Nervenbahnen.

Was man definitiv mit dem KNOTENHALFER NICHT machen sollte:

  • Ein Pferd anbinden | Dies ist die dümmste und rücksichtsloseste Anwendung des Knotenhalfters. Beim Versuch sich loszumachen kann das Pferd erheblichen Schaden nehmen.
  • Ein Pferd longieren | Die Reibungen am Kopf sind auch dann gegeben, wenn man die Longe locker führt. Ich habe noch bei keiner Zäumung so viele bockende und überreagierende Pferde beim Longieren erlebt, wie mit dem Knotenhalfter;
  • Ein Pferd reiten | Dies wird gerne von so manchen Pferdetrainer zelebriert und seinem gläubigen Klientel als pferdefreundlich verkauft, jedoch ist dies weit davon entfernt als pferdefreundlich bezeichnet werden zu dürfen. Hier manipuliert man schlicht über die Emotionalität der Menschen, zum Leidwesen der Tiere.
  • Ein Handpferd am Knotenhalfter mitführen | Kommt es zu einer Situation, in der man gezwungen ist, das Handpferd zu regulieren, wird auf jeden Fall massiv auf den Pferdekopf Wirkung erzeugt, was zu entsprechenden Reaktion des Handpferdes führen kann, welche für alle Beteiligten ungut ausfallen können.

Was nun bleibt eigentlich noch als Anwendungsmöglichkeit für das KNOTENHALFTER übrig?

Na ja, ein Pferd von A nach B zu führen wäre eine Möglichkeit.  Allerdings bei einem ruhigen und im Handling angenehmen Pferd würde auch ein Stallhalfter ausreichen und bei einem renitenten Pferd provoziert man mehr Abwehrreaktionen. Aus Angst respektieren solche Pferde vielleicht in Zukunft das Knotenhalfter aber überzeugt hat man sie nicht.

Das KNOTENHALFTER ist kein Mittel der Ausbildung und kein Mittel das Handling des Pferdes zu verbessern. Das was so manche Reitervölker oder Cowboys gemacht haben, war bei weitem nicht so pferdefreundlich, wie es uns heute von einer Vielzahl von Trainer und Trainerinnen verkauft wird.

Aber die Geschichte mit der Pferdefreundlichkeit zieht, wird sie doch von Vielen verbreitet und EMOTIONEN verkaufen halt gut.

Vielleicht aber denkt der geneigte Leser nun einmal über dieses (Marter)instrument nach – zum Wohle der Pferde.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Das Pferd – ein konzentrationsschwaches Lebewesen

Pferde sind konzentrationsschwache Lebewesen. In der Natur hat das Pferd es nicht nötig, sich großartig auf etwas zu konzentrieren. Sein Futter läuft schließlich nicht weg und ist dazu noch an vielen Plätzen zu finden. Anders sieht die Sache bei einem  Raubtier aus. Da sitzt die Katze schon mal stundenlang vor einem Mauseloch, in der Hoffnung, dass die Maus sich blicken lässt. Die Katze muss während der ganzen Zeit hoch konzentriert sein, um ja nicht diesen einen, entscheidenden Augenblick zu verpassen.

Oft wird gesagt, dass die Konzentrationsspanne eines (jungen) Pferdes etwa 20 Minuten betragen würde. Diese Aussage will ich so nicht mittragen.

Man kann ein Pferd, auch ein junges Pferd, durchaus 1-2 Stunden arbeiten und die Konzentration dabei immer wieder „beleben“. Denn meiner Erfahrung nach ist die Konzentration NICHT abhängig von der Zeitdauer, sondern von dem was man vom Pferd verlangt und wie gut das Pferd dieses bereits kann.

Bei einer wenig anspruchsvollen oder bereits bekannten Übung ist die Konzentrationsspanne länger, bei einer schwierigen oder unbekannten Übung dagegen deutlich kürzer.

Während ich bei einer leichten Übung durchaus 10 Minuten am Stück ohne Pause mit einem Pferd arbeiten kann, würde eine schwere Übung schon nach 10 Sekunden eine Pause erfordern.

Wenn ich nun hier von Pause spreche, dann heißt das STEHPAUSE (nicht das Pferd mit langem Hals bewegen) und das unbedingt MINUTENLANG! Solche längeren Pausen, in dem man das Pferd auch nicht belästigt, haben drei Effekte:

  • 1 | Der Körper des Pferdes simuliert das gerade Vermittelte in einer solchen Pause und in der Regel kann das Pferd danach diese Übung auf derselben Hand, bereits etwas besser. Ich habe dafür den Begriff ADAPTIVES KÖRPERLERNEN geprägt. Es ist dabei unerheblich, ob sich das Pferd von äußeren Reizen ablenken lässt – der Körper lernt!
  • 2 | Das Pferd kann sich, bei geringgradiger Müdigkeit wieder erholen und ist nach einer solchen Pause erneut aufnahme- und leistungsfähig.
  • 3 | Das Pferd lernt immer länger stehenzubleiben, was bei kurzen Pausen nicht der Fall wäre.

Wichtig dabei ist allerdings, dass man nicht meint, dass Pferd bei solchen Pausen bespaßen zu müssen. Statt sich dabei mit dem Pferd zu beschäftigen, welches gerade körperlich dabei ist, das vorher Erlernte auch körperlich zu verstehen, sollte man selbst entspannen.

PFERDE LANGWEILEN SICH NICHT!

Sehr häufig bekomme ich zu hören, dass Pferde Abwechslung in der Arbeit brauchen, um sich nicht zu langweilen. Hier aber wird lediglich menschliches Denken und Verhalten auf das Pferd übertragen. Pferde LANGWEILEN sich nicht, wenn man wieder und wieder dasselbe von ihnen verlangt.

Im Gegenteil, nur die stete Wiederholung ist es, die bei konzentrationsschwachen Lebewesen die Motivation erhält.

Denn mit jeder Wiederholung fühlt das Pferd, nein jedes konzentrationsschwache Lebewesen – auch ein betroffener Mensch – sich körperlich ein Stückchen sicherer und kommt von einem Gefühl des KÖRPERLICH UNWOHLFÜHLENS in ein Gefühl des KÖRPERLICH WOHLFÜHLENS. Dies hat große positive Auswirkungen auf die Ausgeglichenheit, Sicherheit und Leistungsbereitschaft des Pferdes.

Zeigen Pferde ÜBERSPRUNGSREAKTIONEN, dann tun sie dies keinesfalls aufgrund von Langweile, wie viele Reiterinnen und Reiter dies ihren Pferden unterstellen. Solche Reaktionen entstehen immer dann, wenn ein Pferd die Übung (noch) nicht versteht, diese noch nicht kann, Schmerzen hat, oder wenn es müde wird. Hier ist die Reiterin, der Reiter gefordert, zu fühlen, die Gründe zu erkennen und entsprechend zu reagieren (MÜDE = PAUSE immer noch MÜDE = Feierabend, selbst wenn man erst 20 Minuten etwas getan hat!).

Meint man dem Pferd Abwechslung bieten zu müssen, ignoriert man tatsächliches Pferdeverhalten und steigert die Unruhe und Unsicherheit des Pferdes. Gleichzeitig zieht man jeden Lernprozess in die Länge.

Pferde sind konzentrationsschwache Lebewesen. Solchen kann man nachhaltig nur Sicherheit und eine gesunde Leistungsbereitschaft erhalten, wenn man, durch stete Wiederholung, auch über mehrere Tage hinweg dem Pferd neue Bewegungs- und Haltungsmuster vermittelt, welche damit zur 2. Natur des Pferdes werden und seinen Fundus an HANDLUNGSOPTIONEN erhöhen.

Ein ständiges für Abwechslungen sorgen wollen (was auch vielen Trainingskonzepte suggerieren) oder das Spielen mit dem Pferd dient nur dazu gegen unsere Langeweile anzugehen, verursacht dem Pferd mehr Stress, als wir uns eingestehen wollen und ändert nichts an der Konzentrationsschwäche!

REITKUNST ist das ruhige, konzentrierte UMFORMEN des Pferdes. Dabei ist die stete Wiederholung, welches die konzentrationsschwache Natur des Pferdes berücksichtigt, ein wesentliches Element zur Gesunderhaltung dieses wunderbaren Lebewesens.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Der Pass – eine fehlerhafte Gangart

Der Pass – eine fehlerhafte Gangart

Der Pass ist eine fehlerhafte Gangart und gehört meiner Meinung nach grundsätzlich bei der Zucht wieder herausgezüchtet

Diese fehlerhafte Gangart ist zwar für den Reiter sehr bequem, doch für das Pferd so ermüdend, daß es beim anhaltenden Passgang steif wird. Auch die Ausdauer ist dadurch erheblich eingeschränkt und die seitlichen Schwankungen bedeuteten für das Pferd einen immensen Balancieraufwand und sorgen durch diese starken ungleichmäßigen Belastungen für Schäden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern.

Hinzu kommt eine hohe Unsicherheit beim Laufen auf unebenen Gelände und schlechten Wegen.

Der PASS ist eine Genmutation, die der bequeme Mensch in der Zucht weiter selektiert hat, um auf Kosten der Pferde eine angenehme und schnelle Fortbewegungsmöglichkeit zu besitzen.

Im Mittelalter nannte man Pferde mit Passveranlagung „Zelter“ und sie waren eine kurze Weile aufgrund der Bequemlichkeit, den dieser Gang den Reitern bescherte, ein gern gesehenes Damenpferd. Allerdings änderte sich diese Meinung aufgrund der mangelnden Ausdauerleistung und Sicherheit schnell und der PASS wurde bereits damals als FEHLERHAFTE GANGART eingestuft.

Ich werde auch nicht müde darauf hinzuweisen, dass es sich beim EINERWECHSEL um keinen Galoppwechsel, sondern um einen PASS-GALOPP, also um eine fehlerhafte Gangart handelt!

Einerwechsel zu reiten ist ein Schlag ins Gesicht der REITKUNST.

Die „Kunst“ liegt dabei darin, dass Pferd zu dieser Gangart zu bewegen, denn warum sollte es freiwillig PASS laufen wollen, wenn es keine (genetische) Veranlagung dazu besitzt. Selbst die Reiterliche Vereinigung hat bemerkt, dass manche Pferde „mit dem Einerwechsel überfordert sind„, den Grund dafür allerdings sieht man nicht.


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie | der letzte Stallmeister | (Nach)denkender Reiter

Bild: Theodor Heinze – „Pferd und Reiter – oder die Reitkunst in ihrem ganzen Umfange – 1873

Fühle – das Pferd zeigt Dir den Weg (?)

Es ist so schnell dahingesagt und klingt so wunderbar einfühlsam:
„Du musst nur fühlen, dann sagt Dir das Pferd schon was zu tun ist …“.

Ja, das Pferd sagt uns sehr viel, wenn wir nur genau HINFÜHLEN:

  • es sagt uns, wenn es müde ist,
  • es sagt uns, wenn es traurig ist,
  • es sagt uns, wenn es Schmerzen hat,
  • es sagt uns, wenn es sich nicht wohl fühlt,
  • es sagt uns, wenn es sich freut,
  • es sagt uns, wenn es Hunger hat,
  • es sagt uns, wenn es uns mag oder auch nicht mag,
  • es sagt uns, wenn es etwas nicht versteht,
  • es sagt uns, wenn es etwas (noch) nicht kann, …

All das und so manches mehr, sagt uns das Pferd und wir können es wahrnehmen, FÜHLEN, wenn wir nur unsere Sinne öffnen und unsere (menschlichen) Emotionen, die hierbei massiv stören, kontrollieren können.

WAS UNS ABER DAS PFERD NIEMALS ERZÄHLEN WIRD: WAS WIR TUN MÜSSEN, UM ES ZU VERÄNDERN!

Denn das, was sich am Pferd verändern MUSS, UMGEFORMT werden MUSS, damit es als REITPFERD ein langes Pferdeleben lang gesund, motiviert und leistungsbereit bleiben kann, DIES KANN ES UNS NICHT SAGEN!

Wenn wir ein Pferd verändern, dann wird es uns dabei – zu Recht – aus dem entstehenden KÖRPERLICHEN UNWOHLSEIN heraus, immer wieder die berechtigte Frage stellen: WAS SOLL DAS? Eine Antwort darauf, die das Pferd verstehen würde, können wir ihm aber nicht geben, wir können dem Pferd nicht (die Zukunft) erklären mit Worten wie:
Du musst jetzt Deinen inneren Schweinhund überwinden und es tun, danach wirst Du Dich viel besser, stärker und stolzer fühlen“.
ES WIRD UNS NICHT VERSTEHEN UND ENTSPRECHEND REAGIEREN!

In sehr, sehr feinen, aber auch sehr, sehr groben ÜBER-SPRUNGSREAKTIONEN wird es immer wieder die Frage nach dem Sinn dessen, was wir gerade mit ihm tun, aufwerfen.

Diese ÜBERSPRUNGSREAKTIONEN, schon die Feinsten von ihnen, müssen wir wahrnehmen und vor allem richtig bewerten können. Dazu bedarf es sehr viel EMPATHIE. Wer dabei allerdings EMOTIONEN zulässt, wird allenfalls das Grobe erleben, NIE das FEINE erfühlen!

NEIN, DAS PFERD SAGT UNS NICHT, WIE WIR ES AUSBILDEN SOLLEN – DENN DAVON HAT ES KEINE AHNUNG UND KANN ES DESHALB AUCH NICHT! ABER ES WIRD UNS IMMER SAGEN, WIE ES SICH DABEI FÜHLT.

Und wir müssen RECHTZEITIG, schon beim Hauch eines Anzeichens, des Pferdes Befindlichkeiten erkennen, immer auch unter der Prämisse:
EIN PFERD WIDERSETZT SICH NICHT – ENTWEDER ES KANN ES NICHT, VERSTEHT ES NICHT ODER HAT SCHMERZEN (auch Kombinationen sind möglich).

Wir müssen ACHTSAM sein und FÜHLEN, ob unser Pferd

  • müde ist,
  • etwas nicht verstanden hat,
  • überfordert ist,

und wir müssen sofort darauf reagieren!

Unser „Zuhören“ hilft dem Pferd nur dabei, das der Weg, den wir mit ihm gehen, möglichst einvernehmlich sein kann, das Pferd kann uns aber niemals den Weg selbst erklären!


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


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Hobbeln – Ist die Aufregung berechtigt?

Hobbeln – Ist die Aufregung berechtigt?

Das Wappen von Bönen zeigt eine rote, im Mittelalter gebräuchliche Fußfessel für Pferde, die sogenannte „Haile“, auf weißem Grund. Die zugehörige Gemeindeflagge ist rot-weiß belegt mit dem Wappen.

Unter dem Absatz „6.7 Verladung und Transport“ ist in der Leitlinie zum Tierschutz im Pferdesport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft folgendes vermerkt:

 „Die Fixierung der Extremitäten (z. B. Fußfesseln) ist tierschutzwidrig[1]“.

Es sei allerdings angemerkt, dass dies die einzige Stelle in dieser Leitlinie ist, an der dieses angemerkt wird. D.h. die erwähnte Tierschutzrelevanz bezieht sich streng genommen nur auf den Sachverhalt „Verladen und Transport“. Eine Allgemeingültigkeit kann daraus nicht abgeleitet werden.

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. schreibt 2017 zu diesem Thema:

Tüddern oder Hobbeln von Pferden (Anpflocken oder Zusammenbinden der Gliedmaßen), um ein Weglaufen im freien Gelände zu verhindern, ist verboten, da es bei Fluchtreaktionen infolge Erschreckens zu erheblichen Schäden führen kann.[2]

Hier geht es um die Fixierung von Pferden und Pferdeähnlichen in Zirkusbetrieben. Dort war tatsächlich Handlungsbedarf geboten, denn hier verblieben diese Tiere täglich sehr lange Zeit in solcherlei Arten von Fixierungen.

Was ist das HOBBELN eigentlich?

Beim Hobbeln werden die Vorderbeine, der solchermaßen „fixierten“ Pferde, mit einem Abstand von mehreren Dezimeter[3] miteinander verbunden. Dies geschieht beispielsweise mit einem dickeren Strick oder auch mit aufwendigeren Lederbandagen, welche miteinander verbunden sind.

Damit soll verhindert werden, dass sich ein Pferd von einem bestimmten Standort (z.B. Nachtlager) zu weit entfernen kann, aber dennoch einen gewissen Freiraum genießt, um beispielsweise zu grasen.

Mitunter gibt es Pferde, welche auch gehobbelt in der Lage sind, durch Sprünge, sich dennoch weiter als gewünscht fortzubewegen. Bei diesen Pferden wird noch ein Hinterbein – also ein drittes Bein – zusätzlich fixiert. Dieses Vorgehen ist allerdings mehr als fragwürdig und bei solchen Pferden sollte man ein Hobbeln definitiv unterlassen.

Warum werden Pferde gehobbelt?

Hobbeln wurde beispielsweise von Viehtreibern (Cowboys, Gauchos …) beim Lagern auf langen Rindertrails dort angewandt, wo ein anderes Anbinden der Pferde nicht möglich (baumloses Gelände) oder auch nicht gewollt war. Meistens wurde dabei nur das Leittier gehobbelt, die anderen „Herdentiere“ (ungehobbelt) blieben i.d.R. in der Nähe des Leittieres, so dass die Pferde frühmorgens leicht wieder eingesammelt werden konnten.

Hobbeln hatte hier praktische Relevanz und war mit geringstem Mittelaufwand umsetzbar.

Nach einem langen, harten Arbeitstag auf dem Trail darf nicht davon ausgegangen werden, dass ein Pferd, welches gehobbelt wurde, großes Interesse gezeigt hat, sich von diesem Konstrukt zu befreien. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass man, auch aus dem besagten Grund, die Pferde lange auf das Gehobbelt sein vorbereitet hat.

Was wäre die Alternative?

Unterstellen wir ganz kurz einmal die andere mögliche Variante, Pferde über Nacht in der Nähe eines Lagers zu behalten: Ein Seil wird zwischen Bäume gespannt und die Pferde nebeneinander daran festgebunden. Eine Praxis, die bei der Kavallerie Anwendung fand (mitunter blieben die Pferde dabei gesattelt, nur die schweren Ausrüstungsteile wurden abgenommen). Bei der Kavallerie wurden die Pferde von mehreren Soldaten bewacht, einen Luxus, den sich Cowboys auf den Trails nur eingeschränkt oder wenn sie gar alleine unterwegs waren (Zäune kontrollieren etc.) überhaupt nicht leisten konnten.

An dieser Stelle darf man sich schon ganz gerne auch mal die Frage stellen, welche Variante für ein Fluchttier, auch aus Stress-Sicht heraus, wohl die Bessere darstellt: HOBBELN oder ANBINDEN?  

Vergleicht man diese beiden Methoden miteinander, so lässt sich ganz leicht erkennen, dass das Hobbeln dem Pferd deutlich mehr Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Nun sind wir alle keine Cowboys oder Kavalleristen. Wo benötigt man überhaupt noch das Hobbeln?

Ein Beispiel wären Wanderreiter, die eine längere Rast einlegen und ihren Pferden das Grasen ermöglichen wollen. Allerdings könnte man, bei einer guten Tourenplanung in unseren dicht besiedelten Gebieten, Weideflächen von Wanderreitstationen oder anderen Stallanlagen nutzen und damit auf das Hobbeln verzichten.

Kann man jedes Pferd (nach Vorbereitung) unbedenklich hobbeln?

Die Antwort ist ein ganz klares NEIN! Pferde mit hoher Grundnervosität und/oder solche, die nach einem Erschrecken sofort ein paar Schritte oder Sprünge fliehen, bevor sie sich der vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahr zuwenden, sind dafür nicht geeignet.

Ein paar Punkte zur aktuellen Diskussion

Meinungen, welche ich im Netz gelesen habe, wonach Pferde durch das (professionelle) hobbeln „gebrochen“ werden oder Ähnliches sind großer Unkenntnis und starker Emotionalisierung dieses Themas geschuldet.

Natürlich, wenn ein Trainer einem Pferd die (Vorder)beine zusammenbindet um es im Rahmen eines (sinnfreien) „Dominanz“-Konzeptes zu unterwerfen, dann ist dies reine Tierquälerei und zeugt nur von einem: Dieser Mensch hat keine Ahnung von Pferden und einer korrekten Pferdeausbildung.


Meiner Meinung nach gibt es in Rahmen der Pferdeausbildung keinen Grund das Hobbeln zu praktizieren (Ausnahme und diese mit Einschränkungen: aktive Wanderreiter), da es schlicht kaum Notwendigkeiten dafür gibt.


Keinesfalls aber sollte Hobbeln bei großen Events vorgestellt und angewendet werden, zu groß ist das Risiko, dass sich Hinz und Kunz nach solchen Darbietungen daran versuchen und so ihre Pferde in Gefahr bringen.

Der großen emotionalen Entrüstungswelle aber, die aktuell durchs Netz geht und medial ausgeschlachtet wird, kann ich überhaupt nichts abgewinnen. Den Allermeisten von denen, die sich echauffieren, fehlt scheinbar schlicht das Wissen und ihre „Argumentationen“ sind rein menschlich emotional getragen.

Zum Abschluss noch zwei Begebenheiten, welche zeigen, dass professionelles Hobbeln in der Ausbildung aber auch Leben retten oder vor schwereren Verletzungen bewahren kann.

Unser Wallach wurde während seines Trainings vor knapp 24 Jahren von einem sehr versierten Jungpferde-Trainer im Rahmen seiner Ausbildung gehobbelt. Ich denke, dies hat ihn in der Folgezeit vor schweren Verletzungen bewahrt, auch wenn ich damals – sagen wir mal so – dem Ganzen mehr als skeptisch gegenüberstand.

In seinen jungen Jahren neigte unser Wallach dazu, Zäune auf ihre Belastbarkeit hin zu testen oder besser gesagt, er lebte nach der Philosophie: „don‘t fence me in“ (zäune mich nicht ein).

Bei einer solchen Aktion hatte er sich in einem Zaun verfangen und beim Versuch vorsichtig wieder herauszukommen, total und eng eingewickelt. Die meisten Pferde würden nun versuchen sich durch heftige Bewegungen aus einer solchen Situation zu befreien, was nicht ohne erhebliche Verletzungen abgehen würde.

Er dagegen stand völlig ruhig – wohl über 3 Stunden lang, bis zu seiner Befreiung, welche er mit Wiehern und Gebrummel entgegensah.

Ein anderes Mal hatten er und meine Leitstute sich an den Beinen zusammengefesselt, als sie bauliche Veränderungen an einem Zaun vornehmen wollten. Sie standen jeweils Kopf an Hintern eng zusammen. Wieder waren es ein paar Stunden, wie uns Koppelanreiner erzählten, für welche die Pferde auf die Entfernung betrachtet, einfach nur dastanden und zu tösen schienen.

Beide Pferde blieben ruhig. Der Wallach, weil er das Hobbeln kannte,  meine Leitstute, weil sie eben eine echte Leitstute ist, welche sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Die meisten anderen Pferde hätten sich wohl in einer solchen Situation die Beine (Sehnen etc.) zerschnitten. Zur Befreiung der Beiden brauchte ich damals knapp 15 Minuten.


Autor: Richard Vizethum | der letzte Stallmeister | Schule der Hippologie


[1] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) | „Tierschutz im Pferdesport – Leitlinien zu Umgang mit und Nutzung von Pferden unter Tierschutzgesichtspunkten“ | BMEL – 2020 | Seite 30

[2] Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. | „2.7 Haltung und Vorführung von Pferdeartigen“ | Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. – 2017 | Seite 6

[3] 1 Dezimeter = 10 cm


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Rücken- und Schenkelgänger

Rücken- und Schenkelgänger

1882 erschien in 1.Auflage im Hahnverlag das Buch „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ Autor war Bernhard H. von Holleuffer (*1827- † 1888)[1].

Er gilt bei vielen als derjenige, der die Begriffe „RÜCKENGÄNGER“ und „SCHENKELGÄNGER“ erstmalig erwähnte. An anderer Stelle werden die Gebrüder Günther (1859) sowie d´Elpons (1877) genannt.

In seinem Buch schrieb von Holleuffer:

Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger. Die letzteren verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule, die Bewegungen sind hart oder gespannt, nicht raumgreifend, entweder übereilt oder träge, sie richten ihre Beine und die Reiter zugrunde, sie stehen entweder hinter dem Zügel oder liegen tot auf demselben und sind nicht zuverlässig im Gehorsam“[2].

Die Rückengänger bedienen sich dagegen bei allen Bewegungen der Schwingungen nach vorn und nach unten: je kräftiger und spielender diese sind, je aktiver und raumgreifender, je weicher und elastischer, frischer und entschlossener sind die Bewegungen, die Pferd und Reiter gesund erhalten und das Erstere dem Letzteren in vollkommenem Gehorsam in die Hand spielen.“[3]

Allerdings irrte sich von Holleuffer in seinem Glauben, dass diese Schwingungen in einem sich bei jeder Bewegungsfolge wiederholenden Auf- und Abwölben der Wirbelsäule bestehen.

Dies aufzuklären blieb Gustav Steinbrecht in seinem 1885 erschienenen und von Paul Plinzner aus Steinbrechts Notizen verfassten Werkes „Das Gymnasium des Pferdes“,  sowie dem Schweizer Pferdearzt Hermann Schwyter mit seiner 1907 erschienenen Arbeit „Über das Gleichgewicht des Pferdes“ vorbehalten. Sie führten Holleuffers Theorie „auf ihr richtiges Maß – den HERGEGEBENEN RÜCKEN – zurück“. Aber auch diese Herren brachten nur altes Wissen zu neuen Geltung. Der HERGEGEBENE RÜCKEN und das genaue Verständnis darüber was man darunter zu verstehen hatte, existierten, als feststehende Begrifflichkeit, schon lange vor ihnen, war aber durch Ignoranz der Vergessenheit anheimgestellt worden.

Dieser HERGEGEBENE RÜCKEN war schon bei  E.F. Seidler elementar. Dieser widmete in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferdes“ (1837) dem „hergegebenen Rücken“ viel Raum[4]. Auch wies er, ohne den Begriff „Schenkelgänger zu gebrauchen, auf die Gefahr eines „KRAMPFHAFT ANGESPANNTEM  RÜCKEN“[5] hin:

Den Stichtrab muß man bei jungen Pferden in erster Zeit unterdrücken, weil sie diesen nur mit krampfhaft angespanntem Rücken hervorbringen.“ [6]

Was nun aber ist dieser „hergegebene Rücken“ eigentlich?

Ganz schlicht und einfach gesagt: ER IST NICHT KRAMPFHAFT ANGESPANNT – nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Was er aber NICHT ist, er ist KEIN AUF- UND ABSCHWINGENDER Rücken, welchem die Rückenfanatiker – die Biomechanik des Pferdes völlig ignorierend – huldigen.

Diese fragwürdige Aussage des Herrn von Holleuffer hat sich leider tief in die Köpfe einiger neuzeitlicher anglomaner Reitergenerationen gefräst und führt zu völlig unsinnigen Trainingsmethoden – wie beispielsweise VORWÄRTS-ABWÄRTS, aber auch ROLLKUR!

Und es führt dazu, dass wirklich gut ausgebildete und gut gehende Pferde mit Kritik überhäuft und diffamiert werden und damit besteht die große Gefahr, dass die GUTEN BILDER mehr und mehr aus unseren Köpfen verschwinden werden.

REITEN UND REITKUNST ADE!


[1] Bernhard Hugo von Holleufer war ein Königlich Preußischer Stallmeister am Militärreitinstitut Hannover

[2] Bernhard Hugo von Holleufer (oder auch Bernhard Hugo von Holleuffer) | „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ | 1882 | Hahn ’sehe Buchhandlung – Hannover | Seite 37

[3] Bernhard Hugo von Holleufer (oder auch Bernhard Hugo von Holleuffer) | „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ | 1882 | Hahn ’sehe Buchhandlung – Hannover | Seite 37

[4] Ernst Friedrich Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferde“ | Ernst Siegfried Mittler Verlag | 1837 | Seiten: 6, 10, 32, 39, 40, und viele Seiten mehr

[5] Ernst Friedrich Seidler | „Die Dressur diffiziler Pferde“ | 2. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1846 | Olms-Verlag 1990 | Seite 137f

[6] Ernst Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagnen- und Gebrauchspferdes“ | Eigenverlag – Gedruckt in der Dietericischen Buchdruckerei (E.G. Mittler) – Berlin | 1837 | Seite 41


Autor: Richard Vizethum | Schule der Hippologie